Maskenzwang im Unterricht: Ein bizarrer Plan
Maskenzwang im Unterricht: Ein bizarrer Plan

Maskenzwang im Unterricht: Ein bizarrer Plan

Ein Artikel von: Tobias Riegel

Für Schüler soll nun teils sogar im Unterricht eine Maskenpflicht gelten. Diese Pläne sind unverantwortlich und unwissenschaftlich. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

In Nordrhein-Westfalen sollen Schüler nun in weiterführenden Schulen sogar während des Unterrichts einem Maskenzwang unterliegen, wie der Deutschlandfunk meldete. In der selben Sendung folgte kurz darauf eine Nachricht zu einer neuen Studie über das Ansteckungspotenzial in Schulen: „Die akute Ansteckung habe bei Null gelegen“, erklärte demnach der Direktor der Leipziger Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Kiess. Zudem seien in lediglich 14 von 2.338 Blutproben Antikörper als Hinweis auf eine überstandene Corona-Infektion gefunden worden. Die Untersuchung fand in den Monaten Mai und Juni an zehn Grundschulen und neun Gymnasien in Sachsen statt.

Widersprüchlich und unwissenschaftlich

Wie passen diese beiden Meldungen zusammen? Sie passen nicht zusammen. Die widersprüchliche Kombination verdeutlicht (einmal mehr) zweierlei: Zum einen die allgemeine Entfremdung teils drastischer Maßnahmen von ihrem offiziell proklamierten Ziel: nämlich auf „wissenschaftlicher“ Basis „gegen Corona“ vorzugehen. Zum anderen die fortgesetzte Bereitschaft, innerhalb einer nicht auf seriösen Daten beruhenden „Pandemie“-Bekämpfung ausgerechnet die Schwächsten der Gesellschaft mit besonders harten Regeln zu belegen. Zur unseriösen Datenbasis der Corona-Politik und zu ihren teils fatalen sozialen und psychologischen Auswirkungen (auch und vor allem) für Kinder haben die NachDenkSeiten zahlreiche Artikel verfasst. Links dazu folgen unter dem Text.

Die Kinder sollen nach aktuellen NRW-Plänen stundenlang im Unterricht die Maske tragen. Auch in den Pausen dürfen sie sie demnach nicht ablegen, weil gerade dann ja Begegnungen mit anderen Schülern drohen würden. Die Vorstellung von sich im Unterricht permanent maskiert gegenübersitzenden Kindern oder auf dem Pausenhof flächendeckend maskierten Schülern, denen zusätzlich der Kontakt verboten wird, ist bizarr. Durch die fehlende wissenschaftliche Grundlage erscheinen diese politischen Vorgaben willkürlich und angesichts des Schadens für die Pädagogik unverantwortlich. Der Gipfel ist, dass aber gerade den Kritikern solcher nicht rationalen und gesellschaftlich fragwürdigen Vorschriften von Teilen in Politik und Medien „Verantwortungslosigkeit“ vorgeworfen wird.

Die hier getätigten Aussagen leugnen keineswegs die Existenz von Covid-19. Aber sie fordern eine Rückkehr zu einer faktenbasierten Risikoanalyse. Auch können auf Basis einer seriösen Risikoanalyse individuelle und kollektive Einschränkungen durchaus verlangt werden, wenn diese mit sozialen Aspekten in ein angemessenes Verhältnis gesetzt werden. Doch diese seriöse Basis existiert bisher nur höchst ungenügend, wie die NachDenkSeiten vielfach belegt haben, auch dazu finden sich Links unter diesem Text.

Bei Verstoß droht Schulverweis

Weitere Informationen und erste regionale Eltern-Reaktionen in NRW sind etwa in diesem Artikel oder in diesem Artikel gesammelt . Wenn Schüler in NRW dauerhaft gegen die neue Maskenpflicht verstoßen, können sie auch von der Schule verwiesen werden, wie die dortige Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) laut „Rheinischer Post“ (RP) sagte. Unter anderem wegen der Maskenpläne vergibt die Zeitung in einem anderen Artikel das Prädikat, die NRW-Landesregierung sei „knackig aus der Sommerpause zurückgekehrt“. Auch bezeichnete die RP einen Maskenzwang sogar während des Unterrichts als „angesichts der steigenden Infektionszahlen wohl unumgänglich“.

Das ist er aber keineswegs: Der Vorgang erscheint grundfalsch und er erscheint – angesichts zu erwartender psycho-sozialer und weiterer Langzeitschäden – nicht verhältnismäßig. Wie kann das Vorgehen gerechtfertigt werden, wenn weder die „ansteigenden Infektionszahlen“ noch ein Infektionsrisiko durch Kinder seriös belegt werden können?

Die NachDenkSeiten haben kürzlich in diesem Artikel die fragwürdige Behauptung von den aktuell „steigenden Infektionszahlen“ thematisiert. Zwar finden sich auch in großen Medien durchaus weitere Berichte zur Studie zum Infektionsrisiko von Grundschülern sowie Gymnasiasten, etwa in der „Süddeutschen Zeitung“. Die „Zeit“ berichtet ebenfalls darüber und erwähnt auch die „psychischen Folgen der Schulschließungen“, weitere Artikel dazu finden sich hier oder hier. Zudem würde sich die aktuelle Studie zum kaum vorhandenen Infektionspotenzial der untersuchten Schüler mit vorherigen Ergebnissen einer Forscher-Gruppe aus Dresden decken, so die „Zeit“. Ein beunruhigender Aspekt der Corona-Episode ist aber, dass Rationalität eben kaum noch eingefordert wird. Auch nicht vonseiten jener Medien, die nun über die Ergebnisse der Wissenschaft berichten. Das teils fragwürdige aktuelle Verhalten der Politik, das sich über möglichst „knackige“ Auftritte produzieren will, kann sich – flankiert von medialer Panikmache – darum weitgehend unbeschwert von lästigen öffentlichen Nachfragen entfalten. Entsprechend hoch sind die „Zustimmungswerte“.

