Wenn die Süddeutsche Zeitung manipuliert, dann im Dienst des Staatswohles
Wenn die Süddeutsche Zeitung manipuliert, dann im Dienst des Staatswohles

Wenn die Süddeutsche Zeitung manipuliert, dann im Dienst des Staatswohles

Wolf Wetzel
Ein Artikel von Wolf Wetzel | Verantwortlicher: Redaktion

In einem niederträchtigen „Streiflicht“-Kommentar der Süddeutschen Zeitung vom 14./15. September 2019 wird den „NachDenkSeiten“ vorgeworfen, zu viele Fragen zu stellen. Das hält die Süddeutsche Zeitung für verdächtig. Fragen zu stellen, ist die Grundlage journalistischer Arbeit, ganz im Gegensatz zu einem Journalismus, der alles glaubt. Oft geht nicht mehr, da Fakten und Indizien, die einer offiziellen Version widersprechen könnten, „unter Verschluss“ gehalten werden, wie im Mordfall Halit Yozgat in Kassel 2006 zum Beispiel. Dort muss man bis zum Jahr 2134 warten, bis man auf die gestellten Fragen möglicherweise andere Antworten geben kann. In folgenden Fall geht es um eine großangelegte Manipulation, an der sich die Süddeutsche Zeitung beteiligt hat. Das ist keine Frage; sondern ein Fakt. Von Wolf Wetzel

„Könnte es sein, dass die NachDenkSeiten selber das Ergebnis einer kontrollierten Sprengung von Gedankengebäuden sind, bei der kein Stein auf dem anderen blieb?“

In diesem unschuldig-verspielten Ton versuchte die Süddeutsche Zeitung in ihrem „Streiflicht“ vom 14./15. September 2019 die NachDenkSeiten um den Verstand zu bringen.

Könnte es sein, dass die Süddeutsche Zeitung weiß, wie man Wirklichkeiten gaga-isiert und Simulationen von Wirklichkeiten zum Kerngeschäft macht?

Könnte nicht nur sein – ist so.

Ein inszeniertes Ereignis, an dem die Süddeutsche Zeitung mitgewirkt hat … und mit Derealisierung erwidert: „Also alles gefälscht und inszeniert? Nein.

Am 7. Januar 2015 ereignete sich in Paris ein Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, bei dem elf Menschen ermordet wurden, in der Mehrheit Mitglieder einer Redaktionssitzung. Danach, so die Polizeiversion, flüchteten die beiden Angreifer. Zwei Tage später stürmte ein weiterer Attentäter einen koscheren Supermarkt im Osten von Paris, tötete einige Kunden und nahm die anderen als Geisel. In einem Telefonanruf stellte er die Tat in Verbindung mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo und forderte: „Frankreich soll alle seine Truppen aus sämtlichen muslimischen Ländern abziehen“. Die Polizei umstellte wenig später den Supermarkt und stürmte ihn. Insgesamt wurden dort fünf Personen getötet – unter ihnen auch der mutmaßliche Attentäter. Am selben Tag erschoss eine Sondereinheit der Gendarmerie die beiden anderen Attentäter, die sich in einer Druckerei in dem Ort Dammartin-en-Goële verschanzt hatten.

Nachdem diese tot waren und sich eine angeblich dritte Beteiligte nicht mehr in Frankreich aufhielt, konzentrierten sich alle Medien auf den politischen und ideologischen Hintergrund der Tat. Zusammengefasst lautete das Fazit so: Der Islamische Staat/IS führt seinen Krieg im Namen des Koran und des Propheten Mohammed im Nahen Osten (Syrien, Irak) und trägt ihn nun auch nach Europa. Dies sei die Antwort auf die „Anti-IS-Allianz“ des Westens, die seit Monaten einen Krieg auf syrischem und irakischem Boden führt, um zu „neutralisieren“, was sie als IS ausmacht.

Neben dieser außenpolitischen Einordnung musste es auch zu einer innenpolitischen Deutung kommen. Und die war so fantastisch und sagenhaft wie die Begründungen für einen Gottesstaat: Dieser mörderische Angriff auf eine Satirezeitschrift sei ein gemeiner Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit, die es jetzt gemeinsam zu verteidigen gelte. Ein blutiger Anschlag auf den „freien Westen“, wo Satire alles dürfe, wo alle so frei sind, dass man jede Religion verspotten, jede Gottheit lächerlich machen könne.

