Der Walzer in den Abgrund
Der Walzer in den Abgrund

Der Walzer in den Abgrund

Ein Artikel von Chris Hedges

„Die russische Invasion in die Ukraine, vielleicht ein zynisches Ziel der westlichen Allianz, festigt nun eine sich erweiternde und wiedererstarkende NATO und einen grassierenden, unkontrollierbaren Militarismus. Die Kriegsherren mögen darüber in Ekstase geraten, doch die möglichen Folgen einschließlich eines globalen Flächenbrandes sind erschreckend.“ Dies schreibt Chris Hedges in “Waltzing to Armageddon“. Susanne Hofmann hat den Text übersetzt, Moritz Müller hatte darauf aufmerksam gemacht. Danke an Beide. – Und bitte verzeihen Sie, dass wir zurzeit nichts Trostspendendes bieten können. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Der Walzer in den Abgrund
Von Chris Hedges

Der Kalte Krieg zwischen 1945 und 1989 war eine wilde Orgie für Waffenfabrikanten, das Pentagon, die CIA, die Diplomaten, die auf dem Schachbrett der Welt ein Land gegen das andere ausgespielt haben, sowie die globalen Konzerne, die rauben und plündern konnten, indem sie den Raubtierkapitalismus mit Freiheit gleichsetzten. Im Namen der nationalen Sicherheit dämonisierten die Kalten Krieger – viele von ihnen selbsternannte Liberale – die Arbeiterschaft, unabhängige Medien, Menschenrechtsorganisationen und jene, die sich der permanenten Kriegswirtschaft und Militarisierung der amerikanischen Gesellschaft entgegenstellten, als anfällig für den Kommunismus. Genau deshalb lässt man den Kalten Krieg wiederaufleben.

Die Entscheidung, am Ende des Kalten Krieges die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz mit Russland auszuschlagen, ist eines der ungeheuerlichsten Verbrechen des späten 20. Jahrhunderts. Die Gefahr, Russland zu provozieren, wurde mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion allgemein verstanden, sogar von politischen Eliten von so unterschiedlicher Couleur wie Henry Kissinger und George F. Kennan, der die Ausweitung der NATO nach Zentraleuropa „den verhängnisvollsten Fehler amerikanischer Politik in der gesamten Ära nach dem Kalten Krieg“ nannte.

Diese Provokation, ein Bruch des Versprechens, die NATO nicht über die Grenzen eines vereinten Deutschland hinaus zu erweitern, bestand darin, Polen, Ungarn, die tschechische Republik, Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, Albanien, Kroatien, Montenegro und Nord-Mazedonien in das westliche Militärbündnis aufzunehmen.

Dieser Verrat wurde durch die Entscheidung verschlimmert, NATO-Truppen, darunter Tausende von US-Soldaten, in Osteuropa zu stationieren – eine weitere Verletzung einer Vereinbarung zwischen Washington und Moskau. Die russische Invasion in die Ukraine, vielleicht ein zynisches Ziel der westlichen Allianz, festigt nun eine sich erweiternde und wiedererstarkende NATO und einen grassierenden, unkontrollierbaren Militarismus. Die Kriegsherren mögen darüber in Ekstase geraten, doch die möglichen Folgen einschließlich eines globalen Flächenbrandes sind erschreckend.

Der Frieden wurde für eine globale US-Hegemonie geopfert. Er wurde für die Milliarden-Profite der Rüstungsindustrie geopfert. In Friedenszeiten hätten staatliche Ressourcen in die Menschen investiert werden können statt in Kontrollsysteme. Mit dem Geld hätten wir den Klimanotstand angehen können. Doch wir rufen Frieden, Frieden – und es gibt keinen Frieden. Staaten rüsten fieberhaft auf, drohen mit dem Atomkrieg. Sie rüsten sich für das Schlimmste und bewirken damit, dass das Schlimmste passieren wird.  

