Wie das kritische Lager aufgebrochen wird. Sogar schon von Kabarettisten. Interessant. Aufschlussreich.
Wie das kritische Lager aufgebrochen wird. Sogar schon von Kabarettisten. Interessant. Aufschlussreich.

Wie das kritische Lager aufgebrochen wird. Sogar schon von Kabarettisten. Interessant. Aufschlussreich.

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Ein Tipp für aufmerksame Beobachter des Zeitgeschehens und der Meinungsbildung: Die Herrschenden und die Meinungsführer haben die Hauptmedien und die Multiplikatoren in der Tasche – mit wenigen Ausnahmen. Aber die verbliebenen kritischen Medien und Personen stören und behindern die totale Manipulation. Deshalb muss man auch bei diesen ansetzen, so offensichtlich die Strategie. Ich beobachte diesen Prozess seit einiger Zeit und will dies an drei Komplexen und ihren Botschaften erläutern: 1. Assange – er hat auch Dreck am Stecken. 2. Auch die Russen, vor allem Putin, sind schuld an der neuen Konfrontation in Europa. 3. Unbegrenzte Migration. Wer Zweifel am Sinn äußert, wird zum Querfrontler abgestempelt. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

  1. Assange – er hat auch Dreck am Stecken.

    Zum Beleg der Existenz dieser Taktik zur Entwertung von Assange einige Zitate aus Medien:

    Süddeutsche Zeitung
    Damit die Verschleppung und Verhaftung von Assange im fortschrittlichen kritischen Lager nicht zum einhelligen Protest führen konnte, mussten Leistung und Verdienste des Gefangenen relativiert werden. Die Süddeutsche Zeitung berichtete über die Behauptung des ecuadorianischen Präsidenten, in der Londoner Botschaft sei von Assange ein Zentrum der Spionage betrieben worden:

    Taz-Kommentar:
    „Festnahme Julian Assange
    In dieser Sache trifft es den Falschen
    Assange ist kein Vorkämpfer der Transparenz – aber ins Gefängnis gehört er auch nicht. Ein Verfahren in den USA könnte ihm erneut eine Bühne bieten.
    … In der linksliberalen Öffentlichkeit hat Assange in den letzten Jahren viele Sympathien verspielt. Insbesondere seine mehr oder weniger deutliche Wahlkampfhilfe für Donald Trump genau wie immer mal wieder geäußerte Verschwörungstheorien zur europäischen Flüchtlingskrise erweckten den Eindruck, hier habe sich jemand in seiner Geltungssucht völlig verrannt. Und der Umgang von Wikileaks auch mit erkennbar sensiblen Daten schien im Vergleich zu anderen Veröffentlichungen nicht mehr wirklich verantwortungsbewusst.

    Aber ein glaubwürdiger Vorreiter für Transparenz und für die demokratische Kontrolle der Macht ist der Selbstdarsteller Julian Assange ganz sicher nicht oder nicht mehr. Der Prozess über die Auslieferung und, wenn diese denn vollzogen wird, das Verfahren in den Vereinigten Staaten werden ihm noch einmal eine mächtige Bühne bieten. Eine, die er eigentlich heute nicht mehr verdient hat.“

  2. Auch die Russen, vor allem Putin, sind schuld an der neuen Konfrontation in Europa. Russland ist genauso schlimm wie der Westen. Frieden mit Russland Ja, aber der Putin.

    Das sind die gängigen Botschaften. Sie werden verbreitet, um die Verantwortung der USA, der NATO, der Europäischen Union und der einzelnen Regierungen des Westens für die neue Konfrontation bis hin zur Kriegsgefahr abzuschieben. Das sind die Botschaften, die zugleich die Basis für die Aufrüstungsanstrengungen und für all die gefährlichen Operationen der NATO, von Manövern an der russischen Grenze bis zur Aufstellung von Raketen in Polen und Rumänien, zu rechtfertigen.

    Eine gängige Manipulationsmethode zur Verbreitung der Botschaft ist die Hintereinanderreihung von Namen, also „Erdogan, Trump, Orban, Putin“. Die NachDenkSeiten waren auf diese Methode schon einmal eingegangen. Sie wird aber immer wieder angewandt:
    Vor kurzem erreichte mich die Mail des Sprechers eines NDS-Gesprächskreises, eines wirklich kritischen Geistes und Freundes der NachDenkSeiten. Er empfahl mir den Besuch eines Vortrags, veranstaltet von GBS Karlsruhe:
    Despoten. Demagogen. Diktatoren. Ein Bildervortrag von Jacques Tilly

    und er notierte noch ein bemerkenswertes Zitat des Künstlers:

    “Satire heißt nicht einfach nur Draufhauen, Verspotten und Verletzen um jeden Preis. Satire sollte sich durch eine innere Haltung auszeichnen, einen Wertekanon, einen ethischen Kompass.”

