Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird
Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird

Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird

Ein Artikel von Marcus Klöckner | Verantwortlicher: Redaktion

Sagen Medien, was ist? Eindeutig: nein. Der Bruch mit der Wirklichkeit ist im Journalismus längst eine bestimmende Konstante. Immer wieder ist zu beobachten, wie Medien Wirklichkeit ignorieren, verdrehen, frisieren oder gar gleich erfinden. In seinem neuen Buch „Sabotierte Wirklichkeit“ zeigt Marcus B. Klöckner anhand vieler Beispiele auf, wie es aussieht, wenn Medien Scheinwirklichkeiten erzeugen, und verdeutlicht, wie in einem System „freier Medien“ eine spezielle Form von Zensur entsteht. Mit weitreichenden Konsequenzen für unsere Demokratie und uns alle. Ein Auszug.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die »Langzeitstudie Medienvertrauen« der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität. »Von 36 auf 43 Prozent gestiegen«[105], so heißt es in der Studie, »ist auch die Wahrnehmung, dass die Medien die gesellschaftlichen Zustände ganz anders darstellen, als es die Bürger in ihrem eigenen Umfeld wahrnehmen.«[106] Ferner stimmten 25 Prozent der Bürger der Aussage zu: »Die Medien arbeiten mit der Politik Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren.«[107]

Es wäre interessant zu erfahren, wie die Befragten, die die hier angeführten Angaben gemacht haben, über Zensur in Deutschland denken. Wenn Medien »gesellschaftliche Zustände« ganz anders darstellen, als es die Bürger in ihrem eigenen Umfeld wahrnehmen, dann können wir ein ziemlich lautes Alarmsignal hören, das uns auf zensierte Diskurse, auf Zensur aufmerksam macht. Bourdieu jedenfalls spricht davon, dass sowohl der Diskurs als auch das gesamte Feld als »Instrument der Zensur«[108] dienen.

Der Soziologe betont, wie wichtig es ist, »die sozialen Bedingungen der Konstituierung des Feldes, in dem dieser Diskurs produziert«[109] wird, zu analysieren, »denn dort liegt das eigentliche Prinzip dessen, was hier gesagt oder nicht gesagt werden«[110] kann. Für uns bedeutet das: Je mehr wir in seiner Gesamtheit erfassen, wie das journalistische Feld zusammengesetzt ist, umso deutlicher wird die Zensur, die aus ihm hervorgeht, und schließlich, endlich, auch greifbarer. Wir verstehen, dass das, was einen gesellschaftspolitischen kritischen Journalismus ausmacht, also zum richtigen Zeitpunkt bei den richtigen Akteuren kritisch nachzuhaken, unbequeme Fragen zu stellen, sich nicht mit einfachen und gefälligen Antworten zufrieden geben, bei diesem Feld sehr oft (natürlich nicht immer!) nur noch in einer völlig verkümmerten Form stattfinden kann (hier wären dringend umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen erforderlich, die im Sinne Bourdieus das journalistische Feld erfassen, analysieren und im Hinblick auf die Zensur genauer beleuchten).

Die internen Zensurmechanismen

Am Ende steht dann ein Journalismus, wie er beim Kanzlerduell zu sehen ist. Am Ende steht dann ein journalistisches Feld, das hochrangige Vertreter hervorbringt, die ihre Stimme erheben, wenn, wie 2013, ein Stefan Raab mit zu den Moderatoren des Kanzlerduells gehören soll. Peter Frey, ZDF-Chefredakteur, meinte damals rasch, das Kanzlerduell böte nicht den Raum für »Mätzchen«[111] des Entertainers, außerdem besitze Raab nicht die notwendige »Kompetenz«[112]. Hier können wir erkennen, wie bereits bei einer ziemlich harmlosen Besetzung des Kanzlerduells die feldinternen Zensurmechanismen in Bewegung gesetzt werden. Raab wurde sofort von einigen als »Illegitimer« abqualifiziert, weil, so darf man es sehen, die Befürchtung zu groß war, dass sich hier einer nicht an die expliziten und impliziten Spielregeln halten und die Kanzlerkandidaten so sehr aus der Reserve locken könnte, dass für einen oder beide ein nicht mehr gut zu machender Schaden entstünde. Schließlich wurde es ihm trotz einiger Empörung gestattet, Fragen zu stellen. Wie vorauszusehen, war Raab kein »Illegitimer«, sondern hat sich als jemand bewiesen, der weitestgehend die Spielregeln des Feldes respektierte. Für sein minimales Abweichen vom Verhalten der anderen Moderatoren erhielt Raab die symbolische Anerkennung von tonangebenden Akteuren aus dem journalistischen Feld und er wurde für den Grimme-Preis nominiert.

