„Das ist Stoff für Science-Fiction, aber keine Altersvorsorge.“

„Das ist Stoff für Science-Fiction, aber keine Altersvorsorge.“
Zur Person

Reiner Heyse, Jahrgang 1949, arbeitete bis zu seinem Ruhestand als Nachrichteningenieur, war langjähriges Tarifkommissionsmitglied in der Industriegewerkschaft Metall und Betriebsrat in einem mittelgroßen Industriebetrieb in Kiel. Aktuell betätigt er sich als Gewerkschaftlicher Bildungsarbeiter und Mitinitiator von RentenZukunft, eines Koordinierungskreises gewerkschaftlicher Seniorenpolitiker im norddeutschen Raum. Gelegentlich schreibt Heyse als Autor für die NachDenkSeiten, zuletzt hier, zu den Empfehlungen der sogenannten Rentenkommission.

Ralf Wurzbacher: Herr Heyse, würden Sie Geld darauf verwetten, dass das kapitalistische System, wie wir es heute kennen und erleben, in 60 Jahren noch Bestand hat?

Reiner Heyse: Nicht einen Cent.

Die Bundesregierung denkt das natürlich nicht und stützt das brüchige System mit allem, was geht. Mitte Oktober hat der Bundestag den Gesetzentwurf zur sogenannten Frühstartrente in Verantwortung von SPD-Finanzminister Lars Klingbeil beschlossen. Für Kinder ab sechs Jahren werden demnach rückwirkend zum 1. Januar 2026 monatlich zehn Euro aus Bundesmitteln in ein Altersvorsorgedepot eingezahlt. Die staatliche Förderung läuft bis zum 18. Lebensjahr und kann anschließend auf eigene Rechnung bis zum 65. Lebensjahr weiter bestückt werden. Erst mit 65 Jahren sollen dann die Auszahlungen erfolgen, in Gestalt monatlicher Rentenleistungen. Drücken Sie Ihrem Enkelchen denn schon kräftig die Daumen, dass es dereinst einen fetten Reibach macht?

Das ist schon aberwitzig, wie unglaublich weit im Voraus die Bundesregierung denkt. Sie macht ein Gesetz, das frühestens im Jahr 2086 eine Wirkung zeigen kann. Was dann tatsächlich rauskommt, steht doch in Sternen.

Was meine Enkelchen betrifft, von denen ich fünf habe, drücke ich ihnen den Daumen, dass die politisch Verantwortlichen endlich die himmelschreienden aktuellen Probleme lösen – etwa die katastrophalen PISA-Ergebnisse, die ja weniger die Schüler bewerten, sondern Zeugnisse sind für die versagende Bildungspolitik; oder dass bis zu 38 Prozent der Studierenden in Deutschland mit Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle leben müssen.

Statt diese Dinge endlich anzugehen und dafür Mittel zur Verfügung zu stellen, setzt die Regierung anscheinend auf solide Finanzmärkte als Problemlöser in ferner Zukunft – auf Finanzmärkte also, die ja nun zur Genüge bewiesen haben, wie krisenanfällig sie sind. Man denke nur an die großen Krisen, die den meisten noch in Erinnerung sind: Das Platzen der Dotcom-Blase 2000/2001, den Kollaps der Immobilienmärkte 2008/2009, den dramatischen Einbruch durch die Corona-Hysterie 2020.

Und der nächste Crash kommt bestimmt?

So sicher wie das Amen in der Kirche! In den Wettabteilungen der Banken dürfte seit geraumer Zeit darüber spekuliert werden, wann konkret, wie tief und wie lange gecrasht wird. Und dann ist auch wieder sicher, dass nach dem Crash weitere Crashs folgen werden. Das war so und das wird so bleiben. Das ist ganz offensichtlich systemimmanent.

