Deutsche Bellizisten, Unternehmer, Politiker, Patrioten und Freunde der kriegsertüchtigenden Zeitenwende hierzulande werden bei derlei Nachrichten eifrig Beifall klatschen: Ein superreicher Tscheche kauft ein Werk in Sachsen, um dort brisante Produkte herzustellen: Sprengstoff und Munition. Die führenden Medien begleiten die Entwicklung wie immer mit Wohlwollen, fern von Bedenken und ohne Fragen zu stellen. Sie verkaufen das Projekt als eines mit Zukunft. Was sollte auch dagegensprechen? Arbeitsplätze würden geschaffen, massiv in den Standort nahe Bautzen investiert und das Ganze dann noch von einem der reichsten Tschechen auf den Weg gebracht. Dreifacher Jubel. Ein Hoch auf die deutsch-tschechische Freundschaft in Zeiten ungebremster Aufrüstung, in einer Phase des unsäglichen Umbaus der Zivilgesellschaft. Gegenfrage: Soll das wirklich unsere Zukunft sein? Damit nicht genug: Militaristische Tschechen erschaffen hier Waren mit Sprengkraft, und im eigenen Land an der Moldau werden durch die reaktionäre Politik die Daumenschrauben für männliche ukrainische Flüchtlinge angezogen. Die sollen gefälligst an die Front. Passt dann ja: Personal in den Krieg und dazu Patronen aus Bautzen, made in CZ. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.
Eine fragwürdige Zukunft mit Sprengkraft
Was waren das mal für friedliche, unberührte Zeiten. Früher habe ich mich immer gefreut, wenn tschechische Produkte, Werte, schöne Sachen, Kunst und Kultur unser Leben in Deutschland bereichert haben. Märchenfilme, Pan Tau, Karel Gott und seine epischen Lieder, Bleikristall, Škoda, Knödel, das berühmte Bier aus Plzeň. Bis heute ist das Nachbarland ein Sehnsuchtsland, eines, in dem es sich gut aushalten, reisen und leben lässt. Dachte ich immer. Umso irritierter und wieder einmal ernüchtert in meiner naiven Zuneigung war ich beim Lesen des Artikels „Tschechische Rüstungsfirma übernimmt Werk in Sachsen“ in der Freien Presse Chemnitz.
Und ja, Tschechien ist eben auch ein Land der Rüstung, eines mit einer langen „Tradition“ als Waffenschmiede, ein Land, dessen Präsident ein ehemaliger NATO-General ist, der keine Gelegenheit auslässt, seinen Russenhass zu verbreiten, der dazu aufruft, den USA brav zu folgen und die zivilen Ressourcen für den transatlantischen Wahnsinn zu opfern. Wer widerspricht, gilt als unpatriotisch, putinnah usw.
Neben der Freien Presse Chemnitz nahm sich auch der öffentlich-rechtliche TV-Sender MDR des Themas an. In beschämender Eintracht vermittelten sie dem Publikum die Neuigkeit „Sprengstoff-Munitions-Projekt made in CZ“ als eine gute, eine blühende, perspektivstiftende Entwicklung.
Eine tschechische Rüstungs- und Technologiefirma will im Landkreis Bautzen künftig Sprengstoff und Munition produzieren. Wie die Czechoslovak Group (CSG) mitteilte, hat sie den Standort Gnaschwitz vom Sprengstoffhersteller und Zündtechnikexperten Maxam übernommen. Demnach plant das Rüstungsunternehmen dort, Nitroglycerin und verwandte Stoffe sowie perspektivisch auch Munition herzustellen. In einem ersten Schritt sollen dafür 100 Millionen Euro investiert und bis zu 125 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
Medien lassen Bedenken und Fragen außen vor, Manager feiert Versorgungssicherheit
Bedenken seitens der Medien? Fehlanzeige. Kritische Einwände, nicht zustimmende Zitate? Fehlanzeige. Was zählt, ist: Sprengstoff und Munition made in CZ, produziert auf deutschem Boden. 125 neue Jobs, ein reicher Tscheche, Eigner des Konzerns Czechoslovak Group (14.000 Mitarbeiter), der ordentlich die Geldbörse öffnet, um ein sächsisches Werk zu modernisieren, auf dass, wie der leitende CSG-Manager sagt, die Übernahme des Standorts Gnaschwitz bei Bautzen zur „Versorgungssicherheit und Widerstandsfähigkeit der europäischen Verteidigungsindustrie“ beitrage. Und ja, bei dem fortwährenden, ungebremsten Feuern und dem Am-Laufen-Halten des Krieges wird halt sehr viel Nachschub gebraucht. Die Kasse klingelt, der Rubel – Pardon, der Euro und/oder Dollar – rollt.
