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Die Zeichen stehen auf Sturm – wird die Ukraine die Fußball-WM für eine Großoffensive nutzen?

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Militäreinsätze/Kriege, Strategien der Meinungsmache

Der Bürgerkrieg in der Ostukraine ist das, was man heutzutage mit dem Euphemismus “eingefrorener Konflikt” bezeichnet. Es vergeht kein Tag, an dem das löchrige Waffenstillstandsabkommen Minsk II nicht mehrfach gebrochen wird und fast täglich vermelden beide Seiten militärische und zivile Opfer. Von einem Krieg unterscheidet sich der Konflikt nur dadurch, dass beide Seiten nicht im großen Stil schwere Waffen einsetzen und keine sogenannten Großoffensiven stattfinden. Genau dies könnte sich jedoch schon bald ändern. Vor wenigen Wochen kündigte der ukrainische Präsident Poroschenko eine militärische Großoffensive im Osten des Landes an. Zynisch betrachtet, böte die Fußball-WM dafür einen optimalen Rahmen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Russland während eines sportlichen Großereignisses ins Visier gerät. 2008 überfielen die Georgier am Tag der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele die russische Enklave Südossetien und starteten damit den “Georgienkrieg”. 2014 nutzten die jetzigen Machthaber in Kiew die Olympischen Winterspiele von Sotchi, um die Ukraine von der russischen in die westliche Einflusssphäre zu putschen. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

10.000 Todesopfer, 25.000 Verwundete und fast 2,5 Millionen Vertriebene – das ist die bittere Bilanz des Bürgerkrieges in der Ostukraine, der im April 2014 kurz nach der Abschlussfeier in Sotchi begann. Die Großoffensive der ukrainischen Armee, die Seit´ an Seit´ mit rechtsradikalen Freikorps kämpft, kam im Spätsommer des ersten Kriegsjahres zum Stillstand, die folgende Gegenoffensive der Separatisten, die ihrerseits massiv durch ultranationalistische russische Freikorps und wohl auch indirekt durch staatliche russische Stellen unterstützt werden, verlief im kommenden Winter im ostukrainischen Schnee. Seitdem gilt das sogenannte „Waffenstillstandsabkommen“ Minsk II, das jedoch von beiden Seiten geflissentlich ignoriert wird. Alleine im “ruhigen” Jahr 2017 registrierten die eingesetzten Beobachter der OSZE mehr als 400.000 Verstöße gegen das Abkommen, mehr als 4.000 davon betrafen schwere Waffen, also Panzer oder Artilleriehaubitzen, die laut Abkommen hinter eine festgelegte Pufferzone abgezogen werden sollten.

Das Jahr 2018 begann mit einer angekündigten Eskalation. Am 18. Januar verabschiedete die Kiewer Rada mit knapper Mehrheit ein umstrittenes Gesetzespaket, das es dem Präsidenten erlaubt, das Militär ohne parlamentarische Zustimmung im eigenen Lande einzusetzen. Die Rada entmachtete sich also in Bezug auf den Bürgerkrieg selbst und stellte Präsident Poroschenko einen Blankoscheck aus. Den nutzte er bereits zwei Monate später und verkündete martialisch, dass der Bürgerkrieg nun bald in eine “neue Phase” übergehen würde. Was bislang offiziell als “Anti-Terror-Maßnahme” paramilitärisch gehandhabt wurde, soll nun durch eine Operation der vereinten Streitkräfte der Ukraine abgelöst werden. Was darunter auch zu verstehen ist, zeigten die USA, die der Ukraine am 30. April die erste Charge Panzerabwehrwaffen vom Typ Javelin lieferten. Dies sollte erst der Beginn eines umfassenden Aufrüstungsprogramms sein. Poroschenko verkündete darauf, dass die „alte Phase“ Ende Mai zu Ende geht und die “neue Phase” schon bald danach eintreten soll.  Die Fußball-WM beginnt übrigens am nächsten Donnerstag.

Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem prorussische Quellen aus der Ukraine und die russischen Staatsmedien nicht neue Waffenlieferungen, Aufmarschpläne und die Stationierung ukrainischer Einheiten im ostukrainischen Konfliktgebiet melden. Aus außenstehender Betrachter kann man diese Meldungen weder verifizieren, noch falsifizieren; sie als bloße “Propaganda” abzutun, wäre jedoch sehr naiv, folgen diese Berichte in ihrer Logik doch nur dem, was Präsident Poroschenko öffentlich angekündigt hat und was von transatlantischen Think Tanks bereits gefeiert wird. Dass die Ukraine damit Minsk II de facto unilateral aufkündigt, war indes in den westlichen Medien nirgends zu lesen. Das mag auch daran liegen, dass die Ukraine diese Offensivpläne öffentlich als Vorbereitungen zum Schutz der Zivilbevölkerung vor russischen Angriffen verkauft. Das ist zwar komplett absurd, aber auch nicht absurder als das Schmierentheater rund um den gespielten “Mord” an dem “Journalisten” Arkadi Babtschenko.

Spielen wir doch mal ein Rollenspiel. Was würden Sie machen, wenn Sie unter den geschilderten Bedingungen ukrainischer Präsident wären und den Donbass militärisch einnehmen wollten? Mich würde es zumindest überhaupt nicht überraschen, wenn die Ukraine zu Beginn der Fußball-WM eine “massive Verletzung des Waffenstillstandsabkommens” durch Russland vermelden würde, auf die dann die zusammengezogenen Truppen mit amerikanischen Waffen im Rahmen der neuen Doktrin “antworten” müssten. Russland hätte zwei Alternativen, die beide schlecht sind. Es könnte mehr oder weniger offen – wie bereits im Sommer 2014 – die Separatisten indirekt unterstützen und dafür mitten während der WM eine neue Anti-Russland-Kampagne in den westlichen Medien provozieren. Oder die Russen machen gute Miene zum bösen Spiel und opfern die prorussischen Separatisten. Beide Fälle wären ein Punktsieg für die NATO, die – Zufall oder nicht? – gerade eben einmal wieder Großmanöver mitten vor der russischen Grenze durchführt.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Gegner Russland während eines großen Sportereignisses in die Falle locken. In der Nacht der Eröffnung der Olympischen Spiele 2008 in Peking eröffneten georgische Truppen das Artilleriefeuer auf die mit Russland assoziierte Enklave Südossetien und provozierten damit eine Reaktion der russischen Armee. In den westlichen Medien wurde jedoch Russland als Aggressor dargestellt. US-Präsidentschaftskandidat John McCain tönte „Wir sind alle Georgier“. Putin hätte – so der Westen – den „Olympischen Frieden“ gebrochen, Georgiens Mannschaft reiste ab und eine antirussische Kampagne durchzog die gesamte Olympiaberichterstattung der deutschen Medien. Dass Georgien nach fünf Tagen kapitulierte und unabhängige Untersuchungen – auch der westlichen Medien – später ergaben, dass die russische Version der Ereignisse korrekt und die georgische Geschichte eines „russischen Überfalls“ eine glatte Lüge war, interessierte später niemanden mehr. Auch heute heißt es stets, Russland habe während der Olympischen Spiele seinen kleinen Nachbarn überfallen.

Zumindest vom Timing her, ging die prowestliche Opposition in der Ukraine 2014 ähnlich vor. Mitten während der Winterolympiade in Sotschi eskalierte man die Lage auf dem „Euromaidan“ und vollzog de facto einen Putsch gegen die eher prorussische Regierung Janukowytsch, der heute noch in seinen Nachwehen den Bürgerkrieg in der Ostukraine begründete. Bis heute hält sich in den westlichen Medien hartnäckig die Version, Russland hätte – unter anderem durch den Einsatz von Scharfschützen auf dem Maidan – hier eskaliert und abermals den olympischen Frieden gebrochen. Dass auch diese Geschichte nicht mehr haltbar ist, ist der Öffentlichkeit kaum bekannt. Russlands Gegner haben die Gunst der Stunde genutzt und die Propagandaschlacht für sich entschieden.

Vor allem der „Erfolg“ dieser „False-Flag“-Aktionen lässt im Blick auf die WM Schlimmes erahnen. Die Ukraine steht seit dem Fall „Babtschenko“ im Westen nun erstmals in der Kritik und könnte durch einen Propagandaerfolg im In- und im Ausland punkten. Hoffen wir, dass sich diese Sorgen als unbegründet erweisen. Sie, liebe Leser, sollten jedoch in den nächsten Wochen äußerst aufmerksam sein und vor allem dann die Ohren spitzen, wenn es heißt, Russland habe angeblich im Donbass irgendwelche Zivilisten bombardiert. Denn dies entspräche eher dem Drehbuch der Ukraine.

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