In einer Modellrechnung unterstellt das Finanzministerium eine durchschnittliche Rendite bei der Frühstartrente von jährlich sieben Prozent. Nur aus der staatlichen Förderung – 1.440 Euro bis zum 18. Lebensjahr – könnten so, sofern das Geld weiter angelegt würde, 60 Jahre später, also vom 6. bis 65 zum Lebensjahr, 51.000 Euro erwachsen. Im Falle zusätzlicher Besparung noch viel mehr. Klingt das nicht toll?

Zum einen wird mit diesen Modellannahmen ja quasi die Begründung für die Blasenbildung geliefert: namentlich Kapitalrenditen von dauerhaft sieben Prozent, bei realem Wirtschaftswachstum von, sagen wir mal optimistisch, zwei Prozent und einer Zielinflation von zwei Prozent. Damit liegen die Erträge aus Finanzanlagen dauerhaft und zunehmend drei Prozent über dem realen Wirtschaftswachstum. Wenn das mal kein Modell für Crashs ist.

Zum anderen: Auf diese 51.000 Euro nach 60 Jahren kommt der Finanzminister mit Zinseszinsrechnungen. Die sind ja kein Hexenwerk, aber für Wirtschaftsredaktionen in den Qualitätsmedien anscheinend ein Buch mit sieben Siegeln. Sonst hätten die mal kritisch nachgerechnet. Ich habe eine halbe Stunde investiert und bin zu folgenden Ergebnissen gekommen: Wenn man von zwei Prozent Inflation ausgeht, also mit realen fünf Prozent Rendite kalkuliert, kommt man auf lediglich 19.000 Euro – also 32.000 Euro weniger. Rechnet man mit deutlich realistischeren Realverzinsungen von drei Prozent, bleiben ganze 7.000 Euro als realer Ertrag – nach 60 Jahren!

Laut Gesetzentwurf soll die Auszahlung „mindestens bis zur Vollendung des 85. Lebensjahres“ vonstatten gehen. Der Sozialverband VDK kommt vor diesem Hintergrund auf „gerade einmal mit 40 bis 50 Euro Rente“ pro Monat für den, der „60 Jahre lang nur die staatliche Förderung spart“. Sehen Sie das ähnlich?

Das könnte noch zu optimistisch sein. Im Fall des 85. Lebensjahres kann man zumindest einigermaßen verlässlich rechnen, in welchen monatlichen Raten das „Vermögen“ entspart wird, also wie hoch die monatliche Rente über einen Zeitraum von 20 Jahren ausfällt. Ich habe die drei Varianten von eben durchgerechnet und komme auf folgende monatliche Renten: Bei sieben Prozent wären es 215 Euro, bei fünf Prozent nur noch 79 Euro und bei drei Prozent lächerliche 28 Euro. Dabei habe ich ohne Verzinsung in der Rentenphase gerechnet, aber auch ohne die fälligen Steuerabzüge.

Wird die Rente allerdings bis zum Lebensende ausgezahlt, passiert ein Wunder: Wir werden alle 100 Jahre alt, mindestens. Die Versicherungen bestimmen die monatlichen Raten nach ihrem Gusto. Bei den Riester-Verträgen durften sie das, bei den neuen Altersvorsorgeverträgen wird es wohl nicht anders sein. Der Trick, den sie anwenden, ist der folgende: Sie prognostizieren für ihr Versicherungskollektiv eine durchschnittliche Lebensdauer, die deutlich über der vom Statistischen Bundesamt ermittelten Lebensdauer liegt. Bei der Sorte Riester sind das gerne zwischen zehn und 15 Jahre mehr.

Was bedeutet das für jene, die früher das Zeitliche segnen?

Wenn das „Versichertenkollektiv“ erwartbar viel früher verstirbt, bleiben Vermögenswerte auf den Konten stehen, die nicht mehr ausgezahlt werden müssen. Das sind dann echte Sterbegewinne …

Über diesen Prognosetrick könnten sich dann die gerade eben genannten Renten noch einmal halbieren.

