Entweder-Oder, Gut oder Böse: Demokratie geht anders

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes | Verantwortlicher:

„Deutschland ist im Kampfmodus. Andersdenkende werden verunglimpft, und statt aufeinander zuzugehen, breitet sich in der Öffentlichkeit ein aggressives Klima der Intoleranz aus.“ Das ist die Diagnose der ehemaligen ARD-Journalistin und Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz in ihrem neuen Buch „Respekt geht anders. Betrachtungen über unser zerstrittenes Land“. Unser Rezensent Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen.

Man könnte ja der Meinung sein, dass schlechter werdende Umgangsformen in der Gesellschaft vielleicht nicht gerade die Lebensfreude fördern, aber doch als politisches Problem eher marginal sind. Gabriele Krone-Schmalz, und da muss ich ihr zustimmen, sieht darin aber mehr, nämlich eine Gefahr für die Demokratie:

„Demokratie kann nur mit interessierten, gut informierten und kompromissfähigen Bürgern funktionieren. Null-Bock-Zeitgenossen, Hysteriker und Wutbürger fahren das System an die Wand, und die Missionarischen, die sich stets auf der moralisch richtigen Seite wähnen, legen allzu oft ein zutiefst intolerantes Verhalten an den Tag, ohne es zu merken.

In diesem Buch will ich mich mit den Mechanismen der Polarisierung beschäftigen. Ich will zeigen, wo die Fallen lauern, die aus pluralistischen Debatten polarisierende Spaltpilze werden lassen. Und ich will zum Nachdenken anregen, ob es auch nicht anders geht: ruhiger, entspannter, sachorientierter, kurz: respektvoller. Haben wir in unserer Gesellschaft nicht außerdem viel mehr gemeinsam, als es die aufgeheizten Debatten vermuten lassen?“ (S. 8).

Eine zentrale These ihres Buches lautet, dass das binäre Denken, also das Entweder-Oder-Denken, eine offene, differenzierte und vor allem argumentative Auseinandersetzung unmöglich macht:

„Wenige Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York vom 11. September 2001 erklärte Präsident George W. Bush, im ‚Krieg gegen den Terror’ gebe es keine Neutralität. ‚You are either with us or against us.’ Das ist die krasseste Form vom Entweder-oder-Denken: ‚Wer nicht für mich ist, ist gegen mich’. Wurden Sie auch schon mal vor diese Alternative gestellt? Was für eine Anmaßung! Denn es läuft darauf hinaus, dass Sie ihr eigenes Gehirn abschalten sollen und in bedingungsloser Treue demjenigen folgen, der diese letztlich rhetorische Frage stellt. Das passt eher in diktatorische Denkmuster als zu demokratischen Verhaltensweisen. ‚Wer nicht für mich ist, ist gegen mich’ zwingt Sie dazu, auch Dinge zu tun oder zuzulassen, mit denen Sie persönlich nicht einverstanden sind, andernfalls werden Sie zum Feind erklärt, der bekämpft werden muss“ (S.13).

Dies sei aber noch nicht alles, so Krone-Schmalz. Binäres Denken führe in die Irre und baue Gegensätze auf, wo keine seien:

Entweder oder, ja oder nein, das klingt nicht nur nach Mittelalter und Inquisition, es führt auch mit Blick auf die Problemlösungen in die Irre. Zum einen, weil Realitäten nicht so holzschnittartig sind, dass man ihnen mit entweder oder und ja oder nein gerecht werden könnte, und zum anderen, weil es über tatsächlich bestehende Gegensätze hinaus welche aufbaut, die keine sind. Es kommt noch etwas Drittes hinzu: Wenn über fruchtlose Alternativen diskutiert wird, statt über pragmatische und konkrete Lösungen, dann lenkt das oft von den eigentlichen Fragen ab“ (S.13).

