Wahlkampf-Höhepunkt in Sachsen-Anhalt – mit Wirkung bundesweit

Wahlkampf-Höhepunkt in Sachsen-Anhalt – mit Wirkung bundesweit

Wahlkampf-Höhepunkt in Sachsen-Anhalt – mit Wirkung bundesweit

Ein Artikel von Udo Fröhlich

Das Festival der Meinungsfreiheit stand unter keinem guten Stern. 60 Prozent Regenwahrscheinlichkeit, und das für ein ganztägiges Open-Air-Programm von 11 bis 19:30 Uhr – noch dazu zum Höhepunkt des Wahlkampfes zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Ein Programm fast durchgängig im Halbstundentakt. Was kann da Substanzielles geboten werden für einen politischen Ur-Kiesel der Siebzigerjahre, zudem – heute – aus dem fernen Schleswig-Holstein? Es kam erstens anders und zweitens als ich dachte. Ein Erfahrungsbericht von Udo Fröhlich.

Ich bin nach zwei Jahren, sagen wir mal gutmütig „Reifezeit“, seit Ende Februar dieses Jahres Mitglied beim BSW. Die Aussicht in Magdeburg, mir bei Regen Wahlkampfreden anzuhören, hatte mich nicht gereizt. Zu bedenken war ja die lange Anreise aus Bad Segeberg in Schleswig-Holstein. Allein der Solidarität wegen? Damit die Hütte voll wird?

Was mich dann doch dazu brachte, zusammen mit meiner Frau gen Magdeburg zu reisen, das waren die Gelegenheiten. Schließlich gäbe es etliche Referenten live zu erleben. Sie galt es zu kontaktieren, als potenzielle Referenten für meine eigentliche ehrenamtliche Leidenschaft. Schließlich organisiere ich von Anbeginn an NachDenkSeiten-Gesprächskreise, zuerst für ganz Schleswig-Holstein, dann in Hamburg und Südholstein, aktuell nur noch rund um Bad Segeberg. Außerdem – wir waren bisher noch nicht in Magdeburg.

Dazu kamen Interessenten für eine Gesprächskreis-Neugründung im Raum Erfurt, die zwecks Erfahrungsaustauschs mit mir ins Gespräch kommen wollten. Sie hatten von mir als Organisator der bisherigen Bundestreffen der NDS-Gesprächskreise gelesen und waren mit Caravan zum Festival angereist. Markus, Anita und Sohn Elias, fünf Jahre. Er war mit Sicherheit der jüngste Festivalbesucher am Sonntag und – so viel sei jetzt schon bestätigt – wie eigentlich alle ganztägig bester Laune.

Außerdem ergab sich die Gelegenheit, in Magdeburg einen Journalisten zu treffen, der Tage zuvor einen Artikel zur Strategie des BSW beim Overton Magazin veröffentlicht hatte. Eine Debatte zum Thema halte ich nach den Wirren um Thüringen und Brandenburg im BSW lange schon für überfällig. Und wenn der Autor im Hamburger Umfeld lebt, dann hat er es gegebenenfalls zu einer Live-Debatte in Schleswig-Holstein nicht weit. Reisekosten senkend, an so etwas muss man denken, wenn es ehrenamtlich zugeht.

Beide Gespräche konnte ich bereits am Tag vor dem Festival in Außenbereichen zweier Cafés der Magdeburger Innenstadt führen. Beim abendlichen „Strategiegespräch“ stießen noch BSWler aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachen dazu, was zwecks Fortsetzung des länderübergreifenden Dialogs beinahe zur Gründung einer „AG Flair“ geführt hätte. „Flair“, weil das Café so heißt und „Magdeburger Kreis“ seitens der SPD bereits negativ besetzt ist, Zwinkersmiley.

Von wegen Regen ist angesagt: gut 22 Grad selbst zu abendlicher Stunde. Für mich jedenfalls hatte sich die Reise 15 Stunden vor Beginn des Festivals bereits gelohnt. Ich fühlte mich jetzt schon wie das tapfere Schneiderlein – mit einer Reise gleich mehrere Anliegen erledigt.

Am Sonntag dann – ohne angemeldet zu sein – vom elbenahen Parkplatz zu Fuß hinauf zur Feste Mark: früher eine ehemalige „Defensivkaserne“ der Festung Magdeburg. „Defensiv“ klingt schon ganz gut, ein „Zentrum für Kulturveranstaltungen“ klingt aber heute noch besser. So wird die Anlage samt fast komplettem Ringgemäuer heute genutzt. Und was für eine eindrucksvolle Atmosphäre vermittelt diese Anlage mit modernen Bühnen und einem textilen Regenschirm, wahlweise Sonnendach, von 30 Metern Durchmesser. So umringt und behütet, waren alle Voraussetzungen für eine eindrucksvolle Veranstaltung gegeben.

