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„Alexa eine Superwanze, die gerne ganze Gespräche mitschneidet, die wir Zuhause führen“

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Ökonomie, Überwachung, Interviews, Wertedebatte
Johannes Bröckers

Während die Stasi noch in Wohnungen einbrechen musste, um ein paar Wanzen zu installieren, bezahlen wir heute an die 100 Euro und lassen uns freiwillig ausspähen“, sagt Johannes Bröckers im Interview mit den NachDenkSeiten. Der Frankfurter Journalist hat gerade einen flammenden Appell verfasst, der sich gegen die Gewohnheit, bei Amazon einzukaufen, richtet. Ein Interview über ein Unternehmen, das reichlich Grund zur Kritik bietet. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Bröckers, Sie haben eine Streitschrift verfasst, die heißt: „Schnauze, Alexa! Ich kaufe nicht bei Amazon“. Für die Leser, die nicht wissen, wer Alexa ist: Wer ist Alexa? Und: Warum soll Alexa die Schnauze halten?

Seit 2016 bietet Amazon auch hier in Deutschland mit „Amazon Echo“ eine mit sieben Mikrofonen ausgestattete Lautsprecherbox an, die auf den Namen Alexa hört und uns für unser Zuhause einen cloudbasierten Voice-Service bietet. Alexa ist also ein Sprachassistent, mit dem wir in Zukunft unsere interaktive Wohnumgebung mittels Sprachbefehlen steuern können. Schon jetzt können wir Alexa bitten, unsere Lieblingsmusik zu spielen, den Wetterbericht oder die Verkehrslage abzufragen oder unsere Einkaufsliste und Terminkalender zu führen. Über eine offene Schnittstelle lässt sich Alexa schon heute mit rund 50.000 Funktionen und an die 20.000 Geräten verbinden und in absehbarer Zeit können wir dann mit Alexa in unserer smarten Wohnumgebung die Waschmaschine anschalten, die Heizung regulieren oder den autonomen Staubsauger starten. Das klingt nach einem tollen Service und großem Komfort, hat aber einen sehr bedenklichen Haken: Jeden Befehl, den wir Alexa geben, speichert Amazon auf seinen Servern und wertet diese Daten aus, um unser Kaufverhalten zu analysieren. Wir werden zu absolut gläsernen Konsumenten und wer das nicht will, der muss eben „Schnauze, Alexa!“ sagen.

Nun könnte man sagen: Alexa? Das ist die Zukunft. Das ist Digitalisierung. Beides wird man nicht aufhalten können.

Digitalisierung ist ja das große Zauberwort der Stunde. Die Kanzlerin verspricht das „schnelle Internet“ und Dorothee Bär, unsere Staatsministerin fürs Digitale, träumt von Flugtaxis. Was Digitalisierung wirklich bedeutet, was das mit uns als Individuen macht, mit unserer Gesellschaft und unserer Demokratie, darüber wird für mein Gefühl viel zu wenig geredet. Deshalb ist Amazon ein gutes Beispiel. In marktradikaler Konsequenz hat Jeff Bezos Amazon in knapp 25 Jahren von einer Garagenfirma zum wertvollsten Unternehmen des Planeten gemacht. Heute ist Amazon das größte Online-Kaufhaus, bei dem rund ein Viertel aller deutschen Online-Umsätze landen, Amazon stellt den größten Marktplatz zur Verfügung, auf dem an die zwei Millionen Händler ihre Waren anbieten und ist mit den Amazon-Webservices außerdem Marktführer in Sachen digitaler Infrastruktur, also den Rechenzentren, die alle die smarten Möglichkeiten am Laufen halten. Außerdem verfügt Amazon über rund 300 Millionen ständig aktualisierter Kundenprofile. Der „Allesverkäufer“, als der sich Jeff Bezos selbst gerne bezeichnet, ist auf dem Weg zum Allesbeherrscher und Alleswisser zu werden. Wollen wir uns wirklich auf eine digitale Zukunft einlassen, die von wenigen Monopolunternehmen gelenkt und organisiert wird, die dabei totalitäre Überwachungsmethoden anwenden?

