„Wohin des Wegs“, Vereinigtes Königreich?

„Wohin des Wegs“, Vereinigtes Königreich?

„Wohin des Wegs“, Vereinigtes Königreich?

Ein Artikel von Moritz Müller

Am vergangenen Donnerstag ist die Königin von England im Alter von 96 Jahren verstorben. Sie war 70 Jahre lang das Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreichs und einer abnehmenden Anzahl ehemaliger Kolonien. Nun ist nach langem Warten ihr Sohn König Charles III geworden. Ihre letzte wichtige Amtshandlung war die Ernennung der neuen Premierministerin Liz Truss. Wird sich mit zwei neuen Personen in den höchsten Ämtern die Richtung der britischen Politik ändern und wird es zu einem echten Rückblick auf das britische Imperium insgesamt und auf die Regentschaft von Elisabeth II kommen, und wird sich die Monarchie halten können? Eine Umschau von Moritz Müller.

Als ich am Donnerstag die Nachrichten bezüglich Queen Elisabeths Tod las, gab es unzählige Artikel, die die verstorbene Königin im rechten Licht erscheinen ließen und den neuen König willkommen hießen. In den vergangenen Tagen hat sich nun auch ein kritischer Ton unter die Stimmen der Betrachter gemischt, trotz oder vielleicht auch wegen der pompösen Trauerfeiern, die für die kommende Woche geplant sind.

In diesem Artikel berichtet der ehemalige britische Diplomat Craig Murray von seinen zwei Treffen mit Queen Elisabeth, dass sie auf ihn einen freundlichen und taktvollen Eindruck gemacht habe, aber auch, dass sie wahrscheinlich nicht mit ihren Fähigkeiten in die Rolle gelangt wäre, die ihr ihre Herkunft beschert hatte. Für ihn ist es an der Zeit, die Monarchie abzuschaffen.

Die Geburt ins Königshaus ist natürlich auch ein zweischneidiges Schwert, denn mit allen Annehmlichkeiten, die die Mitgliedschaft in der königlichen Familie bedeutet, muss es auch eine ungeheure Bürde sein, wenn man seit seiner Kindheit weiß, dass man die Thronfolgerin ist. Bei Elisabeth II geschah dies 1936, im Alter von 10 Jahren, durch die Abdankung ihres Onkels Eduard VIII, die ihren Vater zum König Georg VI machte.

Als dieser starb, wurde sie im Alter von 26 Jahren Königin, 7 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zu einer Zeit, als sich das britische Imperium im Auflösungszustand befand. Dieser Zerfall ging teilweise sehr blutig vonstatten und die junge Königin hatte wohl weder die Lebenserfahrung noch die politische Kraft, um hier mildernd zu wirken, wenn sie denn gewollt hätte.

Dieser Artikel versucht zu erklären, warum in vielen Teilen des Imperiums die Trauer über den Tod von Elisabeth II nicht sehr groß ist. Auch wenn sie wahrscheinlich nicht viel Spielraum hatte, so wird sie doch von vielen als das Mitglied des Königshauses gesehen, welches die lokalen Bevölkerungen teilweise jahrhundertelang blutig unterdrückt hat. Auch die britische Rolle im weltweiten Sklavenhandel wird erwähnt.

Der obige Artikel stößt sich vor allem daran, dass die verstorbene Königin sich nie richtig offiziell für die Vergehen des britischen Empire entschuldigt hat. Oft wird so eine Entschuldigung unterlassen, weil man Schadensersatzforderungen fürchtet, wenn man seine Schuld eingesteht. Mit dem verklärten Blick auf das verflossene Imperium steht das Königshaus im Vereinigten Königreich natürlich nicht alleine da. Diese gegensätzlichen Wahrnehmungen, der Gedanke, dass das Imperium irgendwie segensreich für die Welt war und ist, gegenüber der eher negativen Sicht, die in den ehemaligen Kolonien herrscht, können auf die Dauer nicht funktionieren und sind meinem Gefühl nach der Grund, warum einiges in Großbritannien so „schräg“ erscheint.

Hier landet man dann bei Liz Truss, der Thatcher-Bewunderin, die riesige Chancen für eine blühende Zukunft des Landes sieht und Steuersenkungen verspricht, während große Teile der Bevölkerung in Armut und Chaos versinken. Der Plan, Asylbewerber nach Ruanda zu fliegen und dort abzufertigen, wird auch unter Truss weiterverfolgt und in einer Art Stockholm-Syndrom machen die zahlreichen Kabinettsmitglieder mit Migrationshintergrund hier munter mit. Ausgeheckt hatte den Plan die mittlerweile ersetzte Priti Patel, deren Eltern aus Indien über Uganda nach England kamen.

Das Kabinett von Truss wird wohl weiter den neoliberalen Weg gehen, der einigen Wenigen Vorteile auf Kosten von großen Teilen der Bevölkerung und Menschen in anderen Erdteilen verschafft. Dass dies am Ende, wenn wir unseren Planeten unbewohnbar gemacht haben, niemandem mehr zum Vorteil gereicht, wird von dem Personenkreis mit Einfluss ignoriert oder ausgeblendet.

Auf der anderen Seite habe ich bei meinen Besuchen in England die engagiertesten und hilfsbereitesten Menschen getroffen, die man sich vorstellen kann, und (persönliche) Freiheit ist im Vereinigten Königreich immer noch ein Begriff, der großgeschrieben wird.

