Manche summen heute auf die berühmte Pete-Seeger/Marlene-Dietrich-Melodie neue Zeilen: „Sag mir, wo die Künstler sind? Die Künstler für den Frieden?” Gemeint sind: die gegen Russenhass, Palästinenser-Abschlachtung, Medien-Gleichschaltung und Aufrüstung noch auftreten und aufrufen. Von den kommerziellen Stars in West-Deutschland haben sich (außer Lisa Fitz, Katja Ebstein, Reinhard Mey, Dieter Hallervorden und Peter Maffay) die meisten davon verabschiedet – ungefähr seit 1999, dem Belgrad-Überfall der NATO. Die Niedeckens, Lindenbergs und Wim Wenders ziehen es wohl vor, zum Staatsdenkmal ihrer eigenen größeren Vergangenheit zu erstarren. Von Diether Dehm.
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Nicht so in Ostdeutschland. Der Erste, der einem da ein- und auffällt, ist Uwe Steimle. Als dieser noch als junger Vorzeige-Volksschauspieler aus dem Osten gehandelt wurde, war er von PDS, Linkspartei und Friedensbewegung heiß umworben und für Bundespräsidentenwahlen in den Reichstag eingeladen. Als er sich dann aber rieb am nationalistischen Kesseltreiben gegen die in Teilen recht gemäßigte AfD, galt er plötzlich als „Extremisten-Fan“. Obwohl wahrer Extremismus doch im Aufrüstungswahn gipfelt oder im Überfall auf die Sowjetunion, der sich im Juni 2026 jetzt zum 85. Mal jähren wird.
Von nun an arbeitete sich Staats-Comedian Böhmermann an seinem Ost-Kollegen ab, wurde Uwe Steimle vom witzlosen TV-Kabarettisten Florian Schröder angegiftet, von Stefan Locke (dem FAZ-Propagandisten des „NATO-Doppelbeschlusses”), von Heinrich Löbbers in der Sächsischen Zeitung und von „linken” Landtagsabgeordneten: Er wäre ja „nach rechts offen“ (sowas wie das Verfassungsschutz-Etikett „gesichert rechtsextrem“, woraus Steimle jetzt „gesichert unbequem” macht). Ein Grüner und berüchtigter „Umweltaktivist” nannte ihn gar einen „völkisch-antisemitischen Jammer-Ossi”, was dann gerichtlich ausgetragen wurde.
Wohlbemerkt: Solche Nazi-Verleumdungen kommen ausgerechnet von Publizisten, die für bekennende Faschisten im israelischen Kabinett nur ein Augenzwinkern übrig haben; oder für die ukrainischen Anhänger der SS-Sondereinheit „Dirlewanger”; für die mit keltischen Kreuzen und Reichsadlern behangenen Vermarkter von Gedenktempeln (wie dem Asov-Jugendzentrum „Centuria”); für die Linken- und Juden-Schlächter Bandera und Schuchewytsch; und die – weil ein „Kreml-Kritiker” nun mal keinen „Nazi-Sprech” benutzt – jetzt unter den Teppich kehren, dass Nawalny Ausländer als „Ungeziefer” aus Russland vertreiben wollte. Ja, und dann gibt es noch die „ARD-AfD-Experten”, die es zwar für stinknormal halten, dass in CDU- und SPD-Bundestagsbüros seit Jahrzehnten Hunderte Familienmitglieder angestellt worden waren, es aber jetzt als „typisch rechte“ Vetternwirtschaft verbellen, wenn die geächtete AfD engere Freunde als Mitarbeiter vorzieht. Auch sowas löste bei Uwe Steimle die Unrechts-Allergie aus, die er sich seit der DDR bewahrt hat.
Die Kriegstreiber hinter und vor den Kulissen wurmt aber besonders, dass der Solokünstler jede große, meist Wochen vorher ausverkaufte Halle füllt und weit über die sechs Länder hinaus der populärste Friedenskünstler aus dem Osten war und bleibt.
Als 2016 der traditionell hoch angesiedelte „Preis für Demokratie“ aus vorgeblicher Geldnot gestrichen werden sollte, bot Steimle aus privater Tasche 5.000 Euro für dessen Fortbestand. Gleichwohl wurde dem staatskritischen Quotenbringer vom MDR „schweren Herzens“ überall gekündigt. Als er dann vom Kabarettisten und Nazi-Opfer Werner Finck dessen Programmtitel „Kraft durch Freunde“ auf sein T-Shirt druckte, war es den woken Extremismusexperten sofort klar: dieser Alt-Linke muss zum Neu-Rechten umgerubelt und aus dem gebührenfinanzierten TV getilgt werden.
Auch die populäre Sendung „Steimles Welt“ geriet aufs ARD-Schafott. Aber: die Publikumsempörung war überbordend – 50.000 unterschrieben in drei Tagen gegen das öffentlich-rechtliche Berufsverbot. Aber das Schärfste kam noch: der MDR erwiderte beleidigt, Steimle habe die ARD ja doch öffentlich kritisiert – wegen … „zu viel Staatsnähe”: Haltet den Dieb, der hat noch meinen Dolch im Rücken!