Die Bundesregierung argumentiert mit einer sozialen Zielrichtung des Projekts, weil es auch Heranwachsenden aus benachteiligten Elternhäusern zugutekommen soll. Was sagen Sie dazu?

Die soziale Dimension der Frühstartrente sehe ich bei nahe null – vielleicht sogar im negativen Bereich. Die akuten sozialen Probleme werden konsequent ausgeblendet, man zieht Haushaltsmittel, die dringend jetzt und in den kommenden Jahren benötigt werden, aus dem Verkehr. Auf Sparkonten wird das Geld quasi stillgelegt. Ob und welche Bedeutung die Frühstartrente in frühestens 60 Jahren haben wird, weiß vielleicht der Geier, Lars Klingbeil sicher nicht – und ist eher Stoff für Science-Fiction.

Die Idee zur Frühstartrente stammt von den sogenannten Wirtschaftsweisen. Die hatten schon vor fast genau zwei Jahren angeregt, auf diesem Weg „eine Teilnahme am Kapitalmarkt bereits früh im Leben zu verankern und dadurch langfristige Erfahrungen mit entsprechenden Anlagen und deren Renditechancen für breite Bevölkerungsschichten zu ermöglichen“. Will die Regierung sogar schon Kinder aufs Börsenparkett schicken?

Da kommen wir wohl zum Kern des Ganzen. Die Absicht ist ja nicht, irgendein Problem innerhalb der nächsten Jahre zu lösen. Die Begleitmusik ist entscheidend. Die Frühstartrente soll als Lockvogel dienen – ähnlich dem Türsteher vor dem Casino, der großzügig Jetons an Passanten verteilt, um sie an die Spieltische zu locken.

Bei der Frühstartrente soll der Jeton bewirken, dass Eltern, Großeltern, Patenonkel oder wer auch immer das Depot des geliebten Kindes auffüllt. Aus zehn Euro dürfen dann laut Gesetz bis zu monatlich 570 steuerbefreite Euro werden. Da sammeln sich dann auf den Vermögenskonten riesige Milliardensummen an. Außerdem geht der Gesetzgeber davon aus, dass die Frühstartdepots nach dem 18. Lebensjahr weitergeführt werden, indem sie auf die gerade neu geschaffenen Altersvorsorgedepots übertragen werden. Wer das unterlässt, verliert ab dem 35. Lebensjahr das in einem Staatsdepot angelegte Geld.

Noch einmal: Ziel ist es, Anreize oder Anstöße zu sehr viel Größerem zu geben. Für die Methode – Nudging genannt – hat es vor zehn Jahren einen Nobelpreis gegeben. Der feuchte Traum der Vorstände von Versicherungen, Banken und Vermögensverwaltern ist, dass die Altersvorsorgedepots in einigen Jahren die Billionengrenze überschreiten. Es kann aber auch sein, dass ein weiterer Interessent auf dem Markt erscheint: Der Staat, der für die benötigten gewaltigen Kredite zur Kriegsertüchtigung auf die Rentenkonten zugreift.

Sagt Papa zum sechsjährigen Sprössling: „Denkst Du auch immer schön an Deine Altersvorsorge?“ Finden Sie das lustig?

Sagt der aufgeweckte Sprössling: „Papa, Du sollst doch nicht so viel trinken …“ Aber tatsächlich ist es die erklärte Absicht der Regierung und zahlreicher anderer Akteure, komischerweise auch der Verbraucherzentralen, Kinder schon in jungen Jahren Finanzbildung zu verpassen. Sie soll fester Bestandteil der Lehrpläne an allgemeinbildenden Schulen werden. Und was früher das Sandmännchen war, soll heute Anja Kohl mit Geschichten vom Börsenparkett sein. Danach könnten die Kleinen ermüdet einschlafen. Es dauert bestimmt auch nicht mehr lange, bis Finanzbildung bei den PISA-Studien berücksichtigt wird. Dann endlich steigt Deutschland wieder im Ranking.