Wer an dieser Stelle meint, gerade die Tatsache, dass Raab an dem Kanzlerduell teilnehmen konnte, doch gegen Zensurtendenzen spreche, möge ein klein wenig weiterdenken und überlegen, was wäre, wenn bei der nächsten Bundestagswahl 2021 nicht mehr zwei oder vier der ›staatstragenden‹ Journalisten die Sendung moderierten, sondern Akteure aus den alternativen Medien die Bühne betreten würden. Schließlich leben wir in einer sich stark veränderten Medienwelt. Alternative Medien werden von vielen Bürgern genutzt. Warum nicht einmal im pluralistischen Sinne die ›Etablierten‹ gegen die ›Alternativen‹ austauschen? Ist im Journalismus nicht gerade von »Diversity«, von Vielfalt die Rede? Nicht auszudenken wäre wohl der Sturm der Entrüstung, wenn etwa der Herausgeber der NachDenkSeiten, Albrecht Müller, und drei weitere Publizisten und Journalisten der ›Alternativen‹ durch die Sendung führen sollten. Die Empörung würde keine Grenzen kennen. Und warum? Weil ›die Alternativen‹ ›nicht kompetent‹ genug wären, so vermutlich der Tenor. Und warum wären sie ›nicht kompetent‹ genug? Weil sie eben eine Sichtweise einnehmen würden, die der im journalistischen Feld vorherrschenden entgegensteht. Sie wären eben, um wieder mit Foucault zu sprechen, nicht »im Wahren«. Deshalb würden die im Feld bestimmenden Kräfte sie als ›illegitim‹ abqualifizieren.

Bourdieu sagte, »die gründlichste und mit am schlechtesten zu parierende Form, über die eine Gruppe verfügt, wenn sie Leute zum Schweigen bringen will, ist die, sie von den Positionen fernzuhalten, auf denen man sprechen kann. Und umgekehrt ist eine der Formen, in denen die Gruppe den Diskurs kontrollieren kann, die Besetzung der Positionen, auf denen man spricht, mit Leuten, die nur das sagen, was das Feld autorisiert und verlangt.«[113]

Liebe Leserinnen und Leser: Behalten Sie diese Aussagen bitte im Kopf und lassen Sie nochmal die letzten Kanzlerduelle Revue passieren. Man muss kein linker Klassenkämpfer sein, um die unsichtbaren Zensurmechanismen, die im journalistischen Feld greifen, zu erkennen.


Marcus B. Klöckner: „Sabotierte Wirklichkeit oder Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird“ , 240 Seiten, Westend Verlag, 14.10.2019


[«105] Langzeitstudie Medienvertrauen: Forschungsergebnis der Welle 2018. Befund 3: Zunehmende Entfremdung der Bürger von den etablierten Nachrichtenmedien. https://medienvertrauen.uni-mainz.de/forschungsergebnisse-der-welle-2018/ [Zugriff: 11. März 2019]

[«106] Ebd.

[«107] Ebd.

[«108] Bourdieu 1993, S.133

[«109] Ebd. S. 134.

[«110] Ebd. S. 134.

[«111] Stern: »TV-Kanzlerduell: ZDF-Chefredakteur ätzt gegen Stefan Raab« 25. April 2013. [Zugriff: 11. März 2019]

[«112] Ebd.

[«113] Ebd. S. 134

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