Mode-Food und Umweltkiller Avocado auf der Anklagebank – Die weltweite Debatte über Chiles Export-Plantagen, die den Armen das Wasser abgraben und Verwüstung erzeugen

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Haben Sie schon einmal eine entkernte Avocado mit Schrimps und Sauce Rosée probiert? Wenn nicht, kann ich Ihnen den Leckerbissen nur dringend empfehlen. Doch versuchen Sie während Ihres Einkaufs erst einmal das Ursprungsland der Superfrucht zu erfahren, damit sie Ihnen mit dieser Vorgeschichte nicht unverhofft im Hals stecken bleibt. Von Frederico Füllgraf.


In Mexiko werden für die Anlage von Avocado-Plantagen ganze Wälder erbarmungslos und illegal abgeholzt, im ohnehin regenarmen Zentral- und Nordchile werden seltene Wasserquellen abgegraben und ganze Flüsse ausgetrocknet, wodurch tausende Kleinbauern dürsten und ihre Subsistenzwirtschaften durch chronischen Wassermangel vernichtet wird.

Zweifellos – Avocados besitzen vielfältige Nahrungs- und Gesundheitsvorzüge. Die ursprünglich aus dem Raum Mexiko und dem nördlichen Mittelamerika stammende, grüne Frucht ist wohlschmeckend und reich an ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen. Sie ist deshalb ein Trendführer in der veganen Gastronomie und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Zwischen 2010 und 2016 stiegen allein die deutschen Einfuhren von 28.000 Tonnen auf 58.500 Tonnen auf mehr als das Doppelte.

Im mitteleuropäischen Einzelhandel gehört auch die bis zu 350 Gramm wiegende „Hass“-Sorte, mit brauner Schale, zu den häufig angebotenen Avocado-Importen. Doch bitte keine voreiligen Schlussfolgerungen! Gleichwohl die Avocado in der Wasser-Debatte als Fluch bezeichnet wird und den bewährten lateinischen Spruch – nomen est omen – verdienen könnte, ist der ekelumrankte Name kein Schicksalsschlag, sondern dem kalifornischen Postmann Rudolph Hass zu verdanken, der in seinem eigenen Garten auf die einzigartige und wildwüchsige Kreuzung stieß, die seit den 1930-er Jahren so nach ihm benannt und in Israel, Kalifornien, Mexiko, Chile und Spanien angebaut wird.

Ja, es gibt einen bemerkenswerten Weltmarkt für Avocados. Mit einem 5,6-prozentigen Anstieg im Jahr wuchs sich die Avocado-Produktion zwischen 2007 und 2016 weltweit auf circa 5,8 Millionen Tonnen und einen Umsatz von 13,8 Milliarden Dollar aus. Mit einem 50-prozentigen Anteil an Aufzucht und Export ist Mexiko Weltmarktführer des Avocado-Anbaus. Allein 2016 exportierten mexikanische Plantagenbesitzer 927.000 Tonnen, von denen 75 Prozent in die USA geliefert wurden. Nach Mexiko rangierten in den vergangenen Jahren Peru (194.000 Tonnen) und Chile (147.000 Tonnen) mit je 18 Prozent Weltmarktbeteiligung auf Platz zwei und drei unter den größten globalen Avocado-Anbietern.

Gleichwohl gibt es auf dem europäischen Im- und Exportmarkt eine ebenso denkwürdige Anomalie wie der führende Rang Deutschlands als weltgrößter Exporteur von geröstetem Kaffee: Mit ca. einer halben Milliarde Euro sind die Niederlande zwar der zweitgrößte Avocado-Importeur, doch nahezu 80 Prozent der Importe werden hauptsächlich an Endverbraucher in Europa weiterexportiert (NL second-largest avocado importer, but 80% is re-exported – DutchNews, 08. Mai 2017).