Stasi-Mitarbeiter hätten wahrscheinlich Tränen der Freude in den Augen gehabt, wenn sie über solche Möglichkeiten, die Alexa bietet, verfügt hätten, oder?

Das ist ja das Verrückte, gerade hier in Deutschland. Seit der Wiedervereinigung leisten wir uns zu Recht eine Behörde, die Machenschaften der Stasi aufarbeitet und Betroffenen Einsicht in ihre Stasispitzel-Akten gewährt. Keine 30 Jahre später kaufen wir uns jetzt bei Amazon mit Alexa eine Superwanze, die gerne auch mal ganze Gespräche mitschneidet, die wir Zuhause führen. Das kann passieren und wurde in Tests nachgewiesen, wenn Alexa ein Codewort hört, das so ähnlich wie „Alexa“ klingt. Während die Stasi noch in Wohnungen einbrechen musste, um ein paar Wanzen zu installieren, bezahlen wir heute an die 100 Euro und lassen uns freiwillig ausspähen.

Fehlt es im Hinblick auf die Möglichkeiten der Überwachung, die Alexa bietet, vielleicht auch an einem grundlegenden Problembewusstsein auf Seiten der Kunden?

Es fehlt sicher an Problembewusstsein, aber eben auch an Aufklärung. Alexa fragt uns ja nicht, ob sie die Befehle aufzeichnen darf, die wir ihr geben. Wenn man die Gebrauchsanweisung bis ins Kleingedruckte liest oder die richtige Einstellung der App findet, kann man die Befehlshistorie von Alexa auch löschen. Bis das passiert, sind die Daten natürlich längst ausgewertet. Der Prozess müsste doch umgekehrt laufen: Wenn ich Alexa installiere, müsste ich doch zunächst einmal ganz offensiv erfahren, welche Daten aufgezeichnet werden, was damit passiert und ob ich damit einverstanden bin. Aber das passiert nicht. Uns wird smarter Komfort verkauft, den wir mit dem Verlust an unbeobachteter Privatheit und unserer Freiheitsrechte bezahlen. Ein autonomer Staubsauger, der unsere Wohnung sauber hält, ist ja vielleicht ganz lustig, aber warum muss dieser Staubsauger auch gleichzeitig unsere Wohnung ausmessen und diese Daten an Dritte melden?

Tappen wir bereits in eine Falle, wenn wir Alexa als Alexa bezeichnen, also einen menschlichen Namen gebrauchen? Sollte man vielleicht einfach sagen: das Ding?

Ob Amazon Echo oder vergleichbare Geräte von Google oder Apple – alle Anbieter dieser Voice-Services arbeiten an der Optimierung der Sprachqualität, damit Alexa möglichst menschlich klingt. Amazon hat zum Beispiel kürzlich ein Patent angemeldet, weil Alexa jetzt schon an unserer Stimme erkennen kann, ob wir erkältet sind, und uns dann auch gleich die richtige Medizin empfiehlt. Das ist doch wirklich gruselig. Wir streicheln schon heute unser Smartphone häufiger als unsere Kinder oder Lebenspartner und werden ganz sicher auch emotionale Beziehungen zu KI-basierten Maschinen entwickeln und in Zukunft womöglich häufiger mit Alexa oder unserem Kühlschrank sprechen als mit unseren Mitbewohnern. Ehrlich, ich halte das für keine gute Idee.

Ähnlich kritisch wie Alexa bzw. das Ding betrachten Sie auch Amazon. Warum sollte man nicht mehr bei Amazon kaufen?

