Bürgerkrieg in Burma – Teil I: Myanmars Sicherheitskräfte sind völlig außer Kontrolle geraten.
Bürgerkrieg in Burma – Teil I: Myanmars Sicherheitskräfte sind völlig außer Kontrolle geraten.

Bürgerkrieg in Burma – Teil I: Myanmars Sicherheitskräfte sind völlig außer Kontrolle geraten.

Ein Artikel von Jinthana Sunthorn | Verantwortlicher: Redaktion

Fast zwei Monate nach dem Militärcoup fahren Myanmars Sicherheitskräfte fort, die Zivilbevölkerung des Landes zu terrorisieren. In dieser Woche kam es wiederum zu schlimmem Blutvergießen im ganzen Land, brutale Schläge gegen Demonstranten nahmen weiter zu, genauso wie die Festnahmen von Aktivisten, Journalisten und Politikern. Die Armee geht verstärkt gegen friedliche Demonstranten vor und besetzte viele Krankenhäuser und Schulen im ganzen Land. Eine neue Taktik des Terrors besteht darin, nachts mit wahllosen Schüssen und Granaten in den Wohngebieten Panik zu verursachen. Auch die nächtlichen Verhaftungen gehen unvermindert weiter: Sie zielen auf Aung San Suu Kyis Unterstützer, auf demokratisch gewählte Gemeindeverwalter und junge Demonstranten. Von Jinthana Sunthorn, Hong Kong. Übersetzung von der Redaktion.

Die Militärs drohen nicht mehr nur, sie töten jetzt. Oft gezielt und per Kopfschuss, was auf den Einsatz von Scharfschützen schließen lässt. Kaltblütiger Mord aus dem Hinterhalt. Die Tötungen kommen außergerichtlichen Hinrichtungen gleich, ausgeführt von militärischen Einheiten, die bereits in der Vergangenheit an Kriegsverbrechen und an Verbrechen gegen die Menschlichkeit an ethnischen Minderheiten beteiligt waren. Mord an den Gegnern der Junta bleibt in Myanmar so lange ungestraft, wie die Junta regiert. Mehr als 40 Polizisten und Soldaten sind in den letzten Tagen über die Grenze nach Indien geflohen, weil sie nicht auf ihre eigenen Landleute schießen wollten. Auf Fahnenflucht steht die Todesstrafe. Zahllose weitere Polizisten und Soldaten haben sich der Bewegung des zivilen Ungehorsams angeschlossen und sind mit ihren Waffen zu den Aufständischen übergelaufen. Sie haben angeboten, beim Aufbau einer neuen bewaffneten Streitmacht gegen die Tatmadaw zu helfen.

Es herrscht Bürgerkrieg in Burma. Wenn man Menschen gegen die Junta auf die Straßen schickt, dann muss man sie auch schützen. Man kann nicht zulassen, dass sie wie die Hasen von schießwütigen, mordhungrigen Soldaten abgeknallt werden. Wenn die Militärs die Demonstranten angreifen, wenn sie nachts plündernd und mordend durch die Wohnviertel ziehen, dann muss man sie mit einem Bleigewitter empfangen, das die Angreifer, die es überleben, niemals vergessen werden. Der Aufbau einer eigenen bewaffneten Streitmacht muss die vordringlichste Aufgabe des CRPH sein.

