Helena Steinhaus zu Hartz IV: „Wir können auch anders und wir können es uns leisten!“
Helena Steinhaus zu Hartz IV: „Wir können auch anders und wir können es uns leisten!“

Helena Steinhaus zu Hartz IV: „Wir können auch anders und wir können es uns leisten!“

Ein Artikel von: Redaktion

„Es ist eine lange Liste an Vorurteilen“, die Menschen gegenüber Hartz-IV-Beziehern haben, sagt Helena Steinhaus im NachDenkSeiten-Interview. Die Geschäftsführerin des Vereins Sanktionsfrei schildert, warum ihr Verein gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband eine Kampagne gestartet hat, bei der an 80 Standorten an U- und S-Bahnhöfen auf die Vorurteile gegenüber Hartz-IV-Beziehern aufmerksam gemacht wird. Im Interview spricht Steinhaus an, dass das negative Licht, in dem die Armen in unserer Gesellschaft stehen, auf eine „gezielte Meinungsmache“ zurückgeht, die ihren Anfang bei der Agenda 2010 genommen hat. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Anhebung der Hartz-IV-Sätze auf 600 Euro, die Abschaffung von Sanktionen: Das fordern Sie und der Paritätische Wohlfahrtsverband in einer gemeinsamen Informationskampagne. Würden Sie uns bitte schildern: Wie ist die Kampagne angelegt?

Bis zum 16. Juli hängen deutschlandweit an etwa an 80 Standorten Maxiplakate an U- und S-Bahnhöfen, die auf unsere Kampagnenseite hartzfacts.de verweisen. Neben den von Ihnen bereits genannten zentralen Forderungen an die Politik zielt die gesamte Kampagne darauf ab, auf Vorurteile aufmerksam zu machen, diesen Fakten entgegenzusetzen und auf tatsächliche Lebensrealitäten der Menschen hinzuweisen, die Hartz IV bekommen. Neuigkeiten gibt es auch täglich auf unseren Social-Media-Kanälen.

Warum muss im Zusammenhang mit Hartz-IV-Beziehern überhaupt aufgeklärt werden?

Weil die Vorurteile und das Unwissen sich hartnäckig halten: Der Mythos vom faulen Hartzer, der nichts zu tun hat und unsere Steuergelder verprasst. In Wahrheit haben fast alle was zu tun: Sie leisten wertvolle Care-Arbeit, sind in Ausbildung, gehen arbeiten, aber werden schlecht bezahlt und müssen aufstocken, manche sind krank oder die aktuellen Umstände erlauben es schlicht nicht, für den Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Darüber hinaus ist es gut und richtig, nicht alle Jobs fraglos anzunehmen. Viele Vermittlungen durch die Jobcenter sind sehr kurzzeitig und/oder extrem schlecht bezahlt. Hartz IV und das Stigma sorgen dafür, dass viele sich auch den schlechtesten Bedingungen fügen. Stattdessen brauchen wir ein System, das die einzelnen Menschen in ihren Situationen unterstützt und bestärkt, anstatt sie zu verurteilen und zu kontrollieren.

Woher kommen diese Vorurteile gegenüber den Hartz-IV-Beziehern?

Das ist gezielte Meinungsmache seit 2003, die dazu dient, der Agenda 2010 zu politischer Akzeptanz zu verhelfen. Schließlich handelt es sich um massive Einschnitte in die deutsche Sozialversorgung, die ursprünglich eine sehr wertvolle Errungenschaft war.

Welche Vorurteile konnten Sie beobachten?

Hauptsächlich, dass Hartz-IV-Beziehende selbst Schuld seien, keine Arbeit zu finden. Dass sie dumm, faul und unqualifiziert seien, sich nicht genug anstrengen, ungepflegt und zu wählerisch seien… usw. Es ist eine lange Liste von Verurteilungen.

Ein sehr böses Vorurteil lautet auch, dass bei einer Anhebung der Hartz-IV-Sätze für Kinder das Geld eh nicht bei diesen ankomme, weil die Eltern es für Alkohol oder Tabak ausgeben würden. 2018 hat eine Studie der Bertelsmann-Stiftung dargelegt, dass dem mitnichten so ist. Solche Vorurteile halten sich dennoch sehr hartnäckig.

Ja. Weil es bisher zwar das stark negative Bild in die Öffentlichkeit geschafft hat, namentlich „Florida-Rolf“, der unsere Gelder gemütlich in der Sonne verprasst. Demgegenüber wurde aber niemals mit einer solchen Vehemenz ein positives Bild gesetzt. Nämlich das von Menschen, die Unterstützung brauchen und verdienen, egal was sie tun. Weil sie Menschen sind, weil es ihnen zusteht, teilzuhaben an der Gesellschaft, und es ihnen aus Gründen zeitweise oder langfristig nicht gelingt, sich finanziell selbst zu tragen.

Wenn es um Vorurteile gegenüber den Armen geht, scheint bei Politik und Medien die Sensibilität zu fehlen. Wie sehen Sie das?

Das kommt natürlich darauf an, wo man hinschaut. Aber ja, häufig ist das der Fall. Was aber wiederum auf unsere Gesellschaft zurückzuführen ist, denn Medien und Politik haben ja ein starkes Interesse daran, ihren Peer-Groups zu gefallen. Wenn wir gesamtgesellschaftlich sensibler damit umgehen und diesen Umgang auch fordern, wird er auch von Medien und Politik umgesetzt.

Warum sollen die Hartz-IV-Sätze angehoben werden?

432 Euro reichen hinten und vorne nicht, um sich zu versorgen und ein Mindestmaß an soziokultureller Teilhabe zu gewährleisten. Vor allem, wenn man längere Zeit Leistungen bezieht und Neuanschaffungen nötig sind, aber auch so kommt man kaum über den Monat mit so einem Betrag. Durch die Corona-Krise sind zudem die Lebensmittelpreise gestiegen und die neuen Berechnungen für 2021 lassen das völlig außen vor. Das bedeutet finanzielle Ausgrenzung und gesellschaftliche Stigmatisierung. Ich behaupte: Wir können auch anders und wir können es uns leisten!

Die Sanktionen wurden zu Beginn der Corona-Krise ausgesetzt. Mittlerweile dürfen die Behörden wieder sanktionieren. Warum tut sich die Politik so schwer damit, die Sanktionen abzuschaffen?

Weil die Sanktionen ein Kontrollinstrument darstellen, mit dem man sich erhofft, im schlimmsten Fall die nötige Disziplinierung eines Menschen zu erwirken. Leider. Meiner Meinung nach sind sie Ausdruck einer großen Unsicherheit.

Anmerkung: Der Verein „Sanktionsfrei“ finanziert sich über Spenden. Als „Hartzbreaker“ kann man den Verein unterstützen.

Titelbild: Suzanne Tucker/shutterstock.com

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