Journalismus: „Von Guantanamo einmal abgesehen“

Ein Artikel von Marcus Klöckner | Verantwortlicher:

Die Fußball-WM 2026 soll in den USA, Mexiko und Kanada stattfinden. In den USA und Mexiko? War da nicht was? Ist da nicht was? Müssten Medien nun nicht, ähnlich wie bei der WM in Russland, kollektiv aufschreien und zum Boykott aufrufen? Unsinn. Denn: Man „sieht einfach mal ab“. Und schon darf ohne schlechtes Gewissen applaudiert werden. Ein Beitrag von Marcus Klöckner.

Da stehen sie nun, die Worte, in einem Beitrag auf Zeit Online. „… von Guantanamo und den politischen Morden im Drogenkartellland Mexiko abgesehen“, schreibt Oliver Fritsch, Redakteur im Ressort Sport des Onlineportals, in einem Artikel, der sich mit der WM-Vergabe 2026 auseinandersetzt. Fritsch konzentriert sich in seinem Beitrag darauf, dass Trump (Empörung!) die WM in die USA geholt hat und die Fifa (wie so oft) sehr ‚eigenwillige‘ Entscheidungen bei der Vergabe von großen Turnieren an den Tag legt. Und natürlich darf das Stichwort „Korruption“ nicht fehlen – wobei in dem Artikel die fehlenden Belege, geschweige denn Beweise für Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe nach Russland kein Thema sind (zur rabenschwarzen Fifa-Korruptionsvergangenheit der USA siehe diesen Artikel der NachDenkSeiten)

Und dennoch kann man den Artikel soweit vertreten, wäre da nicht der oben angeführte Satz. Im Gegensatz zur WM-Vergabe an Russland denke man, bei aller Kritik, im Hinblick auf die WM in den USA, Mexiko und Kanada nicht zuerst an Menschenrechte, meint Fritsch. Also von Guantanamo und den „politischen Morden“ in Mexiko abgesehen. Man reibt sich die Augen. Frage: Steht das tatsächlich so da? Ja. So steht es geschrieben.

Noch eine Frage: Gibt es da nicht die eine oder andere klitzekleine Kleinigkeit, von der man vielleicht auch noch absehen müsste (also jetzt, wo man gerade schon mal dabei ist)? Vielleicht sollte man im Hinblick auf Mexiko nicht einfach nur von „politischen Morden“ (klingt wenig anschaulich) absehen. Vielleicht sollte man klar sagen, dass von 68 Ermordeten pro Tag abgesehen werden sollte. Vielleicht sollte man davon absehen, dass alleine von Januar bis September 2017 über 18.500 Menschen in dem Land ermordet wurden. Vielleicht sollte man davon absehen, dass in Mexiko Schüler auf Schusswechsel an ihren Schulen vorbereitet werden – wegen der ausufernden Gewalt. Vielleicht sollte man auch über die 43 Studenten der Berufsschule in Ayotzinapa hinwegsehen, die „in der Nacht auf den 27. September 2014 von einem kleinen lokalen Drogenkartell in der Stadt Iguala in Komplizenschaft mit der örtlichen Polizei und dem korrupten Bürgermeister verschleppt und getötet“ worden sind und deren Leichen angeblich „auf einer Müllkippe in der Nähe verbrannt“ wurden. Vielleicht sollte man auch von dem UN-Bericht „Doppelte Ungerechtigkeit“ absehen, der unter anderem thematisiert, dass mexikanische Polizisten und Soldaten bei den Ermittlungen in dem Fall Elektroschocks, Waterboarding und Prügel angewandt und Angehörige bedroht haben. Vielleicht sollte man auch davon absehen, dass die Drogenkartelle in Mexiko Menschen häuten und die Ohren abschneiden.

Und was ist mit den USA? Hat Fritsch denn noch nie etwas von den systematischen Menschenrechtsverletzungen und Völkerrechtsbrüchen der USA gehört?

Sollte man vielleicht auch über den Umgang mit der Whistleblowerin Chelsea Manning hinwegsehen? („Ich wurde in einem Käfig in der Wüste gefangen gehalten“). Oder über den Umgang mit Edward Snowden? Oder über die Polizeigewalt gegen Farbige? Sollte man auch über Abu Ghraib, über die vielen völkerrechtswidrigen Kriege, Uranmunition, verkrüppelte Babys, eine halbe Million toter Iraker und über illegale Tötungen durch Drohnen usw. usw. usw. hinwegsehen?

Vorschlag: Wie wäre es, wenn man die aktuelle WM in Russland nutzen würde, um das Hinwegsehen richtig zu üben (denn davon wird man 2026 reichlich Gebrauch machen müssen). Wie wäre es, wenn man über die (Vorsicht, Falle!) „Annexion“ der Krim hinwegsehen würde? Oder, einfach mal zusammengefasst: grundsätzlich über die echten und vermeintlichen Verfehlungen der russischen Politik?

Vielleicht würde sich aber auch eine Rückbesinnung auf einen Journalismus empfehlen, der einfach aufhört „abzusehen“ bzw. „hinwegzusehen“ und Schluss damit macht, nach persönlichen politischen Überzeugungen die Menschenrechtsverletzungen und Verfehlungen von Staaten zu beurteilen.

Ein Journalismus, der sich ein hohes Maß an Objektivität auf die Fahnen geschrieben hat, kann nicht Russland an den Pranger stellen und gleichzeitig bei Guantanamo Fünfe grade sein lassen. Unter dem Deckmantel der Objektivität Meinungsmache zu betreiben, fügt der journalistischen Glaubwürdigkeit einen schweren Schaden zu. Sollte eine Rückbesinnung auf journalistische Standards nicht möglich sein, dann wäre es besser, den politischen Journalismus bei Sportereignissen komplett herauszulassen und sich auf die Sportberichterstattung zu konzentrieren. Gelegenheit gibt es dazu nun reichlich. Um einen Anfang zu machen: Der Ball, der ist rund.