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BSW-Festival der Meinungsfreiheit in Magdeburg: Alle Podiumsgespräche und Vorträge im Re-Live!

„Beim Gongschlag war es ungefähr elf Uhr“ und die Chose begann. Ausgestattet mit dem Teilnehmer-Armbändchen ohne wirkliche Berechtigungen und einigem Info-Material, stiegen wir vom kontrollierten Zugang hinab in die Politarena. Im Blickfeld eine alles dominierende große Bühne, auf die hin etwa 1.500 Stühle ausgerichtet waren – und nur noch wenige Stühle davon frei. Rundherum Versorgungs-, Bücher und BSW-Stände, an denen sich Hunderte ebenso aufhielten wie auf der Liegewiese, halb Hangwiese, halb Sandstrand.

Was sich danach mit einem Dutzend Akte, neudeutsch Panels, auf der Bühne entfaltete, das war respektabel und strafte meine Sorge um Wahlkampf-Rhetorik Lügen. Zwar erinnerten die beiden Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Dr. Claudia Wittig und Thomas Schulze, bei ihren Zwischenmoderationen an den schweren Urnengang am kommenden Sonntag, ohne extra darauf hinweisen zu müssen. Sie moderierten launig und voller Zuversicht, jedenfalls wirkten sie so auf mich.

Doch gleich mit dem ersten „Panel“ wurde es ernst. Die Corona-Politik wurde mit Paul Schreyer, Bastian Barucker und Tom Lausen souverän und beschlagen auseinandergenommen. Von diesem Moment an war klar: Hier geht es heute nicht um Slogans, es geht um Klartext.

Mit Auszügen aus ihrem Programm „Testzentrum“ sorgten Autorin Christine Prayon und Schauspielkollegin Felicia Binger für kabarettistische Entspannung. Vor allem Prayons gekonnte Parodie des Ex-Ministers ‚Klabauterbach‘ begeisterte das Publikum. Für meine Frau und mich war es ein Wiedersehen, weil beide auf der Hamburger Bühne des Rudolf-Steiner-Hauses im Dezember 2024 Gäste des NDS-Gesprächskreises waren, zugleich der letzten von mir verantworteten GK-Veranstaltung in Hamburg. Später waren sie Gäste der NDS beim Pleisweiler Gespräch.

Das Publikum erwies sich als äußerst aufmerksam und bereit für einiges mehr. Vor der Mittagspause resümierte mit gewohnt launigen, aber gleichwohl präzisen Darlegungen Prof. Stefan Homburg seine persönlichen Erfahrungen von „Zensur und politischer Verfolgung“.

Im Nachhinein bin ich noch immer angetan von der Art und Weise, wie nach Homburg auch der Künstler Simon Rosenthal und der Galerist Steffen Peter ihr nicht minder brisantes Thema „Justizterror gegen kritische Kunst“ präsentierten. Nie rückwärts gerichtet Beschwerde führen, stets mit aufrechtem Gang und klarem Blick nach vorne.

Eine sehr ermutigende Veranstaltung, meinten meine Freunde aus Rostock, Hamburg, Bremerhaven und auch Frankfurt am Main, die ich in Magdeburg getroffen habe.

Es zeigte sich schon zur Halbzeit des Festivals, dass keineswegs die allerorten in der Republik thematisierte Angst vor Denunziation und Repression die Stimmung beherrschte, sondern ein selbstbewusstes „Nicht mit uns!“ die vorherrschende Botschaft aus Magdeburg sein würde.

Souverän von Sevim Dagdelen moderiert, schlugen die Journalisten Norbert Häring und Aya Velázquez sowie der Anwalt Markus Haintz mit ihren Erfahrungen mit „staatlich gelenkter Meinungsmache“ in dieselbe Kerbe. Waren es bei Häring seine Recherchen zu den mit Millionenbeträgen instrumentalisierten sogenannten NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen), bei Velázquez die Informationen aus den geleakten RKI-Protokollen, so berichtete Haintz aus seiner anwaltlichen Erfahrung im Umgang mit Behörden. Es waren allesamt erschreckende Zustandsbeschreibungen.

Einen echten Höhepunkt erreichte die Aufmerksamkeit im Publikum, als Journalistin und Publizistin Gabriele Krone-Schmalz zum Thema „Russland verstehen verboten?“ vortrug. Fast vierzig Minuten scharfe Analyse und am Ende stehender Applaus für die TV-Legende, die man trotz Dokus von ihr und über sie mit Rekordsehbeteiligung heute im TV schlicht versucht, vergessen zu machen.