Die Frühstartrente soll nur eines von mehreren Instrumenten sein, um das System der Altersvorsorge „zukunftsfest“ zu machen. Dazu kommen zum Beispiel noch die Aktienrente und allerhand mehr, was die sogenannte Rentenkommission empfohlen hat. Was bleibt bei all dem von der gesetzlichen Rente übrig?

Die gesetzliche umlagefinanzierte Rente wird seit über 25 Jahren systematisch geschwächt – Stichpunkt Drei-Säulen-Modell. Der Kurs der Konterreformen begann 2001 mit der Riesterrente, den Betriebsrenten auf Basis von Entgeltumwandlung und des gezielten Abbaus des Rentenniveaus. Dieser Kurs bekommt jetzt einen Turbo.

Aus folgenden Quellen sollen Renten in Zukunft finanziert werden. Erstens: aus privater Vorsorge an Kapitalmärkten. Zweitens: aus durch Löhnen finanzierten, obligatorischen Betriebsrenten, deren Fonds ebenfalls an den Kapitalmärkten angelegt werden. Drittens: aus der Frühstartrente. Viertens: aus der Aktienrente, die neu als Bestandteil der gesetzlichen Rente eingeführt wird. Sowie fünftens: aus der gesetzlichen umlagefinanzierten Rente.

Die Quellen eins bis drei werden kräftig durch Steuergelder gepampert, die Aktienrente wird völlig neu aufgesetzt. Wobei bemerkenswert ist, dass die immensen Kosten dafür von Journalisten und Wirtschaftsprofessoren klaglos hingenommen werden. Die gesetzliche Rente wird und soll dagegen durch weitere Gesetzesverschärfungen eine zunehmend geringere Rolle spielen.

Einst sagte Norbert Blüm (CDU), die „Rente ist sicher“. Erstmals tat er das 1986, vor 40 Jahren. Heute ist die Rente in Deutschland nur noch ein Torso, verglichen etwa mit Österreich. Was wird wohl erst in 60 Jahren sein?

Eine Rente, die unglaubliche Dimensionen der Altersarmut nicht verhindern kann, wenn, und das ist der entscheidende Einwand, es nicht gelingt, den radikalen neoliberalen Kurs zu durchbrechen. Der Wunsch und die Forderung nach sicheren, auskömmlichen, armutsvermeidenden und gerechten Renten ist seit Jahrzehnten durch überwältigende Mehrheiten in der Bevölkerung vorhanden. Es mangelt am politischen Willen, an der Tatkraft, das auch durchzusetzen.

Es gibt für uns Deutsche in dieser Hinsicht noch viel von Frankreich, Belgien, Spanien oder Österreich zu lernen.

Titelbild: ChatGPT, mit künstlicher Intelligenz erstellt

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Die Bundesregierung denkt schon jetzt ans Über-Über-Über-Morgen der Kleinsten. Kindern, die in einer halben Ewigkeit aufs Altenteil wechseln, will sie schon im zarten Alter von sechs Jahren beibringen, für den Ruhestand zu sparen. Ihr Mittel der Wahl: die Frühstartrente. Zehn Euro pro Monat, zwölf Jahre lang, auf Staatskosten und steuerfrei fürs Aktiendepot. Und gratis dazu eine Lektion in Finanzbildung, sprich: wie werde ich Spekulant. Reiner Heyse von der Initiative RentenZukunft hält das für faulen Zauber und ein Bombengeschäft für die Versicherungswirtschaft. Für seine Enkelchen wünscht er sich dagegen echte soziale Fürsorge, wie er im Interview mit den NachDenkSeiten erklärte. Mit ihm sprach Ralf Wurzbacher.