Was soll’s, wenn der Amazonas seinen endgültigen Kipppunkt erreicht und bald massenhaft Bäume absterben werden? Was soll‘s, wenn Landeis und Schelfeis viel schneller als vorhergesagt von unten schmelzen? Was soll‘s, wenn die Temperaturen steigen, Monster-Hurrikane, Überschwemmungen, Dürren und Waldbrände die Erde verwüsten? Angesichts der schwersten existenziellen Krise, die die menschliche Spezies und die meisten anderen Spezies heimsucht, schüren die herrschenden Eliten einen Konflikt, der den Ölpreis in die Höhe treibt und die Industrie zur Gewinnung fossiler Brennstoffe antreibt. Es ist kollektiver Wahnsinn.

Der Marsch in einen langwierigen Konflikt mit Russland und China wird nach hinten losgehen. Die verzweifelten Bemühungen, dem stetigen Verlust der wirtschaftlichen Dominanz der USA entgegenzuwirken, werden nicht durch militärische Dominanz ausgeglichen. Wenn Russland und China ein alternatives globales Finanzsystem schaffen können, das den US-Dollar nicht als Leitwährung verwendet, wird dies den Zusammenbruch des amerikanischen Imperiums signalisieren. Der Dollar wird dramatisch an Wert verlieren. Staatsanleihen, die zur Finanzierung der gigantischen Schulden Amerikas verwendet werden, werden weitgehend wertlos werden. Ich nehme an, dass die Finanzsanktionen, mit denen man Russland lahmlegen will, der Mechanismus sein werden, der die Amerikaner umbringt, wenn nicht sogar einen Atomkrieg auslöst.

Washington plant, aus der Ukraine ein zweites Tschetschenien oder zu dem alten Afghanistan zu machen, als die Carter-Administration unter dem Einfluss des Strippenziehers, dem Nationalen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski, die radikalen Dschihadisten ausgerüstet und bewaffnet hat, welche sich später im Kampf gegen die Sowjets in die Taliban und al-Qaida verwandelten. Das wird nicht gut für Russland sein. Es wird nicht gut für die Vereinigten Staaten sein. Es wird nicht gut für die Ukraine sein, weil es Ströme von ukrainischem Blut brauchen wird, um Russland bluten zu lassen.

Die Büchse der Pandora

Die Entscheidung, die russische Wirtschaft zu zerstören, den Ukraine-Krieg zur Falle für Russland zu machen und die Herrschaft von Wladimir Putin zu stürzen, wird die Büchse der Pandora öffnen. Die Manipulation der Bevölkerung in einem gigantischen Ausmaß – man denke an Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen oder Vietnam – hat seine eigene Zentrifugalkraft. Sie wird jene, die Gott spielen, zerstören.

Der Ukraine-Krieg bringt die letzten Reste der Linken zum Schweigen. Fast jeder schließt sich taumelnd dem großen Kreuzzug gegen die jüngste Verkörperung des Bösen, Wladimir Putin, an, der – wie all unsere Feinde – der neue Hitler geworden ist.

Die Vereinigten Staaten werden der Ukraine 13,6 Milliarden Dollar an Militärhilfe und humanitärer Unterstützung geben, die Biden-Administration gewährt zusätzliche 200 Millionen Militärhilfe. Die 5.000 Mann starke schnelle Eingreifgruppe der EU, die Rekrutierung ganz Osteuropas, einschließlich der Ukraine, für die NATO, die Umstrukturierung der Streitkräfte des ehemaligen Sowjetblocks zu NATO-Waffen und -Technologie wurden im Eilverfahren durchgeführt.

Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg massiv auf. Es hat sein Waffenexportverbot aufgehoben. Sein neues Militärbudget ist doppelt so hoch wie das alte, zudem hat man versprochen, das Budget auf mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen, wodurch das deutsche Militär von Rang sieben auf Rang drei nach China und den USA rückt.