Der Widerstand organisiert sich

Das CRPH – das Committee Representing Pyidaungsu Hluttaw (Unionsparlament) – wurde von NLD-Abgeordneten nach dem Putsch als Herausforderung an die Legitimität der Junta-Regierung gegründet. Es operiert im Untergrund. Das CRPH unterstützt die Bewegung des zivilen Ungehorsams (CDM), eine Kampagne, die dazu aufruft, sich zu weigern, für das Regime zu arbeiten. Sie versucht auch, das Regime vor internationalen Gerichten wegen seines tödlichen Vorgehens gegen die Zivilbevölkerung zu verklagen. Das CRPH besteht aus gewählten Volksvertretern und ist damit die einzige legitime Regierung in Myanmar.
Die gewählten Volksvertreter wurden am 1. Februar durch das Militär an ihrer ersten Zusammenkunft nach den Wahlen vom November 2020 gehindert. Bei dieser ersten Sitzung sollte eine neue Regierung gebildet werden. Die CRPH ist und bleibt die Regierung Myanmars so lange, bis das gewählte Parlament zusammengekommen ist, um eine neue Regierung zu bilden.[1]

Die Militärjunta hat nach dem Putsch ihre eigene Regierung gebildet, den SAC (State Administration Council) und Minister ernannt. Aber die Junta hat kein Mandat des Volkes. Ihr Mandat kommt einzig und allein aus den Gewehrläufen. Die Tatmadaw begründete ihren Putsch mit der fadenscheinigen Behauptung eines Wahlbetruges, das Regime sei nur als Verwalter eingesprungen, um in einem Jahr fairere Wahlen zu ermöglichen. Das brutale Vorgehen des Regimes gegen die Bürger des eigenen Landes hat diese Behauptung zunichte gemacht. Die Wählerschaft der Junta besteht einzig und allein aus ihren Militäreinheiten und einer schmalen Wirtschaftselite von „Kumpanen“, wie die privaten korrupten Wirtschaftsbosse, die sich mit dem Militär verbündet haben, beim Volk in Myanmar genannt werden. Sie haben bei neuen Wahlen nichts zu gewinnen. Egal wie manipuliert sie auch sein mögen, sie werden keine Regierungsmehrheit bekommen. Und nach diesem Putsch schon gar nicht, niemand ist in Burma derzeit so verhasst wie das Militär. Die Tatmadaw ist der Feind des Volkes und der Feind jeder Demokratie.

Das Militär in Burma und seine Geschäfte

Das Militär in Burma und in vielen anderen Ländern der Dritten Welt kann nicht mit dem Militär in den Ländern des Westens verglichen werden. Seine Stellung und seine Funktion sind ganz andere. Mit Landesverteidigung hat das nur noch wenig zu tun, die Militärs sind die Parasiten, die das Volk ausbluten lassen. Das Militär ist nicht Diener der Regierung, im Gegenteil, es ist das Militär, das das Sagen im Staat hat.

Die Tatmadaw hat sich seit seiner ersten Machtergreifung 1962 zu einem privilegierten Staat im Staat entwickelt. Sie hat die Macht über die Wirtschaft des Landes erobert und sich Privilegien geschafft, die sie nicht mehr aufgeben wollen. Sie sitzen an den Schaltstellen sowohl der Politik als auch der Wirtschaft. Die obersten Reihen der Tatmadaw besetzen Spitzenstellungen in der Verwaltung. Die Landesverteidigung ist bestenfalls Nebensache, die Armee ist da, um Unruhen im eigenen Land zu bekämpfen, um die eigene Vormachtstellung aufrecht zu erhalten und um Aufstände zu verhindern.

Die Tatmadaw sind die führenden Kapitalisten im Land, ihnen gehören zahllose Unternehmen und Fabriken oder sie werden von ihnen geführt. Das ist in etwa so, wie wenn in Deutschland die obersten Generäle aus der Familie Quandt, Bosch, Haniel, Schwarz und Albrecht kommen würden und die Ministerien für Inneres, Verteidigung und Grenzangelegenheiten per Gesetz unter ihrem Kommando stehen würden.

An den wirtschaftlichen und politischen Schaltstellen vergeben die burmesischen Militärs untereinander Aufträge an sich, ihre Familien oder Günstlinge. Auflagen, die Mitkonkurrenten zu erfüllen haben, zählen für die Militärfirmen nicht, Gesetzesverstöße werden nicht geahndet, Gesetze werden so maßgeschneidert, dass sie die Geschäfte der Militärfirmen nicht stören, sondern begünstigen.

