Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es um den vollmundigen Jargon bestimmter Akteure in Medien und Politik. Von Leo Ensel.
Alerta antifascista
Donnerte die arrivierte Studienabbrecherin und erfolgreiche Neo-Langzeitstudentin (seit 13 Jahren ist sie bereits eingeschrieben!) Jamila Schäfer – selbstverständlich („Kreißsaal, Hörsaal, abgebrochenes Studium, Plenarsaal“) DIE GRÜNEN – in den Bundestag. Unmittelbar gefolgt von einem markigen „Slava Ukraini“. – Merke: Bei den GRÜNEN sind selbst Ungelernte wahre Sprachen- und Historikergenies! In diesem Sinne: „Avanti dilettanti!“ (vgl. „Faschismus, faschistisch, faschistoid“)
belarusisch (mit stimmhaftem „s“)
Tja, Ihr wackeren politischen Korrektlinge in den Öffentlich-Rechtlichen, da habt Ihr ein Problem! Einerseits wollt Ihr – im Interesse des Landes und seiner vom Langzeitdiktator und (angeblichen) Putinknecht drangsalierten Bevölkerung natürlich – es auch sprachlich von seinem mächtigen Nachbarn im Osten entfernen und redet deshalb schon lange nicht mehr von „Weißrussland“, sondern von „Belarus“. Aber was macht man mit der zweiten Silbe des Wortes oder gar mit dem Adjektiv? Die kreative Lösung: Man weicht verschämt auf ein langgezogenes „u“ und ein stimmhaftes „s“ aus. – Nur leider falsch! Es heißt nicht „belarusisch“, so „rosig“ sich das auch anhören mag! Es heißt auch nicht „Bellarus“, wie kriegerisch das auch immer tönen mag! Es heißt phonetisch- (wenn auch möglicherweise in euren Ohren nicht politisch-)korrekt: „Bjelaruss“. Mit scharfem „s“ auf der betonten letzten Silbe und peinlichen Assoziationen zu einem (von Euch) ungeliebten großen Land. – Bitte merken: Was beim Gendern – unter lautem Stöhnen der vergewaltigten Sprache – mit Ach und Krach vielleicht noch gerade so gehen mag, hier klappt es nicht: Nicht alles lässt sich sprachlich so hinbiegen, dass es einem endlich in den (politischen) Kram passt!
einen riesigen Schaden angreifen
Wollte, laut Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Russland mit einer – zum Glück noch rechtzeitig unschädlich gemachten – Unterwasserdrohne auf eine Plattform „gerade in Rumänien vor wenigen Tagen“.
eine Tracht Prügel bekommen
„Wir werden sie hart treffen“, versprach Donald Trump nach einem iranischen Raketenangriff auf einen US-Militärstützpunkt in Jordanien Ende Juli dem Sender Fox News. „Sie werden eine Tracht Prügel bekommen“, fügte er in dem ihm eigenen Erziehungsstil noch hinzu. (vgl. „keine Faxen reißen“, „sich nicht benehmen“, „Unfug machen“)
Europa
Ist die Ukraine. Auf Deutsch: „Ukraine is Europe“. So Ursula von der Leyen enthusiastisch am 15. Juli auf X. (Unmittelbar, nachdem sie von diesem „unbreakable & indestructible, stoic & unshakeable“ Land dankbar den „Europaorden“ entgegengenommen hatte.) – Ja, die Ukraine ist Europa. Und die Russen sind, laut Expertin Florence Gaub, „keine Europäer“! So einfach ist das.
europäisches Erwachen
„Für die Ukraine ist dieses europäische Erwachen heute eine Rettung in hoher Not.“ Verkündete Friedrich Merz am 1. Oktober in seiner berühmten Münsteraner NATO-Laudatio. – Europa erwacht. Solange das eine Tatsachenfeststellung und kein Imperativ ist, darf auch der Bundeskanzler dies öffentlich konstatieren. („zu sich selbst kommen“)
Faschismus, faschistisch, faschistoid
Völlig inflatorisch gebrauchte Worthülsen, mit denen mittlerweile jedermann – wie zum Beispiel Herr Luigi Pantisano (Partisano?) von der Links-Partei – Schindluder treibt und die man besser durch „autoritäre Zustände, verursacht von üblen Leuten, die ich nicht leiden kann“ ersetzen sollte. (vgl. „Alerta antifascista!“)
Feminismus
Ist für die Ukrainerin Alina Sarnatska – der Kriegsdienst! (Wofür sie von Marion Gräfin Dönhoffs zeitengewendeter ZEIT euphorisch gefeiert – und auf dem Titelfoto schon mal Ophelia-like als „scheene Leich“ inszeniert – wird.) Die frohe emanzipatorische Botschaft: Frauen dürfen nun genauso gleichberechtigt töten und sterben wie seit grauen Vorzeiten die Männer! (Denn: „Uniform kennt kein Geschlecht.“) (vgl. „Girl’s Day“)
Freiheit, Sicherheit und Stärke
Auf Deutsch: „Our [‚our‘!] Europe must focus here on the essentials, on preserving and increasing our freedom, security and competitiveness.“ – Merken Sie was? Von Frieden („peace“) redete Kanzler Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz schon gar nicht mehr. Kann man sich schenken. Den gibt‘s ja schließlich für lau – auf jedem Friedhof!
