„Bloß keine Panik!“ – die Medien und ihre frühe Corona-Berichterstattung
„Bloß keine Panik!“ – die Medien und ihre frühe Corona-Berichterstattung

„Bloß keine Panik!“ – die Medien und ihre frühe Corona-Berichterstattung

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die Corona-Berichterstattung der großen Zeitungen und Medienportale wirkte in den letzten Wochen wie ein offizieller Verlautbarungskanal der Bundesregierung. Kritik kommt nur in homöopathischen Dosen vor und selbst Experten werden offenbar vor allem danach ausgewählt, ob sie die Linie der Kanzlerin verkaufen können. Vor diesem Hintergrund ist ein Rückblick auf die Corona-Berichterstattung aus dem Januar und Februar sehr interessant. Auch damals fuhren die großen Medien artig auf Regierungslinie; nur dass die offizielle Linie der Regierung damals noch eine andere war. Ein chronologischer Überblick mit Schlagzeilen und Ereignissen von Jens Berger.

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9. Januar

Der SPIEGEL berichtet erstmals von einer „mysteriösen Lungenkrankheit“, die laut WHO im chinesischen Wuhan ausgebrochen sein soll und an die Krankheiten Sars und Mers erinnert.

Erste asiatische Staaten wie Taiwan, Hongkong, Südkorea, Thailand und die Philippinen richten für Passagiere aus China die ersten Quarantänezonen ein und führen Kontrollen auf Krankheitssymptome an den Flughäfen ein. Solche Kontrollen wurden übrigens in Deutschland bis heute nicht eingeführt.

11. Januar

Der SPIEGEL berichtet vom ersten Todesfall der „mysteriösen Lungenkrankheit“ in Wuhan.

16. Januar

Eine chinesische Mitarbeiterin der Firma Webasto bekommt in Shanghai Besuch von ihren Eltern aus der vom Coronavirus stark betroffenen Region Wuhan.

19. bis 23. Januar

Die Chinesin besucht die Webasto-Zentrale im bayerischen Stockdorf. Sie hat noch keine Krankheitssymptome und nimmt am 21. Januar gemeinsam mit einem 33-jährigen Webasto-Mitarbeiter aus Kaufering an einem Seminar teil. Während ihres Aufenthaltes entwickelt sie die ersten Symptome und fliegt am 23. Januar mit Fieber nach Shanghai zurück.

20. Januar

Mittlerweile führten mehrere Länder Kontrollen an Flughäfen ein. Auch die USA prüft nun die Körpertemperatur von Passagieren, die aus Wuhan einreisen.

21. Januar

Im Bundesgesundheitsministerium schätzt man die Gefahr als „sehr gering“ ein. Es gibt jedoch einen Virologen, der das anders sieht. Christian Drosten warnt im Deutschlandfunk „Wir müssen damit rechnen, dass wir Fälle nach Deutschland bekommen. […] Deutsche Kliniken sollten sich bereits jetzt darauf vorbereiten, solche Patienten behandeln zu können“. Diese Mahnung bleibt folgenlos.

Als Wochen später die Covid-Welle auf die deutschen Krankenhäuser zurollt, fehlt immer noch elementare Schutzausrüstung und Ärzte sowie Pflegepersonal sind nicht angemessen geschult. Drostens Weitsichtigkeit ist jedoch auch nicht fehlerfrei. Auch er unterschätzt die Gefahr des Virus. „Es sieht so aus, als wäre es nicht so tödlich“.

23. Januar

China riegelt Wuhan ab und schickt fünf Millionen Menschen in Quarantäne. Jens Spahn sieht auf RTL „keinen Anlass zu Unruhe oder unnötigem Alarmismus“. In einem Gespräch mit den Tagesthemen mahnt er eine „korrekte Einordnung“ an. Der Verlauf der Erkrankung in China sei schließlich milder als der Verlauf der Grippe in Deutschland. Das Auswärtige Amt schätzt die Risiken für deutsche Reisende nach Wuhan als „moderat“ ein.

24. Januar

Die dpa findet mit Prof. Oliver Witzke, Direktor der Klinik für Infektiologie und des Westdeutschen Zentrums für Infektiologie der Universitätsmedizin Essen, einen Experten, der Spahns „korrekte Einordnung“ unterstreicht. „Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Europa oder Deutschland eine größere Menge an Fällen gibt, halte ich für sehr gering“, so Witzke gegenüber der Nachrichtenagentur.

