Angela bleibt Kanzlerin – warum eigentlich nicht?
Angela bleibt Kanzlerin – warum eigentlich nicht?

Angela bleibt Kanzlerin – warum eigentlich nicht?

Ein Artikel von Hermann Zoller | Verantwortlicher: Redaktion

Alle reden von Merkels Abschied aus dem Kanzleramt. Nur mal so vor sich hin gedacht: Sie könnte doch aber auch auf ihrem Sessel bleiben. Warum eigentlich nicht? – Das fragt sich Hermann Zoller und spekuliert ein bisschen. Unrealistisch? – Wir veröffentlichen diesen Beitrag, weil ihm eine leider realistische Prognose zugrunde liegt und weil außerdem so viele andere, von denen man und wir das nicht erwarten konnten, ihre Corona-Politik für erfolgreich halten. Albrecht Müller.

Legen wir mal unsere Kritik-Brille zur Seite, schauen stattdessen aus dem Blickwinkel eines CDU-Strategen auf die Lage. Die Situation sieht dann doch so aus: Einen Nachfolger, der sich bei der Bundestagswahl als allumfassende Persönlichkeit stellt, den haben die Unions-Parteien noch nicht aufs Schild gehoben. Einige Bewerber pausieren in der Warteschlange. Söder gehört nach Bayern, da passt er hin, sagt er. Bundesweit ist die Sympathie des Wahlvolkes nicht leicht einzuschätzen. Aber es gibt bestimmt nicht wenige Bürgerinnen und Bürger, denen seine starke Hand gefällt. Laschet wirkt gemäßigter, verständnisvoller fürs Volk, aber das überragende Profil hat er sich noch nicht erarbeitet. Röttgen kennt kaum jemand. Bleibt Merz: Ja, der hat Profil, wahrscheinlich ein paar Ecken und Kanten zu viel als Black-Rock-Kapitaleinsammler. Aber darüber wären viele nicht erfreut, weil Politik mit Bierdeckel doch ein bisschen zu einfach ist. Für die Grünen, die SPD und Die Linke wäre Merz eigentlich ein gefundenes Fressen, denn an ihm könnten sie ihr soziales Gewissen zum Aufleuchten bringen. Merz könnte also den Boden für eine rot-rot-grüne Mehrheit im Bundestag bereiten. Das ist wahrscheinlich zu optimistisch spekuliert, aber man weiß ja nie – und dann stünden CDU/CSU und FDP vor dem Kanzleramt im Regen. Und das wollen doch beide auf jeden Fall verhindern. – Es sei denn, die Grünen springen rein.

Und so könnte man durch die Unsicherheiten während der Strategieberatung im Adenauerhaus auf den naheliegenden Gedanken verfallen, Angela zu bitten, ihren Ruhestand noch ein bisschen zu verschieben, so um ein oder zwei Jahre: also noch einmal in den Ring zu steigen, für die C-Parteien das Rennen zu gewinnen. Die Voraussetzungen für eine Wiederwahl könnten besser nicht sein. Die Coronavirus-Krise habe „alles auf den Kopf gestellt“, räumte Merkel vor einigen Tagen selbst ein. Und vielleicht kommt ja auch noch eine zweite Welle …

Von unserer Langzeitkanzlerin konnte man vor einigen Monaten den Eindruck gewinnen, sie habe nun den Zenit hinter sich gelassen. Sie hatte angekündigt, 2021 nicht mehr antreten zu wollen. Daran gab es aber gleich Zweifel: Immerhin äußerte ihr früherer Weggefährte, Altbundespräsident Joachim Gauck, Zweifel an einem Rückzug Merkels. Er könne sich „nicht vorstellen, dass sie dann nur auf dem Land sitzt und guckt, was der Rasen macht oder die Blümchen“, so im Fernsehsender n-tv. Und ganz aktuell, am 3. Juni 2020, schlagzeilt der „Merkur“: „Wegen Corona-Krise: Hängt Merkel noch eine Amtszeit dran? Umfrage zeigt bereits Zustimmung.“

Nun hat sie durch ihr Pandemie-Management einen neuen Höhenflug bei den Sympathiewerten hingelegt. Mit ihren ruhig und besonnen wirkenden Auftritten hat sie einem Großteil der Menschen in diesem Land ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Und sie zeigt, dass sie nicht nur die Gesundheitsgefahr bannen, sondern auch bei der Aufarbeitung der wirtschaftlichen und politischen Folgen rasch Nägel mit Köpfen machen will. Und auch für Europa verbreitet sie Zuversicht: „Europa kann aus der Krise stärker hervorgehen, als es in sie hineingegangen ist“, so die Kanzlerin kürzlich bei einer Diskussion zur Vorbereitung der Übernahme des EU-Ratsvorsitzes.

Es gibt eine lange Liste von Kritik an Merkels Politik – allzu viele haben das derzeit leider vergessen: Die Umfragewerte sind nicht nur gut für sie, sondern auch stabil. Und das durch das – ja keineswegs in erster Linie von ihr geleitete – Krisenmanagement gewonnene Vertrauen wird noch für längere Zeit für ein gutes Image sorgen. Auch wenn es keine zweite Corona-Welle geben wird, so wird jetzt auf jeden Fall eine Welle zum Wiederaufbau der Wirtschaft ausgelöst. Wer auch immer von den regierungsamtlichen Wohltaten beglückt werden wird oder auch nichts davon abbekommt – insgesamt wird wieder durch geschickte propagandistische Tricks das Bild von einer Kanzlerin erzeugt, die sich ums Land kümmert, die sich um alle kümmert, denn wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es doch allen gut. Wenn wir eine solche Kanzlerin haben, die in diesen schwierigen Zeiten nicht spaltet, sondern fürs ganze Land, ja für ganz Europa nur das Beste will – was könnte uns glücklicher machen?

Die SPD wird sich mangels sozialgeprägten Profils schwertun, gegen eine solch „erfolgreiche“ Kanzlerin kräftig anzukritisieren. Die Grünen müssten als größte Oppositionspartei eine handfeste Gegenstrategie entwickeln, sie werden sich wahrscheinlich allerdings mit ein bisschen mehr Umweltschutz zufriedengeben, ansonsten sich regierungsfähig zeigen.

Also: Liebe CDU/CSU-Strategen, seid mutig: Wenn die Coronakrise schon „alles auf den Kopf gestellt“ hat, dann denkt auch in Sachen Kanzlerkandidatur neu – und schickt eine solch „erfolgreiche“ Kanzlerin wieder ins Rennen. Warum eigentlich nicht?

Titelbild: 360b / Shutterstock