Appelle der Wissenschaft werden ignoriert

Dabei wurden bereits im Mai dringende Appelle aus der Wissenschaft bekannt, die einen ganz anderen Umgang mit (in diesem Fall den jüngeren) Kindern gefordert haben, wie damals etwa der Spiegel berichtete: In einer Stellungnahme hatten die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland demnach betont: “Kitas, Kindergärten und Grundschulen sollen möglichst zeitnah wiedereröffnet werden”, und zwar „uneingeschränkt”. Es müssten keine kleinen Gruppen gebildet werden. Auch müssten die Kinder weder Abstand wahren noch Masken tragen. Inzwischen haben die Forschungsgemeinschaften ihren Standpunkt aktualisiert. In dieser Tabelle werden Masken für Kinder ab 10 Jahren empfohlen, bis diese ihren Platz erreicht haben.

Dieser Tage bezeichnet der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland die aktuellen Pläne bezüglich der Schüler laut Medien als “nicht sinnvoll”. Ein “längeres Maskentragen beeinträchtigt bei Schülern die Leistungsfähigkeit”, sagte der Verbandspräsident Thomas Fischbach gegenüber Medien. Zudem würden Blickkontakt und Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern gestört. Auf den NachDenkSeiten gibt es dazu zahlreiche Hintergründe, Links folgen unter dem Text.

Lehrer-Sorgen nicht ignorieren oder diffamieren

Die aktuellen Pläne sind nicht nur bezüglich der Kinder fragwürdig. Auch die Lehrer werden in eine ungute und der Pädagogik schadende Rolle der Kontrolleure einer missglückten Corona- und Bildungspolitik gedrängt. Das kommt noch zu den Sorgen vieler Lehrer vor einer Infektion hinzu – diese Sorgen sind nach den unseriösen Medienberichten zu „steigenden Infektionszahlen“ nicht verwunderlich und können nicht ignoriert werden. Schon gar nicht dürfen die Menschen wegen politisch-medial erzeugten Ängsten diffamiert werden. Hier müsste stattdessen dringend eine beruhigende Aufklärung zu den realen Risiken stattfinden. Zudem wirft die aktuelle Situation ein erneutes Licht auf die langfristigen politischen Versäumnisse, die bereits lange vor Corona zu Personalnot und finanzieller Vernachlässigung an den Schulen geführt haben. Beides wird nun zu Recht von Seiten der Gewerkschaften betont. Es darf nicht sein, dass nun die Lehrer mit den langfristigen sowie mit den akuten Versäumnissen alleingelassen werden.

Die Bundesregierung unterstützt laut Medien die Pläne der Bundesländer, in der Schule einen Maskenzwang für Kinder und Jugendliche einzuführen. Die stellvertretende Regierungssprecherin Demmer sagte in Berlin, die Maskenpflicht sei eine „vernünftige Überlegung“. Nicht ganz so extrem wie die Pläne in NRW, aber immer noch fragwürdig, sind die Pläne anderer Bundesländer, die unter anderem einen permanenten Maskenzwang für Schüler in den Pausen etc. vorschreiben – also überall auf dem Schulgelände, außer während des Unterrichts. In Hamburg gelte die Maskenpflicht an allen weiterführenden Schulen in den Pausen und bei sämtlichen Wegen auf dem Gelände. Zuvor hätten bereits Bayern, Baden-Württemberg und Berlin entsprechende Regelungen angekündigt, weitere Details finden sich etwa in diesem Artikel.

Auch in den letztgenannten Bundesländern gibt es Überlegungen, die Maskenpflicht „notfalls“ auch auf den Unterricht auszuweiten. Für den Fall, dass „die Infektionszahlen“ im neuen Schuljahr deutlich steigen sollten, schloss etwa Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres laut Medien die Verhängung einer verschärften Maskenpflicht nicht aus.

Mecklenburg-Vorpommern hatte sich lange tapfer gegen den fragwürdigen Zeitgeist gewehrt, schwenkte nun aber auch teilweise um: Auch hier herrscht nun „auf dem gesamten Schulgelände außerhalb des Unterrichts“ eine Maskenpflicht auch für die Schulkinder. Und das, obwohl Mecklenburg-Vorpommern laut Medien mit Abstand die niedrigsten „Fallzahlen“ aufweise. Dieser Fakt, zusammengenommen mit den Ergebnissen der neuen Studie zum Infektionspotenzial von Schülern, lässt die Entscheidung des Bundeslandes besonders unwissenschaftlich erscheinen.

Aufstand der Eltern?

Der geplante drastische Eingriff in die Kommunikation sowie die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Kinder und damit in ihre ganze weitere Entwicklung könnte nur mit einwandfrei empirisch festgestellten und ernsten Gefahren gerechtfertigt werden. Für diese Feststellung fehlt aber die angemessene Zahlenbasis. Man kann hier nur auf einen Aufstand der Eltern hoffen: ausgelöst durch ein Verantwortungsgefühl gegenüber den Kindern, das Teilen von Politik und Medien anscheinend abhanden gekommen ist.

Anmerkung, 5.8.2020: Die im 8. Absatz erwähnten Forschungsgemeinschaften haben ihre Position aktualisiert. Dazu wurde nachträglich ein Link hinzugefügt.


Hintergründe zum Thema auf den NachDenkSeiten:

Titelbild: Oksana Kuzmina/shutterstock.com