Wenn eigenständiges Denken verdächtig wird

Sie veranschaulicht die Problematik des binären Denkens an diversen Beispielen, u. a. an den Diskussionen zur Corona-Epidemie, dem Klimawandel und der Genderdiskussion. Zur Außenpolitik stellt sie Folgendes fest:

„Auch in der Außenpolitik entfaltet das Entweder-oder-Denken seine schädliche Wirkung. Muss man sich wirklich entscheiden, ob man zu Polen oder zu Russland gute Beziehungen unterhält? Zu Russland oder den USA? Ich denke, nein, aber es ist tägliche Praxis, ‚Transatlantiker’ gegen ‚Russlandversteher’ politisch und medial in Stellung zu bringen. Nicht jeder, der die Politik der USA kritisiert, will gleich das transatlantische Bündnis auflösen. Es gibt nicht nur die Alternative zwischen einer bedingungslosen Gefolgschaft gegenüber Washington und einer einseitigen Hinwendung nach Moskau. Man kann auch die Gewichte innerhalb des transatlantischen Bündnisses zugunsten Europas verschieben wollen. (…) Aber in solchen Fragen geht es oft weniger um die Sache als um ideologische Positionierung. Ideen, Vorschläge und Überlegungen werden, je nachdem aus welchem ‚Lager’ sie kommen, verklärt, verteufelt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen. In der Folge schaukeln sich Auseinandersetzungen auf, und diejenigen, die das ‚Sowohl-als-auch’ mitdenken und sich um Verständigung bemühen, werden beiseite geschoben, eben weil sie sich nicht sklavisch auf eine Seite stellen wollen“ (S.16).

Wenn Andersdenkende zu Bösen werden

Ein weiterer Aspekt dieses binären Denkens ist die moralisierende Einteilung in Gut und Böse. Wobei natürlich immer diejenigen, die so verfahren, sich selbst in die Kategorie „Gut“ einordnen. In diesem Denkmuster vertritt, wer von der eigenen Position abweicht, keine andere Position, sondern schlichtweg eine moralisch verwerfliche. Krone-Schmalz widmet dieser Problematik zwei Kapitel: Das eine heißt „Gut und Böse“, das andere „Die Würde des Andersdenkenden“. In Letzterem schreibt sie Folgendes zum Antisemitismusvorwurf:

„Die bequemste und sicherste Methode, jemanden loszuwerden und sich nicht inhaltlich auseinandersetzen zu müssen, ist eine möglichst abscheuliche Ecke zu finden, in die man ihn stellen kann. Die mit Abstand abscheulichste ist die mit der Aufschrift Antisemitismus. (…) Doch was genau ist antisemitisches Verhalten und wie äußert sich antisemitisches Gedankengut?“ (S. 99-101).

Im weiteren Text beschreibt Krone-Schmalz ein Projekt der Zeit-Stiftung, das über den alltäglichen Antisemitismus aufklären und informieren soll. Auf der Internetseite zum Projekt werden unter der Rubrik „Antisemitismus erkennen“ 35 Zitate aufgeführt. Krone-Schmalz kritisiert völlig zu recht, dass einige dieser Zitate einen Antisemitismus behaupten, der keiner ist:

„Da wird zum Beispiel ein ‚älterer Herr bei einer Podiumsdiskussion’ zitiert (Zitat Nr. 18): ‚Der Holcaust ist eine Schande. Ich pflege die Stolpersteine bei mir im Dorf. Ich achte darauf, dass nichts in Vergessenheit gerät. Aber das, was die Israelis in Palästina machen, das geht einfach nicht.’ Was ist daran bitte antisemitisch? Die Begründung der Initiative hängt sich am Begriff ‚Schande’ auf, an der Wendung ‚die Israelis’ und daran, dass der Mann den Holocaust mit der Nahostpolitik verknüpfe. Dabei will er mit dem Verweis auf den Holocaust vermutlich nur dem Verdacht vorbeugen, er sei Antisemit, weil er die israelische Politik kritisiert. Und wer wäre bei einem Publikumsbeitrag zu einer Podiumsdiskussion davor gefeit, ‚die Amerikaner’ oder ‚die Russen’ zu sagen?“ (S: 102-103).

