Der Firnis der Zivilisation ist dünn. Sigmund Freuds Schrift „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes

Warum führen zivilisierte Nationen Krieg? Und warum verfallen selbst kluge Intellektuelle in Kriegsbegeisterung? Diese Frage stellte der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, in seinem Aufsatz von 1915. Der Anlass dazu war der 1. Weltkrieg. Freud versucht in seinem Aufsatz zu ergründen, wie es möglich ist, dass zivilisierte Nationen ein gegenseitiges Töten im industriellen Maßstab beginnen und zu unglaublichen Grausamkeiten fähig sind. Seine Schrift ist nach wie vor ein sehr aufschlussreicher Beitrag zur Psychologie des Krieges – und angesichts der Ukrainekrise hochaktuell. Aus diesem Grund stellt unser Autor Udo Brandes Freuds Sichtweise auf das Problem des Krieges vor. Und warum selbst Intellektuelle, die es doch am ehesten besser wissen könnten, sich für offensichtlich amoralische Ziele begeistern.

Man hätte, nachdem dem 1. Weltkrieg noch ein zweiter, nicht weniger grausamer folgte, eigentlich annehmen müssen, dass insbesondere die Deutschen sich die Formel „Nie wieder Krieg“ zu eigen gemacht hätten. Lange Zeit war dies auch so. Und für die Bevölkerung gilt dies, wenn man den Umfragen glauben darf, mehrheitlich noch immer. Nicht aber für die politische Klasse. Seit einigen Jahren führen Politik und Medien in Deutschland einen Propagandakrieg gegen Russland. Und man könnte glauben: Sie wollen geradezu einen Krieg provozieren. Wie ist dies möglich? Freud kommt zunächst einmal zu dem Schluss, dass der Staat (und das heißt ja nichts anderes als die Machteliten des Staates bzw. die herrschende Klasse) nach einer doppelten Moral agiert:

Die Doppelmoral des Staates

„Der einzelne Volksangehörige kann in diesem Krieg mit Schrecken feststellen, was sich ihm auch in Friedenszeiten aufdrängen wollte, dass der Staat den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehren würde. Er bedient sich nicht nur der erlaubten List, sondern auch der bewussten Lüge und des absichtlichen Betrugs gegen den Feind, und dies zwar in einem Maße, welche das in früheren Kriegen Gebräuchliche zu übersteigen scheint“ (S. 13).

Man kann diese Moral auch so zusammenfassen: Wer im Staatsauftrag im Krieg tötet und grausame Gewalttaten begeht, der begeht kein Verbrechen, sondern handelt legal und moralisch legitim. Wer dasselbe in Friedenszeiten macht, der ist ein Mörder.

Zensur, Vertragsbruch und Habgier

Im nächsten Zitat von Freud wird deutlich, dass Politik in bestimmter Hinsicht zeitlos ist und man immer dieselben Phänomene wiederfindet:

„Der Staat fordert das Äußerste an Gehorsam und Aufopferung von seinen Bürgern, entmündigt sie dabei aber durch ein Übermaß von Verheimlichung und eine Zensur der Mitteilung und Meinungsäußerung, welche die Stimmung der so intellektuell Unterdrückten wehrlos macht gegen jede ungünstige Situation und jedes wüste Gerücht. Er löst sich so los von Zusicherungen und Verträgen, durch die er sich gegen andere Staaten gebunden hatte, bekennt sich ungescheut zu seiner Habgier und seinem Machtstreben, die dann der Einzelne aus Patriotismus gutheißen soll“ (S. 13-14).

„Er löst sich los von Zusicherungen und Verträgen.“ Genau das haben die NATO-Staaten getan: Das Versprechen gegenüber Gorbatschow, die NATO nicht nach Osten zu erweitern, wurde gebrochen. Und was die Zensur angeht: Die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Medienanstalten (ZAK) hat dem russischen Sender RT DE die Ausstrahlung eines Fernsehprogrammes über Satellit in Deutschland untersagt (siehe den Bericht der ARD-Tagesschau). Offenbar haben die Eliten in Deutschland eine panische Angst davor, dass der Bevölkerung durch RT DE Informationen zugänglich gemacht werden könnten, die sie lieber unter den Teppich kehren würden.

Die Ausrottung des Bösen ist eine Illusion

Ich habe mal mit einem Freund gestritten, der behauptete, der Mensch sei von Natur aus böse. Ich fand damals, diese These sei Unsinn und typisch konservativ. Aber seit der Lektüre von Freuds Schrift denke ich anders. Freud hat in gewisser Weise ein negatives Menschenbild: Der Mensch ist demnach triebgeleitet und begeht nur deshalb keine Verbrechen, weil er Angst vor den Maßregelungen der Gesellschaft hat. Weshalb es auch illusorisch sei, dass man das Böse im Menschen jemals „ausrotten“ könne:

„ (…) denn unser Gewissen ist nicht der unbeugsame Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprunge ‚soziale Angst‘ (Hervorhebung im Original; UB) und nichts anderes. Wo die Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Rohheit, deren Möglichkeiten man mit ihrem kulturellen Niveau für unvereinbar gehalten hätte. (…) In Wirklichkeit gibt es keine ‚Ausrottung‘ des Bösen. Die psychologische – im engeren Sinne die psychoanalytische – Untersuchung zeigt vielmehr, dass das tiefste Wesen des Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen“ (S. 14, 16).

