ESC-Motto: Musik verbindet – stimmt, würde sie ohne Ausschlüsse und Boykotte erklingen und würden Kriege endlich beendet

ESC-Motto: Musik verbindet – stimmt, würde sie ohne Ausschlüsse und Boykotte erklingen und würden Kriege endlich beendet

ESC-Motto: Musik verbindet – stimmt, würde sie ohne Ausschlüsse und Boykotte erklingen und würden Kriege endlich beendet

Ein Artikel von Frank Blenz

Der Eurovision Song Contest 2026 (ESC) findet vom 11. bis 16. Mai 2026 in Wien, Österreich statt. Feierlaune kommt nicht auf – die Zeiten sind weder feierlich, friedlich noch verbindend, obwohl der Slogan des ESC darauf abzielt: Musik verbindet. Doch nicht alle Länder, die teilnehmen könnten, sind in der Stadthalle Wien dabei, weil sie entweder ausgeschlossen sind oder die Veranstaltung aus Protest meiden. Ein Grund: weil das Teilnehmerland Israel mitmachen darf, das Teilnehmerland Russland jedoch nicht. Das sei zweierlei Maß, sagen die Kritiker. Über dem ESC liegt der dunkle Schatten der Doppelmoral. Umso verständlicher ist, dass Wochen vor der Fete internationale Musiker einen Boykott-Aufruf veröffentlichten. Richtig. Dieser Protest, die mutige Offenlegung des Zustandes unserer Welt sind Bestandteile des Schaffens derer Künstler, die die Füße nicht stillhalten und brav auf „The Show must go on“ für schöne Bilder machen. Musik ist nicht nur Kunst, sie ist auch Politik. Ein Kommentar von Frank Blenz.

Das wird kein Fest, das verbindet, weil Frieden und Händereichen out sind

Wie kann die Welt, wie kann Europa Musikfeten feiern, als würde nichts passieren wie all die Kriege, die Zerstörungen, das unsägliche, sinnlose Leid, all die Eskalation, die Militarisierung des Kontinents und darüber hinaus? Wie kann eine Show wie der ESC einfach so abgehalten werden, dass die Entscheidungsträger entscheiden, wer mitmachen darf und wer nicht, obwohl sie beteuern, dass der Wettbewerb kein politischer, sondern ein unabhängiger sei, einer, der die Menschen zusammenführt, weil Musik wunderbar verbindet? Die Heuchelei finden derzeit viele Musiker mutigerweise abstoßend. Sie protestieren wie auch mehrere Teilnehmerländer, die nicht stillbleiben. Der Deutschlandfunk meldet:

Mehr als 1100 Musikerinnen und Musiker fordern wegen der Teilnahme Israels einen Boykott des Eurovision Song Contest. Zu den Unterzeichnern des Aufrufs gehören auch Stars wie Pink-Floyd-Mitgründer Roger Waters, Ex-Genesis-Frontmann Peter Gabriel, die britische Band Massive Attack und der US-Rapper Macklemore. Mehrere Bands und Musiker, die den Aufruf mit dem Titel „No Music For Genocide“ (“Keine Musik für den Genozid”) unterstützen, beteiligen sich schon seit Jahren an Boykott-Aufrufen gegen Israel. In dem Aufruf wird ein Ausschluss des israelischen Fernsehsenders Kan vom ESC gefordert. Wegen der Teilnahme Israels boykottieren in diesem Jahr bereits die Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island die 70. Ausgabe des Musikwettbewerbs, die in Wien stattfindet.

Quelle: DLF

Über 1.000 Musiker wollen nicht mitmachen bei der Show

Über 1.000 Musiker schauen nicht weg, sie lenken den Blick auf eine Katastrophe, deren Ende nicht abzusehen ist, weil die führenden Akteure daran kein Interesse haben. Mindestens machen sie nicht mit, sie klatschen keinen Beifall und nennen Verbrechen beim Namen:

Im Mai 2026 werden wieder Millionen von Menschen den 70. Eurovision Song Contest verfolgen. Zum dritten Jahr in Folge werden wir erleben, wie Israel auf der Bühne gefeiert wird, obwohl es seinen Völkermord in Gaza unvermittelt fortsetzt. Russland hingegen bleibt wegen seines illegalen Einmarsches in die Ukraine weiterhin vom Wettbewerb ausgeschlossen. Als Musiker*innen und Kulturschaffende lehnen wir es ab, dass der Eurovision Song Contest genutzt wird, um Israels Völkermord und brutale militärische Besatzung gegen die Palästinenser*innen zu normalisieren und zu beschönigen.

