Grundrechte in Gefahr – filmische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist

Grundrechte in Gefahr – filmische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist

Grundrechte in Gefahr – filmische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist

Ein Artikel von Eugen Zentner

In Deutschland und anderen westlichen Staaten stehen demokratische Werte auf dem Prüfstand. Spätestens seit der Corona-Krise ist zu beobachten, wie rechtsstaatliche Strukturen ausgehöhlt, Meinungsfreiheit abgebaut und staatliche Überwachung angekurbelt werden. Darauf machen nicht nur alternative Medien und Bürgerrechtler aufmerksam, sondern auch zeitkritische Künstler – ob nun Literaten, Maler, Musiker oder Kabarettisten. In den letzten Jahren sind zahlreiche Werke entstanden, die die gesellschaftspolitischen Verfehlungen auf unterschiedliche Art und Weise thematisieren – mal experimentell, mal konventionell, bisweilen anklagend, hin und wieder nüchtern. Unterrepräsentiert ist weiterhin der Film. Von Eugen Zentner.

Wer sich die Streifen der letzten Jahre anschaut, findet kaum einen, der die Dinge beim Namen nennt, kaum einen, der auf die wirklichen Probleme hinweist, kaum einen, der aus dem Einheitsbrei hervorsticht und mit einer kritischen Sichtweise überrascht. Dieser Mangel liegt in den Produktionsbedingungen begründet. Filme kosten Geld, sehr viel Geld, auch weil sich diese Kunstart aus vielen Gewerken zusammensetzt. Drehbuchautor, Regisseur, Schauspieler, Tontechniker, Kostümbildner – sie alle und nicht nur sie leisten einen Teilbeitrag, selbst der Produzent, der den Film finanzieren muss. In den meisten Fällen kann dieser nur mithilfe einer staatlichen Förderung realisiert werden. Deshalb sollte es niemanden wundern, dass so viele Kino- und Fernsehfilme ideologisch unterfüttert sind. Nicht selten kommen in ihnen die gleichen Mainstream-Narrative zum Ausdruck wie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Wer eine andere Sicht auf die Dinge präsentieren, wer beispielsweise die Corona-Politik oder die Aufrüstungsbemühungen der Bundesregierung kritisieren will, geht bei der Förderung leer aus. Dann müssen die Filme aus eigener Tasche finanziert werden, weshalb die meisten Projekte scheitern oder erst gar nicht entstehen. Gleichwohl gibt es mutige Filmemacher, die das Unmögliche versuchen. Ein solcher ist Ulrich Weinert aus Berlin. Er hat einen interessanten Weg gefunden, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf gesellschaftspolitische Missstände zu lenken. Unter seiner Regie entstehen Kurzfilme zu einigen brisanten Themen der Zeit. Ihnen vorgeschaltet sind 30-sekündige Spots, die in mehreren Kinos laufen. Deren Zweck bestehe darin, sagt Weinert, „die Zuschauer auf die Homepage zu locken, damit sie sich dort den kompletten Film anschauen und weitere Informationen zum behandelten Thema erhalten“.

Weinerts Webseite trägt den vielsagenden Namen „Freiheit vor“. Damit hebt der Filmemacher hervor, worum es ihm in seiner Arbeit im Wesentlichen geht. Wovor Freiheit geht oder steht, wird gleich unter dem Logo erklärt: vor „Bellizismus“ und „Einschränkungen von Menschen- und Grundrechten“. Wer weiter nach unten scrollt, findet die bisherigen Kurzfilme. Der Erste erschien 2022 unter dem Titel „Grundrechte“.

Geschildert wird eine nahe Zukunft, in der ein Paar abends gemütlich auf dem Sofa liegt und Besuch von zwei ‚Disziplinardienst‘-Mitarbeitern bekommt. Sie weisen den Hausherrn darauf hin, dass er noch nicht den vorgeschriebenen Regenschirm habe, der den „Schutz vor Krankheit durch Nässe“ gewährleistet. Der junge Mann lehnt dankend ab und argumentiert damit, dass er und seine Frau bei Regen einfach zu Hause bleiben. Doch die Beamten lassen nicht locker. Der vorgeschriebene Schirm muss genutzt werden, auch wenn er riesige Löcher aufweist. Denn laut Studien des Herstellers wirke er bis zu 40 Prozent.

Der knapp drei Minuten lange Film spielt auf ironische wie sarkastische Weise auf die Corona-Politik an, in deren Verlauf mit ähnlichen Methoden unzureichende Impfstoffe aufgezwungen wurden. Für Weinert war diese Zeit prägend. Wie viele Menschen empfand auch er die Einschränkung der Grundrechte als empörend. Der Staat habe in einer Weise in das Privatleben eingegriffen, die einer Demokratie unwürdig sei, sagt er. Seit dieser Zeit ist es für Weinert unübersehbar, dass die individuelle Freiheit unter fadenscheinigen Gründen Schritt für Schritt abgebaut wird.