Genau dies konnte man bei deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg beobachten: Aus braven, gutbürgerlichen Familienvätern wurden zum Teil grausame Bestien, die nach dem Krieg wieder zu anständigen, gesitteten Bürgern mutierten. Dementsprechend hatte Hannah Arendt auch völlig zu Recht in ihrer Schrift „Die Banalität des Bösen“ dem Sinn nach gesagt, nicht die Gräueltaten von fanatischen Nazis seien erklärungsbedürftig. Sondern wie es möglich sei, dass aus gesitteten Bürgern grausame Bestien wurden, die nach dem Krieg dann wieder zu kultivierten Bürgern wurden. Mit Freuds Theorie kann man dies leicht erklären: Die Triebkontrolle wird im Krieg gesellschaftlich außer Kraft gesetzt und erlaubt, den Menschen zu töten. Das setzt die Bestie frei.

Diese Sichtweise von Freud, nämlich dass jeder Mensch aggressive Triebe in sich beherbergt und fähig zum Bösen ist, das ist die eigentliche Kränkung für den kultivierten Menschen. Das kann man heute sehr schön beobachten: Die westlichen Staaten und ihre Eliten halten sich für die Guten und kommen gar nicht auf die Idee, dass auch sie selbst die Bösen sein könnten. Aus diesem Grund bin ich auch allergisch gegenüber Menschen, die sich demonstrativ als gute Menschen darstellen und so tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Denn bei diesen Menschen ist die Aggression verschattet, was nichts anderes bedeutet als: verdrängt. Und nicht integriert. Wer aber seine aggressiven und egoistischen Antriebe verdrängt, der ist sie deshalb nicht los. Sie drängen dann auf anderem Wege ins Leben.

Genau das ist natürlich auch in der internationale Politik möglich und wird auch praktiziert: Ständig werden von den westlichen Staaten andere Staaten der Menschenrechtsverletzungen bezichtigt. Doch es wird sich nicht an die eigene Nase gefasst. Da setzt eine Doppelmoral ein: „Wir sind die Guten. Und ihr seid die Bösen.“ Die Menschenrechtsverletzungen der USA etwa, zum Beispiel dass sie seit zwei Jahrzehnten in Guantanamo Menschen ohne Rechtsgrundlage und ohne Gerichtsverfahren gefangen halten und sogar foltern, wurden noch nie von deutschen und insbesondere grünen Politikern zum Thema gemacht oder gar deshalb Sanktionen gefordert.

Aber ist das Menschenbild Freuds nicht allzu negativ? Freud beantwortet diese Frage wie folgt:

„Fromme Seelen, welche unsere Wesen gerne von der Berührung mit Bösem und Gemeinem ferne wissen möchten, werden gewiss nicht versäumen, aus der Frühzeitigkeit und Eindringlichkeit des Mordverbotes befriedigende Schlüsse zu ziehen auf die Stärke ethischer Regungen, welche uns eingepflanzt sein müssen. Leider beweist dieses Argument noch mehr für das Gegenteil. Ein so starkes Verbot kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten, es schließt sich von selbst aus. Gerade die Betonung des Gebotes: Du sollst nicht töten, macht uns sicher, dass wir von einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern abstammen, denen die Mordlust, wie vielleicht noch uns selbst, im Blute lag (S. 37-38).

Warum die Intellektuellen genauso irrational und unvernünftig wie alle anderen sind

Freud thematisiert in seinem Aufsatz noch ein weiteres interessantes Phänomen: Nämlich, dass ausgerechnet Intellektuelle, von denen man doch am ehesten die Fähigkeiten zum rationalen und vernünftigen Denken und Handeln erwarten dürfte, im 1. Weltkrieg zu kriegsbegeisterten Hurra-Patrioten wurden. Dies kann man ja auch in heutigen Zeiten beobachten, und nicht nur in Bezug auf das Thema Krieg, sondern insbesondere auch bei der Coronapolitik, bei der selbst Wissenschaftler in ein irrationales, faktenresistentes Denken verfallen. Freud stellt zu diesem Thema Folgendes fest:

„Vielleicht hat uns aber ein anderes Symptom bei unseren Weltbürgern nicht weniger überrascht und geschreckt (…). Ich meine die Einsichtslosigkeit, die sich bei den besten Köpfen zeigt, ihre Verstocktheit, Unzugänglichkeit gegen die eindringlichsten Argumente, ihre kritiklose Leichtgläubigkeit für die anfechtbarsten Behauptungen. (…) Menschenkenner und Philosophen haben uns längst belehrt, dass wir Unrecht daran tun, unsere Intelligenz als selbständige Macht zu schätzen und ihre Abhängigkeit vom Gefühlsleben zu übersehen. (…) Die psychoanalytische Erfahrung (…) kann alle Tage zeigen, dass sich die scharfsinnigsten Menschen plötzlich einsichtslos wie Schwachsinnige benehmen, sobald die verlangte Einsicht einem Gefühlswiderstand bei ihnen begegnet, aber auch alles Verständnis wieder erlangen, wenn dieser Widerstand überwunden ist. Die logische Verblendung, die dieser Krieg bei den besten unserer Mitbürger hervorgezaubert hat, ist also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühlserregung, und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu verschwinden“ (S. 24-25).

