Forum Schule – wie weiter? Erste Zwischenbilanz
Forum Schule – wie weiter? Erste Zwischenbilanz

Forum Schule – wie weiter? Erste Zwischenbilanz

Ein Artikel von Sandra Reuse & Ralf Lankau | Verantwortlicher: Redaktion

Vor zwei Wochen forderten wir Sie auf, sich an unserem Forum „Schule – wie weiter?“ zu beteiligen. Es kamen sehr viele Zuschriften, deren Umfang, Intensität und Themenvielfalt die Initiatoren und die Redaktion beeindruckt haben. Während die Forumsseiten für die Aufbereitung Ihrer Zuschriften und für weitere Fragerunden überarbeitet werden, hier eine erste Zwischenbilanz zu den wichtigsten Themen und Fragestellungen, die Sie uns genannt haben. Von Sandra Reuse und Ralf Lankau.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Unser Forum „Schule – wie weiter?“ ist nun seit zwei Wochen offen. Lehrerinnen und Lehrer, Mütter und Väter, Schülerinnen und Schüler, aber auch Erzieher und all diejenigen, die mit Kindern arbeiten, waren (und sind weiterhin) aufgerufen zu berichten, wie sie die Corona-Maßnahmen an den Schulen und für die jüngere Generation erleben.

Das haben Sie uns geschrieben und um diese Themen geht es

Allen, die uns bis jetzt geschrieben haben, danken wir ganz herzlich und wir möchten uns an dieser Stelle entschuldigen, dass es mit diesem ersten Feedback etwas gedauert hat. Der Umfang, die Themenvielfalt und die Intensität der Zuschriften traf uns unvorbereitet. Ein Großteil der Zuschriften ist so, dass man sie am liebsten sofort beantworten oder kommentieren würde – um zu trösten, Verständnis zu äußern, Mut zuzusprechen – oder einfach nur zu sagen: Ja, das finde ich auch. Und um Empathie zu zeigen gegenüber Menschen, die das seit einem Jahr in ihrer „neuen Normalität“ schmerzlich vermissen, für sich und ihre Kinder, bei ihren Kolleginnen und Kollegen, ihren Vorgesetzten oder seitens der zuständigen Verwaltung.

Humaner Umgang mit den Kindern

Was mehr oder weniger alle, die uns geschrieben haben, umtreibt, ist die Art und Weise, wie mit den Kindern umgegangen wird, die fehlende Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse, die oft mangelnde Umsicht und Sorgfalt bei der Ausrichtung und Umsetzung der Hygienemaßnahmen. Dass Kinder andere Kinder brauchen, um motiviert zur Schule zu gehen, dass sie mit ihren Altersgenossen aber auch lachen, spielen und herumlaufen dürfen müssen, damit sie sich wohlfühlen, das scheint aus Sicht der Eltern sonnenklar. Auch dass die Schule als sozialer Ort einen wichtigen Beitrag zum Lernerfolg leistet, der eben wegfällt, wenn die Kinder oder Jugendlichen im Homeschooling sind, ist vielen Eltern spätestens seit dem ersten Lockdown hoch bewusst.

So schreibt ein Vater:

„Es fehlt ganz einfach der normale Alltag und die Routine. Während meine Tochter (12) mit ihren Aufgaben relativ gut noch klar kommt (auch hier gibt es einige Probleme, Verwirrung, fehlenden echten Kontakt zu Lehrkräften und natürlich fehlende soziale Kontakte), ist mein Sohn (9) in ein ziemliches Loch gefallen. Er hatte schon vor Corona Probleme in der Schule (Lese-/Rechtschreibschwäche) und hat durch die Pandemie den Anschluss noch mehr verloren. Dazu kommen ernste depressive Anzeichen!“

Psychische Probleme werden von einigen Eltern genannt, Probleme mit der Motivation ihrer Kinder von fast allen. Ein anderer schrieb uns morgens:

„Mein 14-jähriger Sohn schläft. Ich habe ihn seit 7:40 Uhr 4x zu wecken versucht und muss jetzt selbst arbeiten. Einen Pubertierenden, der fast 10 Monate keinen regelmäßigen Präsenz-Unterricht gehabt hat, dazu zu bringen, selbständig sein Tablet anzumachen und pünktlich an allen Online-Stunden teilzunehmen, ist bei uns unmöglich. Der Junge verweigert sich einfach. Und das geht jetzt schon sehr lange so. Wenn teilgenommen wird, zockt er gleichzeitig. Aufgaben regelmäßig abliefern? Fehlanzeige (…)“