Jeder, der noch einen Rest an kritischem Potenzial zwischen den Ohren hat, weiß doch, dass Amazon im Grunde ein echter Sauladen ist, der seine Mitarbeiter schlecht bezahlt und permanent mit Kameras überwacht, der ganz Branchen plattmacht, Arbeitsplätze vernichtet und natürlich auch zu den großen Steuervermeidern zählt. Trotzdem wächst auch hier in Deutschland der Amazon-Umsatz kontinuierlich weiter, weil wir all diese Fakten ausblenden, wenn uns Amazon mit neuen Angeboten lockt. Wenn ich mal träumen darf, würde ich mir schon wünschen, dass mal alle mehr als 40 Millionen deutschen Amazon-Kunden sagen: “Nö Amazon, wir kaufen nicht mehr bei dir ein und zwar solange, bis Amazon seine Gewinne ordentlich versteuert und zwar da, wo die Umsätze generiert werden und bis wir mal geklärt haben, wie wir es mit dem Datenschutz halten.“ Ein schöner Traum, der aber Wirkung zeigen würde. Wenn man sich den aktuellen Diesel-Skandal anschaut, verliert man den Glauben, dass Politik noch im Interesse der Menschen in diesem Land handelt. Und jetzt stelle ich mir eine Dorothee Bär vor, die Jeff Bezos in die Schranken weisen soll – grins. Nein, wir müssen als Konsumenten selbst den Hintern hochkriegen.

Gibt es weitere Gründe?

Nehmen wir als Beispiel die Amazon Web Services (AWS) mit denen Amazon die stabilsten Gewinne einfährt. Hier lagern unter anderem auch jede Menge DAX-Unternehmen ihre IT-Strukturen aus, um Kosten zu sparen. David Cheriton, Professor in Stanford und ein Urgestein der digitalen Welt, rät dringend davon ab. Er sagt: „Das ist so, als ob man sein Gehirn bei Bezos auslagert und ihm das Denken überlässt.“ Einmal mit der Serverstruktur von Amazon vernetzt, findet man einfach nicht mehr raus. Legen wir mal das Ausspionieren des Einkaufsverhaltens der Amazon-Kunden zu Grunde, kann man sicher davon ausgehen, dass Amazon auch die Ideen von tausenden Unternehmen gut im Blick hat, die AWS nutzen. Mal ganz davon abgesehen, dass auch die CIA mit einer „Secret Cloud“ auf AWS zuhause ist.

Können Sie uns etwas zur wirtschaftlichen Dimension von Amazon sagen?

Jeff Bezos ist inzwischen mit kolportierten 150 Milliarden Dollar der reichste Mensch der Welt. Nur 58 Länder dieser Erde verfügen über ein höheres Bruttoinlandsprodukt als Jeff Bezos. 135 Länder dieser Erde liegen mit ihrem BIP weit abgeschlagen zurück. Das zeigt die Dimension ganz gut.

Da ist also enorm viel Geld und damit auch Macht dahinter.

Ob Jeff Bezos, ob Mark Zuckerberg mit Facebook oder die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin – sie alle waren Anfang der 90er Jahre, als es mit dem Internet so langsam los ging, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und haben die Chancen der digitalen Möglichkeiten früh erkannt. Und weil es in dieser neuen Welt des eCommerce keinerlei Spielregeln gab und bis heute kaum gibt, haben alle diese Unternehmen eine marktbeherrschende Position erobert. In unserer analogen Welt wäre hier längst das Kartellamt eingeschritten, aber das gibt es in der digitalen Welt nicht und deshalb hat sich hier eine neue Form des Überwachungskapitalismus entwickelt, in dem wir unsere Bürgerrechte aufgeben. Wir werden zu reinen Konsumenten degradiert und dürfen munter mitspielen – natürlich nur, solange wir bezahlen können. Wenn nicht, sind wir draußen.

Wie sollte man sich als Konsument verhalten? Sie schreiben zu Beginn Ihrer Streitschrift selbst, dass Sie zumindest „im Notfall“ noch Amazon nutzen.

Der Ausgangspunkt war tatsächlich mein eigenes schräges und an vielen Stellen wenig reflektiertes Konsumverhalten. Daran muss ich selbst noch arbeiten. Radikal mit Amazon Schluss zu machen, fällt mir selber schwer, denn ich bin ja gar kein Technologieverweigerer. Aber wir müssen uns dringend die Frage stellen, in welcher Gegenwart wir in Zukunft leben wollen. Edward Snowden, der den NSA-Skandal aufgedeckt hat, begründete seine Aktion mit dem Satz: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird.“ Das ist der richtige Ansatz, um die digitale Welt noch mal neu zu erfinden und die Auswüchse, die sich in den Kindertagen der Netzwelt entwickelt, zu stoppen.

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