Am Montag, dem 25. August, hatte die israelische Armee (IDF) mit einem mutmaßlich gezielt ausgeführten Doppelschlag gegen das Nasser-Krankenhaus im Gazastreifen fünf Journalisten (u.a. für Reuters und AP arbeitend) und sowie herbeieilende Rettungssanitäter und mehr als ein Dutzend weitere Zivilisten getötet. Die Bundesregierung forderte einen Tag später eine Untersuchung des Raketenangriffs. Kurz darauf präsentierte die IDF eine Erklärung, laut der der Angriff einer „Hamas-Überwachungskamera im Bereich des Krankenhauses“ gegolten hätte. Der Angriff sei damit legitim gewesen. Vor diesem Hintergrund wollten die NachDenkSeiten wissen, ob die Bundesregierung der Darstellung der IDF Glauben schenkt und ob damit der Forderung des Auswärtigen Amtes nach Aufklärung Genüge getan sei. Von Florian Warweg.
Hintergrund
Der erste Angriff erfolgte am 25. August kurz vor 10 Uhr morgens während einer Live-Übertragung der Nachrichtenagentur Reuters aus dem Nasser-Krankenhaus und tötete Hussam al-Masri, Mitarbeiter von Reuters, der an diesem Tag für die Organisation des Livestreams verantwortlich war. Vier weitere Journalisten, unter anderem von AP und Al Jazeera wurden zehn Minuten später durch den zweiten israelischen Beschuss („double tap“) des vierten Stockwerks des Krankenhauses getötet.
🚨Civil defense teams were targeted by an Israeli airstrike during a live broadcast on Al-Ghad TV, the attack was the second on Nasser Hospital, killing journalist , Reuters photographer Hossam Al-Masry and others. pic.twitter.com/uy8Dk2PEAq
— Inés El-Hajj|Stories from Palestine 🇵🇸 (@InesElhajj) August 25, 2025
„Wir sind erschüttert“
Die betroffenen Nachrichtenagenturen reagierten umgehend. Ein Reuters-Sprecher erklärte:
„Wir sind erschüttert über den Tod des Reuters-Mitarbeiters Hussam al-Masri und die Verletzungen eines weiteren unserer Mitarbeiter, Hatem Khaled.“
Die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) mit Hauptsitz in New York teilte mit, sie sei „schockiert und traurig“ über den Tod ihrer freien Mitarbeiterin Mariam Abu Dagga und anderer Journalisten. Abu Dagga habe sich für ihre Berichterstattung oft in diesem Krankenhaus aufgehalten.
Ebenso fielen die Journalisten Mohammed Salama, der für Al Jazeera arbeitete, Moaz Abu Taha, der als freier Mitarbeiter für mehrere ausländische Medien tätig war, sowie Ahmed Abu Aziz, der vor allem für arabische Medien arbeitete, dem IDF-Raketenangriff zum Opfer.
Auf einem Screenshot ist der letzte Moment von Moaz Abu Taha, Mariam Abu Dagga und Mohammed Salama zu sehen, kurz vor dem Einschlag der zweiten israelischen Rakete:
Im Gegensatz zu früheren Fällen von mutmaßlich gezielten Tötungen von Journalisten in Gaza durch die IDF reagierte diesmal das Auswärtige Amt recht schnell, erklärte sein „Entsetzen“ und forderte eine Aufklärung des Angriffs:
Die „Aufklärung“ kam dann auch in Form einer Presseerklärung des israelischen Generalstabs:
„Erste Untersuchungen haben ergeben, dass Soldaten der Golani-Brigade, die im Gebiet von Khan Yunis zur Zerschlagung terroristischer Infrastrukturen operierten, eine von der Hamas im Bereich des Nasser-Krankenhauses aufgestellte Kamera entdeckten, die zur Beobachtung der Aktivitäten der israelischen Streitkräfte diente, um terroristische Aktivitäten gegen sie zu lenken. Diese Schlussfolgerung wird unter anderem durch die dokumentierte militärische Nutzung von Krankenhäusern durch Terrororganisationen während des gesamten Krieges sowie durch Geheimdienstinformationen gestützt, die die Nutzung des Nasser-Krankenhauses durch die Hamas seit Kriegsbeginn für terroristische Aktivitäten bestätigen.
Vor diesem Hintergrund gingen die Truppen vor, um die Bedrohung zu beseitigen, indem sie die Kamera zerstörten und abmontierten. Die Untersuchung ergab, dass die Truppen vorgingen, um die Bedrohung zu beseitigen.“
An initial inquiry regarding the strike on the observation camera at the Nasser Hospital in Khan Yunis, which occurred yesterday (Monday), August 25th, 2025, was presented to the Chief of the General Staff, LTG Eyal Zamir, by the Commander of the Southern Command, MG Yaniv Asor,… pic.twitter.com/CEf7fmaB2r
— Israel Defense Forces (@IDF) August 26, 2025
Im Gegensatz zur Darstellung der israelischen Armee handelte es sich nach aktuellem Wissensstand bei der „beseitigten Bedrohung“ allerdings nicht um eine angebliche „Hamas-Kamera zur Beobachtung der Aktivitäten der israelischen Streitkräfte“, sondern um die fest installierte Reuters-Kamera für den Live-Stream aus dem Krankenhaus.
