„Wir befinden uns ständig am Rande einer nuklearen Krise“: Wassilij Kaschin über globale Fragilität und neue Verhandlungswege (Teil 2)

„Wir befinden uns ständig am Rande einer nuklearen Krise“: Wassilij Kaschin über globale Fragilität und neue Verhandlungswege (Teil 2)

„Wir befinden uns ständig am Rande einer nuklearen Krise“: Wassilij Kaschin über globale Fragilität und neue Verhandlungswege (Teil 2)

Ein Artikel von Éva Péli

Im Rahmen einer Moskau-Reise sprach Éva Péli mit zahlreichen führenden Politologen, Diplomaten und geopolitischen Analytikern über die fundamentale Neuordnung der Weltpolitik. Im zweiten Teil des Exklusivgesprächs analysiert der China-Experte Wassilij Kaschin (Direktor am Zentrum für umfassende europäische und internationale Studien an der HSE) Chinas strategische Zurückhaltung, die reale Gefahr nuklearer Eskalationen und den aktuellen Stand von Verhandlungssträngen zur Ukraine unter Einbindung von Vertretern der USA.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Teil 1 des Interviews finden Sie hier.

Éva Péli: Herr Kaschin, Peking bezieht weder im Ukraine-Krieg noch in den Konflikten um den Iran eine offene Position. Was steckt hinter dieser Zurückhaltung – strategische Vorsicht, kalkulierte Wirtschaftsinteressen oder die Vorbereitung auf einen eigenen, drohenden Großkonflikt in Asien?

Wassilij Kaschin: Ich denke, hier spielen sowohl Vorsicht als auch Chinas aktive Vorbereitung auf eine eigene Krise eine Rolle. Nach allem, was wir wissen, betreibt China tatsächlich einen aktiven militärischen Aufbau, legt Vorräte an und betreibt Mobilisierungsvorbereitung der Wirtschaft. Man kann nicht ausschließen, dass sich die Chinesen in den kommenden Jahren auf einen großen militärisch-politischen Konflikt in Asien vorbereiten. Gleichzeitig bestehen innerhalb Chinas selbst erhebliche Probleme fort – sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Wir erleben eine sehr große Säuberungswelle in der chinesischen Armee und im zivilen Staatsapparat, während die Regierung versucht, recht akute strukturelle Wirtschaftsprobleme zu lösen.

Daher strebt China gegenwärtig danach, das Niveau der Konfrontation mit den USA zu senken. Während des Besuchs des US-Präsidenten in China vereinbarten die Staats- und Regierungschefs beider Länder Beziehungen der konstruktiven und strategischen Stabilität. Sie betrachten einander weiterhin als Hauptgegner, aber in nächster Zeit wird China nicht an einer Verschärfung dieser Beziehungen interessiert sein. Die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten sind für China teilweise vorteilhaft, da sie es ermöglichen, den Druck der USA auf China zu verringern, und den Vereinigten Staaten keine Möglichkeit geben, ihre Ressourcen in Asien zu konzentrieren. Dabei arbeitet China aktiv mit allen Konfliktparteien zusammen – insbesondere ist es der Hauptlieferant von wichtigen Dual-Use-Gütern sowohl für Europa und die Ukraine als auch für Russland. Es verfolgt seine eigene politische Linie, was im Grunde völlig zu erwarten ist.

In Moskau wird offen über Eskalationsgrenzen bis hin zu präventiven Schritten gegen Europa diskutiert, wie sie etwa Sergei Karaganow fordert. Wo verläuft aus Ihrer Sicht die rote Linie, und wie breit wird diese Debatte in der russischen Expertengemeinschaft geführt?

Fragen der Eskalation werden ständig diskutiert. Hauptsächlich werden sie als mögliche Aktion in Reaktion auf eine Eskalation seitens Europas betrachtet. Aus unserer Sicht bestehen die Handlungen Europas beispielsweise in der Stationierung von Angriffswaffen auf dem Territorium europäischer Länder für Schläge tief in das russische Territorium hinein, in der Teilnahme europäischer Geheimdienste an Sabotage- und Terroroperationen der Ukraine auf unserem Territorium sowie in der Kaperung russischer oder mit Russland verbundener Handelsschiffe durch europäische Länder. Auf all diese Aktionen muss Russland irgendeine Antwort geben.

Eines der oft vorgebrachten Argumente besteht darin, dass selbst dann, wenn wir mit den Folgen dieser Handlungen fertig werden können, das Ausbleiben einer Vergeltung unsererseits unsere Abschreckung schwächt. Daher werden Fragen, Europa in der einen oder anderen Form einen Gegenschlag zu versetzen, ständig aufgeworfen und aktiv diskutiert. Bis jetzt ist die russische Führung der Ansicht, dass eine solche Eskalation den Aufgaben der speziellen Militäroperation nicht entsprechen würde, aber sobald sie entscheidet, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen, wird die Eskalation stattfinden.