Die Größe der NATO-Kampfverbände wird in den baltischen Staaten auf über 6.000 Soldaten verdoppelt. Kampfeinheiten werden nach Rumänien und in die Slowakei geschickt. Washington wird die Zahl der in Polen stationierten US-Truppen auf 9.000 verdoppeln. Schweden und Finnland erwägen, ihren neutralen Status aufzugeben, um sich in die NATO zu integrieren.

Das ist ein Rezept für einen globalen Krieg. Die Geschichte sowie alle Konflikte, über die ich als Kriegsberichterstatter berichtet habe, haben gezeigt, dass es oft wenig braucht, um den Scheiterhaufen anzuzünden, wenn Militärgehabe beginnt. Ein Fehler. Eine Übertreibung. Ein militärisches Wagnis zu viel. Eine Provokation zu viel. Ein Akt der Verzweiflung.

Russlands Drohung, Waffenkonvois aus dem Westen auf ihrem Weg in die Ukraine anzugreifen; der russische Luftangriff auf eine Militärbasis in der Westukraine, 25 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, die ein Aufmarschgebiet für ausländische Söldner ist; die Erklärung des polnischen Präsidenten Andrzej Duda, dass der Einsatz von Massenvernichtungswaffen, wie etwa Chemiewaffen, durch Russland gegen die Ukraine ein „Game Changer“ wäre, der die NATO dazu zwingen könnte, ihre Entscheidung, von einer direkten militärischen Intervention abzusehen, zu überdenken – all dies sind unheildrohende Entwicklungen, die das Bündnis einem offenen Krieg mit Russland näher treiben.

Sobald militärische Kräfte eingesetzt werden, selbst wenn sie sich angeblich in einer Verteidigungshaltung befinden, ist die Bärenfalle aufgestellt. Es braucht sehr wenig, um die Feder auszulösen. Die riesige militärische Bürokratie, die an Bündnisse und internationale Verpflichtungen gebunden ist, zusammen mit detaillierten Plänen und Zeitplänen, lässt sich, wenn sie einmal losrollt, nicht mehr anhalten. Sie wird nicht durch Logik vorangetrieben, sondern durch Aktion und Reaktion, wie Europa in zwei Weltkriegen erfahren hat.

Erschütternde Heuchelei

Die moralische Heuchelei der Vereinigten Staaten ist atemberaubend. Die Verbrechen, die Russland in der Ukraine begeht, werden von den Verbrechen Washingtons im Nahen Osten in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als in den Schatten gestellt, einschließlich des Präventivkriegs, der nach den Nürnberger Gesetzen ein krimineller Akt der Aggression ist. Nur selten tritt diese Heuchelei so offen zutage, wie als die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Linda Thomas-Greenfield, der UN-Generalversammlung sagte:

„Wir sehen Videos von russischen Truppen, die außergewöhnlich tödliche Waffen in die Ukraine bringen, die auf dem Schlachtfeld nichts verloren haben. Dazu gehören Streumunition und Vakuumbomben, die laut Genfer Konvention verbannt sind.“

Stunden später wurden ihre Ausführungen im offiziellen Transkript ausgebessert, die Worte „wenn sie gegen Zivilisten eingesetzt werden“ wurden hinzugefügt. Der Grund liegt darin, dass die USA, die wie Russland das Übereinkommen über das Verbot von Streubomben nie ratifiziert haben, regelmäßig Streumunition einsetzen. Sie haben sie in Vietnam, Laos, Kambodscha und im Irak benutzt. Sie haben sie Saudi-Arabien für den Einsatz im Jemen zur Verfügung gestellt. Auf Russlands Konto gehen nicht annähernd so viele zivile Todesopfer, wie sie die Streumunition des US-Militärs gefordert hat.