Die beiden größten Unternehmen mit dem größten Jahresumsatz, MEC (Myanmar Economic Corporation) und MEHL (Myanmar Economic Holdings Limited), gehören dem Militär. „Diese Unternehmen wurden durch die systemische Korruption der Militärdiktatur und den Diebstahl von öffentlichen Vermögenswerten aufgebaut, die unter der Führung von Senior General Min Aung Hlaing expandierten“[3]. Sie sind in allen Wirtschaftsbereichen tätig, vom Bergbau über den Tourismus bis zur Telekommunikation, Banken und sonstigen Dienstleistungen. Gleichzeitig besitzen sie zahlreiche Immobilien und Ländereien in den besten Lagen. Ein großer Teil des BIP entfällt auf die Unternehmen des Militärs, die zugleich auch Monopole in vielen Schlüsselsektoren wie z.b. im Bergbau (Jade, Gold, Öl…) innehaben. MEHL, MEC und eine relativ kleine Gruppe von angeschlossenen zivilen Geschäftsleuten, die im Volksmund als “die Kumpane” bezeichnet werden, schnappten sich Wirtschaftskonzessionen, Immobilien und lukrative Verträge mit dem Staat sowie mit ausländischen Unternehmen. Bier und Tabak, Bergbau- und Baufirmen bis hin zu Tourismus und Immobilienentwicklung; wer mit Myanmar Geschäfte machen will, kommt an der Tatmadaw als Partner nicht vorbei.[2]

Das Budget der Armee und ihre Einnahmen sind intransparent, die Buchführung ist Sache der Militärs und kann nicht kontrolliert werden. Die wahren Einnahmen kennen nur wenige Eingeweihte. Die Dividenden in Höhe von mehreren Milliarden USD schütten MEC und MEHL an ihre Teilhaber aus, ausnahmslos Militärangehörige und pensionierte Militärs, denn nur sie können Aktien von MEC und MEHL erwerben. Und darauf müssen sie noch nicht einmal Steuern bezahlen. Eine Untersuchung von Amnesty International aus dem Jahr 2020 ergab, dass das Militär über Jahre hinweg Dividenden in Höhe von bis zu 18 Milliarden Dollar allein nur über die MEHL erhalten hat.

Über das Verteidigungsbudget entscheidet das Militär allein. Beim Einkauf von Material für das Militär, seien es Waffen oder andere Güter, fließen regelmäßig hohe Schmiergelder an die Käufer. Die Preise sind überteuert, die Differenz schöpft das Militär ab. Das Militär verfügt über eine eigene Infrastruktur auf hohem Standard im Bereich der Gesundheitsversorgung und Bildung. Krankenhäuser, Schulen, Hochschulen sind in Burma besser als die nicht-militärischen Einrichtungen.

Die Geschäfte, die MEC und MEHL nicht selber betreiben, vergeben sie an ihre Familienangehörigen. Die Kinder und Ehefrauen der hohen Offiziere sind fast alle mit im Geschäft. Ihnen werden die lukrativsten Aufträge zugeschanzt, ihre Geschäftspraktiken werden vom Militär geschützt. Niemand würde es wagen, gegen sie vorzugehen, welche Gaunereien sie auch immer begehen mögen. Wir wollen hier als Beispiel nur die wirtschaftlichen Aktivitäten der Familie des Oberputschisten Min Aung Hlaing beleuchten. General Min Aung Hlaing und der stellvertretende Oberbefehlshaber Vice Senior General Soe Win leiten die MEHL und die MEC.