hart treffen
(vgl. „eine Tracht Prügel bekommen“)
heilige Mutter der Helden
Ist natürlich nicht Maria, die Mutter Jesu, sondern für Dmytro Jarosch, Gründer des „Rechten Sektors“ und jetziger Kommandeur der Ukrainischen Freiwilligen Armee (UDA) – die Ukraine! Der Mann betreibt öffentlich – früher oder später ist es in jedem Krieg so weit – die Sakralisierung des Nationalen. Dennoch will er sicherheitshalber (man weiß ja nie!) auch noch „mit Gottes Hilfe“ „die östliche Horde aufhalten“.
imperialistisch veranlagt
Ist laut der stellvertretenden SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Siemtje Möller – hätten Sie‘s geahnt? – Russland! Den Imperialismus haben die Russen halt in den Genen. (vgl. „spürbare Konsequenzen“, „verschärfte Maßnahmen“)
mit offener Feindseligkeit
Tritt Russland – wohlgemerkt: das ganze Land –, Außenminister Wadephul (der es ja wissen muss) zufolge, „unserem Land“ entgegen. Weshalb ab sofort die „Einreisekontrollen für russische Staatsbürger“ – also auch für die 85-jährige Mutter meiner russischen Ex-Freundin aus der russischen Provinz – verschärft werden. (Und das ist richtig so: Schließlich tritt die Babuschka ja, wie alle russischen Staatsbürger, unserem Land „mit offener Feindseligkeit entgegen“!)
nichts mit meinem Denken zu tun
„Trump erklärte unterdessen, er stehe bei einem Ende des Krieges nicht unter Zeitdruck. Die bevorstehenden Zwischenwahlen im November hätten ‚nichts mit meinem Denken zu tun‘“, teilte er, laut Berliner Zeitung, Fox News mit. – Immerhin beruhigend zu wissen: Trump denkt!
politischer Affront
Noch dazu einer, „der überhaupt keine Notwendigkeit hatte“. Besteht für das Portal t-online darin, dass Bundespräsident Steinmeier wider Erwarten verkündete, dass der Himmel blau, sprich: der US-israelische Krieg gegen die Iran völkerrechtswidrig ist. (vgl. „mangelnder moralischer Kompass“, „Pose moralischer Überlegenheit“)
Sicherheit für jedermann in Europa
„A strong Ukraine in Nato, alongside other Nato countries, means security for everyone on the European continent.“ („Eine starke Ukraine in der NATO, an der Seite anderer NATO-Staaten, bedeutet Sicherheit für alle auf dem europäischen Kontinent.“) So wackelt der Schwanz mutig mit dem Hund, will sagen: So tönte Wolodymyr Selenskyj während des NATO-Gipfels in Ankara gegenüber der Financial Times. – Der trockene Kommentar der Strategieberaterin Petra Erler: Selenskyj sei mit seinem höchst eigenwilligen Sicherheitsverständnis nur darauf aus, „die Nato in den Krieg voll hineinzuziehen und Russland aus Europa wegzudenken oder auszuradieren.“
Slawa Ukrajini
Kann selbst Kanzler Merz mittlerweile brav apportieren.
Verbrechen
„Nicht die Sprengung von Nord Stream war das Verbrechen – es war der Bau.“ („The true crime was building the Nord Stream pipelines, not destroying them.“) Orwellte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk über die anonyme Sprengung der Pipelines, die laut Bundesgerichtshof „für die öffentliche Energieversorgung Deutschlands von zentraler Bedeutung“ waren. – Merke: Wer eine Gaspipeline, die der Wirtschaft eines Landes und dessen Bevölkerung zu Wohlstand verhilft, baut, ist ein Verbrecher. Und wer sie klammheimlich zerstört, ein Freiheitskämpfer!
waren (were)
„Als wir im Irak waren, haben die Iraner Waffen an schiitische Milizen geliefert, mit denen US-Soldaten getötet wurden.“ („When we were in Irak the Iranians were giving weapons to shiite militias who were killing American soldiers.“) So im August 2016 der damalige stellvertretende CIA-Direktor Mike Morell in der US-Show von Charlie Rose. – „Waren“ („were“): originelles neues Wort für „völkerrechtswidriger Überfall“!
we‘ll bomb the shit out of them
„Wenn der Oman sich in den Weg stellt, werden wir das Land in Grund und Boden bombardieren“, tönte Trump Mitte August in einem Telefoninterview mit dem Fox-News-Reporter Trey Yingst. Im englischen Original drückte der Präsident sich noch einen Tick gewählter aus: „If Oman gets in the way, we‘ll bomb the shit out of them.“ In der noch vornehmeren Diktion eines Henry Kissinger lautet das so: „Es mag gefährlich sein, Amerikas Feind zu sein, aber Amerikas Freund zu sein, ist tödlich!“
We-Time
„Zum 70. Jahrestag zeigen wir dir 70 verdammt gute Gründe, die Bundeswehr als Arbeitgeberin neu zu sehen. Welcher ist deiner? Finde ihn und werde Teil der Truppe.“ Und mit welchen Tricks – außer mit Edvard Grieg für den Krieg – umgarnt die attraktive Arbeitgeberin am raffiniertesten das ‚Kanonenfutter in spe‘? Vielleicht ja mit Grund 58: „Weil jetzt ‚We-Time‘ [nicht Tea-Time!] ist.“ Was auch immer das bedeuten mag … (Merkwürdigerweise steigen trotzdem die Anträge auf Kriegsdienstverweigerung rasant! Oder etwa deswegen?)
zu US-Gebiet erklären
Will Donald Trump ab sofort die Straße von Hormus. Fragt sich nur noch: Bevor oder nachdem er sich um Kuba, Grönland und Kanada „gekümmert“ hat?
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Titelbild: ChatGPT, erstellt mit künstlicher Intelligenz