Aber was für Gefühle könnten Intellektuelle irrational werden lassen? Zum einen ist es die Isolationsangst, die nach dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter (siehe sein Buch „Flüchten oder Standhalten“; meine Rezension dazu hier) die zentrale Angst des Menschen ist. Zum anderen bewusst geschürte Ängste, wie etwa die Angst vor Krankheit (Beispiel Coronapolitik). Und ansonsten die von Freud beschriebene, dem Menschen eigene Aggression, die umso ungehemmter als pure Aggression ausgelebt wird, je weniger sie dem einzelnen Menschen oder politischen Akteur bewusst ist und gesellschaftlich geächtet wird.

Was kann man aus all dem schließen?

Erstens: Wer als einzelner Mensch in seinem Selbstbild nur gut ist, der verdrängt und verleugnet seine eigenen, ohne Zweifel vorhandenen aggressiven und egoistischen Anteile. Diese sind damit aber nicht verschwunden, sondern bahnen sich aus dem Unbewussten einen Weg in das Verhalten des Menschen. Dies kann man beispielhaft beim Kampf linksliberaler Milieus gegen „Rechts“ beobachten: Die „Gutmenschen“, die angeblich für moralisch und politisch hehre Ziele kämpfen, sind blind für ihre eigene Aggression und Menschenfeindlichkeit und leben geradezu lustvoll in Form von Shitstorms und Hetzkampagnen Vernichtungsphantasien an Menschen aus, die ihnen nicht passen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Die „Kabarettistin“ Sarah Bosetti hetzte gegen Ungeimpfte und bediente sich dabei medizinischer Körpermetaphern, wie sie bei Nazis üblich waren. (Sie verglich Ungeimpfte mit einem Blinddarm, den man problemlos herausschneiden könne.) Genau dies tat auch der SS-Arzt Dr. Fritz Klein. Er verglich Juden mit einem entzündeten Blinddarm, den man problemlos entfernen könne.

Die einzige Möglichkeit, gefährlichen Eskalationen der Gewalt durch solche Verleugnungen der eigenen Aggression zu entgehen, besteht darin, diese Aggression anzuerkennen und in das bewusste Denken zu integrieren. Das wäre dann ein Selbstbild, das in etwa lautet: „Ich bin auch kein Engel“.

Zweitens: Das was psychologisch auf der individuellen Ebene abläuft, nämlich die Verdrängung und Leugnung der eigenen Aggressionen und Feindseligkeit, die moralische Idealisierung des eigenen Selbst, findet auch auf gesellschaftlicher und staatlicher Ebene statt. Die westlichen Staaten kaschieren ihre eigenen aggressiven imperialistischen Bestrebungen stets als Kampf für Menschenrechte und Demokratie und tun so, als sei die akute Krise um die Ukraine durch russische Aggression entstanden. Bei den deutschen Politikern spielen da auch noch Großmachts- und Allmachtsphantasien eine Rolle, etwa wenn sie sich aufblähen mit Formulierungen wie „Ich erwarte von Russland, dass…“ Eine Sprache, die im krassen Gegensatz zur realen Unterwürfigkeit deutscher Politiker gegenüber den USA steht.

Drittens: Was kann man tun? Freud schreibt in seiner Schrift, dass Menschen individuell stark beeinflusst werden durch die äußeren Umstände:

„Es kann also auch die Triebumbildung, auf welche unsere Kultureignung ruht (gemeint ist: die Zivilisierung der aggressiven Triebe), durch Einwirkung des Lebens – dauernd oder zeitweilig – rückgängig gemacht werden. Ohne Zweifel gehören die Einflüsse des Krieges zu den Mächten, welche solche Rückbildung erzeugen können, und darum brauchen wir nicht all jenen, die sich gegenwärtig unkulturell benehmen, die Kultureignung abzusprechen, und dürfen erwarten, dass sich ihre Triebveredlung in ruhigeren Zeiten wieder herstellt“ (S. 24).

Das ist, so glaube ich, ein wichtiger Punkt. Übertragen auf die heutige Situation bedeutet es: Auch die politische Klasse ist psychologisch beeindruckbar durch politischen Gegenwind von der Bevölkerung und kann durch Druck von unten wieder auf den Pfad einer vernünftigen Friedenspolitik gebracht werden. Dafür allerdings ist eine starke und hartnäckige Friedensbewegung nötig, wie es sie schon mal gegeben hat in den achtziger Jahren.

Sigmund Freud: Warum Krieg? Zwei Schriften, Reclam Verlag, Ditzingen 2012, 103 Seiten, 4,40 Euro, ISBN: 978-3-15-018924-5.

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