Als Befürworter dieser ungewöhnlichen Freiheit waren plötzlich auch Außenseiter gefragt, die Zeit ihres Lebens mehr als Staatsfeinde verfolgt, denn als Demokratiestifter geschätzt wurden. Besonders gerne zitiert man ausnahmsweise Kurt Tucholsky:

„Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht“ oder „Was darf die Satire? Alles“.

Das sei jetzt – so hört man von ganz oben – unsere Freiheit, die wir alle so schätzen, ob als Regierung oder als Volk. Deshalb stünden wir jetzt zusammen, um dieses gemeinsame Gut zu schützen – gegen die Feinde der Freiheit, die selbstverständlich und klar indiziert von außen kommen: mit Bart, mit dem Koran in der Hand und mit Hass im kalten Herzen.

Damit wurde innenpolitisch ein nationaler Konsens imaginiert, der auch in Frankreich seit Jahren zerbrochen, zerschlissen und aufgebraucht war und ist – und gerade deshalb umso heftiger beschworen werden muss. Genau diese Chance sah auch die Süddeutsche Zeitung: Jetzt sollte die „Gunst der schrecklichen Stunde“ genutzt werden, um diesen nationalen Konsens zu revitalisieren.

Die Gunst der schrecklichen Stunde und ihre Bühnenbildner

Für den 11. Januar 2015 war ein Trauermarsch in Paris angekündigt. Man rechnete mit über einer Million Menschen alleine in Paris. So unterschiedlich die Motive zur Teilnahme auch waren, es sollte eine Demonstration der westlichen Wertegemeinschaft werden, die zusammenkommt, um gemeinsam die Freiheit zu verteidigen. Dazu wurden viele Regierungschefs eingeladen.

Tatsächlich waren die Kamerabilder und -perspektiven beeindruckend, überwältigend und ganz speziell. Ganz vorne, an der Spitze, sieht man die ersten Reihen, die aus Regierungschefs gebildet wurden. In der Mitte der französische – für diesen Tag gleichsam unser aller – Präsident François Hollande. Um ihn herum, an seiner Seite der „freie“ Westen und seine Freunde: Großbritanniens Premier David Cameron, der spanische Regierungschef Mariano Rajoy, der ukrainische Oligarch und Regierungschef Petro Poroschenko, der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der palästinensische Präsident Mahmud Abbas, der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu, Jordaniens König Abdullah II., die Staatschefs aus Ägypten und Algerien u.v.a.m.

Dann gibt Hollande ein Zeichen, das Zeichen zum Losgehen. Die erste Reihe, mit eingehakten Regierungschefs wogt wie eine Welle einen Schritt nach vorne. Die Demonstration beginnt, setzt sich in Bewegung. Mit diesen Bildern im Gedächtnis schwenken die Kameras nach oben, verändern die Perspektive. Nun sieht man die Zehntausende, die folgen, die Hunderttausende, die an diesem Trauermarsch teilnehmen.

So wurde es tagelang, auf privaten wie öffentlichen Sendern, gezeigt. Ein eindrucksvolles Zeichen, dass oben und unten, vorne und hinten, links und rechts, schwerreich und bitterarm, Banlieues und Gated Communities keine Rolle spielen, wenn es um die Freiheit geht. Eine einzige und geeinte Gemeinschaft.

Wenn „freie“ Medien etwas sehen, was gar nicht stattfand

Die Ikonisierung einer Lüge

Die Zeitungen, die sich immer und fortan der Meinungs- und Pressefreiheit verpflichtet fühlen, schrieben auf, was sie mit eigenen Augen hautnah miterlebt haben:

„Seite an Seite im Gedenken an die Opfer der Anschläge von Paris. Mehr als 40 Staats- und Regierungschefs haben heute an dem Trauermarsch teilgenommen.“ (ARD/Tagesschau/Jan Hofer am 11.1.2015)

„15: 31|An der Spitze des Schweigemarsches stehen die in schwarz gekleideten Regierungschefs Schulter an Schulter. Jetzt setzen sie sich in Bewegung.“ (Jana Stegemann, SZ vom 11.1.2015)

„Etwa 50 Staats- und Regierungschefs kamen zu dem Trauermarsch nach Paris, darunter Kanzlerin Angela Merkel und der britische Premierminister David Cameron.“ (ZEIT vom 12.1.2015)

„Staatschefs aus aller Welt vereinen sich zu riesiger Demonstration in Paris.“ (World leaders unite for massive Paris march, The Washington Post vom 11.1.2015).