Über einige Varianten hat kürzlich Präsident Putin gesprochen – vor Kurzem äußerte er beispielsweise bei einem Treffen mit der Führung der Pazifikflotte, dass Russland in asiatischen Gewässern Handelsschiffe jener europäischen Länder festsetzen könne, die sich an der Kaperung russischer Schiffe beteiligen. Dies ist ein Beispiel für Eskalation: Wenn bestimmte europäische Länder russische Tanker beschlagnahmen, kann die russische Pazifikflotte jedes beliebige europäische Schiff, das nach China oder Japan unterwegs ist, problemlos aufbringen und ebenso beschlagnahmen. Und Europa wird dem nichts entgegensetzen können.

Andere Eskalationsvarianten sind ebenfalls möglich. Dies hängt sehr stark von den Einschätzungen der aktuellen Gesamtsituation ab. Da wir unter den Bedingungen dieser Konfrontation höchstwahrscheinlich sehr lange Zeit leben müssen, ist es für uns notwendig – ebenso wie in der Zeit des Kalten Krieges –, bestimmte Verhaltensregeln auszuarbeiten, damit es nicht zu unvorhergesehenen Ereignissen kommt. Wir befinden uns ständig am Rande einer Eskalation und einer nuklearen Krise, dies wird kontinuierlich diskutiert, und es werden dafür jeweils Argumente vorgebracht.

Mit Blick auf die BRICS-Staaten und die entstehende Multipolarität: Ist China in dieser neuen Weltordnung lediglich einer von vielen Akteuren oder deren eigentlicher Architekt? Und steuern wir auf ein stabiles multipolares System zu oder auf eine unkontrollierte globale Fragmentierung, in der Europa an den Rand gedrängt wird?

China ist heute ein Land, das über eine eigene ganzheitliche Vision davon verfügt, wie sich die Welt entwickeln sollte. Zudem ist dies wahrscheinlich das einzige Land mit einer detaillierten, umfassenden Vision der Weltordnung, da die USA eine solche Vision eingebüßt haben. Russland hat seine eigenen Konzepte, die jedoch nicht annähernd so ausgearbeitet und detailliert sind wie die chinesischen. China verfügt über vier globale Konzepte von Xi Jinping und eine Reihe weiterer prinzipieller Positionen.

Gleichzeitig sehen wir, dass China trotz einer komplexen Vision der Weltordnung keineswegs bereit ist, diese zu verteidigen, Risiken einzugehen und dafür Kosten zu tragen. Genau deshalb hat China während der Krise um den Iran oder Venezuela eine äußerst passive Position eingenommen – selbst unter Bedingungen, in denen der US-Präsident Donald Trump die Wiederbelebung der Monroe-Doktrin und sein Recht erklärte, Lateinamerika zu leiten, das für China eine lebenswichtige Region, ein Markt und eine Rohstoffquelle ist.

Deshalb denke ich, dass uns eine lang anhaltende und sehr gefährliche Phase des Chaos bevorsteht. Wir sehen, dass die Vereinigten Staaten ihr traditionelles Führungsmodell im Zusammenhang mit der Kontrolle über internationale Institutionen und das System der globalen Steuerung aufgegeben haben, während China nicht bereit ist, diese Rolle zu übernehmen, und dazu in nächster Zeit höchstwahrscheinlich auch nicht bereit sein wird. Europa wiederum muss, um ein eigenständiger Akteur in der Weltpolitik zu werden, der in seinem Einfluss mit China, Russland und den USA vergleichbar ist, zahlreiche interne Schwierigkeiten überwinden. In Europa entwickelt sich eine eigene interne Krise, deren Ausgang unklar ist: Wir wissen nicht, wer in einigen Jahren die führenden europäischen Länder regieren wird, welche politischen Kräfte an die Macht kommen, welche Agenda sie verfolgen und wie sie interagieren werden.

Das Besondere an der gegenwärtigen Periode ist, dass sich nicht nur das Kräfteverhältnis zwischen Ländern und Staatengruppen verändert – innerhalb jedes großen Staates und Bündnisses gibt es eine ganz gravierende interne Krise. Krisen gibt es in China, den USA, Europa, Japan, und komplexe Transformationsprozesse finden in Russland und Indien statt. Sehr viel wird nicht von den zwischenstaatlichen Beziehungen abhängen, sondern von den gleichzeitig ablaufenden innenpolitischen Prozessen. Uns stehen einige sehr gefährliche Jahrzehnte bevor. Wahrscheinlich war die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts das letzte Mal ähnlich gefährlich, als es gleichzeitig große Erschütterungen innerhalb jedes großen Landes und Konflikte zwischen ihnen gab. Die jetzige Zeit ist noch gefährlicher, weil es mehr Akteure gibt und der Faktor Atomwaffen hinzugekommen ist. Deshalb ist es für uns wichtig, einerseits den feindseligen Charakter unserer Beziehungen und die Tatsache, dass er so bleiben wird, ehrlich anzuerkennen und andererseits eine planmäßige Arbeit zur Suche nach Formen des friedlichen Zusammenlebens zu leisten, da wir uns bereits am Rande einer nuklearen Krise befinden.

Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund der aktuellen innenpolitischen Entwicklungen die Rolle und Zukunft Deutschlands in Europa – und wie erklären Sie sich die besondere Härte und emotionale Aufladung im heutigen deutsch-russischen Verhältnis?

Deutschland befindet sich heute in einem Zustand sehr großer innenpolitischer Ungewissheit. Wir wissen nicht einmal, was das Land in politischer Hinsicht in einigen Jahren darstellen wird, da der Niedergang der traditionellen Parteien und der Aufstieg neuer Kräfte – sowohl am rechten als auch am linken Rand – unübersehbar sind. Bislang ist völlig unklar, wie sich dieser politische Kampf entwickeln wird.

Natürlich versucht Deutschland dabei, seine Führungsposition in Europa zu stärken und die Transformation der Europäischen Union zu bestimmen. Gleichzeitig verschärfen sich jedoch die internen wirtschaftlichen Probleme, und wir beobachten einen spürbaren industriellen Abschwung. Wenn Deutschland seine industrielle und technologische Überlegenheit einbüßt, wird es im Laufe der Zeit an Bedeutung verlieren und aufhören, ein geopolitischer Schlüsselfaktor zu sein. Gegenwärtig ist die Lage jedoch von einem Höchstmaß an Unvorhersehbarkeit geprägt.

Hier sind zudem viele Emotionen im Spiel, denn Deutschland war über Jahre hinweg Russlands wichtigster Partner in Europa, und die Beziehungen zwischen Russland und der EU bauten sich in vielerlei Hinsicht um diese Achse auf. Daher hat ihr Bruch einen besonders emotionalen Charakter: Wir erleben eine äußerst feindselige Rhetorik von beiden Seiten und bedauerlicherweise immer wieder den Rückgriff auf dunkle Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in eine langwierige, besonders schwere Konfrontation übergehen, die von Emotionen und historischen Appellen geschürt wird, ist recht hoch. Das sind schwierige Beziehungen, in denen direkte Dialogkanäle praktisch fehlen. Dennoch: Wenn es uns gelingt, die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung von Kontakten und zur vernünftigen Erörterung der Lage schrittweise wiederherzustellen, könnte dieser negative Trend gestoppt werden. Bislang muss man allerdings feststellen, dass sich die Beziehungen zu Deutschland schwieriger entwickeln als mit den meisten anderen europäischen Staaten.

Zum Abschluss: Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund der jüngsten US-Aktivitäten den aktuellen Stand und die Aussichten von Verhandlungsprozessen zur Ukraine?

Wenn wir über inhaltliche Verhandlungen zur Ukraine sprechen: Vollwertige Gespräche fanden im Grunde nur für eine sehr kurze Zeit im Januar und Februar dieses Jahres [2026] statt – konkret waren das die Verhandlungen in Abu Dhabi, die durch den US-Angriff auf den Iran unterbrochen wurden. Das waren echte Verhandlungen unter Beteiligung hochrangiger Militärs beider Seiten, obwohl es von ukrainischer Seite Versuche gab, diese zu torpedieren. So wurde während der Gespräche vom ukrainischen Geheimdienst ein Attentat auf General Alexejew verübt, der in diese Prozesse involviert war. Dennoch fand eine reale Erörterung konkreter Fragen im Zusammenhang mit einer Friedensregelung statt.

Aktuell ist das positive Zeichen, dass von US-Seite nicht nur Steve Witkoff eingebunden ist, sondern breitere Delegationen – darunter CIA-Chef John Ratcliffe und Jared Kushner in seiner Rolle als Sondergesandter sowie Vertreter verschiedener US-Behörden. Das weckt begründete Hoffnung auf die Ingangsetzung eines vollwertigen diplomatischen Prozesses.

Das Wichtigste, worauf wir hoffen können, ist die Wiederaufnahme planmäßiger, inhaltlicher Verhandlungen, in deren Rahmen Arbeitsgruppen gebildet und Fragen Schritt für Schritt abgearbeitet werden. Wir können nicht sicher sein, dass es rasche Fortschritte geben wird, aber zumindest entsteht ein strukturierter Verhandlungsprozess. Ich bin überzeugt, dass Russland auf jene Bedingungen bestehen wird, die zuvor in Anchorage [Alaska] erörtert wurden, und sich auf keine substanziellen Abstriche oder weitreichenden Zugeständnisse einlassen wird. Nichtsdestotrotz ist das Entscheidende jetzt, diesen Prozess überhaupt in Gang zu bringen.

Herr Kaschin, vielen Dank für dieses Interview.

Wassilij Kaschin ist Direktor am Zentrum für umfassende europäische und internationale Studien (CCEIW) der Nationalen Forschungsuniversität „HSE“ in Moskau. Zudem ist er leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für China-Studien und Regionalprojekte des MGIMO sowie Dozent am Lehrstuhl für internationale Sicherheit der Fakultät für Weltpolitik an der Moskauer Lomonossow-Staatsuniversität (MSU) und Kandidat der Politikwissenschaften. Er ist Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik (SVOP).

Titelbild: © Tilo Gräser

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