Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLV – „Goldgräberstimmung“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLV – „Goldgräberstimmung“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLV – „Goldgräberstimmung“

Leo Ensel
Ein Artikel von Leo Ensel

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es vor allem um die „Goldgräberstimmung“ in der deutschen Rüstungsindustrie. Von Leo Ensel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Battle-Management-Systeme
„Der Bundesverteidigungsminister sagte ferner, zudem werde sich die Bundeswehr im zweiten Halbjahr ‚sehr intensiv‘ mit ukrainischen Battle-Management-Systemen beschäftigen – also mit Software, die bei der Planung, Ausführung und Überwachung militärischer Einsätze verwendet wird. ‚Es ist denkbar, dass wir ein solches Battle-Management-System ergänzend bei uns einführen‘, sagte Pistorius.“ – Battle-Management-Systeme: Systeme, die Battles managen …

Defence Readiness Omnibus-Paket
Das hat die EU-Kommission Ende September 2025 vorgelegt. Es soll „Genehmigungen beschleunigen und den europäischen Verteidigungsmarkt integrieren“. Ziel ist es, die Europäische Union zu einem „imperialen Akteur“ (sic!) zu machen. – So macht der Omnibus die EU ready for defence. (No: for imperial action!)

echte Geschäftsmöglichkeit
„Die ganze Welt sieht, dass der ukrainische Soldat wirklich stark und wirklich erfahren ist. Unser Sicherheitsexport – nach diesem Krieg und für Veteranen – muss zu einer echten Geschäftsmöglichkeit [a real business opportunity] werden.“ Versprach Wolodymyr Selenskyj kurz vor dem Jahrestag des Weltkriegsendes 2026 seiner Bevölkerung. Denn: „Das ist richtig und gerecht: damit unser Staat weiterhin ein globaler Akteur sein kann und damit ukrainische Soldaten von den beispiellosen Erfahrungen profitieren können, die sie bei unserer Verteidigung gesammelt haben. Das Innenministerium der Ukraine, die Geheimdienste, zuständige Regierungsbeamte und das Team des Präsidialamtes bereiten den rechtlichen Rahmen für das vor, was weltweit als ‚militärische Unternehmen‘ bekannt ist.“– Der ökonomische Masterplan für die Nachkriegsukraine: Export erfahrener Krieger! (Die sonst, wie zu Beginn der Weimarer Republik, als Freikorps im Lande herumvagabundieren würden.) (vgl. „Kriegskompetenz“, „Militärdienstleister“)

Goldgräberstimmung
„In der deutschen Rüstungsindustrie herrscht gerade Goldgräberstimmung. Doch die Mischung aus Aufrüstung, Wirtschaftskrise und erstarkendem Rechtsextremismus weckt bei unseren Nachbarländern unangenehme historische Erinnerungen.“ Konstatierte Stephan Detjen – diesmal durchaus zutreffend – am 14. Juni im Deutschlandfunk. Die deutsche Armee (mal wieder) „zur stärksten konventionellen Armee in Europa“ zu machen, das schmeckt nicht all unseren Nachbarn. (Vor allem, wenn Kanzler Merz obendrein auch noch das deutsch-französisch-spanische Flugzeugprojekt FCAS platzen lässt!) „Die beunruhigende Frage“, die Detjen völlig zu Recht stellt, „ist deshalb auch, wie in Zukunft einmal ein Ausstieg aus der jetzigen Aufrüstungsdynamik gelingen soll. Kann eine nach Wachstum hungernde Industrie jemals wieder auf Diät gesetzt werden?“ Ja, genau Herr Detjen, das ist hier die Frage! (Bis jetzt kam nach jedem Gold Rush noch immer der entsprechende Katzenjammer.) – Peinlicher Nebeneffekt für den DLF-Journalisten: „Wer diese Fragen stellt, riskiert in der gegenwärtigen Stimmung, als naiver Pazifist diskreditiert zu werden.“ (vgl. „Fingerspitzengefühl“, „Unbehagen“)

