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Ist Campact zu trauen? M. E. nicht. Machen Sie Ihre eigene Prüfung und – wenn möglich – Recherche.

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Ideologiekritik, Soziale Bewegungen, Strategien der Meinungsmache

Die NachDenkSeiten haben bis Ende September unkritisch die Arbeit von Campact gefördert – mit immer neuen Verlinkungen und Hinweisen.

Am 27. September hatten wir dann davon berichtet, dass Campact nach dem Eindruck eines NachDenkSeiten-Lesers an der Propagandaschlacht zwischen USA und Russland einseitig parteiergreifend beteiligt ist. – Campact fühlte sich unfair behandelt. Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten haben weiter recherchiert und Erstaunliches ans Licht geholt. Heute will ich vom Stand der Ermittlungen berichten. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Folgendes könnte zur Urteilsbildung von Bedeutung sein. Bitte in jedem Fall auch die Ziffer 6 anschauen:

  1. Auf den unter der Federführung von Campact durchgeführten Demonstrationen gegen CETA und TTIP wurden USA-kritische Plakate aussortiert.

    Stattdessen wurden Plakate der oben abgebildeten Art mitgeführt – mit einer Warnung vor Antiamerikanismus. So wird uns aus Berlin und aus Köln berichtet. Einzelne Demonstranten scheinen wegen der Intervention von Ordnern die Demonstration verlassen zu haben.

    Wenn sie Ähnliches bei den Demonstrationen erlebt haben, dann lassen Sie uns das bitte wissen. Stichwort: Recherche zu Campact.

  2. In der von Campact wesentlich geprägten Presse-AG für die Demonstrationen gegen CETA wurde verfügt, dass es keine Interviews mit Medien geben soll, die von Russland betrieben oder finanziert werden.

    Also nicht mit RT Deutsch, nicht mit Sputnik usw. Es wurde nicht untersagt, Interviews mit der New York Times zu führen, die bisher jeden Krieg der USA und der NATO gerechtfertigt hat. Auch die Bild-Zeitung durfte man bedienen – trotz ihrer Hetze gegen Griechenland zum Beispiel.

  3. Russenphobie hingegen darf es offensichtlich und entgegen der Versicherung in einer Mail von Campact an die NachDenkSeiten (siehe Anlage) geben.

    Campact hat sich auch inhaltlich hinter den „themen scout“ Yves Venedy gestellt. Wir hatten nicht erwartet, dass sich Campact wegen unseres Hinweises von ihm trennt oder ihn maßregelt. Aber eine inhaltliche Distanzierung hatte nicht nur der den Anstoß für die Debatte gebende NachDenkSeiten-Leser T. Graef, sondern auch wir und auch andere Leser unserer Seiten erwartet. Ich hatte in dem Beitrag von 27. September versöhnlich geschrieben:

    Eine Empfehlung an Campact: Führt eine Debatte in euren Reihen. Und lasst uns dann wissen, ob wir davon ausgehen müssen, dass Aussagen wie die zitierten repräsentativ sind für das Denken von Campact. Glauben kann ich das eigentlich nicht.“

    Nach der Reaktion von Campact muss ich das leider glauben. Der NachDenkSeiten-Leser und bisherige Förderer von Campact C. G. hat in einer Mail an Campact vom 30. September stichwortartig zusammengefasst, was das bedeutet:

    „Nun darf ein Mitarbeiter selbstverständlich seine eigene Meinung haben, ich als Förderer möchte aber gerne wissen, ob die betreffenden Äußerungen vom campact-Vorstand mitgetragen werden oder nicht. Glauben kann ich das eigentlich nicht. 

    Die anti-russischen, vorverurteilenden und unbelegten Punkte, die ich meine, habe ich hier nur stichpunktartig wiedergegeben – die eMail im Gesamten liegt euch ja bestimmt vor: 

    „Putins zunehmend aggressiven Außenpolitik“

    „Putins Russland“

    „Mafiastaat“ 

    „von innenpolitischen Problemen ablenken“ 

    „versucht Putin außenpolitisch den starken Mann zu spielen“ 

    „russische Politik in Syrien ist absolute Katastrophe“

    „Putin trägt große Mitschuld an dem Blutvergießen“

    „Kriegsängste zu schüren“

    „berechtigten Sanktionen“

    „darauf nicht herein fallen“

    Würdet ihr eine Friedensbewegung im Geist der Entspannungspolitik und den Verabredungen von 1990, Abrüstung, Gespräche, Diplomatie, Deeskalation, ganz im Sinne Willy Brandts Vermächtnis und im Sinne der Grundsätze des internationalen Völkerrechts unterstützen? Ich bitte um eine inhaltliche Stellungnahme zum Thema Friedenspolitik.“ 

    Soweit die Mail des NachDenkSeiten Lesers und Campact-Förderers.