Dem Sohn des Putschistenführers gehört das Azura Beach Hotel. Das Hotel ist eines der größten Resorts am Chaung Thar Strand in der Region Ayeyarwady. Aung Pyae Sone hat auch Unternehmen in den Bereichen Handel, medizinische Ausrüstung, Bau und Unterhaltung. Ihm gehört die Baufirma Sky One sowie A&M Mahar, ein Gesundheits- und Wellness-Unternehmen. Ihm wurde auch die Erlaubnis erteilt, öffentliches Land im People’s Park in Yangon für weit unter dem Marktwert zu pachten. Er zahlte nur etwa 0,5% des in der Gegend üblichen Pachtpreises. Er betreibt dort gleich neben der Shwedagon Pagode das Yangon Restaurant und die Yangon Gallery, in denen er entgegen einem Verbot des Yangon City Development Committee Alkohol ausschenkt.

Aung Pyae Sone betreibt auch das Kan-Tharyar-Krankenhaus in der Nähe des Inya-Sees in Rangun und ist Berichten zufolge der größte Aktionär des Telekommunikationsanbieters Mytel, einem Joint Venture zwischen dem Militär Myanmars und Viettel, das der vietnamesischen Armee gehört. Aung Pyae Sones Frau, Myo Yadanar Htaik, ist ebenfalls in der Wirtschaft tätig, u.a. als Direktorin der Nyein Chan Pyae Sone Manufacturing & Trading Company, zusammen mit ihrem Mann. Bis vor kurzem war sie Direktorin von Apower, einer Tochtergesellschaft der Aung Myin Thu Group, die ein Immobilienprojekt im Mingaladon Township von Yangon betreibt.

Min Aung Hlaings Tochter, Khin Thiri Thet Mon, besitzt Seventh Sense, eine Medienproduktionsfirma, die Big-Budget-Filme produziert und Exklusivverträge mit Nay Toe und Wut Hmone Shwe Yi hat. Nay Toe spielt eine wichtige Rolle im Marketing für Mytel, dem Mobilfunkbetreiber, den Senior-General Min Aung Hlaing zusammen mit dem MEC gegründet hat, da er den Anteil der Regierung an dem Unternehmen erhalten hat. Khin Thiri Thet Mon besitzt auch Everfit, eine Kette von Luxus-Fitnessstudios.[3]

Min Aung Hlaing ist vielleicht der größte Haifisch, der im burmesischen Teich schwimmt, aber der Teich wimmelt nur so von Haifischen. Da wäre zum Beispiel noch der Vizepräsident der Junta, General Soe Win, der aus demselben Holz geschnitzt ist, wie der Rest der gesamten Bande, die die Macht in Burma an sich gerissen hat.

Soe Win wird vorgeworfen, während seiner Zeit als Kommandeur des Northern Regional Command von 2008 bis 2010 in zahlreiche Fälle von Korruption und Erpressung verwickelt gewesen zu sein. Ihm wird vorgeworfen, Bestechungsgelder von Firmen angenommen zu haben, die mit Jade, Holz und Gold handeln, im Austausch für Konzessionen… Es wird berichtet, dass er 150 Mio. Kyat (149.254 USD) Bestechungsgeld von Teak-Geschäftsleuten aus der chinesischen Provinz Yunnan angenommen hat, um im Gegenzug den illegalen Teakhandel an der Grenze zwischen Myanmar und China zu erlauben. Im März 2010 befahl er Tatmadaw-Soldaten in Hpakant im Kachin-Staat, Militärsteuern von lokalen Jadebergbauunternehmen einzutreiben.[4]

Und da wäre auch noch Thet Thet Khine, Ministerin für Soziales, Hilfe und Umsiedlung. Sie besitzt eine Reihe von Gold-, Schmuck- und Edelsteinproduktionsfirmen, darunter Forever Gems und Shwe Nan Taw Gold und Schmuck, der größte Gold- und Schmuckhändler des Landes. Sie ist auch Geschäftsführerin der Jewel Collection Manufacturing Co.Ltd und der United GP Development Co.Ltd.[5]