Neugierig folgte das Publikum den Schilderungen zur perspektivischen Verarmung, beinahe Selbstgleichschaltung, deutscher Universitäten. Mit Ulrike Guérot und Patrik Baab war das „Panel“ auch prominent besetzt. Das Publikum weiß offenkundig nicht nur um deren Rauswürfe aus den Unis in Bonn (Guérot) sowie Berlin und Kiel (Baab), sondern versteht dies auch als Teil einer Art „Säuberung“. Der Beifall des Publikums kann nur als herzliche Zuneigung zu diesen Gallionsfiguren der kritischen Seite dieser Republik gewertet werden, so mein Eindruck.

Nach Corona-Aufarbeitung, Justizbeobachtung, NGO-Enttarnung und Russland-verstehen-müssen stand das Meta-Thema Medien auf dem Programm. Noch immer – fünf Stunden nach Beginn der Veranstaltung – war das Publikum konzentriert. Es lauschte Alexander Teskes Lesung aus seinem Buch „Inside Tagesschau“. Er traf mit seiner Textauswahl den Nerv der etwa 2.000 Zuhörerinnen und Zuhörer.

In einer von Michael Lüders knackig anmoderierten Runde menschelte es. Flavio von Witzlebens Schilderung der Kontokündigung durch seine Sparkasse zu einer Zeit, als seine Frau hochschwanger war, und just an seinem Geburtstag brachte jedem in der Feste Mark in diesem Moment unsere Verletzlichkeit nahe, wenn schier übermächtige Organisationen unsere Existenzgrundlagen attackieren. Professor Michael Meyen mit nüchterner Analyse des Medienbetriebs und der „Ostmatador“ – so schien mir der spontane Applaus bei schlichter Namensnennung zu belegen – Florian Warweg mit seinem schier unerschütterlichen Optimismus in der Arena der Bundespressekonferenz wiesen Wege und machten Hoffnung, wenn diese auch nicht den öffentlich-rechtlichen Medien zugedacht waren. Immerhin hätten die Länder – so ein Wink mit dem Zaunpfahl – in Sachen Medienstaatsverträgen das Sagen.

Den Schlussstein von Magdeburg – bevor Jens Fischer Rodrian im abschließenden Musikpart aufspielte – lieferten die Spitzenkandidatin Dr. Claudia Wittig, Schriftstellerin Daniela Dahn und Parteigründerin Sahra Wagenknecht. Ihre Frage, ob es eine „Meinungsdiktatur 2.0“ gebe, führte zu naheliegenden Vergleichen, ohne die es keine Erkenntnis gibt – auch die, dass Ostdeutsche ein scharfes Sensorium für autoritäre Strukturen besitzen.

Der Tag endete mit einem fast leeren Büchertisch des Westend Verlags, einem weiterhin gut gelaunten Elias, der mir quer durch die Arena zuwinkte, einem Kopf voller guter Eindrücke und dem Versprechen, mir die Aufzeichnung dieses Tages Stück für Stück noch einmal zu gönnen.

Für meine Frau und mich endete diese beeindruckende Reise nach Magdeburg mit der banalen Erkenntnis: Folge nie einem Vorurteil, sondern bleibe neugierig. Aus 60 Prozent Regenwahrscheinlichkeit wurden sonnig bis leicht bewölkt und zwei warme Spätsommertage. Aus schlichter Wahlwerbung wurde geballte Information, und aus einer Reise abseits des eigenen Bundeslandes wurde ein Wiedersehen mit zahlreichen Freunden aus BSW und NachDenkSeiten-Community. Meine Gesprächskreis-Gelbweste brachte Kontakte, die den NDS für ihre Arbeit danken wollten, was ich hiermit weitergebe. Und eine Leserin sprach mich an, um mich über die tags zuvor gestartete Campact-Kampagne u.a. gegen die NachDenkSeiten zu informieren. Die Community hält zusammen.

Zum gemütlichen Abendessen unter freiem Himmel beim Italiener trafen wir uns mit unserem Holsteiner Freund und YouTuber Harald Kaufmann, der den ganzen Tag über hinter seinen Kameras hin und her geflitzt war, um das Geschehen auf der Bühne zu dokumentieren. Nach 13 Stunden Aufbau, Filmerei und Abbau war er wirklich geschafft. Für uns alle ging am Montag das kleine Abenteuer Magdeburg zu Ende mit einer Autofahrt über die Dörfer, per Fähre über die Elbe, durch wunderbare Landschaften und unter dramatisch wolkenverhangenem Himmel zurück zu Winnetous Jagdgründen.

Für das BSW wird sich erst am kommenden Sonntag zeigen, ob das Festival in Sachsen-Anhalt gewirkt hat oder ob die Wirkung noch unterwegs ist im restlichen Deutschland, von wo auch ein Großteil der Gäste gekommen war.

Titelbild: Screenshot BSW via YouTube

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