  4. Der von der Organisation getragene und verteidigte Campact-Mitarbeiter Venedy hat schon am 14.12.2014 deutlich gemacht, dass er eine Friedensbewegung im oben erwähnten Sinne nicht unterstützt, im Gegenteil.

    Er unterstützt die Querfrontkampagne, unter der die zarten Versuche einer Neubelebung der Friedensbewegung im Dezember 2014 und danach extrem zu leiden hatten. Ich zitiere einen Kommentar aus dem TAZ-Userforum:

    „YVES VENEDEY

    14.12.2014, 21:13

    Es ist mir unbegreiflich, wie DFG, IPPNW und Pax Christi mit diesen Wirrköpfen und Querfront-Nazis gemeinsame Sache machen können! Befremdlich finde ich auch, wie man einen homophoben Autokraten, der gerade ein Stück von einem Nachbarland völkerrechtswidrig annektiert hat auch noch bejubeln kann. Eine Friedensbewegung die diesen Namen verdient, müsste dafür eintreten, dass endlich die Stärke des Rechts an die Stelle des Recht des Stärkeren tritt. Diese Demo war ein peinlicher Tiefpunkt in der Geschichte der Friedensbewegung.“

    Die Polemik des Campact-Mannes Yves Venedy richtet sich gegen die „Friedenswinter“ genannte Demonstration vom 13. Dezember 2014. Dagegen war eine Kampagne deutscher Medien inszeniert worden, deren Hauptaussagen vorher festgelegt waren – ohne Rücksicht auf den Verlauf der Demonstration und ohne Rücksicht auf die Aussagen des Hauptredners Drewermann. Der Campact-Mitarbeiter war offensichtlich damals schon Teil dieser Kampagne, die ansonsten von TAZ, von Frankfurter Rundschau, von Monitor, von der Berliner Zeitung und einer Nachreihe anderer Medien mit auffallend linksliberalem Image.

    Weil ich diesen Versuch der Friedensbewegung im Herbst und Winter 2014 wie auch die Fortsetzung bei den Demonstrationen in und um Ramstein unterstützt habe, habe ich damals den Verlauf wie auch die Kommentierung eingehend beobachtet. Weil die Querfrontkampagne so eindrucksvoll und durchschlagend in Szene gesetzt worden war, haben wir auf den NachDenkSeiten mehrmals davon berichtet, auch auf der Basis von eigenen Recherchen in Berlin. Hier eine Auswahl unserer damaligen Artikel:

    1. Hier die Vorankündigung und Begründung für die Unterstützung der Demo vom 13.12.2014:
      9. Dezember 2014 um 10:39 Uhr | Verantwortlich: Albrecht Müller
      Mein Aufruf zur Friedensdemonstration am 13.12.2014 in Berlin zum Amtssitz des Bundespräsidenten, Schloss Bellevue
    2. 15. Dezember 2014 um 17:04 Uhr | Verantwortlich: Albrecht Müller
      Berichte und Kommentare zur Friedensdemonstration in Berlin waren vorher geschrieben. Deutschlands Medien steigern ihre Unglaubwürdigkeit.
    3. 23. Januar 2015 um 15:20 Uhr | Verantwortlich: Albrecht Müller
      Wird die neue Friedensbewegung mit ihrem Protest gegen die Militarisierung der Politik und konkret gegen die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine durchhalten und ein angemessenes Echo finden?
  5. Wo bleibt die Campact-Kampagne gegen die Nutzung Ramsteins als Basis und Transmissionsriemen für Morde all überall auf der Welt? Oder auch nur eine entsprechende Unterstützung der Friedensbewegung?
    In Wiederholung taucht in Verlautbarungen aus dem Hause Campact die Forderung auf, „dass endlich die Stärke des Rechts an die Stelle des Recht des Stärkeren tritt“. – Das finde ich gut. Aber dann sollte man dieses Prinzip bitte auch auf den Drohnenkrieg anwenden. Viele Tote dieses mörderischen Handwerks gehören mit Sicherheit nicht zu den Stärkeren. Obama schon.
  6. Campact als eine NGO im Wartestand, die im Ernstfall dank ihrer Glaubwürdigkeit zur Mobilisierung für eine Konfrontation mit Russland genutzt werden könnte?

    Dazu gibt es vermutlich viel zu recherchieren. Den Anstoß dazu gibt eine Mail von Günther P., die zu lesen dringend zu empfehlen ist:

    Sehr geehrter Herr Müller,
    sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,

    angeregt durch Ihren Beitrag vom 27.9. über campact habe ich zu dieser Organisation recherchiert, weil ich etwas über ihre Verbindungen in die Welt der NGO’s herausfinden wollte. Dabei bin ich auf einen Artikel von Prof. Michel Chossudovsky, University of Ottawa, Montreal gestoßen (1), der am Beispiel des World Social Forums zeigt (WSF), wie sich die neoliberalen Akteure ihre eigene Opposition organisieren und in einem Bereich halten, der ihren Hauptinteressen nicht gefährlich wird.