    Ich habe dann die Ankündigung aufgerufen und Folgendes gelesen:

    „Ob Recep Tayyip Erdogan, Jarosław Kaczyński, Viktor Orbán, Donald Trump, Wladimir Putin, islamistische Terrorgruppen, fundamentalistische Christen, Front National, FPÖ oder AfD – weltweit und quer durch alle Weltanschauungen feiern autoritäre Staatschefs, Parteien und Gruppierungen Erfolge. Eine unbeugsame zivilgesellschaftliche Gegenstimme ist der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly …“

    Also auch hier wird Putin mit den anderen vermischt und damit zugleich abgestempelt und charakterisiert. Gegen dieses Feindbild steht die „unbeugsame Zivilgesellschaft“ des Westens.

    Die Hintereinanderreihung der Namen kannte ich schon von Stephan Hebel. In seinem neuen Buch über die Bilanz der Kanzlerin Merkel taucht die Hintereinanderreihung schon auf den ersten Seiten auf. Auch das hat die Funktion, jedenfalls die Wirkung, das kritische Potenzial aufzubrechen.

    Danach erreichte mich dann noch die Information des NachDenkSeiten-Mitarbeiters, der unsere Videos zusammenstellt, die Putin-Schelte sei inzwischen unter Deutschlands Kabarettisten gang und gäbe. Von Christian Ehring kannten wir das schon, so auch aktuell ein Auftritt unter der Überschrift „Moskauer Puppenkiste“. Ehring hat kaum mehr eine Sendung ohne Russland-Bashing. Oft läuft das über die „satirische“ sogenannte „Katja Kreml“-Figur. Vorschlag an Ehring und den NDR: Schaffen Sie eine Figur „Sven Weißes Haus“ und platzieren Sie diesen Ihren Berichterstatter im Sonderraum des Weißen Hauses, in dem der US-Präsident die Drohnenmorde absegnet. Das ist sicher sehr spannend und Ehrings Sven wird weit in der Welt herumkommen und von vielem fließenden Blut berichten können.

    Ehrings Masche wird inzwischen auch bei anderen, bisher sehr geschätzten Kabarettisten üblich. Einige machen die gängige Fixierung auf Putin mit. Dies zu beobachten und zu notieren und notfalls auch zu intervenieren, überlassen die NachDenkSeiten ihren Leserinnen und Lesern.

    Es geht hier nicht darum, die Politik Putins oder seine Person zu beschönigen. Man kann ja, wie das in manchen Kreisen üblich ist, seine viel zitierte Homophobie brandmarken und zu einem entscheidenden Kriterium des Urteils über ihn und seine Politik machen. Aber dann wäre darum zu bitten, auch die Drohnenmorde des Präsidenten Obama und die feixende Freude der Präsidentenkandidatin Clinton über die Ermordung von Gaddafi als Urteilskriterium heranzuziehen und die Reihe entsprechend zu erweitern: „Erdogan, Obama, Hillary Clinton, Trump, Orban …“ – und dann auch noch Putin?

    Am 5. Dezember 2018 war ich schon auf das Thema eingegangen: “Aber der Putin! Die übliche Leier, so auch am Sonntag wieder bei Anne Will“.

    Nebenbei: Wer ein bisschen Nachhilfeunterricht bei der Beurteilung der US-amerikanischen Kriegspolitik und zugleich auch zur Beurteilung der Arbeit von Assange braucht, der sollte sich dieses Video anschauen: Wikileaks – Collateral Murder !! Deutscher Untertitel !! teil ½.

  3. Unbegrenzte Migration. Wer Zweifel am Sinn äußert, wird zum Querfrontler abgestempelt. Die Wirkung kennen wir ausreichend aus der Auseinandersetzung in der Linkspartei. Wagenknechts und Lafontaines kritische Fragen wurden erfolgreich in etikettenfähige Vorwürfe uminterpretiert: Querfrontler, Nationalisten, Menschenfeinde. Dem wird die gut klingende Position gegenübergestellt: jede/r soll da leben können, wo er oder sie will.

    Das fortschrittliche kritische Potenzial ist aufgebrochen und gegeneinander gestellt. Auch hier ein strategischer Erfolg seiner Gegner.

Die Zugeständnisse an die Meinung der Meinungsführer und der Medienmächtigen sind durchaus verständlich. Diese sind mächtig und einflussreich, und immer nur in Opposition zu sein, ist auch nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Das ist unsere tägliche Erfahrung und sicher auch jene vieler NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser.

Aber: das Herausbrechen kritischer Geister – und sei es nur das zeitweise Herausbrechen – aus dem kritischen und fortschrittlichen Lager ist gefährlich. Je mehr Zeitgenossen und Multiplikatoren aus Politik, Medien und Kabarett das nämlich mitmachen, umso glaubwürdiger wird die Position der etablierten Medien und umso isolierter wird die Position der verbleibenden Kritiker.

Deshalb die Bitte und die Anregung, solche Vorgänge zu beobachten und im Gespräch mit anderen aus Ihrem Bekannten- und Familienkreis auf diese Vorgänge und die Hintergründe aufmerksam zu machen.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!