25. Januar

In Frankreich wurden die ersten drei Fälle von „Corona“ gemeldet. Die EU-Seuchenbehörde ECDC hält weitere Fälle in Europa für wahrscheinlich.

27. Januar

Im Morgenmagazin beschreibt Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Instituts, die Gefahr für die deutsche Bevölkerung als „sehr gering“. Die RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher bekräftigt diese Einschätzung auf Radioeins und vergleicht die neue Krankheit mit der Grippe – die sei „eine ganz andere Nummer“ und „tatsächlich die ganz konkrete Gefahr, vor allen Dingen für bestimmte Risikogruppen.“ Zahlreiche Studien aus China, die die Gefährlichkeit der Krankheit, die später als Covid-19 traurige Berühmtheit erlangen soll, vor allem bei „bestimmten Risikogruppen“ belegen, liegen zu diesem Zeitpunkt bereits vor.

28. Januar

Da die chinesischen Behörden ihre deutschen Kollegen über die erkrankte Webasto-Mitarbeiterin informiert haben, können diese im Landkreis Starnberg den ersten Covid-19-Fall in Deutschland ausmachen. Behörden und Ärzte warnen vor übertriebener Hysterie. Das Virus sei „gar nicht mal so ansteckend“ im Vergleich etwa zum Influenzavirus, so der Hygienebeauftragte des Freisinger Klinikums, Dr. Christian Fiedler, gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Für das Robert Koch-Institut ist die Gefahr „weiterhin gering“. Man könne sich schließlich – so Lothar Wieler – „ähnlich wie etwa bei der Grippe“ durch Abstand halten und in die Armbeuge niesen schützen. Auch Bundesgesundheitsminister Spahn sieht „keinen Grund für übertriebene Sorge“. Der SPIEGEL pflichtet dem Minister bei: „Die Grippe tötet hier Tausende, das Coronavirus bislang niemanden“.

Auch die WELT weiß, „warum die Apokalypse nicht kommen wird“. „Das neue Coronavirus ist bei weitem nicht so gefährlich wie Sars, das vor knapp 17 Jahren 800 Menschen tötete“, so die WELT, schließlich habe „das aktuelle Virus nur (sic!) eine Letalität von vier Prozent“. Aber der Autor hat natürlich auch Verständnis für die Opfer der Panikmache. Schließlich sei „ein rationaler Umgang mit Wahrscheinlichkeiten für Menschen generell schwierig. Offenbar [habe] die Evolution diese Fähigkeit für den Homo sapiens nicht vorgesehen“.

29. Januar

Die Lufthansa streicht alle Flüge nach China. Eine Empfehlung oder gar Anordnung der Regierung gab es dafür nie.

In der WELT darf Ulrike Protzer, Leiterin des Instituts für Virologie am Klinikum rechts der Isar und am Helmholtz Zentrum in München, als Expertin die Linie der Bundesregierung untermauern. „Es ist natürlich immer spektakulär, wenn so etwas neu auftritt. Aber wenn man sich die Bedeutung für die Krankheitslast in der breiteren Bevölkerung anschaut, dann ist das ein gravierender Unterschied zur Grippewelle, die wir jedes Jahr haben“; so Protzer. „Es [sei] auch ein gewisser Hype, der vielleicht überzogen ist“. Das Risiko für eine großflächige Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland hält Protzer für sehr gering. „Wir sind gut vorbereitet diese Verdachtsfälle schnell zu identifizieren und die Patienten zu isolieren – damit [sei] die Ausbreitung eigentlich unterbunden.“

30. Januar

Die WHO erklärt Gesundheitsnotstand wegen des neuen Coronavirus. In Europa mehren sich die Meldungen, dass Schutzausrüstung und hier insbesondere Schutzmasken nicht mehr im freien Handel erhältlich sind. Dennoch sieht Jens Spahn das Gesundheitssystem bei Maybrit Illner „gut vorbereitet“, vergleicht Covid-19 einmal mehr mit der Grippe und ruft zur Gelassenheit auf. Darin unterstützt ihn der Risikoforscher Ortwin Renn in der FAZ, der „die Angst vor dem Coronavirus für übertrieben“ hält.