Absurde Ökobilanz und Kriminalisierung sozialer Bewegungen

Wie in den Niederlanden – wo der Konsum zwischen 2008 und 2016 von 10,0 Millionen Kilogramm auf 49,0 Millionen Kilogramm auf das Fünffache in die Höhe schoss – wuchs sich auch im übrigen Zentraleuropa der Avocado-Appetit zum Mode-Food aus. Doch hier die hirnrissige und destruktive Ökobilanz vom Anbau der Trendfrucht: Die Aufzucht einer einzigen Avocado erfordert 320 Liter, 1 Kilogramm Avocados 1.000 Liter Wasser.

Der Wasserverbrauch und die damit ausgelöste Austrocknung der Wasserquellen tausender Kleinbauern löste in Chile einen Skandal aus, aber nur auf Umwegen – nämlich erst nach der Veröffentlichung der aufsehenerregenden Reportage „Avocadoerne og det store vandtyveri“ („Avocados und der große Wasserdiebstahl“) der preisgekrönten, unabhängigen dänischen Agentur für investigativen Journalismus Danwatch.

Was die Dänen erstmals über die Grenzen Chiles hinaus bekanntmachten, war ein tatsächlicher Wasser-Raub: Um den enormen Wasserverbrauch der Avocado-Plantagen sicherzustellen und bar jeglicher Wasser-Sonderrechte, legten die Besitzer Stauseen, Kanalanlagen zur Abschöpfung von Grundwasser und Brunnen an, womit sie Gewässer aus den Flusstälern auf ihre Plantagen umleiteten. Die Folge: Austrocknung der Flüsse und Familienbrunnen, mit dramatischer Ausbreitung von Wassermangel.

Als Reaktion auf den Bericht erklärten zunächst die dänischen Supermarktketten Dansk Supermarket, Lidl und die deutsche Aldi, künftig die Einfuhr von Chile-Avocados der Großplantagen Los Graneros (Osvaldo Juneyma) und Agrícola Pililén (Familie Cerda Lecaros) zu vermeiden. Die deutsche ARD befeuerte die Debatte mit der bildreichen Reportage „Avocado: superfood and environmental killer“, die vor wenigen Wochen von der Deutschen Welle weltweit ausgestrahlt wurde.

Als Gegenreaktion traf deshalb Anfang Juli eine Delegation von Produzenten und Vertretern des chilenischen Agrobusiness in Berlin ein, um den europäischen Verbrauchern zu versichern, dass es „fair“ handelt. „Wir sind besorgt … Große deutsche, englische und dänische Handelsketten haben uns wegen der Berichte internationaler Medien, wie dem britischen The Guardian, dem dänischen Forschungsportal Danwatch, der ARD und der Deutschen Welle aufgesucht”, klagte Ronald Bown, Geschäftsführer der chilenischen Obstexporteure. „Es ist eine sehr unfaire Situation”, beschwerte sich Alfonso Ríos, Geschäftsführer von Agropetorca: „Europa ist unser größter Markt, rund 95.000 Tonnen Avocados werden pro Jahr exportiert, 60 Prozent davon nach Deutschland” (Sigue la trama de la palta: las explicaciones que dieron los productores chilenos en Europa – El Mostrador, 06. Juli 2018).

Die Bekanntmachung der Missstände im chilenischen Avocado-Großanbau ist einem Mann und seiner Bürgerinitiative zu verdanken, der den internationalen Stein ins Rollen brachte. Sein Name: Rodrigo Mundaca – ein Diplom-Landwirtschaftsingenieur und politischer Aktivist der Umwelt-Organisation Modatima, der sich auf seinem Twitter-Account rodrigo mundaca (@rmunda) mit wohltemperiertem Humor als „stets rebellisch und unnachgiebig” vorstellt und im Folgenden mir ein Interview über den chilenischen Avocado-Anbau und dessen ökologischen und sozialen Auswirkungen gab.

Vor drei Jahren riefen Mundaca und seine Organisation „El Movimiento Social por la Recuperación del Agua y la Vida“ (Soziale Bewegung für die Zurückgewinnung des Wassers und des Lebens) aus. Die Empörung unter den Chilenen hatte ihren Höhepunkt erreicht. Vom Großbergbau und vom Agrobusiness ausgepumpte Stauseen waren leergelaufen, Flüsse bis aufs Flussbett ausgetrocknet, Kleinbauern von Landverkauf, Versteigerung und Bankrott bedroht. Hinter vorgehaltener Hand wurde erzählt, einzelne Dorfbewohner könnten sich keine Toilettenspülung mehr leisten und benutzten Plastiktüten für ihre Notverrichtungen.