Sein Kurzfilm geht deshalb über die Corona-Thematik hinaus und verweist darauf, dass der Staat mittlerweile immer häufiger „Schutzversprechen macht, sie aber nicht oder nicht im Interesse der Bürger umsetzt“. Vielmehr gehe es um finanzielle Partikularinteressen, um Machtpolitik und Kontrolle. Die Einschränkungen von Grundrechten und der Ausbau autoritärer Strukturen führten dazu, dass Bürger gegen ihre eigenen Interessen hintergangen würden. „Das muss hinterfragt werden“, so Weinert.

Auf diesen Aspekt spielt sein zweiter Film „Refl3xion“ an, eine Art Höhlengleichnis im digitalen Raum, das nach Platons Vorbild zu eigenständigem Denken und Befreiung animiert. Zu sehen sind zwei Protagonisten, die in einer vorgegebenen Realität gefangen sind und mit vorgefertigten Meinungen und Wertungen beschallt werden. Die Welt, in der sie leben, ist eine Schablone. Aus dieser vorinterpretierten Realität gilt es auszubrechen, so der Tenor des Films.

Viele derzeitige Strukturen müssen verändert werden, dessen ist sich Weinert sicher. Mit seinen Kurzfilmen will er das Bewusstsein dafür schärfen, er will die Zuschauer zum Nachdenken anregen und über die gesellschaftspolitischen Übel aufklären. Diese Arbeit erweist sich jedoch als nicht ganz so einfach. Weinert ist mit vielen Herausforderungen konfrontiert, obwohl er schon seit über 30 Jahren Filme macht und viel Erfahrung mitbringt. Schon während des Studiums der Theaterwissenschaften fing er an, selbstständig für das Fernsehen zu arbeiten und als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent sowohl Filmprojekte zu realisieren als auch für die Werbebranche zu arbeiten. So konnte er sich mit den Jahren ein stattliches Netz aus Kontakten aufbauen, auf das er jetzt zugreift.

Die Schauspieler für seine Filme findet er über Agenturen und Kollegen. Wichtig ist ihm, dass sie hinter dem Inhalt stehen. „Auch ihnen sollte die Stärkung der Grundrechte am Herzen liegen“, sagt Weinert. Deswegen werden die Schauspieler vor jedem Engagement genau über den Inhalt informiert. Bei seinem ersten Film machte er die Erfahrung, dass viele sich nicht trauten. Es sei schwieriger als sonst gewesen, Schauspieler zu finden, betont er. „Das Misstrauen war während der Corona-Krise besonders groß. Viele hatten Angst, sich kritisch zu äußern.“

Knapp drei Jahre später ist die Besetzung der Rollen einfacher geworden, aber es gibt immer noch reichlich Hürden. Logistik und Planung kosten viel Geld, die Postproduktion ebenfalls. „Die Arbeit an so einem Kurzfilm kann schon mal ein Jahr dauern“, erklärt Weinert. In Bezug auf öffentliche Förderungen sei die Lage „hoffnungslos, aber nicht ernst“, zitiert er den legendären Filmemacher Billy Wilder. Auch Vorführungen in Kinos seien schwierig. Dennoch ist es ihm gelungen, einige Spielstätten für sein Projekt zu gewinnen. Der Spot zu „Grundrechte“ lief in mehreren renommierten deutschen Kinos und einem in Zürich. In der Bundesrepublik hatte sich sogar eine bekannte Kette zur Aufführung bereiterklärt. Allerdings musste Weinert die unangenehme Erfahrung machen, dass der Spot wahrscheinlich wegen der anonymen Beschwerde eines Zuschauers über den Inhalt des Films in den Kinos der Kette nicht mehr gezeigt werden durfte.

Insbesondere bei Absagen von Fernsehsendern wird gerne darauf verwiesen, dass politische Werbung nicht erlaubt sei. Ob und worin sich Politisches in einem Spot zeigt, ist jedoch oftmals schwammig formuliert. Jeder legt es nach Belieben aus. Es gab in den letzten Jahren jede Menge Spots, die ebenfalls politische Werbung enthielten – nur eben die „richtige“, zumindest aus Sicht des politmedialen Establishments. „Spots diverser Organisationen könnten auch als politische Werbung ausgelegt werden“, sagt Weinert, der das Gefühl hat, dass in diesem Bereich stark nach herrschender Meinung selektiert wird. Aus diesem Grund bedauert der Filmemacher fehlenden Mut, freut sich aber umso mehr, dass er trotzdem einige Kinobesitzer findet, die keine Berührungsängste haben. Der Spot zu „Refl3xion“ soll in vielen Kinos laufen, und Weinert setzt darauf, sowohl Förderer als auch bundesweit weitere Spielstätten gewinnen zu können.

Für die Finanzierung hofft der Filmemacher auf Unterstützer und Mäzene, die sich für die gleichen Werte einsetzen. Parallel dazu will Weinert über Crowdfunding-Kampagnen Gelder einsammeln, um von Parteien oder Institutionen unabhängig zu bleiben. Seine Hoffnungen liegen darauf, dass dabei Summen generiert werden, mit denen er auch längere Spielfilme realisieren kann. In einer Zeit zunehmender Einschränkungen von Grundrechten versteht Weinert seine Arbeit als notwendigen zivilgesellschaftlichen Beitrag: „Ohne Grundrechte und Frieden ist alles nichts, sie müssen bewahrt werden, das ist meine Motivation.“

Titelbild: © freiheitvor.de

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