Rüstungsriese aus Prag expandiert in der Welt, Produkte des Grauens, Kurs steigt
Die CSG befindet sich auf dem Vormarsch, um im militärischen Wortsinn zu bleiben. Laut Medien hat die CSG-US-Tochter MSM North America mit dem Bau eines Future Artillery Complex am Standort Iowa Army Ammunition Plant begonnen. Großkalibrige Munition für die US-Armee wird dort hergestellt. Der tschechische Investor ist nun auch an dem Unternehmen North Vector Dynamics in Kanada beteiligt, das Flugkörpersysteme und Hyperschalltechnologie entwickelt.
Der Aktienkurs reagierte deutlich: Am Donnerstag schloss das Papier mit einem Plus von 7,37 Prozent bei 19,44 Euro. Der jüngste Anstieg reiht sich in eine Serie starker Wochen ein.
CZ – Munition aus Sachsen, Flüchtlinge in Tschechien an ihre Militärpflicht erinnert
In Sachsen und Tschechien jubeln die Profiteure und Gefolgschaften über diese militaristischen Entwicklungen. Passend dazu erscheint dann die neue Ausrichtung der tschechischen Politik, eng verwoben mit der Europäischen Union, die die Interessen der ukrainischen Regierung vertritt: Tschechien ändert das Prozedere bei Anträgen auf Schutz männlicher Staatsbürger aus der Ukraine. In den Medien heißt das so:
Wehrpflichtige müssen künftig nachweisen, dass sie ihre militärischen Pflichten erfüllt haben oder die Ukraine legal verlassen durften.
Den Schutzstatus erlangen Flüchtlinge nicht, wenn sie militärischen Pflichten unterliegen, deren Erfüllung nicht nachweisen können und keine Ausreisegenehmigung vorlegen können. Soll heißen: Ab an die Front! Die EU und hier konkret Tschechien kommen den Forderungen der Ukraine nach. Das Verteidigungsministerium fahndet derzeit nach zwei Millionen Wehrpflichtigen, die nicht in den Krieg ziehen wollen.
Tschechien hat die Voraussetzungen für die Gewährung des vorübergehenden Schutzes für ukrainische Staatsbürger verschärft. Betroffen sind Menschen, die nach ukrainischem Recht militärischen Verpflichtungen unterliegen und bei der Antragstellung weder deren Erfüllung noch eine offizielle Ausreisegenehmigung nachweisen können. Ein Lichtblick in all der Dunkelheit ist, dass die 400.000 Flüchtlinge, die schon in Tschechien sind, von der Maßnahme nicht betroffen seien.
Tschechischer Minister findet das gut
Anstatt sich für Diplomatie zu entscheiden und als kleines Land zu vermitteln, zündelt die politische Klasse in Prag. Einer von ihnen, Innenminister Lubomír Metnar, betonte, dass die Regierung sich bereits seit Längerem dafür einsetze, ukrainische Wehrpflichtige nicht ins Land zu lassen.
Zweifelhafte Tradition eines kleinen Landes
Zurück zu meinem Tschechien, meinem friedlichen Nachbarland, durch das ich gerade wieder mit dem Fahrrad unterwegs war. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Mehrheit der einfachen Bürger die gegenwärtige Entwicklung gutheißt, sich nach dieser Art Versorgungssicherheit sehnt, geflüchtete Ukrainer an die Front schicken oder den Krieg mithilfe tschechischer und internationaler Munition am Laufen halten will. Ich habe nicht ein Gespräch mit Freunden geführt, in dem Beifall dafür gezollt wurde, dass unser Kanzler Merz den bellizistischen Fanatismus der tschechischen Elite lobt, die sich auch mit geheimen Netzwerken einen Namen macht, um Munition an die Front in der Ukraine zu schmuggeln.
Titelbild: Spech / Shutterstock