Das politische Umfeld der Plantagenbesitzer reagierte darauf mit Verfolgungen, Gerichtsurteilen wegen Verleumdung und Morddrohungen, die Amnesty International mit dem Aufruf Chile: Authorities must protect Rodrigo Mundaca … auf den Plan riefen. Dazu äußerte sich Rodrigo Mundaca wie folgt:

Können Sie den Vorwurf des Wasserdiebstahls erklären, der seit Monaten von Ihnen gegen die chilenischen Avocado-Exporteure vorgebracht wird?

Der Wasserdiebstahl kommt in einem sehr konkreten Zusammenhang vor. Nach der Provinz Quillota ist die Provinz Petorca der zweitgrößte Standort von Avocado-Plantagen in Chile, insbesondere der Hass-Sorte. Avocados sind eine Fruchtart, deren Anbau große Mengen an Wasser erfordert, doch expandiert der Anbau inmitten einer bedrohlichen Wasserversorgungskrise in Chile.

Was passiert? Schlaue Politiker und Unternehmer aus dem Avocado-Anbau- und Exportgeschäft haben verschiedene, unzulässige Praktiken der Wassergewinnung entwickelt. Dazu gehört der Bau von Stauseen, Kanalanlagen zur Abschöpfung von Grundwasser und Brunnen in Flusstälern, womit sie Gewässer auf ihre Plantagen umleiten, ohne jedoch im Besitz von Wasser-Sonderrechten zu sein. Jedoch passiert diese private und straflose Aneignung ganzer Flusstäler nur deshalb, weil die öffentliche Hand tatenlos zusieht.

Was ist die vorherrschende Tradition in der Provinz Petorca: Kleinbauern, Subsistenzwirtschaft?

Die Provinz Petorca besteht aus fünf Gemeinden, zwei davon – Zapallar und Papudo – an der Küste und drei – Ligua, Cabildo und Petorca – im Hinterland. Die drei Letztgenannten zeichnen sich durch eine bewährte landwirtschaftliche Tradition aus, vor allem mit der Anlage von Fruchtgärten, jedoch auch in der Garngewinnung und Weberei.

Heute sind das in der Regel kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaften, die ihre Produktion auf dem heimischen Markt absetzen und als Nutzer technischer Dienstleistungen der Agrarbehörde Indap stark in die Abhängigkeit vom Staat und dessen Beeinflussung abrutschen. Doch 91 Prozent der kleinen Landwirte, mit weniger als 50 Hektar Land, besitzen gerade mal 3,0 Prozent der Anbaufläche. Demgegenüber kontrollieren maximal 5,0 Prozent der Plantagenbetreiber, die mindestens 200 Hektar Land besitzen, immerhin 94 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Wer sind die Avocado-Unternehmer in Petorca? Werden die auch öffentlich gefördert wie z.B. die ebenfalls export-orientierte chilenische Forstindustrie?

Der chilenische Avocado-Anbau im industriellen Maßstab begann in den 1990-er Jahren und ist Bestandteil der sogenannten und landesweit gerühmten “chilenischen Frucht-Erfolgsindustrie”, womit Chile, nach Mexiko und den USA, zum weltweit drittgrößten Avocado-Exportland aufstieg. Die Politiker und Geschäftsleute, die im Nachhinein in unserem Gebiet auftauchten, sind notorisch bekannt und intensiv mit den Zentren der Macht verzahnt. Das sieht man daran, dass ich von 2012 bis 2014 zwei Jahre lang Prozesse vor Gericht ausstehen, eine Geldstrafe und monatliche Meldung bei der Gendarmerie als Preis meiner Anprangerung ihrer Umtriebe zahlen musste.

