Internationaler Frauentag. Ein Zwischenruf von der einzigen Frau im NachDenkSeiten-Team 😊
Internationaler Frauentag. Ein Zwischenruf von der einzigen Frau im NachDenkSeiten-Team 😊

Internationaler Frauentag. Ein Zwischenruf von der einzigen Frau im NachDenkSeiten-Team 😊

Anette Sorg
Ein Artikel von Anette Sorg | Verantwortlicher: Redaktion

Anette Sorg: Fünf Tatsachen stören mich gewaltig am Internationalen Frauentag.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

  1. Dass die Blumenhändler erst kürzlich entdeckt haben, dass man Frauen am 8.März mehr als eine Rose auf dem Marktplatz schenken kann, dass auch richtige Blumensträuße an diesem Tag auf neue Besitzerinnen warten. So viele Jahre musste ich also zwischen Valentinstag und Muttertag ohne Blumensträuße durchs Leben wandeln. Mit viel zu großer Verspätung wird mir jetzt erst die Zeit zwischen diesen beiden Hoch-Tagen des Blumenhandels versüßt. So viele trostlose, blumenlose Frühlinge liegen wegen solch verschlafener Händler hinter mir. Unentschuldbar!
  2. Dass ich mir – wie der Wetterreporter Phil im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – jedes Jahr die gleichen, langweilig-monotonen Reden zum Frauentag anhören muss: „Viel erreicht, blabla, noch viel zu tun, blabla…“. Wie bei der wiederholten Neujahrsansprache unserer Kanzlerin seinerzeit. Und keiner merkt’s, weil nach dem zweiten Satz eh‘ alle schlafen.
  3. Dass pünktlich zum 8.März selbsternannte Hüter der deutschen Sprache sich schützend vor dieselbe werfen und deren „Entmannung“ (und ich muss zugeben auch deren Verhunzung durch „Sternchen*“,“Schrägstrich/“ und „Binnen-I“) „mutig“ mit einem Aufruf (diesem z.B stop-gendersprache-jetzt.de) zu verhindern versuchen.
  4. Dass viele Gegnerinnen einer tatsächlichen Gleichberechtigung in den eigenen Reihen sitzen. Solche, die den Beifall der Männerwelt erheischen und zielsicher jene Frauen denunzieren, die es nun überhaupt nicht verdient hätten, dem Manne gleichberechtigt zu sein.
  5. Dass er immer noch notwendig ist, dieser Frauentag. Schließlich haben wir schwarz auf weiß im Grundgesetz stehen, dass der Staat für eine tatsächliche Gleichberechtigung aktiv werden muss. Warum müssen wir ihn also alljährlich daran erinnern?

So weit, so lustig. Oder auch nicht. Je nach Blickwinkel. Die ernsthafte(re) Auseinandersetzung beginnt hier:

PR-Desaster

In diesem Jahr genießt der Internationale Frauentag besonders hohe Aufmerksamkeit. Das ist einerseits der Adelung dieses Tages zum Feiertag in Berlin zu verdanken, andererseits der Tatsache, dass sich in diesem Jahr das von Frauen für Frauen erkämpfte Wahlrecht zum einhundertsten Male jährt.

Dass Public-Relations-Spezialisten diesen „Hype“ für ihre Auftraggeber nutzen möchten, ist daher nachvollziehbar. Bei der international agierenden Immobilienfirma Engel & Völkers dürften die Schöpfer eines Tweets jedoch zwischenzeitlich um ihren Arbeitsplatz bangen. Das ist der Grund.

„Fünf Führungskräfte von Engel & Völkers, die fürs Bild gut ausgeleuchtet auf einem Dach in der Hamburger Hafencity auf ein Stück Holz gestiegen sind, sprechen in dem Artikel über Frauen, die sie „besonders beeindruckend“ finden. Wer dabei nicht zu Wort kommt: eine Frau. Und so loben die fünf Herren, also alle Vorstandsmitglieder, die Engel & Völkers zu bieten hat, neben einigen weiblichen Persönlichkeiten aus der Wirtschaft auch Mütter und Großmütter für ihre Verdienste um die Familie, genauso eine Nachbarin, die mit 97 Jahren den Haushalt ohne fremde Hilfe schaffe und Gartenarbeit ihr Hobby nenne.

„Großen Respekt“ wird auch den Maklerinnen der Firma gezollt, die „auch dank ihrer emotionalen Intelligenz“ so erfolgreich seien.

Man weiß wirklich nicht, ob man angesichts solcher zur Schau getragener Ignoranz lachen oder weinen soll. Solche Absurditäten sind möglich, wenn man Frauen nicht explizit erwähnt, nicht darstellt, nicht sichtbar macht. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Schrattenholzer hat sich mit diesem Phänomen in der Sprache auf den Nachdenkseiten bereits auseinandergesetzt.