Die Dr. Strangeloves, die sich wie Zombies aus den Massengräbern erheben, die sie rund um den Globus geschaffen haben, sind wieder einmal dabei, neue Kampagnen der industriellen Massenschlachtung in Gang zu setzen. Keine Diplomatie. Kein Versuch, die legitimen Beschwerden unserer Gegner anzusprechen. Keine Eindämmung des grassierenden Militarismus. Keine Fähigkeit, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Keine Fähigkeit, die Realität außerhalb der Grenzen des binären Schemas von Gut und Böse zu verstehen. Kein Verständnis für die Katastrophen, die sie jahrzehntelang orchestriert haben. Keine Fähigkeit dazu, Mitleid oder Reue zu empfinden.

Elliott Abrams arbeitete in der Reagan-Administration, als ich aus Mittelamerika berichtete. Er vertuschte Gräueltaten und Massaker, die von den Militärregimen in El Salvador, Guatemala, Honduras und von den, von den USA unterstützten, Contra-Truppen begangen wurden, die die Sandinisten in Nicaragua bekämpften. Er griff Reporter und Menschenrechtsgruppen bösartig als Kommunisten oder Mitglieder der fünften Kolonne an und nannte uns „unamerikanisch“ und „unpatriotisch“. Er wurde verurteilt, weil er den Kongress über seine Rolle in der Iran-Contra-Affäre belogen hatte. Während der Regierung von George W. Bush setzte er sich für die Invasion in den Irak ein und versuchte, einen US-Putsch in Venezuela einzufädeln, um Hugo Chávez zu stürzen.

„Es wird keinen Ersatz für militärische Stärke geben, und wir haben nicht genug“, schreibt Abrams für den Council on Foreign Relations, bei dem er Senior Fellow ist:

„Es sollte jetzt absolut klar sein, dass ein größerer Prozentsatz des BIP für die Verteidigung ausgegeben werden muss. Wir werden mehr konventionelle Stärke in Schiffen und Flugzeugen brauchen. Wir müssen mit den Chinesen in moderner Militärtechnologie mithalten, aber am anderen Ende des Spektrums brauchen wir womöglich viel mehr Panzer, wenn wir Tausende in Europa stationieren müssen, wie wir es während des Kalten Krieges getan haben. (Die Gesamtzahl der heute dauerhaft in Europa stationierten amerikanischen Panzer liegt bei null.) Beharrliche Bemühungen, die Größe unseres Nukleararsenals noch weiter zu verringern oder seine Modernisierung zu verhindern, waren immer schlechte Ideen, aber jetzt, da China und Russland ihre Nuklearwaffen modernisieren und offenbar kein Interesse daran haben, neue Beschränkungen auszuhandeln, sollten solche Beschränkungen vollständig aufgegeben werden. Unser Nukleararsenal muss modernisiert und erweitert werden, damit wir niemals den Bedrohungen ausgesetzt sind, die Putin jetzt aus einer Position nuklearer Unterlegenheit ausübt.“

 

Putin hat der Kriegsindustrie in die Hände gespielt. Er hat den Kriegstreibern gegeben, was sie wollten. Er hat ihre kühnsten Träume wahr werden lassen. Auf dem Marsch nach Armageddon wird es jetzt keine Hindernisse mehr geben. Die Militärbudgets werden in die Höhe schnellen. Das Öl wird aus dem Boden sprudeln. Die Klimakrise wird sich verschärfen.

China und Russland werden die neue Achse des Bösen bilden. Die Armen werden im Stich gelassen. Die Straßen überall auf der Erde werden mit verzweifelten Flüchtlingen verstopft sein. Jeder Widerspruch wird Verrat sein. Die Jungen werden für die ausgelutschte Rhetorik von Ruhm, Ehre und Vaterland geopfert. Die Schwachen werden leiden und sterben.

Die einzig wahren Patrioten werden Generäle, Kriegsgewinnler, Opportunisten, Höflinge in den Medien und Demagogen sein, die nach immer mehr Blut brüllen. Die Todeshändler herrschen wie Olympische Götter. Und wir, eingeschüchtert von der Angst, trunken durch den Krieg, erfasst von einer kollektiven Hysterie, schreien nach unserer eigenen Vernichtung.

Titelbild: Sergey Nivens / Shutterstock