Zur Person

Reiner Heyse, Jahrgang 1949, arbeitete bis zu seinem Ruhestand als Nachrichteningenieur, war langjähriges Tarifkommissionsmitglied in der Industriegewerkschaft Metall und Betriebsrat in einem mittelgroßen Industriebetrieb in Kiel. Aktuell betätigt er sich als Gewerkschaftlicher Bildungsarbeiter und Mitinitiator von RentenZukunft, eines Koordinierungskreises gewerkschaftlicher Seniorenpolitiker im norddeutschen Raum. Gelegentlich schreibt Heyse als Autor für die NachDenkSeiten, zuletzt hier, zu den Empfehlungen der sogenannten Rentenkommission.

Ralf Wurzbacher: Herr Heyse, würden Sie Geld darauf verwetten, dass das kapitalistische System, wie wir es heute kennen und erleben, in 60 Jahren noch Bestand hat?

Reiner Heyse: Nicht einen Cent.

Die Bundesregierung denkt das natürlich nicht und stützt das brüchige System mit allem, was geht. Mitte Oktober hat der Bundestag den Gesetzentwurf zur sogenannten Frühstartrente in Verantwortung von SPD-Finanzminister Lars Klingbeil beschlossen. Für Kinder ab sechs Jahren werden demnach rückwirkend zum 1. Januar 2026 monatlich zehn Euro aus Bundesmitteln in ein Altersvorsorgedepot eingezahlt. Die staatliche Förderung läuft bis zum 18. Lebensjahr und kann anschließend auf eigene Rechnung bis zum 65. Lebensjahr weiter bestückt werden. Erst mit 65 Jahren sollen dann die Auszahlungen erfolgen, in Gestalt monatlicher Rentenleistungen. Drücken Sie Ihrem Enkelchen denn schon kräftig die Daumen, dass es dereinst einen fetten Reibach macht?

Das ist schon aberwitzig, wie unglaublich weit im Voraus die Bundesregierung denkt. Sie macht ein Gesetz, das frühestens im Jahr 2086 eine Wirkung zeigen kann. Was dann tatsächlich rauskommt, steht doch in Sternen.

Was meine Enkelchen betrifft, von denen ich fünf habe, drücke ich ihnen den Daumen, dass die politisch Verantwortlichen endlich die himmelschreienden aktuellen Probleme lösen – etwa die katastrophalen PISA-Ergebnisse, die ja weniger die Schüler bewerten, sondern Zeugnisse sind für die versagende Bildungspolitik; oder dass bis zu 38 Prozent der Studierenden in Deutschland mit Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle leben müssen.

Statt diese Dinge endlich anzugehen und dafür Mittel zur Verfügung zu stellen, setzt die Regierung anscheinend auf solide Finanzmärkte als Problemlöser in ferner Zukunft – auf Finanzmärkte also, die ja nun zur Genüge bewiesen haben, wie krisenanfällig sie sind. Man denke nur an die großen Krisen, die den meisten noch in Erinnerung sind: Das Platzen der Dotcom-Blase 2000/2001, den Kollaps der Immobilienmärkte 2008/2009, den dramatischen Einbruch durch die Corona-Hysterie 2020.

Und der nächste Crash kommt bestimmt?

So sicher wie das Amen in der Kirche! In den Wettabteilungen der Banken dürfte seit geraumer Zeit darüber spekuliert werden, wann konkret, wie tief und wie lange gecrasht wird. Und dann ist auch wieder sicher, dass nach dem Crash weitere Crashs folgen werden. Das war so und das wird so bleiben. Das ist ganz offensichtlich systemimmanent.

In einer Modellrechnung unterstellt das Finanzministerium eine durchschnittliche Rendite bei der Frühstartrente von jährlich sieben Prozent. Nur aus der staatlichen Förderung – 1.440 Euro bis zum 18. Lebensjahr – könnten so, sofern das Geld weiter angelegt würde, 60 Jahre später, also vom 6. bis 65 zum Lebensjahr, 51.000 Euro erwachsen. Im Falle zusätzlicher Besparung noch viel mehr. Klingt das nicht toll?