Sogar Charles III hatte sich als Thronfolger dagegen ausgesprochen, traumatisierte Flüchtlinge aus Krisengebieten in das Drittland Ruanda mit auch blutiger jüngerer Vergangenheit zu verschieben. An vielen der Krisen, vor denen diese Menschen fliehen, ist das Vereinigte Königreich durch seine Kolonialgeschichte, aber auch durch die während der Regentschaft von Elisabeth II angezettelten Kriege unmittelbar beteiligt.

Die Person, die die Weltöffentlichkeit wahrscheinlich am meisten über viele dieser Vorgänge aufgeklärt hat, nämlich Julian Assange, schmort weiter unter unsäglichen Bedingungen im Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh. Ob sich unter dem neuen König oder der neuen Premierministerin etwas an seiner Lage ändert, bleibt abzuwarten bzw. könnte auch das Ziel neuer Kampagnen für Assange sein.

Die Medien spielen in dieser Verschleierung eine hervorragende Rolle, wie man jetzt an der Fülle der emotionalen Beiträge über den Tod der Monarchin sehen kann, in denen große Teile ihrer Rolle nicht vorkommen.

Elisabeth II war die erste britische Monarchin, die die Republik Irland seit der Staatsgründung 1922 besucht hat, und ihr Besuch hat sicher zur Aussöhnung der beiden Staaten beigetragen.

Oft wird im Zusammenhang mit dem britischen Königshaus behauptet, dass dieses nur wenig Einfluss auf die Politik habe, weil es sich um eine konstitutionelle Monarchie handele. Es gibt aber einige Vorgänge, die darauf schließen lassen, dass es nicht nur hinter den Kulissen mehr Einflussmöglichkeiten für die Royals gibt.

In diesem Artikel wird sehr detailliert beschrieben, dass sich Thronfolger Charles seit Beginn des „Arabischen Frühlings“ 2011 95-mal mit Vertretern von 8 Monarchien im Nahen Osten getroffen und dabei auch mitgeholfen hat, milliardenschwere Aufträge für die britische Rüstungsindustrie zu ergattern. Diese Monarchen würden sich sicher nicht so häufig mit einem Vertreter eines Königshauses treffen wollen, das nur rein repräsentativer Natur ist.

Viele der im Artikel genannten Monarchen stehen repressiven und folternden Regimen vor und oft gab es dort blutige Ereignisse zeitnah zu Treffen mit Prinz Charles. Dieser hätte also darüber informiert sein können und/oder müssen. Andererseits hat die Exekution von 81 Menschen an einem Wochenende im Frühjahr in Saudi-Arabien den damaligen Premierminister Boris Johnson auch nicht davon abgehalten, einige Tage später dorthin zu reisen und um Öl zu betteln, weil das Öl aus Russland angeblich zu fragwürdig ist.

Es wäre schön, wenn die gleichen moralischen Standards bei allen angelegt würden.

Auf den NachDenkSeiten habe im letzten Drittel dieses Artikels beschrieben, dass das britische Königshaus seit der Thronbesteigung von Elisabeth II 1.062-mal Änderungen an Gesetzestexten vorgenommen hat, weil diese Eigentumsrechte der Familie tangieren könnten.

2008 suspendierte die ungewählte Generalgoverneurin Kanadas, Michelle Jean, welche die Repräsentantin von Queen Elisabeth war, das neugewählte kanadische Parlament für drei Monate. Sie tat dies auf Bitten von Ministerpräsident Harper, um einem Misstrauensvotum gegen ihn zuvorzukommen.

In Australien enthob 1975 der Generalgouverneur der Queen, John Kerr, den Labour-Premierminister Gough Whitlam seines Amtes und setzte den konservativen Malcolm Fraser ein. Whitlam hatte versucht, den Einfluss der USA in Australien zu vermindern.

Das sind wohl die „speziellen Beziehungen“ zwischen dem Vereinigten Königreich und den USA.

Nach dem Tod von Elisabeth II kommt auch in Australien die Debatte um die Abschaffung der Monarchie wieder in Gang, obwohl Premierminister Albanese aus Gründen der Pietät vorerst nicht über ein Referendum zu diesem Thema reden will.

Wann und ob diese Debatte das britische Mainland erreicht, bleibt abzuwarten. Entweder ist so viel im Fluss, dass auch die Monarchie weggeschwemmt wird, oder die Briten sind so verunsichert, dass sich die Mehrheit an das Kontinuum Königshaus klammert, auch wenn dieses oder dessen Mitglieder nicht unbedingt die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vertreten. Die Personen, die mit und durch die Monarchie gut leben, werden natürlich vieles daran setzen, dass ihnen diese erhalten bleibt.

Am Beispiel Deutschland kann man sehen, dass in einer Republik auch nicht unbedingt die Interessen des Volkes im Vordergrund stehen und auch deutsche Bundespräsidenten und andere Politiker können abgehoben sein.

Es bleibt spannend bis deprimierend.

Als Kontrast zu meinen Gedanken sei hier noch dieser Artikel von Dagmar Henn erwähnt, die die Rolle der Königin als rein repräsentativ sieht. Wie oben beschrieben, ich bin mir da nicht so sicher.

Titelbild: gmstockstudio/shutterstock.com

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