Angeblich gibt es eine „Wende“ im Ukrainekrieg und hierzulande wird es teils indirekt begrüßt, dass ukrainische Drohnen in Russland einschlagen. Doch diese kaum verhohlene Freude ist nicht angebracht, denn damit beklatscht man die eigene Gefährdung: Je mehr Russland unter Druck geraten sollte, umso mehr können völlig unberechenbare Entwicklungen in Gang gesetzt werden. Wer die Sorge vor einem real näherrückenden Atomkrieg lächerlich macht, ist nicht mutig, sondern ein skrupelloser Lobbyist. Ein Kommentar von Tobias Riegel.
Das „Blatt wendet sich für die Ukraine“, behauptet aktuell nicht nur Ursula von der Leyen – und natürlich fordert sie im gleichen Atemzug noch mehr „Hilfe“ für das Land. Außerdem heißt es momentan auf allen Kanälen, die „Expertise“ der Ukraine bei ihrer „revolutionierten Kriegsführung“ sei nun international gefragt und das Land entwickele dauernd „neue Fähigkeiten“.
Da ist bestimmt auch viel Wunschdenken und Propaganda dabei, aber: Die aktuellen Drohnentreffer in Russland sprechen doch eine starke, zumindest symbolische Sprache. Dass die auch auf NATO-Technik gestützten Ukrainer solche symbolischen oder möglicherweise auch militärisch relevanten Erfolge dann auch feiern, ist selbstverständlich (Selenskyj: „Moskau wird brennen“). Viel weniger verständlich ist aber, wenn hierzulande teils indirekt in diese Freude eingestimmt wird. Denn es ist überhaupt keine gute Nachricht für unsere Sicherheit, wenn Russland zunehmend militärisch unter Druck gerät.
Schwelle zum russischen Atombombeneinsatz wurde kürzlich gesenkt
Muss man denn wirklich daran erinnern, dass Russland eine Atommacht ist, die zusätzlich die Schwelle eines Atombombeneinsatzes kürzlich gesenkt hat, wie Medien berichtet haben? Neu ist laut diesen Berichten beispielsweise, dass Moskau die Aggression eines nichtnuklearen Staates, der aber von Atommächten unterstützt wird, als gemeinsamen Angriff auf Russland wertet. Das muss man nicht gut finden, aber man muss es sich doch einmal klarmachen und diese Tatsache dann in sein diplomatisches Handeln einpreisen.
Wer das nicht tut, nimmt uns alle als Pfand für eine gefährliche Wette auf die russische atomare Zurückhaltung. So, wie das momentan viele deutsche Politiker und Journalisten machen. Dabei ist klar: Wer die Sorge vor einem real näherrückenden Atomkrieg lächerlich macht, ist nicht mutig, sondern ein Idiot – oder besser: ein skrupelloser und zielgerichteter Lobbyist für eine zerstörerische Politik und gegen unsere Interessen. Dass genau diese Leute dann Kritiker als „nützliche Idioten“ Russlands diffamieren, kommt noch hinzu.
Dass man mit der Warnung vor russischen Atomwaffen aber die eigenen Interessen schützt und nicht die Russlands – solche Selbstverständlichkeiten wurden erfolgreich mit Propaganda zugeschüttet. Das bezieht sich auch auf andere Ebenen, etwa den Energiehandel. Auch hier wird die Forderung nach Handel mit Russland oft als Liebesdienst für Moskau bezeichnet, obwohl damit eindeutig die eigenen Interessen wahrgenommen würden.
Russische Extremisten in Wartehaltung
In diesem Artikel habe ich gerade geschrieben, dass die „Bedrohungslüge“ der deutschen Militaristen, Russland wolle/würde im Jahr 20XX die NATO angreifen, nach allen seriösen Kriterien wie Militärbudgets etc. weder Hand noch Fuß hat. Dieses Aussage muss man nicht einschränken, aber es gibt natürlich trotzdem Szenarien, in denen Russland NATO-Staaten angreifen könnte, weil diese die in der Atomdoktrin genannten Kriterien verletzen oder auf anderen Wegen eine dramatische russische Reaktion (aus Sicht der Russen) „unausweichlich“ machen. Auch hier gilt: Das muss man nicht begrüßen, aber man kann die reale Gefahr doch auch nicht einfach ignorieren. Es müsste mäßigend auf die Ukraine eingewirkt werden – doch unsere Politiker reagieren lieber mit weiterer „Hilfe“ für die Hasardeure in Kiew.
Eine Tragik des durch westliche Geopolitik und ukrainische Ultranationalisten provozierten Ukrainekriegs: Der Krieg hätte im Vorfeld leicht verhindert werden können. Und selbst nach dem russischen Einmarsch hätte man ihn sehr wahrscheinlich schnell beenden können, wenn es nicht westliche Interventionen dagegen gegeben hätte (etwa in Istanbul).
Das alles soll die konkreten russischen Kriegshandlungen nicht pauschal rechtfertigen und dass Russland umgehend einen Waffenstillstand ausrufen soll, habe ich mehrfach geschrieben. Aber eine Verständigung mit Russland ist ja keine Unterwerfung unter das Land und auch keine Übernahme „russischer Verhältnisse“. Außerdem sollte man sich dringend mit den Realitäten innerhalb Russlands auseinandersetzen, bevor man sich etwa einen Sturz des russischen Präsidenten Wladimir Putin wünscht. Hinter Putin warten ja nicht etwa Kriegsgegner mit großer Gefolgschaft in der Bevölkerung – viel wahrscheinlicher ist, dass dann Extremisten an Einfluss gewinnen würden, die schon lange fordern, dass Russland einen viel härteren Kriegskurs fahren soll.
Putin ist (gleichzeitig) „verrückt“ und „zögerlich“
Bei der Frage, wie real die Gefahr eines russischen Einsatzes von Atomwaffen ist, offenbart sich einer der großen Widersprüche der hiesigen Propaganda: Einerseits wird Wladimir Putin oft als das irrationale Böse schlechthin dargestellt, der nicht zögern würde, „die Ukraine zu vernichten“. Andererseits wird ihm dann bei der Atomfrage aber doch so viel Vernunft und Berechenbarkeit (oder gar Zögerlichkeit) unterstellt, dass man aktuell Risiken „übernimmt“, die für verantwortungsvolle Politiker schlicht nicht zu übernehmen wären.
Selbst wenn die Wette auf die russische Zurückhaltung bei Atomwaffen am Ende „gewonnen“ werden sollte: In unserem ureigensten Interesse verbietet es sich bereits, dieses Risiko einzugehen.
Titelbild: Screenshot/ARD