Parallel zu Spahns Beschwichtigungen im ZDF ruft Georg Restle in der ARD in seiner Monitor-Sendung zur Gelassenheit auf und wundert sich über die eifrige Berichterstattung seiner Kollegen. „Die Nachricht über die 6.000 Maserntoten im Kongo kam übrigens fast zeitgleich mit der über die Verbreitung des Coronavirus. Mitbekommen haben das allerdings wohl nur die wenigsten“, so Restle. In einem Filmbeitrag übernimmt Prof. Egbert Tannich vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin die Rolle des Erstaunten: „Wir sind überrascht, wie umfänglich diese Berichterstattung ist, wie stark, welchen Raum das Ganze einnimmt“, so Tannich. „Im Prinzip [könne] man [schließlich] schon absehen, dass die Gefährlichkeit des Virus deutlich geringer ist als ursprünglich angenommen,“ so der Monitor-Experte.

1. Februar

Im SPIEGEL gibt Hermann-Josef Tenhagen Tipps für die Altersvorsoge. Man solle langfristig am Aktienmarkt in Produkte wie Indexfonds auf den MSCI World investieren. Vorläufig gäbe es keinen Grund zur Beunruhigung für langfristige Anleger. Einige Tage später sollte der MSCI World mehr als ein Drittel seines Wertes verlieren.

3. Februar

„Im Vergleich zu anderen Krankheiten ist das Virus relativ harmlos“, stellt nun auch der Faktenfinder der Tagesschau fest und wiederholt damit das, was die Regierung und ihre Experten vorbeten, ohne diese Fakten zu „checken“. Dies beträfe nicht nur die Grippe, sondern auch die Masern. Grenzschließungen seien übrigens nicht wirkungsvoll. Später werden die Faktenfinder die „Maßnahmen” als wirkungsvoll bezeichnen.

5. Februar

Laut Ifo-Institut wird das Coronavirus die deutsche Wirtschaft kaum betreffen

6. Februar

Die Süddeutsche Zeitung hat einen neuen Experten gefunden, der die Gefährlichkeit des Virus kleinredet. „Corona ist auf keinen Fall gefährlicher als Influenza“, so Clemens Wendtner, Chefarzt in der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing. „Die Wahrscheinlichkeit, sich hierzulande mit Corona zu infizieren, sei anders als bei der Grippe, die alljährlich mehrere Hunderttausend Menschen trifft, sehr gering“. Er gehe nicht davon aus, dass sich das Virus in Deutschland und Europa ähnlich epidemieartig ausbreiten werde wie in China. Einen Tag später wiederholt der Schwabinger Chefarzt diese Aussagen gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. „Mit einer sehr, sehr gefährlichen Erkrankung habe das nicht viel zu tun – das Coronavirus sei auf keinen Fall gefährlicher als Influenza“

7. Februar

Nun warnt auch die WHO vor einer weltweiten Knappheit an Schutzausrüstung. Es soll über einen Monat dauern, bis Deutschland ernsthaft auf diese Warnung reagiert und beginnt, Masken und Kittel für die Beschäftigten im Gesundheitssystem zu organisieren.

9. Februar

China schickt nun Tausende Mediziner in die abgeriegelte Stadt Wuhan und verstärkt seine ohnehin schon rigiden Schutzmaßnahmen im Rest des Landes.

12. Februar

Nun wacht auch das Robert Koch-Institut ganz langsam auf und raunt, dass das Virus auch international noch große Probleme bereiten könne. „Die globale Entwicklung legt nahe, dass es zu einer weltweiten Ausbreitung des Virus im Sinne einer Pandemie kommen kann“, heißt es in einem Bericht des RKI. Jens Spahn lehnt weiterhin Fiebermessungen an den Flughäfen ab. Einen Einreisestopp für Passagiere aus betroffenen Gebieten wird es erst mehr als zwei Monate später, am 15. April, geben.

13. Februar

Nun fürchten auch die EU-Minister Engpässe bei Medikamenten und Schutzkleidung. Lothar Wieler sieht dieses Problem in einem Interview mit dem Deutschlandfunk nicht. Man sei „gut vorbereitet“ und „in der Lage, das Coronavirus einzudämmen“.

14. Februar

Die dpa lässt erneut den Essener Experten Oliver Witzke zu Wort kommen. „Es [gäbe] im Grunde kein relevantes Risiko in Deutschland, sich mit dem Coronavirus anzustecken“, so Witzke. Um den gerade laufenden Karneval mache er „sich die gleichen Sorgen wie jedes Jahr“.