    In diesem Artikel wird dargelegt, wie durch eine zwischengeschaltete Organisation namens EDGE (Engaged Donors for Global Equity) über Finanzbeiträge und, was ich persönlich für viel wesentlicher halte, über Personen im Hintergrund Einfluss genommen wird.

    Auf der Seite findet sich eine Kopie der Liste des Board of Directors, auf der Mattias Fiedler, Geschäftsführer der Bewegungsstiftung, als Mitglied genannt wird (bestätigt durch (2)). Diese Stiftung hat die gleiche Adresse wie campact und im Vorstand beider Organisationen sitzt Herr Christian Bautz. Herr Fiedler und Herr Bautz werden als Gründungsmitglieder der Bewegungsstiftung genannt, aber über Herrn Fiedler werden auf Anhieb bemerkenswert wenig Informationen im Internet gefunden. Er agiert wohl lieber im Hintergrund.

    Es mag ja praktisch sein, wenn man sich seine eigene Opposition organisiert, die den Unwillen der Massen ins Ungefährliche kanalisiert, aber das kann nicht im Sinne einer Friedensbewegung sein. Ich sehe die Gefahr, dass campact durch ihre Aktionen gegen TTIP und Ceta – so lobenswert sie auch sind, ich habe sie selbst finanziell unterstützt – , wohl wissend, dass sie am Ende nichts ändern werden, eine Reputation oder wie man heute sagen würde, eine „street credibility“ erworben haben, die zur Mobilisierung für eine Konfrontation mit Russland genutzt werden könnte. Ich will nicht behaupten, dass dies tatsächlich geschieht, aber ich halte die im genannten Artikel aufgezeigten Mechanismen für hinreichend gefährlich. Es wäre zu wünschen, dass zumindest alle Organisationen, die sich der Hilfe von campact bedienen, über diesen Hintergrund aufgeklärt sind.

    Noch ein Wort zur Einflussnahme: Mir erscheint der Einfluss über die Finanzierung zwar in der ersten Phase des Anschubs einer Organisation wesentlich, aber wenn ein gewisses Maß an Bekanntheit erreicht ist, sorgen schon die nichts ahnenden Kleinspender für eine ausreichende Finanzierung der Aktivitäten, wie man auch am Finanzbericht von campact sehen kann. Aber die Personen an den einflussreichen Stellen, selbst wenn sie nicht finanziell bestochen sind, sind durch Wichtigkeit, interessante Reisen zu Tagungen und der immer wieder verstärkten Suggestion, dass sie zu den Guten ™ gehören, hinreichend leicht zu beeinflussen. Im Prinzip die gleiche Methode, die die Pharmaindustrie mit Ärztefunktionären benutzt.

    Man muss seine Gegner kennen und nichts ist schlimmer, als sie zu unterschätzen. Ich hoffe Ihnen und uns mit dieser Information geholfen zu haben. Ich bedanke mich noch ganz herzlich für Ihre wichtige Arbeit.

    Mit freundlichen Grüßen
    Günther P.

    Quellen:

    1. Global Research – Rockefeller, Ford Foundations Behind World Social Forum (WSF). The Corporate Funding of Social Activism
      Deutsche übersetzung
    2. edgefunders

Anlage

Mail von Campact vom 27.9.2016 an NachDenkSeiten:

Sehr geehrter Herr Müller,

schön, dass Sie nun den Weg gefunden haben, nicht nur über Campact, sondern auch mit Campact zu kommunizieren.

Wir sind in Verden ein Team aus 50 politisch engagierten Menschen, die sich progessiver Politik verschrieben haben. Wir diskutieren viel und heftig und sind uns nicht immer einig, gerade wenn es um so komplizierte Konflikte wie in Syrien oder zwischen der Ukraine und Russland geht. Daher ist das Schreiben unseres Kollegen in seiner Argumentation plausbibel und legitim. Wir gestehen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eigene Meinungen zu. Und wir schützen sie gegen Hetzjagden.

Der Grundsatz von Campact ist gesetzt: “Internationale Konflikte müssen friedlich und im Rahmen des Völkerrechts gelöst werden. Wir streiten für eine deutsche Außenpolitik, die sich an der Verwirklichung der in der UN-Charta festgeschriebenen universellen Menschenrechte statt an kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen orientiert”. Unsere Vision ist eine Welt, in der die Stärke des Rechts an die Stelle des Recht des Stärkeren tritt. Dabei sind wir weder anti-amerikanisch noch anti-russisch und nicht anfällig für Propaganda jedweder Seite.

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Freundliche Grüße
Günter Metzges
Campact e. V. – bewegt Politik! 

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