Yin und Yang ist besser als Himmel und Hölle

Aufgrund solcher moralisierenden Ausgrenzungsstrategien, die man im politischen Geschäft regelmäßig beobachten kann, habe ich auch nichts gegen den polemischen Begriff „Gutmensch“ einzuwenden. Denn er beschreibt sehr gut die Scheinheiligkeiten der Moralapostel in der Politik. Schon der berühmte Psychologe Alfred Adler (1937 verstorben) warnte in seinem Buch „Menschenkenntnis“ vor Gutmenschen: „Wenn die ideale Haltung eines Menschen ein gewisses Maß überschreitet, wenn seine Güte und Menschlichkeit Formen annimmt, die schon auffällig sind, dann ist Misstrauen am Platze.“ Deshalb kann ich auch Gabriele Krone-Schmalz nur zustimmen, wenn sie schreibt:

„Politik ohne moralischen Kompass wird zur reinen Machtpolitik. Doch ein moralischer Kompass ist das eine. Ein Denken in den Kategorien „Gut“ und „Böse“ das Andere. In der chinesischen Philosophie werden gegensätzliche Prinzipien als ineinander verschlungen und einander ergänzend begriffen, was sich in der Konzeption von Yin und Yang zeigt. In der westlichen Tradition dominiert dagegen ein Denken in klaren, binären Alternativen. Im Christentum gibt es entweder den Himmel oder die Hölle. Die Weltgeschichte wird als ewiger Kampf zwischen den Kräften des Guten und den Kräften des Bösen gesehen. Mir scheint, dass manche ‚moralische’ Haltung in unseren aktuellen politischen Debatten tief in diesen christlichen Traditionen verwurzelt ist. Doch was passiert, wenn man das politische Geschehen in einen Kampf zwischen ‚Gut’ und ‚Böse’ umdeutet und sich selbst dabei als das ‚Gute’ definiert?

Wenn politische Konflikte in dieser Weise moralisch aufgeladen werden, dann wirkt das polarisierend, vermindert die Kompromissbereitschaft, führt oftmals zu einer falschen Wahrnehmung der eigentlichen Probleme und kann sogar die Geltung von Rechtssystemen untergraben. Denn muss sich das Gute im Kampf gegen das Böse an Gesetze oder internationale Regeln halten? Oder müssen diese für das höhere Ziel zurückstehen?

Tatsächlich gibt es weder ‚das’ Gute noch ‚das’ Böse. Wer sich selbst als ‚gut’ definiert und den anderen als ‚böse’, der verwischt alle Zweideutigkeiten und verbaut es sich, nach den Beweggründen des Gegenübers zu fragen und diese als berechtigt zu verstehen. Nur wer davon ausgeht, dass auch der politische Gegner ein Körnchen Wahrheit besitzt, ist fähig zu Kompromissen. Wer ihn dagegen als ‚böse’ betrachtet, der konstruiert Feindbilder, die mit der Realität wenig zu tun haben“ (S.58).

Armut in Deutschland: alles halb so schlimm?

Unter der Kapitelüberschrift „Hysterikerland“ befasst sich Krone-Schmalz auch mit der Armutsdebatte in Deutschland. Diesen Abschnitt ihres Buches empfinde ich persönlich als ärgerlich. Ich habe den Eindruck, dass hier mit vielen „einerseits“ und „andererseits“ das Armutsproblem in Deutschland relativiert und beschönigt werden soll. Sie schreibt unter anderem:

