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Die Personalberater McKinsey&Company bestimmen die künftigen Elite-Studenten

Verantwortlich:

Eine ganz neue Variante eines Hochschulrankings stellt der SPIEGEL in seiner neuesten Titelstory vor: Nicht mehr die Leistungen von Hochschulen in Forschung und Lehre werden miteinander verglichen, sondern welche Studenten von welcher Uni am ehesten den Kriterien der Personalauswahl der Personalberater McKinsey & Company entsprechen. Zur Elite gehört: Wer den Standard einer schriftlichen Bewerbung bei einem internationalen Großunternehmen am besten erfüllt. Dieser Standard lautet: Die Aneignung von Wissen und Fähigkeiten zu fremdnützigen Zwecken.

Wer je einmal gehofft haben sollte, mit der Elite-Diskussion um die Ausbildung an unseren Hochschulen verknüpften sich Kriterien wie herausragende wissenschaftliche Leistung, selbständiges und kreatives Denken für produktives Gestalten und Verantwortung für die Gesellschaft, der kann, wenn dem Elite-Begriff gefolgt wird, den der SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 22.11.04 vorzeichnet, seine Hoffnungen begraben.

Die Auswahl der Merkmale für einen Elite-Studenten korrespondiert aus der Sicht der Initiatoren dieser neuen Variante eines Hochschulrankings „mit dem vorherrschenden Standard für eine schriftliche Bewerbung am deutschen Arbeitsmarkt.“ Das bekennen die Initiatoren des sog. „Studentenspiegels“, nämlich McKinsey & Company unterstützt von AOL und SPIEGEL in der Darstellung der Methodik [PDF – 1.1 MB] ihrer Befragung ganz unverblümt – oder sollte man sagen, unverfroren.

Elite-Student ist danach,

  • wer sein Abitur mit einer Eins macht und im Vordiplom hervorragend abschneidet,
  • möglichst vier Sprachen beherrscht (darunter möglichst japanisch oder chinesisch),
  • mindestens eine EDV-Programmiersprache anwenden kann,
  • Berufserfahrung oder zumindest mehrere Praktika in internationalen Großunternehmen hinter sich hat,
  • mindestens ein Start-up-Unternehmen (möglichst schon in der Schulzeit) gegründet hat,
  • während des Studiums (zumindest als studentische Hilfskraft) arbeitet,
  • in möglichst vielen Städten der Welt mehr als sechs Wochen gewohnt hat (am besten macht es sich, wenn Peking dabei ist),
  • ein Hochbegabtenstipendium bezieht,
  • gesellschaftliches Engagement (Sport reicht) nachweisen kann,
  • an der Schule oder an der Universität möglichst schon einen Preis erhalten hat,
  • möglichst schon mehrere wissenschaftliche Veröffentlichungen ausweisen kann,
  • Zivil- oder Wehrdienst (bei Frauen, ein freiwilliges soziales Jahr) hinter sich hat,
  • und vor allem erst Anfang zwanzig ist, wenn man das Abschlussexamen anstrebt.

Hinzu kommen muss aber noch als besondere Charaktereigenschaft für den Elite-Nachweis:

  • Eine hohe Selbsteinschätzung der eigenen Qualifikation gegenüber anderen und
  • eine im Vergleich zu anderen sehr hohe berufliche (Aufstiegs-) Erwartung (möglichst bei einem Weltunternehmen).

An einem solchen Fragebogen misst sich nach Meinung des SPIEGEL „die Qualifikation und das Können“ der „kommenden Elite“ und an diesen Merkmalen unterscheiden sich „Spitzenkräfte und akademisches(!) Mittelmaß“.

Statt eines eigenen Kommentars erlaube ich mir, eine Passage aus einer Rede des Altbundespräsidenten Johannes Rau, abgedruckt in seinem Buch „Den ganzen Menschen bilden – wider den Nützlichkeitszwang“ (2004), zu zitieren. Rau hat offenbar schon vorausgeahnt, was auf dem Feld der Hochschul-Bildung von Seiten der Unternehmensberater noch alles auf uns zu kommt:

Hört man auf manche Management- und andere Berater, dann muss der künftige Hochschulabsolvent leistungsstark und belastbar sein, flexibel und vielseitig einsetzbar, anschluss- und anpassungsfähig, team- und kooperationsbegabt, selbstverantwortlich und unternehmerisch, mobil und mehrsprachig, optimistisch und hoch motiviert, kommunikativ und sozial kompetent und darüber hinaus ein Leben lang lernbereit.

