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SPIEGEL Online und der Phantom-Konvoi – Hysterie, Lügen und Heuchelei

Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, Medienkritik, Militäreinsätze/Kriege, Strategien der Meinungsmache

Als SPIEGEL Online am Freitag gegen 17:20 mit der Eilmeldung „Ukraine: Truppen greifen russischen Konvoi an“ herauskam, rutschte sicher zahllosen Lesern das Herz in die Hose. Zum Glück stellte sich diese Meldung weniger später als Falschmeldung heraus. SPIEGEL Online hatte offenbar eine Verlautbarung der ukrainischen Regierung ohne jeden weiteren Beleg als Tatsache dargestellt und kräftig Hysterie geschürt. Einen Tag danach war es an SPIEGEL-Autor Christian Neef, in die Vorwärtsverteidigung zu gehen, und den von seinen Online-Kollegen gemeldeten Angriff in einem heuchlerischen Dementi zu relativieren. Ein Stück aus dem Tollhaus. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Was war passiert? In der Nacht von Donnerstag auf Freitag beobachteten zwei britische Journalisten vom Guardian und vom Telegraph und ein russischer Journalist vom Magazin „The New Times“, was ihrer Meinung nach ein Übertritt der russisch-ukrainischen Grenze von einer Kolonne mit 23 Fahrzeugen (Schützenpanzer und Begleit-LKWs) war. Während die beiden britischen Kollegen mit „Belegen“ geizten, veröffentlichte der russische Journalist Sergej Hasow-Kasija zumindest vier Photos, die jedoch von derart schlechter Qualität sind, dass sie kaum als Beleg für irgendetwas durchgehen können. Gut möglich, dass die drei Journalisten eine russische Grenzkontrolle beobachtet haben und selbst nicht genau wussten, wo die Grenze genau verläuft – dies behauptet zumindest die offizielle russische Seite. Alle anderen Interpretationen sind angesichts der mauen Belege hoch spekulativ.

Dieser „Phantom-Konvoi“ soll nun in der gleichen Nacht auf ukrainischem Gebiet durch Artillerie der ukrainischen Regierungstruppen zum Teil vernichtet worden sein. Dies behauptete am Freitagnachmittag zumindest der ukrainische Präsident Poroschenko in einer Pressemitteilung und einem Telefongespräch mit dem britischen Premier David Cameron. Auch Poroschenko hat jedoch nicht den geringsten Beleg, der seine Aussage stützt. Es gibt keine Filmaufnahmen, keine Photos, keine Augenzeugenberichte, geschweige denn Satellitenbilder aus dem Pentagon oder ähnliches. Dass offizielle Pressemeldung der ukrainischen Regierung meist den Wahrheitsgehalt einer Aussage des Barons von Münchhausen haben, ist auch Journalisten bekannt. Und wenn diese Meldungen ohne Belege daherkommen, ist besondere Obacht geboten. Wie man sich journalistisch mit einer solch fragwürdigen Meldung zumindest nicht angreifbar machen kann, beweist der britische Guardian, der am Freitagnachmittag zeitgleich zu SPIEGEL Online „Ukrainischer Präsident behauptet, dass russische Fahrzeuge, die die Grenze überschritten haben, zerstört wurden“ titelte.

Von britischem Understatement und journalistischer Akkuratesse halten die Boulevard-Marktschreier von SPIEGEL Online bekanntlich nichts. Nicht nur, dass SPIEGEL Online Poroschenkos Behauptung als Fakt darstellt – man bedient sich, sicherlich nicht ohne Vorsatz, auch noch der Methode „Verwirrung“, indem man zunächst offen lässt, dass es sich bei den vermeintlich abgeschossenen Fahrzeugen, nicht um den viel diskutierten Hilfskonvoi aus Russland handelt. Für jeden Leser, der nicht am selben Tag den Guardian oder den Telegraph gelesen hat (und das dürfte die absolute Mehrheit sein), muss sich bei der Überschrift „Truppen greifen russischen Konvoi an“ die Vorstellung einschleichen, dass es sich um einen Angriff auf den Hilfskonvoi handelt – also um eine militärische Eskalation, die sehr wahrscheinlich zu einem heißen Krieg zwischen Russland und der Ukraine geführt hätte. Hysterie? Fahrlässige Täuschung? Oder gar vorsätzliche Täuschung?

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Meldung von SPIEGEL Online auf Facebook. Auf die Frage eines Lesers, ob SPIEGEL Online denn „konkrete Belege“ hätte, dass russische Truppen die Grenze zur Ukraine überschritten hätten, antwortet SPIEGEL Online rabulistisch, ob es denn „eigentlich konkrete Belege gäbe, dass dem nicht so sei“.

Für den Online-Ableger eines – zumindest nach Eigendarstellung – seriösen Nachrichtenmagazins ist eine solche Antwort natürlich ein Offenbarungseid. Man spekuliert munter drauf los, überprüft Nachrichten nicht auf deren Wahrheitsgehalt, verbreitet mutwillig Hysterie und schürt damit das Feuer, aus dem ein Krieg zwischen West und Ost entfachen könnte. Schon beinahe tragikomisch liest sich da das „Dementi“, dass SPIGEL-Autor Christian Neef (Print-SPIEGEL und nicht SPIEGEL-Online) am Samstag veröffentlichte. Darin rechtfertigt Neef in Grundzügen das Vorgehen seiner Kollegen (Agenturen und andere Onlinedienste titelten schließlich auch „Militärintervention in der Ukraine“), gesteht aber gleichzeitig ein, dass „so manche Mitteilung der Kiewer Militärs nicht stimmt“. Wie passt das zusammen? Wenn man doch weiß, dass Meldung aus Kiew den Wahrheitsgrad einer Scripted-Reality-Show von RTL haben, dann ist dies doch erst recht ein Grund, Vorsicht walten zu lassen. Und sich dann als reichweitenstärkstes deutsches Online-Portal mit „Das haben die anderen doch auch gemacht“ herauszureden, ist unwürdig und beschämend.

Besonders vielsagend ist dabei die Ausrede Neefs, nach der auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen „in seiner wie üblich vorpreschenden Art sofort den ´Einfall´ der russischen Armee in die Ostukraine ´bestätigte´“. Na wenn Herr Fogh Rasmussen das sagt, muss es ja stimmen. Fogh Rasmussen weiß ja schließlich auch, dass „Putin“ die europäische Umweltschutzgruppen unterstützt, um gegen Fracking mobil zu machen. Fogh Rasmussen wusste auch ganz genau, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hatte, und auch ansonsten ist sich die oberste NATO-Propagandaschleuder für keine Lüge zu fein, sofern diese Lüge geeignet ist, die Konfrontation zwischen West und Ost anzuheizen. Überflüssig zu erwähnen, dass Fogh Rasmussen für den „Einfall der russischen Armee“ genau so wenig Belege vorzuweisen hatte, wie für Putins „Anti-Fracking-Kampagne“ oder einst Saddams Massenvernichtungswaffen.

Im Krieg stirbt die Wahrheit immer zuerst. In einer demokratischen Gesellschaft sollte es jedoch Aufgabe der Medien sein, Lügen zu benennen und nicht Lügen zu verbreiten oder gar in Umlauf zu bringen. SPIEGEL Online scheitert an diesem Maßstab.

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