Inspirationsquelle
„Die Gegenreaktion war heftig. Rheinmetall entschuldigte sich laut Economist umgehend und bezeichnete die ukrainische ‚Innovationskraft und den Kampfgeist‘ als ‚Inspirationsquelle‘.“ Weiß die Berliner Zeitung zu vermelden. – Was war geschehen? Armin Papperger, Chef des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, hatte Ende März in einem Interview mit dem Magazin The Atlantic die ukrainische Drohnentechnologie mit „Lego spielen“ verglichen, die – das schlägt dem Fass den Boden aus! – auch noch von „Hausfrauen“ mit „3D-Druckern in der Küche“ hergestellt werde. Heimarbeit à la schlesische Weber im 19. Jahrhundert. – Was sich die sich gerade „vom Bittsteller zum strategischen Partner“ entwickelnde, selbstbewusste Ukraine natürlich nicht bieten ließ und prompt die betreffende, kleinlaut zurückrudernde Ehrenerklärung erzwang. (Schließlich liegt, wie von der Berliner Zeitung genüsslich vermerkt, Pappergers eigenes Skyranger-Drohnenabwehrsystem für die Bundeswehr mindestens 16 Monate hinter dem Zeitplan zurück!) Kurz: Es lebe die „Praxisnähe“! (vgl. „Sicherheitsbroker“)

Investition in die Zukunft
Die Rede ist von privaten Bunkerbauten in den USA. „Los geht‘s bei 75.000 Dollar für die Grundausstattung. Im Schnitt geben die Kunden eine halbe Million aus. Der versteckte Eingang soll Extra-Sicherheit vor unerwünschten Besuchern schaffen. Solch ein Luxusbunker kann Millionen kosten. Das Notfall-Prepping der Reichen – die Firma verkauft es als ‚Investition in die Zukunft‘: ‚Wenn Sie sowas kaufen, kaufen Sie es für mehrere Generationen. Sie können ihnen etwas hinterlassen!‘“ (Zusätzlich zur verstrahlten Umwelt.) Berichteten kostbare drei Minuten und acht Sekunden lang am Karfreitag 2026 die Tagesthemen. – „Let me die in my footsteps/ Before I go under the ground“, sang dagegen – lang, lang ist‘s her – mal jemand vor über 60 Jahren in den Sechzigerjahren. (vgl. „Schutzraum“, „Vermächtnis“, „Vorsorge“)

Kriegswirtschaft
„Wir müssen endlich in eine Art Kriegswirtschaft [warum eigentlich ‚in eine Art‘?], wir müssen endlich die Industrie stärken!“ Forderte bereits im Januar 2023 – ein Dreivierteljahr vor Boris Pistorius‘ berühmtem K-Wort – der Avantgardist der Aufrüstung und Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst André Wüstner. Aber erst zweieinhalb Jahre später ließ die Bundesregierung dem in Gestalt des neuen Planungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetzes (BwPBBG) Taten folgen. Und das, obwohl der Russe bereits „heute Abend“ vor der Tür stehen könnte …!

neues Geschäftsfeld Defence
Neue Wachstumsbrache für die großen Autokonzerne, andere klassische Branchen und immer mehr Mittelständler, deren Umsätze in der (selbst verschuldeten) größten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik gerade wegbrechen. Kurz: Das neue deutsche Wirtschaftswunder –schuldenfinanziert!

Preis des Friedens (Price for Peace)
Nicht zu verwechseln mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels oder gar mit dem Friedensnobelpreis! „Wir müssen den Preis für den Frieden zahlen, um die Kosten des Krieges zu vermeiden.“ („We need to pay the price for peace, to avoid the cost of war.“) Diesen zauberhaften Chiasmus verdanken wir dem Verteidigungskommissar der Europäischen Union, Andrius Kubilius. Ein Friedenspreis, der sich für die nächsten zehn Jahre auf rund sieben Billionen (eine Zahl mit zwölf Nullen) Euro summiert!