Die immer schneller und alles umwälzende Globalisierung verlange von der Ausbildung, dass der Mensch auf einem sich ständig wechselnden Arbeitsmarkt flexibel verwendbar sei. Er soll die Befähigung haben, sich „als Unternehmer seiner Arbeitskraft“ immer wieder neu vermarkten zu können.
Da wird vom „multiplen Selbst“ geredet, einer Art Patch-Work-Biografie, die angesichts der immer kürzeren Verfallszeiten des vorhandenen Wissens ein ständig „geupdatetes“ Wissen braucht.
Dann werden Hochschulaufenthalte nur noch „Boxen-Stops“ für immer neue Blitzkarrieren und „Start-ups“. Die Studierenden wären sozusagen leere Festplatten, auf denen die Signale des Arbeitsmarktes „just in time“ gespeichert würden.

Wenn solche Zukunftsszenarien richtig wären, dann könnten unsere Universitäten es sich leicht machen: Statt eines Studiums würde ein Bauchladen an Wissensangeboten ausreichen, aus denen man wie beim Surfen im (Karriere-)Internet das gerade Passende auswählt.

Der Einzelne würde zu einem, der sich anpasst und der sich möglichst gut einpasst.

Dann ist kein Platz für selbständiges und freies Denken, für aktives Gestalten und dafür, Verantwortung für andere zu übernehmen. Der Dienst an der Gesellschaft und an der Gemeinschaft nimmt in solchen Zukunftsentwürfen keinen Platz mehr ein.

…Eine vom Staat garantierte freie Wissenschaft ist mehr als die Produktion und die Aneignung zu fremdnützigen Zwecken.“

Was der Altbundespräsident noch als Schreckbild einer zukünftigen Hochschulausbildung karikierte, macht der SPIEGEL zum Idealbild. Schrecklich!

Da hilft nur noch Ironie:

Durch die Teilnahme am „Studentenspiegel“ sollen Studierende, die den Elitestab in ihrem Tornister spüren, durch den Vergleich mit den anderen Elitären in die Lage versetzt werden, „ihren Lebenslauf in Form zu bringen“.

Um vor allem unsere jüngeren Leser nach dieser SPIEGEL -Titelgeschichte nicht vor das von Hans Magnus Enzensberger beschriebene Dilemma von „Mittelmaß und Wahn“ zu stellen, sondern damit sie ihre Biografie in McKinsey-Form bringen können, wollen wir eine solche Karriere-Biografie einmal in SPIEGEL-journalistischer Manier ganz praktisch aufzeigen (Ähnlichkeiten mit vom SPIEGEL beschriebenen Personen sind rein zufällig und ohne beleidigende Absicht gegenüber realen Personen): Also man