Die Tatmadaw sind bereit, alles zu tun, um diejenigen zu vernichten, die sich ihrer Herrschaft widersetzen. Ihre Privilegien beruhen auf der militärischen Stärke der Tatmadaw und der Gewalt, mit der sie diese durchsetzen. Sie sind mitnichten das Resultat von eigener Geschäftstüchtigkeit. Das Geschäftsmodell der Tatmadaw beruht auf Korruption und Günstlingswirtschaft, gestützt auf ihre Gewehre. Ihr Vorteil bei der Durchsetzung ihrer Geschäftsinteressen und Privilegien beruht einzig und allein darin, dass sie eine Knarre haben und die anderen nicht. Nicht nur Min Aung Hlaing und seine Familie haben viel zu verlieren, nachdem sie durch den Missbrauch seiner öffentlichen Position als Chef des Militärs obszönen persönlichen Reichtum angehäuft haben.

Diesen Reichtum, den das Volk von Myanmar erarbeitet hat und den sie dem Volk von Myanmar gestohlen haben, wird das Volk von Myanmar ihnen wieder abnehmen, sobald es sie aus dem Amt gejagt hat. Die Militärs müssen nicht nur vor ein öffentliches Gericht gestellt, sondern auch entschädigungslos enteignet werden.

Die Angst der Tatmadaw

Die Tatmadaw ist nur dann mutig, wenn es gilt, unschuldige Zivilisten zu töten oder einzuschüchtern. Im Grunde sind sie eine Bande von erbärmlichen Feiglingen. Sie haben sich seit ihrer Machtergreifung vor nunmehr fast 60 Jahren aller erdenklichen Arten von Verbrechen schuldig gemacht. Sie spüren den Hass der Bevölkerung auf Schritt und Tritt und sie wissen, dass sie nichts Gutes erwartet, wenn man sie zu fassen kriegt. Vor wenigen Tagen erst hat eine zivile Nachtwache in Rangun zwei Soldaten totgeprügelt, die sie angegriffen hatten.

Es ist Angst, die die Streitkräfte zusammenhält. Sie wissen, dass, wenn sie diesmal verlieren, sie bestenfalls im Gefängnis landen oder im Exil. Wenn das Volk sie irgendwo lebend zu fassen kriegt, dann werden sie den nächsten Tag vielleicht nicht mehr erleben. Das gilt sowohl für den einfachen Soldaten wie für die Offiziere bis hinauf zu Oberbefehlshaber Min Aung Hlaing.

Mord, Diebstahl und Zerstörung zusammen mit dem Abbrennen von Dörfern und Vergewaltigung der Frauen ist für die Menschen in den Gebieten der ethnischen Minderheiten seit Jahrzehnten Alltag. Nunmehr ist es auch Alltag in den großen Städten Myanmars geworden. Die Menschen fliehen aus den Städten in ihre Heimatdörfer, Rangun ist eine Geisterstadt geworden.

Es wäre schwer, einen Armeeoffizier zu finden, der nicht an der Brutalität und an den Morden irgendwie beteiligt war. Die Tatmadaw und ihre Soldaten müssen fürchten, dass sie sich, wenn man sie nicht gleich an Ort und Stelle lyncht, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht verantworten müssen, sobald das Militär die Macht abgeben muss. Zwar gibt es einzelne Soldaten, die aus Gewissensgründen zur Volksbewegung überlaufen, eine umfassende Meuterei steht jedoch zurzeit nicht bevor. Aber es gibt noch die Möglichkeit eines Gegenputsches durch hohe Militäroffiziere. Ein Außenseiter, zusammen mit einigen Kameraden, könnte einen drastischen, verzweifelten Schritt unternehmen. Dagegen hat das Militär in weiser Voraussicht aber seinen eigenen allmächtigen inneren Geheimdienst aufgebaut, die Chancen hierfür stehen damit gering.