Manche Fernsehberichte waren mit dem Ton des Demonstrationszuges unterlegt. Alles also ganz authentisch und unter die Haut gehend.

Diese Szenen wurden tagelang wiederholt, zu jedem Anlass eingeblendet. Jede Talkshow, die sich den politischen Konsequenzen aus diesem mörderischen Anschlag widmete, unterlegte ihr Anliegen mit diesen Bildsequenzen. Sie sollten und sollen sich einbrennen, ganz tief, ganz unerreichbar für das, was wirklich passiert(e).

Noch in derselben Nacht tauchten die ersten Bilder im Internet auf, die nicht ins Bild, schon gar nicht in diese Choreografie passten. Eines wurde von einem Fenster mit Blick auf die Straße aufgenommen. Man sieht einen Politikertross aus ca. 40 Personen. Dahinter ist die Straße leer, die Bürgersteige auch. Schnell machte dieses Bild die Runde. Dann kam ein weiteres Bild dazu, das wahrscheinlich von einem Dach aus aufgenommen wurde. Von dort oben blickt man in die Straßenschlucht. Auf diesem sieht man, wie ein Tross aus Fotografen und Kamerateams vor dem Politikertross Stellung nimmt und Fotos macht. Das Bild wird mit der Anmerkung kommentiert, dass es in einer Seitenstraße aufgenommen wurde, die für diesen Anlass abgesperrt worden war. Auch der Zeitpunkt dieser Aufnahme wird genannt. Es ist eine halbe Stunde vor Beginn des Trauermarsches: „Nach kurzer Zeit seien dann alle Spitzenpolitiker wieder in ihre Autos gestiegen und davongefahren, berichtet Le Monde.“ (Der SPIEGEL vom 12.1.2015)

Mit diesen Bildern wird sehr schnell klar: Die Berichterstattung über den Trauermarsch in Paris ist manipuliert worden. An der Manipulation dieses Ereignisses waren alle Journalisten und Fernsehsender beteiligt, die diesen Akt in der Seitenstraße fotografierten, um ihn dann mit dem später beginnenden Trauermarsch zusammenzuschneiden. Sie wurden nicht betrogen. Sie waren aktiver Teil des Betrugs. Im US-Krieg gegen den Irak bekam ein solcher Journalismus den Namen: embedded journalism.

Tatsächlich folgten den Politikern nicht eineinhalb Millionen Menschen, sondern ausschließlich Bodyguards und Sicherheitspersonal.

Nachdem diese Inszenierung nicht mehr zu verheimlichen war, sahen sich einige Medien dazu gezwungen, Stellung zu beziehen. Schließlich war dies ein Tag, an dem die Presse- und Meinungsfreiheit wortreich verteidigt werden sollte. Ganz praktisch war man gemeinsam mit einer Manipulation beschäftigt.

Am 14. Januar 2015 nahm die Süddeutsche Zeitung Stellung. Plötzlich hatte sie auch ein anderes Foto – aus einer anderen Perspektive – parat: Dieses zeigt die Politikerriege so, dass man auch über ihre Köpfe hinwegsehen konnte. Und was sieht man dort? Eine einsame Ansammlung von Politikern, gefolgt von einer großen (Sicherheits-)Lücke, die am Ende von Personen abgeschirmt wird, die mit Armbinden gekennzeichnet, Polizeiaufgaben wahrgenommen hatten. Links und rechts von der Straße stehen Absperrgitter, wieder von Securitypersonal garniert. Dieses Bild untertitelte die SZ wie folgt: „Allzu nahe kamen die Spitzenpolitiker aus aller Welt den normalen Demonstranten nicht. Das hatte wohl vor allem Sicherheitsgründe.