  • geht mit sechzehn in die Junge Union (das erfüllt das Merkmal: Gesellschaftliches Engagement. Die Jusos eignen sich (noch) nicht so gut für eine erfolgreiche Karriere in einem Unternehmen.),
  • macht im Wahlkampfkomitee für die CDU mit (das erfüllt das Merkmal: Frühes unternehmerisches Engagement),
  • gründet vielleicht noch ein Unternehmen das Home-Pages für Handwerker entwickelt (das erfüllt die Merkmale: Unternehmerisches Engagement und Kenntnisse in Programmiersprachen),
  • lernt grundständig Englisch in der Schule (weil Englisch am wichtigsten ist) und fährt regelmäßig mit seinen Eltern nach Spanien oder Frankreich in die Ferien (dann hätte man schon mal drei Sprachen, von denen man angeben kann, dass man sie fließend spricht) und
  • macht seinen Zivildienst in Japan (das wären dann drei Fliegen mit einer Klappe: Nachweis des Zivildienstes und Kenntnisse in Japanisch, der vierten Sprache, und man beweist Mobilität – auch ins „exotische“ Ausland).
  • Dazu mache man möglichst jung Abitur, möglichst mit einer Fächerkombination bei der man am ehesten eine Chance hat, einen Einser-Schnitt zu schaffen.(Jung und gute Noten, das sind ziemlich wichtige Merkmale)
  • Dann bewirbt man sich an einer US-amerikanischen Hochschule und macht einen MBA (dann hat man schon mal einen ausländischen Abschluss, und der ist auch nicht so anstrengend, aber er macht was her – auch wenn nicht viel dahinter steckt). Sollte man hohe Studiengebühren bezahlen müssen, dann
  • Versucht man (durch Fürsprache von Parteioberen, denen man ja schließlich beim Wahlkampf geholfen hat) ein Hochbegabten-Stipendium (bei der Konrad-Adenauer-Stiftung) zu ergattern,
  • danach fängt man in Deutschland an einer Universität an, von der jedenfalls die Japaner oder die Amerikaner meinen, sie sei eine Elite-Uni (also am besten in Heidelberg) und studiert (zum ersten Mal richtig) Betriebswirtschaftlehre.
  • Vielleicht tritt man in eine studentische Verbindung ein, das erleichtert über die „Alten Herren“ den Zugang zu Betriebspraktika großer Firmen (man kann sich ja vorher erkundigen, welcher Firmenboss welcher Kooperation angehört – bei manchem sieht man das schon am Schmiss). Am günstigsten ist das Praktikum in einer ausländischen Filiale,(da kann man dann das Merkmal längere Auslandsaufenthalte gleich noch mit erfüllen und man kann anschließend noch durch eine Trecking-Tour beweisen, dass man Durchhaltevermögen hat. Um in eine Auslandfiliale zu kommen, bedarf es aber doch schon Kontakte auf Vorstandsebene.)
  • Der Kontakt zu einem „Alten Herrn“ oder zu einem Firmenboss kann auch hilfreich sein, in irgendeiner Betriebszeitschrift eine „wissenschaftliche Veröffentlichung“ unterzubringen (wichtig für die Anerkennung der Wissenschaftlichkeit ist, dass Fußnoten untergebracht werden dürfen).
  • Jetzt fehlt eigentlich nur noch irgend ein Preis. (Vielleicht eine Kreismeisterschaft im Tennis oder beim Reiten (Golf macht sich inzwischen noch besser) oder man könnte versuchen, da man für die Handwerksinnung die Homepage „gelayoutet“ hat, irgend einen Nachwuchspreis des Handwerks zu gewinnen.)

Wenn man das alles so hingekriegt hat, dann muss man sich nur noch einbilden, man sei eben erheblich cleverer als die anderen und könne sich deshalb einbilden ein „großes Tier“ zu werden (und sei es wenigstens als Landesgeschäftsführer eines CDU-Landesverbandes).

Das Allerwichtigste aber ist: DER SPIEGEL verleiht einem dafür den Ehrentitel Elite-Student. Und von da aus fehlt dann nicht mehr viel, dass man daran glaubt, 3, 5, 6 oder 11 Millionen Euro Jahresgehalt seien ein leistungsgerechtes Einkommen. Und: Schließlich hätte ja jeder eine Chance gehabt, genau so erfolgreich zu sein.

Was hätte wohl ein Krupp, ein Siemens, ein Daimler oder Benz, ein Porsche, ein Grundig und, und, und von solchen Nachwuchseliten gehalten und was hätte ein Augstein über „seinen“ Spiegel getrauert, der solchen Unsinn nicht nur kritiklos nachplappert sondern auch noch propagiert?

Was haben McKinsey & Co von solchen Studentenumfragen?

Abgesehen von der Förderung der Ideologie, dass ein Studium als ein Investment für die berufliche Karriere zu betrachten ist, mit der logischen Konsequenz dass dieses Investment eben Studiengebühren kostet, eröffnet sich ein attraktiver Markt für die Personalberater: Denn wichtiger noch als die Verbreitung einer Ideologie ist, dass mit den Methoden einer (vermeintlichen) Identifikation von „Spitzenstudenten“ die Forderung nach der Auswahl der Studierenden durch die Hochschule selbst propagiert wird. Und bei der Entwicklung der Fragebögen und der Auswahlverfahren für die kommenden Eliten stehen McKinsey & Co den Hochschulen hilfreich und teuer zur Seite. Als Anbieter für solche Auswahlmethoden haben sich McKinsey & Co mit ihrem bundesweit publizierten und breit diskutierten Studenten-Ranking ja schon einen Namen gemacht.

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