Selbstverständlich verfügen sie über Privilegien, insbesondere durch das von der Nationalen Bewässerungs-Kommission verwaltete Bewässerungsgesetz Nr. 18450, das 75 Prozent ihrer technischen Investitionen in Bewässerungssysteme sowie große Wasserkollektoren mit öffentlichen Mitteln subventioniert. In ihrer Eigenschaft als mittelgroße und landwirtschaftliche Großproduzenten sind sie außerdem Nutznießer jeder nur denkbaren Unterstützung durch die staatliche Behörde zur Produktionsförderung (CORFO), die sie mit Krediten, technischer Hilfe und sogenannten Techno-Touren zur Betriebsinnovation bedient. Dazu kommt noch die ProChile-Agentur, die für sie weltweite Marktforschungs-Touren teils mit öffentlichen Mitteln organisiert – usw.usw.

Amnesty International rief eine internationale Kampagne zu Ihrem persönlichen Schutz aus – welche Art von Drohungen haben Sie erlitten, wer sind die mutmaßlichen Täter?

Im Jahr 2012 beschuldigte ich Edmundo Pérez Yoma, den ehemaligen Innenminister der ersten Amtszeit Präsidentin Michelle Bachelets, als Verantwortlichen für die Wasser-Usurpation. Was für mich zwei Jahre ununterbrochener Prozesse bei vier verschiedenen Gerichten zur Folge hatte. Man warf mir vor, Edmundo Pérez verleumdet zu haben, obwohl es stimmte, dass er wegen illegaler Wasserumtriebe sanktioniert worden war. Ende 2014 wurde ich zu 61 Tagen Haft verurteilt, die zum Ersatz in Geldstrafe und einer ein Jahr andauernden, monatlichen Vorstellung bei der Gendarmerie umgewandelt wurden. Der Zahlung der Geldstrafe konnte ich nur mit einer Spendenaktion nachkommen.

Als Konsequenz arbeite ich seit 2014 nicht mehr in meiner Region. Ehemalige Regierungsbeamte bestanden während ihrer gesamten Amtszeit auf einem Berufsverbot gegen mich, weigerten sich, an Diskussionsforen teilzunehmen, an denen ich gegenwärtig war, bis ich schließlich 2015 auf offener Straße tätlich angegriffen wurde. Nachdem Danwatch 2017 unter Berufung auf meine Informationen berichtete, dass die großen Supermarktketten Europas keine Avocados aus der Provinz Petorca mehr kaufen würden, die mit usurpiertem Wasser hergestellt waren, wurde mir der Tod angedroht, sodass ich seit Juni 2018 unter Polizeischutz stehe.

Was schlägt Modatima vor: den Anbau von Avocado zu beenden oder mit Herkunftsnachweis fortzusetzen?

Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, dass wir nicht gegen den Avocado-Anbau sind, sondern generell gegen ein Modell der Nahrungsmittelproduktion kämpfen, das nicht im Einklang mit der Pflege und Erhaltung der natürlichen Gemeingüter steht. Wir kritisieren Monokulturen mit ihrer intensiven und irrationalen Boden- und Wassernutzung, ferner wegen der Verwendung großer Mengen chemischer Beistoffe. Das ist ein Modell, das eine ernsthafte und unwiderrufliche Umweltkrise herausfordert. Das ist die inhaltliche Debatte, die wir führen.

Das übergreifende Szenario zeichnet sich außerdem durch eine mangelnde Bodenordnung, also mit der Frage nach der Belastbarkeit von Böden durch landwirtschaftliche Nutzung, aus. Ganz zu schweigen von der Untätigkeit der zuständigen Überwachungsbehörde in der Wasserwirtschaft, die die Gewässer-Privatisierung und Kommodifizierung für lange 37 Jahre vorantreibt.

Die Avocado-Zertifizierung kann zwar ein Regulierungswerkzeug sein. In der Provinz Petorca bestehen bereits von Rainforest zertifizierte Unternehmen, die für den Wasser-Diebstahl bestraft wurden. Das heißt, die Zertifizierung ist weder eine Garantie für Nachhaltigkeit, noch dass die Nahrungsmittelproduktion in ihrer ethischen Dimension respektiert wird.

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