„Das Schachbrett des Teufels“. Oder: die Morde der CIA. Auch ein Markenzeichen der „freiheitlichen westlichen Demokratie“
„Das Schachbrett des Teufels“. Oder: die Morde der CIA. Auch ein Markenzeichen der „freiheitlichen westlichen Demokratie“

„Das Schachbrett des Teufels“. Oder: die Morde der CIA. Auch ein Markenzeichen der „freiheitlichen westlichen Demokratie“

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Im Zusammenhang mit der Ablösung Trumps durch Biden ist die Qualität unserer westlichen Demokratien, dargestellt am Fall der USA, unentwegt gefeiert worden – im Interview Claus Klebers mit Barack Obama, in der Begrüßung Bidens durch den Bundespräsidenten, die Bundeskanzlerin und den deutschen Außenminister usw. Ich habe zur Ernüchterung und Erholung mit der Lektüre des Buches von David Talbot über Alan Dulles und den Aufstieg der CIA zur heimlichen US-Regierung begonnen. Der Westend Verlag hat den Prolog, eine Einführung in das Buch, als PDF zur Verfügung gestellt. Man begreift bei der Lektüre sehr viel besser, was mit „tiefem Staat“ gemeint ist. Wir werden mit Präsident Biden erleben, wie aktuell das alles ist. Dafür spricht seine Rolle als Vizepräsident wie auch das von ihm ausgewählte Personal für Führungsaufgaben. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Der Prolog vermittelt einen guten Eindruck vom Inhalt des Buches und vom Charakter und den Machenschaften der CIA.

Für NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser mit wenig Zeit sind hier ein paar Auszüge aus dem Prolog dokumentiert:

Später, als Bruder Allen Dulles während des Zweiten Weltkriegs auf dem europäischen Kontinent als oberster Geheimdienstler der USA operierte, ignorierte er unverfroren Präsident Roosevelts Politik der bedingungslosen Kapitulation der Achsenmächte und verfolgte seine eigene Strategie von Geheimverhandlungen mit SS und deutscher Wehrmacht.

Die gewaltigen Opfer, die das russische Volk im Krieg gegen Hitler brachte, bedeuteten Dulles wenig. Ihm war mehr daran gelegen, den Sicherheitsapparat des Dritten Reiches zu retten und ihn gegen die Sowjetunion zu wenden – die für ihn immer der wahre Feind Amerikas war.

Nach dem Krieg verhalf Dulles einer Reihe berüchtigter Kriegsverbrecher zur Flucht auf der sogenannten Rattinlinie, auf der Nazis von Deutschland nach Italien und von dort weiter in Zufluchtsorte in Lateinamerika, im Nahen Osten und sogar in den Vereinigten Staaten flohen. …

Über ein halbes Jahrhundert später bleiben viele Fragen über John F. Kennedys gewaltsames Ende »unaussprechlich«, wie es der Kennedy-Biograf James W. Douglass formuliert – zumindest in der sorgfältig kontrollierten Arena des medialen Diskurses. Es ist in diesen Kreisen sogar weniger denkbar, dem Verdacht nachzugehen, dass Allen Dulles selbst – ein überragender Pfeiler des amerikanischen Establishments – eine Rolle in dem ungeheuerlichen Verbrechen gegen die amerikanische Demokratie, das in Dallas geschah, gespielt haben könnte. Doch genau dies ist eines der vielen Tabus und einer der streng geheimen Bereiche von Dulles’ Leben, denen dieses Buch nachspürt.

Die Geschichte von Allen Dulles hört nicht auf, Amerika zu verfolgen.

Viele jener Praktiken, die bei den Amerikanern bis heute anfallartige Schübe der Gewissensprüfung auslösen, haben ihren Ursprung in der Zeit von Dulles’ prägender Herrschaft über die CIA. Experimente mit Gedankenkontrolle, Folter, politischer Mord, außergesetzliche Auslieferungen, die massenhafte Überwachung von US-Bürgern und ausländischen Verbündeten: All das waren zu Zeiten von Dulles’ Herrschaft weithin eingesetzte Mittel.