Geschlechterrollen, sexualisierte Gewalt

Solche Absurditäten passieren auch, wenn man zementierte Geschlechterrollen vorlebt und gedankenlos an die nächste Generation weitergibt. In einem älteren Stern-Artikel wird diese Verfestigung so beschrieben.

„Äußert man sich zu irgendeinem Thema rund um Geschlechterrollen – sei es die Frauenquote, Überraschungseier nur für Mädchen oder sexistische Werbung – wird gerne genervt mit den Augen gerollt. Stellt euch doch nicht so an, wir sind doch längst durch mit dem ganzen Gleichberechtigungszeug. Frauen dürfen wählen, arbeiten, sich ihre Kleidung und den Ehemann selbst aussuchen, wo ist denn bitte das Problem? Nun, das Problem liegt in diesen fiesen, fest zementierten Geschlechterbildern, 
 Die man gar nicht mehr bemerkt und die trotzdem so viel Einfluss haben.”

So lange wir Aktionen wie #Aufschrei und #metoo benötigen, um die Wahrnehmung für vollkommen inakzeptables Verhalten von Männern gegenüber Frauen schärfen zu können, solange pro Jahr in Deutschland etwa 16.000 Frauen mit fast ebenso vielen Kindern Zuflucht in einem Frauenhaus suchen müssen – Frauenhäuser, die bei weitem nicht ausreichen und deren Finanzierung selten gesichert sind -, wird der Internationale Frauentag weiter benötigt werden. Vom Internationalen „Tag gegen Gewalt an Frauen“ im November wird nämlich fast noch weniger Notiz genommen als vom Internationalen Frauentag. Sexualisierte und andere Gewalt an Frauen sind Auswirkungen eines nicht akzeptablen Machtgefälles. Dass diese Gewalt in der katholischen Kirche besonders häufig vorkommt, muss uns zwar entsetzen, aber leider nicht verwundern. Nirgendwo wird das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern eindrucksvoller dargestellt als in den zutiefst patriarchalen Strukturen dieser Glaubensgemeinschaft.

Tag der gleichen Bezahlung und Entgeltlücke

Um die ungleiche Bezahlung kümmert sich seit ein paar Jahren der „Equal Pay Day“ und entlastet damit den Frauentag ein wenig. Dass aber ungleiche Bezahlung die logische Folge der ungleichen Verteilung der Ressourcen „Macht, Geld und Zeit“ ist, sollte am Internationalen Frauentag weiter thematisiert werden. Zeit z.B., die in Kinderbetreuung, Pflege und Ehrenamt investiert wird, kann nicht gleichzeitig in die Karriere investiert werden. Für den daraus folgenden „gender pay gap“, also die Entgeltlücke, machen Männer, deren Frauen ihnen den Rücken für die eigene Karriere freihalten, gerne die Frauen selbst verantwortlich. Vielleicht haben sie sich zu lange Auszeiten genommen oder zu schlecht verhandelt oder überhaupt den falschen Beruf gewählt, so die Begründung der Besserverdienenden.

Der Bachelor und seine Objekte

So lange Frauen sich nicht entblöden, an primitiven Kuppelshows Ă  la „Der Bachelor“ teilzunehmen und sich dort zur vom Manne auserwählten Ware degradieren zu lassen, ist ein Tag, an welchem auf erkämpfte – keinesfalls geschenkte – Rechte von Frauen aufmerksam gemacht wird, offensichtlich dringend notwendig. Wer sich als Objekt zur Verfügung stellt, muss sich nicht wundern, wenn sie als Objekt behandelt wird. Vermutlich drehen sich die vier Mütter des Grundgesetzes angesichts solcher Rückschritte im Grabe rum.

Krieg und Frieden

Wir brauchen den Frauentag auch weiter, weil Frauen auf der ganzen Welt in vielfältiger Weise von Kriegen betroffen sind. In jedem Krieg wird Vergewaltigung als Waffe eingesetzt. Mit teilweise verheerenden Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit der betroffenen Frauen und deren Familien. Nicht umsonst hat die UN-Generalversammlung 1977 den 8. März zum “Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden” ausgerufen. Stimmen, wie die von Bertha von Suttner, die sich nicht nur für Frauenrechte, sondern auch für den Frieden einsetzte, wären gerade jetzt wieder nötig.

Wer ein bisschen in die Geschichte des Internationalen Frauentags eintauchen möchte, dem/der seien folgende links empfohlen:

Titelbild: Rawpixel.com / Shutterstock

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