Zum einen wird mit diesen Modellannahmen ja quasi die Begründung für die Blasenbildung geliefert: namentlich Kapitalrenditen von dauerhaft sieben Prozent, bei realem Wirtschaftswachstum von, sagen wir mal optimistisch, zwei Prozent und einer Zielinflation von zwei Prozent. Damit liegen die Erträge aus Finanzanlagen dauerhaft und zunehmend drei Prozent über dem realen Wirtschaftswachstum. Wenn das mal kein Modell für Crashs ist.

Zum anderen: Auf diese 51.000 Euro nach 60 Jahren kommt der Finanzminister mit Zinseszinsrechnungen. Die sind ja kein Hexenwerk, aber für Wirtschaftsredaktionen in den Qualitätsmedien anscheinend ein Buch mit sieben Siegeln. Sonst hätten die mal kritisch nachgerechnet. Ich habe eine halbe Stunde investiert und bin zu folgenden Ergebnissen gekommen: Wenn man von zwei Prozent Inflation ausgeht, also mit realen fünf Prozent Rendite kalkuliert, kommt man auf lediglich 19.000 Euro – also 32.000 Euro weniger. Rechnet man mit deutlich realistischeren Realverzinsungen von drei Prozent, bleiben ganze 7.000 Euro als realer Ertrag – nach 60 Jahren!

Laut Gesetzentwurf soll die Auszahlung „mindestens bis zur Vollendung des 85. Lebensjahres“ vonstatten gehen. Der Sozialverband VDK kommt vor diesem Hintergrund auf „gerade einmal mit 40 bis 50 Euro Rente“ pro Monat für den, der „60 Jahre lang nur die staatliche Förderung spart“. Sehen Sie das ähnlich?

Das könnte noch zu optimistisch sein. Im Fall des 85. Lebensjahres kann man zumindest einigermaßen verlässlich rechnen, in welchen monatlichen Raten das „Vermögen“ entspart wird, also wie hoch die monatliche Rente über einen Zeitraum von 20 Jahren ausfällt. Ich habe die drei Varianten von eben durchgerechnet und komme auf folgende monatliche Renten: Bei sieben Prozent wären es 215 Euro, bei fünf Prozent nur noch 79 Euro und bei drei Prozent lächerliche 28 Euro. Dabei habe ich ohne Verzinsung in der Rentenphase gerechnet, aber auch ohne die fälligen Steuerabzüge.

Wird die Rente allerdings bis zum Lebensende ausgezahlt, passiert ein Wunder: Wir werden alle 100 Jahre alt, mindestens. Die Versicherungen bestimmen die monatlichen Raten nach ihrem Gusto. Bei den Riester-Verträgen durften sie das, bei den neuen Altersvorsorgeverträgen wird es wohl nicht anders sein. Der Trick, den sie anwenden, ist der folgende: Sie prognostizieren für ihr Versicherungskollektiv eine durchschnittliche Lebensdauer, die deutlich über der vom Statistischen Bundesamt ermittelten Lebensdauer liegt. Bei der Sorte Riester sind das gerne zwischen zehn und 15 Jahre mehr.

Was bedeutet das für jene, die früher das Zeitliche segnen?

Wenn das „Versichertenkollektiv“ erwartbar viel früher verstirbt, bleiben Vermögenswerte auf den Konten stehen, die nicht mehr ausgezahlt werden müssen. Das sind dann echte Sterbegewinne …

Über diesen Prognosetrick könnten sich dann die gerade eben genannten Renten noch einmal halbieren.

Die Bundesregierung argumentiert mit einer sozialen Zielrichtung des Projekts, weil es auch Heranwachsenden aus benachteiligten Elternhäusern zugutekommen soll. Was sagen Sie dazu?