Dulles war zu großer persönlicher Grausamkeit fähig, gegenüber seinen Vertrauten ebenso wie gegenüber seinen Feinden. Hinter seiner augenzwinkernden Art verbarg sich eine eisige Amoralität.

Auf Seite 24 des Buches berichtet der Autor Talbot über ein Beispiel für diese eisige Amoralität. Alan Dulles hatte in Bern eine Affäre mit einer jungen tschechischen Patriotin, die an seiner Seite im Büro der US-Gesandtschaft arbeitete. Als britische Agenten den Verdacht äußerten, die junge Frau würde Informationen auch an den deutschen Kriegsgegner weitergeben, sah Dulles seine Karriere gefährdet, führte die junge Frau zum Essen aus und händigte sie anschließend am vereinbarten Ort den britischen Agenten aus. Sie verschwand für immer. – Auf Seite 220 steht dann nüchtern und nackt: „In Wahrheit entwickelte sich die CIA unter Allen Dulles zu einer wirkungsvollen Mordmaschine.“

Der zynische Umgang mit einer Geliebten ist nur ein Beispiel, ein winziges Beispiel von großen menschenfeindlichen Taten. Besonders erstaunlich ist die enge Zusammenarbeit des Allen Dulles mit hohen Repräsentanten der Nazis.

Weiter mit den Auszügen:

Das Schachbrett des Teufels möchte ein Licht werfen in die Dunkelheit der »Tiefenpolitik«, wie Peter Dale Scott – ein bedeutsamer Erforscher der amerikanischen Machtpolitik – diese Unterwelt der Machtausübung jenseits jeglicher Rechenschaftspflicht nennt. Denn solange wir uns nicht vollständig Rechenschaft über die Dulles-Ära und ihre schweren Verbrechen abgelegt haben, kann das Land seinen Weg in eine bessere Zukunft nicht finden.

Leider gibt es berechtigte Zweifel daran, dass diese bessere Zukunft jetzt vor der Tür stehen könnte. Die Erfahrungen mit dem jetzigen Präsidenten Biden als Vizepräsident in der Ukraine-Krise und seine Hardliner-Rolle bei den verschiedenen Regime-Change-Versuchen und -Taten lassen nichts Gutes ahnen.

Noch ein Auszug:

Aus Sicht der Dulles-Brüder war die Demokratie ein Unternehmen, das sorgfältig von den richtigen Männern gesteuert werden musste, nicht etwas, das einfach gewählten Amtsträgern überlassen bleiben durfte, denen die Öffentlichkeit ihr Vertrauen geschenkt hatte. Seit ihren frühesten Tagen an der Wall Street – wo sie Sullivan & Cromwell führten, die mächtigste Wirtschaftskanzlei der Nation – fühlten sie sich stets an erster Stelle dem Kreis arrivierter, privilegierter Männer verpflichtet, den sie als wahren Hort der Macht in Amerika ansahen.

Das könnte eine treffende Beschreibung für die heutige Situation sein: Wir haben es an den Schaltstellen der Macht mit einer Mischung von Personen aus Geheimdiensten, Wallstreet und Anwälten aus Wirtschaftskanzleien zu tun. Angereichert von dem, was Robert W. McChesney in „Rich Media, Poor Democracy“ mit dem Stichwort „Madison Avenue“ charakterisiert hat: Medien, Werbung, Propaganda.

Jedenfalls dürfte die Wirklichkeit auch künftig weit entfernt sein von der viel beschworenen westlichen, freiheitlichen Demokratie. Die NachDenkSeiten haben alleine in den letzten 4 Wochen in mehreren Beiträgen darüber berichtet und Begründungen für die kritische Einschätzung geliefert.

Das Buch von David Talbot, dessen Lektüre ich ohne Zögern empfehle, hat 603 Seiten und kostet 24 €. Nutzen Sie bitte bei Bedarf Ihren örtlichen Buchhandel oder für den Versand die Buchkomplizen.

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