„Wer die Berichterstattung rund um das Thema Armut verfolgt, der merkt sehr schnell, dass in der Regel nicht zwischen Armut und Armutsrisiko unterschieden wird. ‚Vor zwanzig Jahren in der Bundesrepublik noch undenkbar: Menschen durchsuchen Mülleimer auf der Suche nach Pfandflaschen. Menschen, die an Tafeln für Nahrungsmittel Schlange stehen. Das ist Armut in Deutschland heute’, heißt es etwa auf den Internetseiten der ‚Linken’. Und zu Recht wird dort festgestellt: ‚In einem der reichsten Länder der Welt ist Armut ein unerträgliches und vermeidbares Phänomen.’ Doch ist es zutreffend, wenn man diese Art von Armut, die dem Bild entsprechen dürfte, das man gewöhnlich im Kopf hat, wenn der Begriff Armut fällt, mit den 16 Prozent der Bevölkerung in Zusammenhang bringt, die sich im Armutsrisiko befinden? (…) Es ging mir nicht immer so gut wie heute. Ich musste beim Lebensmitteleinkauf gezielt Sonderangebote nutzen. Was Kleidung betraf – nur das Nötigste und schon gar nicht das, was ‚in’ und teuer war. Und Urlaub? Kein Denken daran. Statistisch lebte ich im Armutsrisiko. Aber war ich deshalb arm?“ (S. 40).

Kritik

Gabriele Krone-Schmalz hat mit vielen Beispielen sehr gekonnt die Probleme der deutschen Debattenkultur auf den Punkt gebracht. Auch die Medienlandschaft hat sie gut analysiert. Eines aber unterschätzt sie meines Erachtens: Die Auswirkungen der neoliberalen Umverteilungspolitik von unten nach oben auf das gesellschaftliche Klima. Daraus resultierte eine erhebliche soziale Ungleichheit und damit einhergehend eine starke soziale Verunsicherung und eine große Angst vor dem sozialen Abstieg. Gleichzeitig wurde und wird von den herrschenden Kreisen das betrieben, was ich mal den „Klassenkampf von oben“ nennen möchte. Beispiele: War es etwa ein von Respekt getragener Tonfall, wenn in der Zeit der rot-grünen Bundesregierung der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Wolfgang Clement in einer regierungsamtlichen Broschüre Arbeitslose mit Schmarotzern und Parasiten verglich? Ist es respektvoll, wenn in den privaten Medien Arbeitslose als verwahrloste Idioten vorgeführt und dargestellt werden? Unterstellt der Slogan „Fördern und fordern“ nur zufällig, dass Arbeitslose faul und unwillig seien? Und trägt dies zu einem respektvollen Umgang mit arbeitslosen Menschen bei?

Ein weiterer Punkt, der mir bei ihrer Argumentation fehlt: Die massive politische Repräsentationskrise. Anders ausgedrückt: Die vorgeblich linken Parteien Die Linke, SPD und Grüne repräsentieren schon lange nicht mehr die Interessen der unteren 40 Prozent der Bevölkerung. Einfach nur respektvoller miteinander umzugehen, löst dieses Problem nicht. Vielmehr ist diese Repräsentationskrise eine der Ursachen für die zunehmende Verrohung und Respektlosigkeit: Denn wenn sich die gesellschaftlichen Konfliktlagen nicht mehr in harten parteipolitischen Auseinandersetzungen widerspiegeln, können viele Menschen ihre Wut auf die Verhältnisse in der Gesellschaft nicht mehr sinnstiftend politisch verarbeiten und kanalisieren. Und radikalisieren sich deshalb – und laufen Leuten hinterher, die nur Pseudolösungen zu bieten haben. Das liegt auch am „mittigen“ journalistischen Establishment, das sich in seinen Meinungen nur graduell unterscheidet und ideologisch nur selten bis gar nicht grundlegend alternative Sichtweisen zu bieten hat.

Deshalb wäre meine ergänzende Anmerkung zum Thema des Buches: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Also die konkreten Lebensbedingungen, unter denen Menschen handeln und leben müssen. Dieser materielle Aspekt der zunehmenden Verrohung unserer Debattenkultur kommt meines Erachtens in Krone-Schmalz’ Buch zu kurz.

Resümee

Trotzdem möchte ich dieses Buch empfehlen. Es enthält viele lesenswerte Analysen und Anregungen und bereichert die politische Diskussion. Wäre dies eine Amazon-Rezension, würde ich vier von fünf möglichen Sternen vergeben.

Gabriele Krone-Schmalz: Respekt geht anders. Betrachtungen über unser zerstrittenes Land, München 2020, C. H. Beck Verlag, 174 Seiten, 14,95 Euro

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