Laut Verfassung von 2008, die das Militär selber geschrieben hatte, bevor es sich auf das Wagnis der Wahlen von 2010 und 2012 und der Bildung der Regierung unter Führung der NLD von Frau Suu Kyi einließ, entfallen per Gesetz 25% der Abgeordnetenmandate auf das Militär, zusätzlich zu den gewählten Abgeordneten ihrer Partei. Zudem wurden die drei Ministerien für Inneres, Verteidigung und Grenzangelegenheiten per Verfassung ihrer Führung unterstellt.

Eine Abteilung des Innenministeriums war das General Administration Department, das noch von den Briten in Kolonialzeiten zum Zweck der Verwaltung Burmas geschaffen wurde. Der Transfer des General Administration Departments vom militärisch kontrollierten Innenministerium zum zivilen Ministerium des Büros der Unionsregierung Ende 2018 war ein wichtiger Schritt in Richtung des Ziels, Myanmars Regierungsführung zu entmilitarisieren. Es war auch eine wichtige symbolische Errungenschaft für die Regierung der National League for Democracy.

Die GAD ist das Rückgrat der Verwaltung in Myanmar, ein ausgedehntes bürokratisches Netzwerk mit fast 36.000 Mitarbeitern, das sich über jeden Bundesstaat und jede Region, zu jedem Distrikt, jeder Stadt und jedem Bezirk oder Dorf erstreckt. Die Abteilung erlaubt, die Kontrolle bis in die äußersten Regionen des Landes auszuüben, die staatliche Politik umzusetzen und Überwachung zu betreiben. Als es Teil des Innenministeriums war, waren die Mitarbeiter der GAD ausschließlich dem Oberbefehlshaber der Tatmadaw und nicht der zivilen Verwaltung verantwortlich. Das GAD vergibt auch Konzessionen, verpachtet Land und setzt die Steuern auf Wein und Tabak fest, alles Bereiche, in denen die Firmen der Militärs tätig sind.

2019 hat die Überprüfung der Wirtschaftstätigkeiten des Militärs in Myanmar zugenommen. Die UN-Fact-Finding Mission hatte einen Bericht veröffentlicht, der Unternehmen im Besitz des Militärs Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwarf. Darüber hinaus steht der Oberputschist Min Aung Hlaing im Mittelpunkt von internationalen Ermittlungen wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Schlinge um den Hals der Generäle begann sich langsam zuzuziehen, sie mussten befürchten, dass, nach den Wahlen vom November, die sie haushoch verloren hatten, die neue gewählte Regierung sie weiter aus den Spitzenpositionen der Verwaltung verdrängen und ihren Zugriff auf die Wirtschaft einengen würden und dass die internationale Gemeinschaft sie vor dem Gerichtshof in Den Haag anklagen würde. Deshalb suchten sie die Flucht nach vorne. Dass der Putsch aber nicht aus überstürzter Panik kam, sondern von langer Hand vorbereitet wurde, hat Bertil Lintner überzeugend nachgewiesen.[6]

Realitätsverlust & Propaganda

Der Mythos, der von der herrschenden Junta des Landes und leider auch von einigen westlichen Akademikern und „Experten“ aufrechterhalten wird, ist, dass das Land auseinanderfallen würde, wenn das Militär nicht an der Macht wäre. Wir haben oben gesehen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Myanmar wird erst dann ein blühendes Land werden, wenn es dem Würgegriff der Tatmadaw entzogen ist. Das Land ist gerade deshalb dabei, auseinander zu fallen, weil das Militär an der Macht ist. Um den Putsch zu rechtfertigen und um seinen internationalen Ruf aufzubessern, hat das Regime für zwei Millionen USD die zwielichtige PR-Firma Dickens & Madson angeheuert, hauptsächlich, um ihren Coup der Außenwelt zu verkaufen. Dickens & Madson ist eine Firma, die von dem israelisch-kanadischen Lobbyisten Ari Ben-Menashe geleitet wird. Dickens & Madson unterzeichnete vor kurzem einen Vertrag mit der Militärführung, um „die wirkliche Situation im Lande“ aufzuzeigen und zu beweisen, man habe die Generäle „missverstanden“. Die Junta hat noch keinen Beweis für einen Wahlbetrug erbracht, den sie als Hauptgrund für den Sturz der Zivilregierung anführt. Ben-Menashe hat nun die Aufgabe übernommen, zu zeigen, dass die Wahl im November 2020 manipuliert war.