Siegfähigkeit
„Die Luftwaffe muss für den Verteidigungsfall auf Siegfähigkeit ausgerichtet werden“, postulierte tollkühn Generalleutnant Holger Neumann am 23. November 2025 im Spiegel. Und wendete so den berühmten Spontispruch „Seid realistisch, fordert das Unmögliche!“ elegant ins Kriegstüchtige. Keine Frage: So werden wir der Atommacht Russland zeigen, was eine Harke – ähh: F-35 – ist!

Verteidigungsinnovation (made in Germany)
Kein Hightech-Start-up, sondern Panzer, Drohnen und Cyberkrieg im hippen Verpackungsdesign. Auf „Mission 2044“ vernetzen sich Mittelstand und Familienunternehmen „mit den Köpfen, die die Zukunft der Verteidigungsinnovation gestalten“. Kurz: Innovation fürs Töten, digital, ökologisch-korrekt, steuerlich absetzbar. (vgl. „Verteidigungsmarkt“)

viel zu langsam
Rüstet Deutschland laut Kieler „Institut für Weltwirtschaft“ gegen die „russische Bedrohung“ auf: „Um Militärbestände von vor 20 Jahren zu erreichen, bräuchte Deutschland beim aktuellen Beschaffungstempo bis zu knapp 100 Jahre.“ So ist man, wie die Headline moniert, erst „Kriegstüchtig in Jahrzehnten“. – Mit den neuen Beschlüssen des letzten NATO-Gipfels ändert sich das aber Gott sei Dank! Nicht nur mit Hilfe der vom Institut im Herbst 2024 noch geforderten jährlichen 100 Milliarden Euro. Angepeilt sind nun: 118 Milliarden (2026), 129 Milliarden (2027), 145 Milliarden (2028) und bis zu 162 Milliarden (2029). Bis 2035 soll die Fünf-Prozent-Marke erreicht werden – das wären 225 Milliarden Euro jährlich, fast die Hälfte des heutigen Bundeshaushalts. Ob das für die Kieler demnächst immer noch zu langsam ist? (vgl. „schnellstmöglich“)

Wiederaufrüstung
Laut Guntram Wolff vom Brüsseler Thinktank Bruegel ist der „Gesamtzustand der deutschen Wiederaufrüstung“ bekanntlich leider katastrophal. – By the way: „Wiederaufrüstung“, „Wiederbewaffnung“ … Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? „Mit dem rasant ansteigenden Militärhaushalt ging eine enorme Staatsverschuldung einher.“ Das galt natürlich – tiefste Vergangenheit! – nur für den „Wiederaufbau“ der Wehrmacht. (vgl. „Armutszeugnis“)

zukunftsichernd
Ist laut Kriegstüchtigkeitsminister Boris Pistorius die Entscheidung der Bundesregierung, beim deutsch-französischen Rüstungsproduzenten KNDS „einzusteigen“, sprich: Anteile zu erwerben. – Merke: Waffen sichern die Zukunft! (vgl. „Investition in die Zukunft“)

Zumutungen
„Das Problem ist: Jede echte Reform bringt Zumutungen mit sich. Wir brauchen eine politische Führung, die die Kraft aufbringt, der Bevölkerung zu erklären, warum wir diese Zumutungen akzeptieren müssen.“ So Bundespräsident a. D. Joachim Gauck (Bruttopension mindestens 23.000 Euro pro Monat) am 28. Juni im Interview mit der Welt am Sonntag. – Lieber Herr Gauck, das kann ich auch erklären: Die „Zumutungen“ – schon das Wort in diesem Kontext ist eine Zumutung! – sind ‚notwendig‘ (ohne die Not zu wenden), weil Kanzler Merz „whatever it takes“ für die Rüstungsindustrie erklärt und uns gleich schon mal einen, „Sondervermögen“ getauften, billionenschweren Schuldenberg aufgedrückt hat. (vgl. „bereit, Opfer zu bringen“, „empfindliche Nachteile in Kauf nehmen“)

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

Titelbild: TSViPhoto/shutterstock.com

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