Die Formulierung im Brief der Künstler sind keine aus der Feder politischer Institutionen, sie sind hart, verzweifelt, anklagend:

Wir weigern uns, still zu sein, während Israels mörderische Gewalt den Soundtrack zur gleichzeitigen Zerstörung palästinensischer Leben liefert und palästinensische Stimmen systematisch zum Verstummen gebracht werden. Wir weigern uns, still zu sein, während Kinder in israelischen Gefängnissen Prügel erleiden, weil sie eine Melodie summen. Fast jede Bühne, jedes Studio, jede Buchhandlung und jede Universität in Gaza ist nur noch Schutt und Asche, unter deren Trümmern immer noch Tausende ermordete Leichen liegen, Menschen, denen ein würdevolles Begräbnis verweigert wurde.

Quelle: nomusicforgenocoide

Die große Zahl der Protestierenden, die Länder, die nein sagen, all das ist beeindruckend wie bedrückend. Die Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island reagieren drastisch, sie schicken keine Künstler nach Wien. Was besonders schlimm für mich ist: Der Krieg in Gaza scheint aus den führenden Medienberichten nach und nach zu verschwinden. Doch ist der Krieg noch immer in vollem Gang, die Not, das Sterben, mehr noch, die Menschen im Libanon sind nun so heftig betroffen wie die Menschen in Gaza.

Und Deutschland? Was sagt der Bundeskanzler zum ESC?

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte eine ganz andere Idee in Sachen ESC. Er sprach sich für einen freiwilligen Verzicht einer Teilnahme Deutschlands aus, sollte Israel von der Teilnahme am Wettbewerb ausgeschlossen werden. „Ich halte es für einen Skandal, dass darüber überhaupt diskutiert wird. Israel gehört dazu“, sagte der Kanzler in der ARD-Sendung „Caren Miosga“. Der spanische Premierminister Pedro Sánchez führte dagegen ein anderes Argument an:

„Niemand war aufgebracht, als vor drei Jahren die russische Invasion in der Ukraine begann und Russland internationale Wettbewerbe verlassen musste und, wie wir gesehen haben, nicht am Eurovision Song Contest teilnehmen konnte. Deshalb sollte Israel das auch nicht tun, denn wir können uns keine Doppelmoral in der Kultur erlauben.“

Quelle: Musikexpress

Israel gehört dazu, andere Länder nicht. Es geht auch anders

Israel gehört dazu und andere Länder nicht – ganz gleich, was Israel macht. Solang diese Praxis gilt und Kritik an ihr diffamiert wird, bleiben Feste wie das ESC beschädigt. Ich finde, wenn wir über Teilnahme reden, dann über die für alle, eingebunden in eine ehrliche wie schonungslose Debatte bei solchen Events. Jeder Besucher weiß, dass Israel im Krieg ist, dass die USA im Krieg sind und andere Länder. Doch die Künstler aus all diesen Ländern sind es nicht, es sei denn, sie lassen sich für einen Krieg in welcher Form auch immer einspannen. Dass sie es nicht tun, zeigt mir der Brief der über 1.000 Künstler.

Und ja, es geht tatsächlich auch anders. Fern von Boykotten und Ausschlüssen kann das Händereichen gelingen, trotz zahlreicher Konflikte und Kriege. Beispiel Italien: In Venedig steigt bald die 61. Internationale Kunstausstellung, La Biennale di Venezia (9. Mai bis 22. November 2026). Die Biennale Venedig ist eine der größten internationalen Ausstellungen für zeitgenössische Kunst und Architektur, ein anerkanntes Treffen der ganzen (!) Kunstwelt. Die Liste der Teilnehmer zeigt, dass Länder, die in Konflikte und Kriege verwickelt sind, nicht ausgeschlossen werden. Beispiele: USA, Israel, Iran, Russland, Ukraine. Russland war seit 2022 nicht mehr in Venedig vertreten.

Quelle: Universes Art

Wie reagiert die EU?

Statt Signale für eine Entspannung zu honorieren, wird weiter an der Eskalationsspirale gedreht. Wegen der Teilnahme Russlands will die EU die Veranstalter der Kunstbiennale von Venedig bestrafen.

Die Kunstbiennale von Venedig muss wegen der geplanten Wiedereröffnung des russischen Pavillons mit der Streichung von Zuschüssen der EU rechnen. Das kündigte die europäische Chefdiplomatin Kallas an.

Russlands Rückkehr zur Biennale von Venedig ist moralisch falsch und die EU beabsichtigt, ihre Finanzierung zu kürzen“, sagte Kallas nach einem EU-Außenministertreffen in Luxemburg.

Quelle: DLF

Ein Frage für einen Freund: Wäre es nicht angebrachter, würde Kallas stattdessen sagen, dass die Teilnahme der USA, Israels, des Irans und Russlands an der Biennale Venedig moralisch falsch sei?

Titelbild: zef art / Shutterstock

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