Die soziale Dimension der Frühstartrente sehe ich bei nahe null – vielleicht sogar im negativen Bereich. Die akuten sozialen Probleme werden konsequent ausgeblendet, man zieht Haushaltsmittel, die dringend jetzt und in den kommenden Jahren benötigt werden, aus dem Verkehr. Auf Sparkonten wird das Geld quasi stillgelegt. Ob und welche Bedeutung die Frühstartrente in frühestens 60 Jahren haben wird, weiß vielleicht der Geier, Lars Klingbeil sicher nicht – und ist eher Stoff für Science-Fiction.

Die Idee zur Frühstartrente stammt von den sogenannten Wirtschaftsweisen. Die hatten schon vor fast genau zwei Jahren angeregt, auf diesem Weg „eine Teilnahme am Kapitalmarkt bereits früh im Leben zu verankern und dadurch langfristige Erfahrungen mit entsprechenden Anlagen und deren Renditechancen für breite Bevölkerungsschichten zu ermöglichen“. Will die Regierung sogar schon Kinder aufs Börsenparkett schicken?

Da kommen wir wohl zum Kern des Ganzen. Die Absicht ist ja nicht, irgendein Problem innerhalb der nächsten Jahre zu lösen. Die Begleitmusik ist entscheidend. Die Frühstartrente soll als Lockvogel dienen – ähnlich dem Türsteher vor dem Casino, der großzügig Jetons an Passanten verteilt, um sie an die Spieltische zu locken.

Bei der Frühstartrente soll der Jeton bewirken, dass Eltern, Großeltern, Patenonkel oder wer auch immer das Depot des geliebten Kindes auffüllt. Aus zehn Euro dürfen dann laut Gesetz bis zu monatlich 570 steuerbefreite Euro werden. Da sammeln sich dann auf den Vermögenskonten riesige Milliardensummen an. Außerdem geht der Gesetzgeber davon aus, dass die Frühstartdepots nach dem 18. Lebensjahr weitergeführt werden, indem sie auf die gerade neu geschaffenen Altersvorsorgedepots übertragen werden. Wer das unterlässt, verliert ab dem 35. Lebensjahr das in einem Staatsdepot angelegte Geld.

Noch einmal: Ziel ist es, Anreize oder Anstöße zu sehr viel Größerem zu geben. Für die Methode – Nudging genannt – hat es vor zehn Jahren einen Nobelpreis gegeben. Der feuchte Traum der Vorstände von Versicherungen, Banken und Vermögensverwaltern ist, dass die Altersvorsorgedepots in einigen Jahren die Billionengrenze überschreiten. Es kann aber auch sein, dass ein weiterer Interessent auf dem Markt erscheint: Der Staat, der für die benötigten gewaltigen Kredite zur Kriegsertüchtigung auf die Rentenkonten zugreift.

Sagt Papa zum sechsjährigen Sprössling: „Denkst Du auch immer schön an Deine Altersvorsorge?“ Finden Sie das lustig?

Sagt der aufgeweckte Sprössling: „Papa, Du sollst doch nicht so viel trinken …“ Aber tatsächlich ist es die erklärte Absicht der Regierung und zahlreicher anderer Akteure, komischerweise auch der Verbraucherzentralen, Kinder schon in jungen Jahren Finanzbildung zu verpassen. Sie soll fester Bestandteil der Lehrpläne an allgemeinbildenden Schulen werden. Und was früher das Sandmännchen war, soll heute Anja Kohl mit Geschichten vom Börsenparkett sein. Danach könnten die Kleinen ermüdet einschlafen. Es dauert bestimmt auch nicht mehr lange, bis Finanzbildung bei den PISA-Studien berücksichtigt wird. Dann endlich steigt Deutschland wieder im Ranking.

Die Frühstartrente soll nur eines von mehreren Instrumenten sein, um das System der Altersvorsorge „zukunftsfest“ zu machen. Dazu kommen zum Beispiel noch die Aktienrente und allerhand mehr, was die sogenannte Rentenkommission empfohlen hat. Was bleibt bei all dem von der gesetzlichen Rente übrig?