Umso empörter oder aber auch verzweifelter sind Eltern, dass seit nunmehr 13 Monaten nach wie vor kein Konzept vorliegt, wie man es Schülerinnen und Schülern ermöglicht, unter altersgerechten Bedingungen miteinander zu lernen und Zeit zu verbringen. Der ständige Wechsel zwischen Schule auf und Schule zu, verschiedenen Unterrichtsformen und spontanen Quarantänesituationen steigert die psychischen Belastungen und macht es umso schwieriger, zu motivieren – denn auf was sollen die Kinder und Jugendlichen sich noch freuen? Worauf sich einstellen?

„Nur die relativ leistungsstarken Kinder – die auch im Weltall lernen würden – bleiben am Ball“

Hier beschreibt eine Lehrerin ihre Einschätzung zum Lernstand der Kinder und zu ihrer sonstigen Verfassung nach einem Jahr Wechsel- und Distanzlernen:

„Ich arbeite als Lehrerin an einer kleinen Grundschule (60 Schüler)und erlebe die Pandemie schulisch als sehr durchwachsen… die Kinder, die man noch ab und zu sieht (online/ Notbetreuung) sind noch frohen Mutes, während die Kinder zu Hause immer mehr „abtauchen“ (…) und im Lern-und Leistungsstand stark abbauen. Viele können auch nicht mehr für längere Zeit an etwas dran bleiben….

Nur die generell leistungsstarken Kinder ( die auch im Weltall lernen würden…) bleiben am Ball, alle anderen bekommen Defizite und Lücken, die nur durch kontinuierliche Präsenz ( kein ständiges Hin und Her) geschlossen werden könnten…Die ganz Schwachen fallen völlig durchs Raster…..

Das muss aufhören; dazu kommt jetzt noch ein Durcheinander mit Testungen bzw. Verpflichtungen dazu und Eltern, die das alles nicht mehr mittragen können und wollen…. Gute Pädagogik ist so nicht mehr leistbar….“

Manche Lehrerinnen und Lehrer und Erzieherinnen und Erzieher sind verzweifelt, wollen unter den Bedingungen von Maske, Abstand und ständigem Wechsel nicht mehr arbeiten, auch weil sie es für unvereinbar mit pädagogischen Grundsätzen und Zielen halten.

Eine schreibt:

„Was sich aber nun an den Schulen abspielt, das Auseinanderhalten der Kinder, die Masken-und Testpflicht, das “Distanzlernen” , die vielen Stunden vor den Rechnern und was damit den Kindern und Teenagern zugemutet wird, macht mich so traurig und wütend, und überfordert mich derart, dass ich psychisch am Ende bin und momentan nicht arbeiten kann. Ich habe Petitionen gegen die Maskenpficht unterschrieben, und bin dafür übel als “rechtsradikal” diffamiert worden. Ich habe remonstriert gegen das Testen. Hatte keinen Sinn“.

Infektionsrisiko unter Kindern wird von vielen als geringer eingeschätzt

Das Risiko, das für die Kinder mit gemeinsamen Treffen verbunden ist, wird von der überwiegenden Zahl der Eltern (die uns geschrieben haben) ausdrücklich als gering eingeschätzt. Dabei wird auf Studien verwiesen, die das geringere Infektionsgeschehen unter Kindern belegen (auch die NDS haben hierzu immer wieder berichtet, zu diesem Thema folgt in den nächsten Tagen eine Zusammenstellung interessanter Links); vor allem aber auch auf das geringe Risiko der Kinder, schwer zu erkranken.

Eine Mutter schreibt:

„Als gelernte Krankenschwester, die jahrelang auf der Intensivstation gearbeitet hat, verstehe ich nicht, daß diese Krise nicht mit normalen Hygienemaßnahmen hätte bewältigt werden können, wie davon abzusehen seine Mitmenschen anzuniesen oder anzuhusten, sich regelmäßig die Hände zu waschen und bei Besuchen in Pflegeheimen und Krankenhäusern durch eine Schleuse zu gehen, einen Schutzkittel und Mundschutz anzulegen“.