Gegenüber dem Nachrichtenportal Middle East Eye erklärten mehrere Zeugen, darunter auch Ezzedine al-Masri, der Bruder des getöteten Reuters-Kameramanns Hossam al-Masri, dass die Live-Kamera der Nachrichtenagentur auf dem Dach des Nasser-Krankenhauses seit Beginn des Krieges in Gaza offiziell beim israelischen Militär registriert war, die IDF also von Beginn an über die Existenz dieser Kamera für journalistische Zwecke informiert war.
Auszug aus dem Wortprotokoll der Regierungspressekonferenz vom 27. August 2025
Frage Warweg
Nach dem gezielten Beschuss des Nasser-Krankenhauses in Gaza am Montag, bei dem fünf Journalisten, drei Rettungssanitäter und mehre als ein Dutzend weitere Zivilisten getötet wurden, hat das Auswärtige Amt explizit Aufklärung gefordert. Jetzt hat die IDF am 27. August erklärt, die erste Untersuchung sei abgeschlossen. Ziel des Vorgehens sei eine Kamera im Bereich des Nasser-Krankenhauses gewesen, die angeblich zur Beobachtung der Aktivitäten der israelischen Streitkräfte gedient habe; das Vorgehen der IDF sei daher gerechtfertigt. Dazu würde mich interessieren: Rechtfertigt die Ausschaltung einer Kamera im Bereich eines Krankenhauses aus der Sicht des Auswärtigen Amtes dieses Vorgehen der IDF, und ist jetzt mit dieser Darstellung des israelischen Generalstabs der Forderung des Auswärtigen Amtes nach Aufklärung Genüge getan?
Giese (AA)
Wir haben diesen Bericht zur Kenntnis genommen. Ich habe ihn nicht als abschließenden Bericht verstanden, sondern das ist, glaube ich, eine erste Äußerung dazu. Das ist nach unserem Verständnis nicht ausreichend. Die Arbeit ist nicht abgeschlossen. Es ist wichtig, dass es dazu eine umfassende Untersuchung gibt und dass die Verantwortlichen tatsächlich herausgefunden werden. Die israelische Seite hat ja auch selbst eingeräumt, dass dieser Fall ein Unglück ist. Wir fordern weiterhin, dass herausgefunden wird, wie es dazu kommen konnte, dass ein Krankenhaus beschossen worden ist. Die ganzen Umstände dieses Vorfalls werfen sehr, sehr ernsthafte Fragen auf, die geklärt werden müssen.
Im Übrigen weise ich darauf hin, dass sich der Bundeskanzler gestern sehr ausführlich zu diesem Vorfall geäußert hat.
Zusatzfrage Warweg
Jetzt sind wir laut UN-Angaben seit Oktober 2023 bei über 240 durch die IDF getöteten Journalisten. Sie haben jetzt noch einmal auf die Aussage verwiesen, dass das angeblich ein Missgeschick war. Mich würde interessieren: Inwieweit vertraut die Bundesregierung dieser Darlegung der israelischen Seite, dass es sich bei über 240 getöteten Journalisten permanent um Missgeschicke der israelischen Seite handelt?
Giese (AA)
Wir haben gesagt, dass diese Fälle aufgeklärt werden müssen. Dieser Fall ist ein Fall in einer ganzen Reihe von Vorfällen, die aufgeklärt werden müssen, die nicht ausreichend aufgeklärt sind. Das ist eine absolut unerträglich hohe Zahl von getöteten Journalistinnen und Journalisten und darüber hinaus natürlich noch von vielen anderen Leuten. Wie gesagt, auch dazu hat sich gestern der Bundeskanzler geäußert, dem sich das Auswärtige Amt natürlich vollkommen anschließt.
Als Hinweis: In der vergangenen Woche hat sich die Bundesregierung einem ausführlichen Statement der Media Freedom Coalition angeschlossen, auf das ich Sie verweisen will. Das will ich jetzt nicht im kompletten Wortlaut vortragen, aber eine der Kernaussagen ist, dass Journalisten niemals legitime Ziele von militärischen Aktionen sein dürfen.
Vize-Regierungssprecher Meyer
Ich würde gerne ergänzen – nicht nur mit Blick auf die Worte des Bundeskanzlers, sondern auch denen von Staatssekretär Kornelius hier am Montag -, dass die Bundesregierung von der israelischen Regierung fordert, den Zugang zu Medienschaffenden in Gaza jederzeit zu gewähren und Journalistinnen und Journalisten in ihrer Arbeit auch zu schützen.
Titelbild: Screenshot NachDenkSeiten, Bundespressekonferenz 27.08.2025
Journalisten-Morde in Gaza – die BILD sollte sich schämen
Bringt Außenminister Wadephul die 225 getöteten Journalisten in Gaza bei Israel-Besuch zur Sprache?