Die gesetzliche umlagefinanzierte Rente wird seit über 25 Jahren systematisch geschwächt – Stichpunkt Drei-Säulen-Modell. Der Kurs der Konterreformen begann 2001 mit der Riesterrente, den Betriebsrenten auf Basis von Entgeltumwandlung und des gezielten Abbaus des Rentenniveaus. Dieser Kurs bekommt jetzt einen Turbo.

Aus folgenden Quellen sollen Renten in Zukunft finanziert werden. Erstens: aus privater Vorsorge an Kapitalmärkten. Zweitens: aus durch Löhnen finanzierten, obligatorischen Betriebsrenten, deren Fonds ebenfalls an den Kapitalmärkten angelegt werden. Drittens: aus der Frühstartrente. Viertens: aus der Aktienrente, die neu als Bestandteil der gesetzlichen Rente eingeführt wird. Sowie fünftens: aus der gesetzlichen umlagefinanzierten Rente.

Die Quellen eins bis drei werden kräftig durch Steuergelder gepampert, die Aktienrente wird völlig neu aufgesetzt. Wobei bemerkenswert ist, dass die immensen Kosten dafür von Journalisten und Wirtschaftsprofessoren klaglos hingenommen werden. Die gesetzliche Rente wird und soll dagegen durch weitere Gesetzesverschärfungen eine zunehmend geringere Rolle spielen.

Einst sagte Norbert Blüm (CDU), die „Rente ist sicher“. Erstmals tat er das 1986, vor 40 Jahren. Heute ist die Rente in Deutschland nur noch ein Torso, verglichen etwa mit Österreich. Was wird wohl erst in 60 Jahren sein?

Eine Rente, die unglaubliche Dimensionen der Altersarmut nicht verhindern kann, wenn, und das ist der entscheidende Einwand, es nicht gelingt, den radikalen neoliberalen Kurs zu durchbrechen. Der Wunsch und die Forderung nach sicheren, auskömmlichen, armutsvermeidenden und gerechten Renten ist seit Jahrzehnten durch überwältigende Mehrheiten in der Bevölkerung vorhanden. Es mangelt am politischen Willen, an der Tatkraft, das auch durchzusetzen.

Es gibt für uns Deutsche in dieser Hinsicht noch viel von Frankreich, Belgien, Spanien oder Österreich zu lernen.

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Der „Macronismsus“ ist am Ende – Das französische Volk begehrt auf

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Es hatte den Beigeschmack eines bevorstehenden Abgangs, als sich Staatspräsident Emmanuel Macron am vergangenen Sonntagabend per Fernsehansprache an das französische Volk richtete. Nicht nur, dass er sich ganz in schwarz gekleidet hatte – genauso wie einst sein Amtsvorgänger François Hollande, als dieser 2016 aufgrund seiner Unpopularität seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft verkündete. Macron zeigte sich am Sonntag auch noch völlig unfähig, die Gründe der Gewaltexplosionen und Massendemonstrationen am Vortag zu verstehen sowie konkrete Vorschläge an die Demonstrierenden zu machen. Denn neben den sicherlich zum Teil schockierenden Szenen, die sich in vielen Großstädten am Tag zuvor abgespielt hatten, demonstrierten laut Studierendengewerkschaften Hunderttausende, wenn nicht sogar weit über einen Million Menschen ohne Zwischenfälle gegen die fortgesetzte wirtschaftsliberale Agenda des Präsidenten und seines Regierungschefs Lecornu. Von Sebastian Chwala.

Über die angeblich kurzen Wege der ALDI-Milch

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Beim heutigen Frühstückskaffee musste ich über die Werbung von ALDI für seine Milch ordentlich lachen. Da wird nämlich damit geworben, die Milch werde nur über kurze Wege von den Höfen zur Meierei transportiert. Dass sie dann noch über 700 Kilometer von Schleswig-Holstein zu ALDI Süd in Bad Bergzabern und sonst wohin in Süddeutschland transportiert werden muss, wird schlicht unterschlagen. Albrecht Müller.