Lebensmittel und Menschenrecht
Lebensmittel und Menschenrecht

Lebensmittel und Menschenrecht

André Tautenhahn
Ein Artikel von André Tautenhahn | Verantwortlicher: Redaktion

Kultur ist ein unverzichtbares Lebensmittel, ein Menschenrecht. Diese bekannte Botschaft haben Kunst- und Kulturschaffende in dieser Pandemie noch einmal erneuert, um darauf aufmerksam zu machen, wie es um sie und ihre Arbeit bestellt ist. Schlecht sieht es aus, denn die Krise hat gezeigt, dass das kulturelle Leben eines der ersten Dinge war, welche der verordnungsgebende Regierungsapparat für verzichtbar erklärte, aller Krokodilstränen von Abgeordneten zum Trotz, die sich als Mitglieder des Parlaments zum Teil immer noch für unzuständig erklären. Nun kehrt die Normalität allmählich in die Theaterhäuser zurück, allerdings immer häufiger unter 2G-Bedingungen, also nur für Zuschauer, die geimpft oder genesen sind. Damit wird der Vorwurf der außerordentlichen Entbehrlichkeit keinesfalls entkräftet, sondern nachhaltig bestätigt. Von André Tautenhahn.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Es geht hier nicht um die Jammerei von Ungeimpften, die ein Problem damit haben, die Folgen ihrer Entscheidung zu tragen. Geschenkt. Es geht hier vielmehr darum, wie sich die Öffentlichkeit mit Begriffen wie Freiheit und Menschenrechte etwas vormacht, wenn so banale Dinge wie die Wirtschaftlichkeit maßgeblich sind und letztlich als Hebel missbraucht werden, um das Verhalten der Bevölkerung in eine gewünschte Richtung zu lenken. Dieser billige Trick funktioniert, da der ökonomische Ansatz ausschlaggebend für die Entscheidung ist, Theaterhäuser nur für Geimpfte und Genesene wieder uneingeschränkt zugänglich zu machen. In diesem Fall dürfen Betreiber schließlich auf Vorschriften wie Abstandsregeln und das Tragen von Masken verzichten, außerdem die Auslastung geschlossener Publikumsräume deutlich erhöhen, also auch wieder mehr Karten verkaufen, was für einen einträglichen Betrieb nun einmal notwendig ist.

Wer sich darauf einlässt, handelt demnach vollkommen rational, akzeptiert dann aber auch die infame List eines Regierungsapparates, der mithilfe der Aussperrung von Menschen, die bestimmte Zertifikate nicht vorweisen können, keine Agenda des Infektionsschutzes mehr verfolgt, sondern ausschließlich und zugegebenermaßen einen erzieherischen Effekt beabsichtigt. Es ist nicht weniger als eine obszöne Machtdemonstration, die in der simplen Aufforderung besteht: „Lass Dich impfen“. Wer dieser „Empfehlung“ nicht folgt, muss es eben auch spüren und draußen bleiben, also auf das verzichten, was ansonsten unter zustimmendem Nicken als Lebensmittel und Menschenrecht beklatscht wird. Kurioserweise lässt sich der Kulturbetrieb dabei in der Funktion eines Hilfssheriffs verpflichten, was in dem Moment zum Verlust der Glaubwürdigkeit beitragen muss, wenn von der Bühne aus Kritik an den herrschenden Verhältnissen geübt wird.

So hat die heute-show im ZDF am vergangenen Freitag wieder vor Studiopublikum stattgefunden. Zur Begrüßung sagte Moderator Oliver Welke. „Und jetzt raten Sie doch mal, wer heute da ist. Das schönste 2G-Publikum der Welt…“ Obwohl er die Durchsetzung der Vorschriften ausgelagert hat, erweckt der Verordnungsgeber auf diese Weise den Eindruck, dass die Entscheidung des Einzelnen und nicht ein absurdes Regelwerk oder das Versagen bei der Pandemiebekämpfung insgesamt dafür verantwortlich ist, wenn Menschen nicht an dem partizipieren dürfen, was als Lebensmittel und Menschenrecht oder schlicht als gesellschaftliche Teilhabe verklärt wird. Das erinnert an Friedrich Engels’ Analyse über die Lage der arbeitenden Klasse in England. Vor 176 Jahren schrieb er: „Schöne Freiheit, wo dem Proletarier keine andere Wahl bleibt, als die Bedingungen, die ihm die Bourgeoisie stellt, zu unterschreiben oder – zu verhungern, zu erfrieren, sich nackt bei den Tieren des Waldes zu betten!

Die Kultur ist natürlich abhängig von bestimmten ökonomischen Voraussetzungen wie dem Umstand, dass ein Theater auch mit Zuschauern gefüllt werden muss. Das ist der notwendige Kompromiss in einer Gesellschaft, die selbst für den Kulturbereich marktwirtschaftliche Kriterien als Erfolgsmaßstab anlegt. Kulturschaffende mussten sich unter diesen Bedingungen bereits vor der Pandemie gegen den Eindruck erwehren, Bittsteller zu sein, wenn sie berechtigterweise um Fördergelder und dauerhafte Zuwendungen bei den „Mächtigen“ ersuchten. Sie taten das mit einem aufgeklärten Selbstbewusstsein. Denn Kunst und Kultur seien nicht irgendwelche Krümel, die vom Kuchen politischer und wirtschaftlicher Interessen abfallen, sondern unverzichtbare Lebensmittel, ohne die es keine Zukunft gebe.

Wer dagegen billigend in Kauf nehme, diese Gerichte von der Speisekarte zu streichen, hungere die Gesellschaft aus und beraube sie folglich ihrer Zukunft. Das ist vollkommen richtig und genau deshalb sollten es Kulturschaffende auf keinen Fall hinnehmen, wenn nun eine in jeder Hinsicht maßlos agierende Regierung nach Gutsherrenart den Ausschluss von Menschen betreibt und das durch den Kulturbetrieb selbst auch noch sicherstellen lässt. Denn in diesem Fall würde nur bestätigt, was dieser Kulturbetrieb stets leugnet – die eigene Verzichtbarkeit.

Titelbild: Gevorg Simonyan/shutterstock.com

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