Es folgten rufschädigende Eintragungen bei Wikipedia, diesmal in altdeutscher Sippenhaft-Tradition: Vater und Mutter Steimle seien ja beim DDR-Ministerium für Staatssicherheit gewesen. Das geheimdienstlich stimulierte Wikipedia macht da bei „Putin-Freunden” keine Gefangenen. Und auch keine Differenzierung: Uwes Vater war nämlich aufgrund seiner NVA-Funktion automatisch beim MfS akkreditiert, und seine Mutter – noch feinerer Unterschied – war formal beim DDR-Innenministerium angestellt, weil sie Schreibkraft im Dresdner Staatsarchiv war.
Gleichwohl: Viele Fans des Wikipedia- und Berufsverbote-Opfers übersehen bei ihrem Protest pro Steimle dessen eigentliche Größe: sein ausgefeiltes Talent für Schauspielerei. In über 15 Jahren und in 32 Folgen hatte er bis 2009 den jugendlichen Polizeikommissar Jens Hinrich im „Polizeiruf 110“ als Chefermittler gespielt, wo seine Rollengestaltung selbst unterdurchschnittliche Drehbuch-Dialoge zu überdurchschnittlichem Leben erweckte. Und das auch – typisch „gesichert-rechtsaffiner Ossi” – in amourösen Szenen! Und zu alledem kann er auch schön singen.
Uwe Steimle ist im Privatleben passionierter Bildersammler, ohne Weiterverkaufsabsicht und Ambition auf spekulativen Wertzuwachs. In seinem Dresdner Haus im Südosten der Stadt hängen auf zwei Stockwerken echte Gemälde von Querner, Rosenhauer, Zitzmann und Uwe Pfeifer. Oft Porträts sogenannter „einfacher” Leute in ihrer poetischen Vielfalt, proletarische, bäuerliche Gesichter, wie sie ein Klassenkampf furcht, der tagtäglich um die Vorräte der Menschheit geführt wird – den aber seine Betreiber theoretisch meist gar nicht kennen. Daneben hängen verschneite Fachwerkhäuser, die nach Lebkuchen und Leberwurst duften – oder nach anderen Resultaten gebildeter Hände. Seine Wände sind voller Ausdrucke aus Irdischem von überall.
Und, so internationalistisch sind auch Steimles lokale Kunstfiguren auf der Bühne. Nur, weil wir Aufgeklärten „von heute” nicht tief genug in uns hinein nach den alten Mythen und Märchen unserer Kindheit lauschen, die unsere Vorstellungen immer noch prägen, soll ich „das tapfere Schneiderlein” ausblenden, das mir immer hinter die Augen steigt, wenn ich Steimle auf der Bühne sehe?!
Oder den Schwejk, als der er – auf den Schultern von Hasek und Brecht – grobe Macht mit aufgerissenen Kinderaugen feinsinnig unterminiert? In seinen Programmen verkörpert Steimle die Biegsamkeit der List, wenn er Worthülsen hinterfragt wie „Sondervermögen”, „Verschwörungstheorie”, „Abschreckung”, „Dissidenten”.
Und so kitzelt er einen zweiten, exakteren Sinn sogar aus Plattitüden. Zum Beispiel so: „Früher hieß es Klassenfeind. Heute heißt es Marktführer”; „Demokratie heißt heute: Man darf sagen, was man denkt. Aber man muss vorher wissen, wer zuhört”; „Die Wiedervereinigung war wie eine Ehe: erst große Liebe, dann Kontoauszug”; „Früher Planwirtschaft, heute Finanzplan – überrascht werden wir immer noch!”; „Der Ossi wollte reisen, jetzt reist er zur Arbeit”; oder: „Man nennt es heute Narrativ – früher hieß das Gerücht.”
Das kommt alles so leise und nebenbei angeflattert, mit sparsamen, weil reichhaltigen Gesten, sexy und sächsisch. „Der Sachse gibt sich nicht gern zu erkennen. Er ist fischelant, nicht greifbar, höflich, helle, heimtückisch. Nu? Nu!” So steht es auf seinem neusten Buchdeckel, hinter dem er die schönsten Pointen aus seinem Blockbuster-Blog „Aktuelle Kamera“ versammelt – auch gelegentlich mit kritischen, aber nie billig diffamierenden Darstellungen des Erich Honecker.
Uwe Steimle hat schon in der DDR – worüber die früheren Granden „not amused waren” – gerne Willy Brandt zitiert. Heute fragt er sich öffentlich, warum er das jetzt unterlassen soll: „Lasst uns ein Volk der guten Nachbarn sein” und „Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts.”
Titelbild: © Uwe Steimle