15. Februar

Auf der karnevalistischen „Kappensitzung“ in Gangelt, Kreis Heinsberg, steckt ein infizierter Mann eine große Zahl anderer Teilnehmer an. Einen Tag später wird er mit Fieber und Husten im Krankenhaus in Erkelenz vorstellig, wird aber wieder nach Hause geschickt. Neun Tag später, am Rosenmontag, erscheint er – diesmal mit schweren Problemen – abermals im Krankenhaus und wird nun auch auf Covid-19 getestet. Das positive Ergebnis wird jedoch erst nach dem Rosenmontag verkündet. Bis heute gibt es im Kreis Heinsberg 1.695 Infektionen und 57 Todesfälle durch Covid-19.

17. Februar

Zahl der Infektionen steigt in China auf mehr als 70.000, das Wachstum erreicht jedoch seinen Höhepunkt und soll fortan abnehmen. Mit seinen rigiden Maßnahmen scheint China die Pandemie in den Griff zu bekommen. Wer aus China nach Deutschland einreist, wird noch nicht einmal auf Fieber kontrolliert.

19. Februar

Kurz vor dem Rosenmontag herrscht bei den Karnevalisten beste Stimmung: „Wenn man bedenkt, dass durch unsere ganz normale Grippe viel, viel mehr Menschen betroffen sind als durch diesen Coronavirus, mache ich mir überhaupt keine Sorge, dass wir an Rosenmontag nicht bützen können, bis der Arzt kommt“, so Holger Kirsch, der Leiter des Kölner Karnevalszugs in der Süddeutschen.

23. Februar

Nach den ersten Covid-19-Todesfällen riegelt Italien mehrere Städte ab. Der Karneval in Venedig wird vorzeitig beendet.

24. Februar

Rosenmontag. Die Neuinfektionen in China nehmen deutlich ab.

25. Februar

In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen werden die ersten Fälle von Covid-19 in Deutschland vermeldet, bei denen die Ansteckungskette im Inland erfolgte und nicht nachverfolgt werden kann.

26. Februar

Aschermittwoch. In einer Pressekonferenz bekennt Jens Spahn nun, „wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie”. Sein Kollege Laumann aus Nordrhein-Westfalen will die Bürger beruhigen: „Wir reden hier von einer Sterblichkeit von nur (sic!) zwei Prozent“.

27. Februar

Auf n-tv klären Experten auf, „warum Panik vorm Coronavirus unnötig [sei]“.
Virologe Jonas Schmidt-Chanasit: „Im Regelfall ist das eine leichte Erkrankung – wie ein Schnupfen. Den übersteht man einfach“.

Auch René Gottschalk, Leiters des Frankfurter Gesundheitsamtes, sieht sich an einen Schnupfen erinnert. „Jemanden 14 Tage zu kasernieren wegen einer Erkrankung, die verläuft wie ein Schnupfen, [sei] völlig unverhältnismäßig“, so Gottschalk.

Am 27. Februar hat Deutschland nach offizieller Rechnung 10 aktive Fälle und wechselt in die Phase der exponentiellen Ausbreitung.

Fazit

Erst am 18. März nimmt die Zahl der Neuerkrankungen nach der Verhängung der ersten „Maßnahmen“ ab. Stand heute sind 150.000 Menschen (47.000 davon aktiv) in Deutschland an Covid-19 erkrankt. Die Krankheit, die laut der Experten einiger Medien „verläuft wie ein Schnupfen“, hat 5.316 Todesfälle gefordert und Deutschland hat im Vergleich zu anderen europäischen Staaten noch richtig viel Glück gehabt. Wäre der noch unbekannte „Super-Spreader“ nicht zur Après-Ski-Sause nach Ischgl, sondern zum Karneval nach Köln gefahren, sähen die Zahlen wohl anders aus. Mindestens genauso dramatisch sind die sozialen und ökonomischen Folgen, deren Ausmaß sich noch gar nicht umreißen lässt. All dies hätte unter Umständen verhindert werden können, wenn man früh auf die Ereignisse in China reagiert und von Staaten wie Südkorea, Taiwan oder Singapur gelernt hätte. Aber warum sollte man schon wegen eines „Schnupfens“ die Welt auf den Kopf stellen?

Die Versäumnisse des Frühjahrs müssen dringend aufgearbeitet werden. Es war nicht nur die Politik, die auf breiter Ebene versagt hat. Auch die Medien glänzten in diesen Wochen durch eine kritiklose Hofberichterstattung, die stets die Linie der Bundesregierung verteidigt und die Position der Regierung durch Experten-Zitate untermauert hat. Heute hat sich der Kurs um 180 Grad gedreht. Die Linie ist jedoch dieselbe, nur dass die Experten nun andere Namen haben.

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