Auch Lehrerinnen und Lehrer haben uns geschrieben, dass sie sich gerade durch den regelmäßigen Umgang mit Kindern und Jugendlichen gesundheitlich eher resilienter fühlen und keine große Angst vor einer Ansteckung im Schulzusammenhang haben. Die Kollegien seien aber gerade in dieser Frage stark gespalten.

„Zur Infektionsgefahr für Lehrkräfte: Ich bin 58 Jahre alt und seit 29 Jahren im Schuldienst. Ich habe eher seltener respiratorische Erkrankungen gehabt als Freunde und Bekannte, die in Berufen ohne Kontakt zu Kindern arbeiten. Kranke und pflegebedürftige Menschen müssen geschützt werden. Ich kann mich -weitgehend- selbst schützen. Ich finde es schlimm, dass “Mainstream-Medien-Experten” Kinder als “Superspreader” titulieren und bei ihnen die Angst erzeugen, sie könnten durch soziale Kontakte für den Tod vulnerabler Angehöriger verantwortlich sein. (…)“

Testen an sich oder Umsetzung der Tests wird als Zumutung empfunden

Sehr viele Zuschriften gab es zum Thema Testen. Manche sehen keine Notwendigkeit dafür, anderen geht es um die Art und Weise, wie es umgesetzt wird, viele vermissen eine Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs, in dem es den Betroffenen nun auferlegt wird – wie von den beiden Lehrerinnen beschrieben. Hier exemplarisch die Zuschrift eines Vaters, eine weitergehende Zusammenstellung erfolgt auf den Forumsseiten:

„Die größte Zumutung ist die Verpflichtung zu Schnelltests in der Schule. Unter völlig unzureichenden hygienischen Bedingungen sollen sich bis zu 15 Schüler*innen in einem schlecht zu lüftenden Klassenraum unter Aufsicht einer Lehrkraft ohne weitere Schulung und ohne zusätzliche Schutzausrüstung testen. Das Ergebnis bekommen alle mit und dann muss es auch noch von der Schulleitung dokumentiert werden. Schutz der Persönlichkeitsrechte gemäß Grundgesetz werden ebenso missachtet wie die Fürsorgepflicht gegenüber dem Schulpersonal. Zudem finden die Tests in der Unterrichtszeit statt, für die die Schüler*innen doch eigentlich überhaupt in die Schule kommen. Es ist wirklich den in großen Teilen überaus engagierten Lehrer*innen zu verdanken, dass das Bildungssystem nicht kollabiert. Der Schaden ist aber trotzdem immens….“

Wie geht es mit dem Forum weiter?

In Kürze finden Sie eine weitergehende Auswertung Ihrer Zuschriften auf unseren Forumsseiten. Wir werden auf die Perspektiven und Berichte der Eltern, Schülerinnen und Schüler, der Lehrkräfte und Erzieher sowie der Träger und Anbieter von Sport- und Freizeitangeboten für Kinder genauer eingehen. Es wird Analysen zu Einzelthemen geben, wie etwa zu den Erfahrungen mit den verschiedenen Unterrichtsformen, der Digitalisierung der Kinder, den Folgen von Sport- und Kontaktverboten, dem sozialen Umgang miteinander u.v.m. Die Analyse, wo wir derzeit stehen und wie es den Betroffenen geht, soll die Ausgangsbasis für die Frage sein, wie es weitergehen sollte mit dem Schuljahr.

Ein weiterer Punkt – und da geht es bei einer ganzen Reihe von Zuschriften ins Philosophische – ist die Frage, wo wir uns als Gesellschaft hinbewegen. Welche Bildung wollen wir denn eigentlich für unsere Kinder und worauf sollten wir besser verzichten? Welche Rolle spielen Bildungseinrichtungen im Kontext von digitaler Transformation und Datenökonomie? Welche Aufgaben und Funktionen haben Schule und Unterricht? Geht es primär um messbare Lernleistungen oder um die Persönlichkeitsentwicklung der nachfolgenden Generation?

Dazu brauchen wir einen öffentlichen und vor allem offenen Diskurs.

Gemeinsam mit den NachDenkSeiten veröffentlichen wir hierzu in den kommenden Tagen und Wochen Artikel, Beiträge und weitere Texte und laden Sie ein, sich weiterhin aktiv mit Ihren Berichten, Anregungen und Ideen zu beteiligen.

Anmerkung: Die Namen der Verfasser aller hier zitierten Beiträge sind der Redaktion bekannt.

Titelbild: ARIMAG / Shutterstock

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