Derweil die Parallelregierung sich langsam, aber sicher formiert, gibt sich die Junta-Regierung Illusionen hin: Die Situation wird langsam so grotesk wie damals im Führerbunker, wo man bis zuletzt auf den Endsieg hoffte. So feierte die Junta vor kurzem im Azura-Resort von Aung Hlaings Sohn den Wiederaufschwung des Tourismus in Myanmar (!) und der Investitionsminister erwartet, dass die Investitionen in den kommenden Monaten wieder zunehmen werden. Myanmars Junta träumt von einem Aufschwung, während das Land im Chaos versinkt.

Der Putsch war eine Katastrophe für die Wirtschaft Myanmars. Die meisten Banken sind seit Februar geschlossen, die Bankautomaten sind leer. Das gesamte Bankwesen ist zum Stillstand gekommen. Die Firmen haben Probleme, Rohstoffe einzukaufen und ihre Mitarbeiter zu bezahlen. Die Absatzmärkte sind zusammengebrochen, Produkte von Militärfirmen sowie von Firmen, die mit dem Militär zusammenarbeiten, werden im ganzen Land boykottiert. Weitere ausländische Sanktionen sind zu erwarten. Es wird sobald kein „business as usual“ geben, ausländische Investoren sind im Gegenteil dabei, sich aus dem Land zurückzuziehen und ihre Geschäftsbeziehungen mit der Junta entweder zu kündigen oder zumindest so lange auf Eis zu legen, bis Myanmar wieder eine demokratisch gewählte Regierung hat. Für Geschäftsbeziehungen braucht es auch Rechtssicherheit. Die Junta hat keine Legitimation, weder bei der Bevölkerung noch als international anerkannte Regierung Myanmars.

Tag der Schande

Der morgige Samstag, 27. März, ist der Tag der Streitkräfte. Am 27. März 1945 fand ein landesweiter Aufstand gegen die japanische Besatzung von Burma statt, um den alliierten Vormarsch zu unterstützen. Zu dem Aufstand hatte Aung San, der Gründer der burmesischen Streitkräfte und Vater von Frau Suu Kyi, aufgerufen. Bis Mai 1945 war Burma von den Japanern befreit. Der Tag der Streitkräfte ist ein gesetzlicher Feiertag in Myanmar. Der 27. März wurde als „Tag des Widerstandes“ gefeiert, bis er durch das Militär in „Tag der Streitkräfte“ umbenannt wurde. Am Tag der Streitkräfte finden regelmäßig landesweite Militärparaden statt. Letztes Jahr jedoch mussten die Feiern wegen Covid-19 abgesagt werden.

Wie die Feiern dieses Jahr ausgehen werden, ist noch ungewiss. Viele befürchten für den morgigen Tag weitere schlimme Auseinandersetzungen zwischen den Gegnern des Putsches und den Sicherheitskräften. Es steht zu befürchten, dass die Tatmadaw an diesem Tag ein Zeichen ihrer Stärke setzen wollen.

Wie auch immer der morgige Tag verlaufen wird: Die Tatmadaw sind eine Schande für Myanmar. Der Tag der Streitkräfte wird so lange ein Tag der Schande für Myanmar bleiben, bis die Tatmadaw von der Bildfläche verschwunden sind.

Den zweiten Teil zu diesem Artikel können Sie am Montag auf den NachDenkSeiten lesen.

Titelbild: joshimerbin/shutterstock.com


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