Unter der Überschrift „Wo ist das Volk?“ versuchte die SZ die nicht mehr zu unterdrückende Manipulation zum Vernünftigen zu erklären:

„Stimmen die Bilder? Standen die Politiker wirklich an der Spitze des Protestzuges in Paris? Über das Bild von den untergehakten Politikern ist jedenfalls eine heftige Zankerei im Internet entbrannt, so wie über vieles im Netz gern gezankt wird.“ (SZ vom 14.1.2015)

Zickereien eben, Nörgler, denen nie etwas recht zu machen ist. Diese dümmlichen Denunziationen waren notwendig, um den LeserInnen im Folgenden zu erklären, dass Fälschungen und Täuschungen keine sind, wenn sie im Namen der Sicherheit gemacht werden:

„Also alles gefälscht und inszeniert? Nein. Schon die Vorstellung, dass ein einziger Staatschef wenige Tage nach dem schlimmsten Terroranschlag der vergangenen Jahre in Europa durch Paris schlendert, würde jedem Personenwächter schlaflose Nächte bereiten. Die Gefahr ist hoch. (…) So stehen die Politiker vor einem unauflösbaren Dilemma: Sie stehen an der Spitze – aber eben nicht an der Spitze einer Massendemonstration. Wer das als Inszenierung abtut, der hat das Problem nicht verstanden.“ (ebd.)

Man kann bei den journalistischen Verrenkungen fast zusehen, wie sich die Finger dabei versteifen: Die uns beschützenden Politiker stehen an der Spitze, so oder so. Da kommt es auf ein (falsches) Bild nicht an. Nocheinmal zum Mitschreiben: Um die Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen, die angegriffen wurde, muss man diese eben auch mal mit Füssen treten. Wer da nicht mitmacht und rumzickt, der „hat das Problem nicht verstanden“.

So unterschiedlich kann Meinungsfreiheit verstanden und gelebt werden! Gehen wir einmal davon aus, dass die Parole „On n’a pas peur!“ (Wir haben keine Angst!) für alle x-beliebigen DemonstrantInnen gemeint war und nicht für Politiker von Rang. Gehen wir weiter davon aus, dass dies vernünftig und richtig ist. Warum zeigte man dies nicht genau so?

Sicherlich werden einige verständnisvoll einwenden, dass dieser Demo-Fake nicht so wichtig ist. Schließlich geht es doch nur um einen symbolischen Akt. Man kann dieses Ereignis auch anders beurteilen. Man sollte es tun – wenn man die Meinungs- und Pressefreiheit wirklich verteidigen will. Wenn man bei jeder anderen Gelegenheit darauf insistiert, einer Presse zu misstrauen, die sich zum Sprachrohr des Staates, der Regierungspartei macht.

Wenn so viele Journalisten und Fernsehschaffende, so viele Zeitungs- und Fernsehredaktionen bei einem symbolischen Akt an Manipulationen mitwirken, an der Herstellung und Verbreitung einer Lüge beteiligt sind, dann stellt sich die Frage: Was tun sie, wenn es um wirklich ernste Angelegenheiten geht? Um die Aufklärung der NSU-Morde, um Aufklärung des NSA-Skandals oder um ihre eigene Rolle als KriegsberichterstatterInnen, in der Ukraine, in Syrien, in Libyen, in Afghanistan, im Irak?

Die Antwort haben viele Medien bereits gegeben.

Lügenpresse

Die Jury, die das Unwort des Jahres kürt, hatte für das Jahr 2014 ein Näschen, fast könnte man sagen, eine böse Vorahnung, um sich und ihr Publikum zu immunisieren. Sie entschied sich für das Un-Wort „Lügenpresse“. Zur Begründung flüchtete die Jury in die Vergangenheit. Dieses Schlagwort sei „bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff“ gewesen „und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fühlte sich angesprochen, entlastet und erklärte sich sofort solidarisch. Das Wort werde von Menschen gebraucht, die weder mit objektiver Berichterstattung noch mit Pressefreiheit etwas anfangen könnten. Der Pressechor stand wieder Gewehr bei Fuß. Fast einstimmig.

Einen Misston leistete sich immerhin die Chefredakteurin der taz, Ines Pohl:

„Leider belegt der Umgang mit den Bildern des Pariser Marsches der Mächtigen, dass das Wort ‚Lügenpresse‘ nicht nur ein Hirngespinst der Pegida-Anhänger ist, sondern dass die Wirkung der Bilder – übrigens auch für deutsche Medienmacher – manchmal wichtiger ist als die Dokumentation der Realität.“

Titelbild: Phoenix

Quellen:

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