Wie der Jemen dank westlicher Unterstützung weiterhin in Schutt und Asche gelegt wird

Jens Berger
Ein Artikel von:
Emran Feroz

Seit über zwanzig Monaten findet ein Angriffskrieg auf dem Jemen statt. Unter einer von Saudi-Arabien geführten Allianz wird das ärmste arabische Land tagtäglich bombardiert. Westliche Waffenlieferungen und ausländische Söldner tragen ihren entsprechenden Beitrag dazu bei, dass unschuldige Menschen getötet oder zur Flucht gezwungen werden. Doch in der westlichen Debatte spielt all dies keine Rolle. Kein Wunder, denn ein Diskurs findet praktisch gar nicht statt. Von Emran Feroz

Anfang Oktober traf ein weiterer Luftangriff der von Saudi-Arabien geführten Kriegskoalition ein Gebäude in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Es war nicht irgendein Gebäude, sondern eine Beerdigungshalle. Ein Ort, an dem sich Menschen zum Trauern versammelten – und nicht damit rechneten, selbst getötet zu werden. Doch genau dies geschah an jenem Tag. Laut eines Sprechers des jemenitischen Gesundheitsministeriums fanden mindestens 104 Menschen den Tod, während über 550 weitere teils schwer verletzt wurden. Anderen Berichten zufolge beträgt die Anzahl der Todesopfer mittlerweile mindestens 155. Augenzeugen zufolge trafen drei Luftangriffe das Gebäude.

Kurz darauf leugneten saudische Militärs, für den Angriff in irgendeiner Art und Weise verantwortlich gewesen zu sein. Derartige Bekundungen sind nichts Neues. Es gab sie immer wieder, etwa nachdem die Allianz, unter anderem bestehend aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Kuwait, Jordanien und Katar, Schulen, Krankenhäuser und Markplätze bombardiert hatte. Auch ein am Sonntag ausgerufener, dreitägiger Waffenstillstand wurde seitens der Saudis und ihrer Verbündeten bereits gebrochen.

Der Krieg im Jemen ist eine humanitäre Katastrophe, deren Realität von der internationalen Staatengemeinschaft nahezu vollständig ignoriert wird. Mittlerweile hat der Konflikt mindestens 10.000 Menschen, hauptsächlich Zivilisten, das Leben gekostet. Millionen von Jemeniten befinden sich auf der Flucht und leiden unter Hunger, Armut und Kriegstraumata. Laut der UN sind Saudi-Arabien und seine Verbündeten für die Mehrzahl der Opfer verantwortlich. Zu diesen Verbündeten zählen nicht nur die genannten arabischen Staaten, sondern auch die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Kanada.

Während Frankreich seinen Verbündeten etwa vor allem logistisch zur Seite steht, stechen Kanada und Großbritannien mit Waffenlieferungen hervor. Des Weiteren arbeitet der britische Geheimdienst eng mit dem saudischen zusammen.

An der Spitze der Komplizenschaft stehen jedoch ein weiteres Mal die Vereinigten Staaten. Diese beteiligten sich nämlich nicht nur an all den genannten Verbrechen der genannten Staaten, sondern wirken mittlerweile aktiv im Krieg im Jemen mit. Am 12. Oktober haben amerikanische Raketen zum ersten Mal Stellungen der jemenitischen Houthi-Rebellen bombardiert. Richtig gelesen: Das Weiße Haus befindet sich seit einigen Tagen offiziell in einem weiteren Krieg. Nur interessiert dies scheinbar kaum jemanden. Wäre dem nicht so, wäre die Berichterstattung wohl kaum derartig mäßig ausgefallen.

Anmerkung: Mittels ihrer Drohnen führen die USA schon seit Jahren einen Schattenkrieg im Jemen. Dieser wurde allerdings erst recht ignoriert und wird in diesen Tagen parallel zu den anderen Kriegshandlungen weitergeführt. Im Jahr 2014 töteten US-Drohnen im Jemen mehr Zivilisten als die Bomben von Al-Qaida im Land.

Zu überrascht sollte man allerdings auch nicht sein. Die indirekte Kriegsbeteiligung der USA am Krieg im Jemen findet nämlich seit Beginn des Konflikts im Schatten der Weltöffentlichkeit statt. Beobachter hoben in diesem Kontext immer wieder hervor, dass das Weiße Haus dem Grauen im Jemen ein Ende setzen könnte – und zwar nur, indem es seine Waffenverkäufe an die absolutistische Monarchie stoppt. Bereits im August bestätigte die US-Regierung, dass weitere Waffen im Wert von 1,15 Milliarden Dollar an Saudi-Arabien verkauft werden sollen. Seit Beginn des Konflikts im Jemen hat Riad US-amerikanische Waffen im Wert von 20 Milliarden Dollar eingekauft.

Während führende westliche Analysten den Krieg im Jemen weiterhin als konfessionellen Konflikt zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen herunterbrechen wollen, werden weiterhin zahlreiche Fakten und Realitäten übersehen. Abgesehen davon, dass Sunniten und Schiiten im Land sehr eng miteinander verwurzelt sind und stets harmonisch zusammen lebten, muss beachtet werden, dass hier vor allem ein Krieg der Ungleichheit stattfindet. Der Jemen ist das ärmste Land des Nahen Ostens und wird von den Reichsten der Region lediglich aus machtpolitischen Interessen in Schutt und Asche gebombt.

Es sind Perversitäten, über die nur wenig berichtet wird und das kapitalistische Kriegsmodell unserer Zeit sehr stark deutlich machen. Da gibt es etwa saudische Piloten, die für jeden „Treffer“ mit Luxuswägen belohnt werden oder kolumbianische Söldner, die im Auftrag der reichen Golfaraber morden.

Die Folgen dieser Katastrophe werden sehr bald auch für den Westen sichtbar sein. Zehntausende von Jemeniten befinden sich mittlerweile auf der Flucht. 51.000 von ihnen haben Zuflucht im Oman gefunden, rund weitere 39.000 in Saudi-Arabien. Hinzu kommen weitere 88.000 Jemeniten, die in Dschibuti, Somalia, Sudan und Äthiopien leben. Dass eine derartig große Anzahl von jemenitischen Geflüchteten in den ärmsten und konfliktreichsten Staaten Afrikas lebt, scheint an Europa vorbeigegangen zu sein. Doch eines sollte klar sein: Sollten die vom Krieg gepeinigten Jemeniten auch nur irgendeine Route nach Europa finden, darf man sich in Brüssel und auch in Berlin – immerhin beliefert auch die Bundesregierung Saudi-Arabien seit Jahren mit Waffen – nicht wundern. Denn es gilt immer noch: Wer Waffen sät, erntet Flüchtlinge.

Anmerkung Jens Berger: Wer sich für die Hintergründe und aktuellen Entwicklungen im Jemen interessiert, dem sei an dieser Stelle die „Presseschau“ Yemen War Mosaic empfohlen, die Dietrich Klose auf Freitag.de betreibt.

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