Frieden mit Russland – Einblick in eine Debatte in einer Friedensorganisation

Frieden mit Russland – Einblick in eine Debatte in einer Friedensorganisation

Frieden mit Russland – Einblick in eine Debatte in einer Friedensorganisation

Ein Artikel von Klaus-Dieter Kolenda & Peter Vonnahme

Beide Autoren gehören der älteren Generation an, die im Zweiten Weltkrieg geboren wurde, den ersten Kalten Krieg erlebt und nach der Wendezeit 1989/1991 an einen dauerhaften Frieden in Europa geglaubt hat. Klaus-Dieter Kolenda und Peter Vonnahme sind darüber entsetzt, dass die Kriegsgefahr nach Europa zurückgekehrt ist, in den letzten Jahren bedrohlich zugenommen hat und derzeit so groß ist wie in den gefährlichsten Zeiten nach 1945. Von Klaus-Dieter Kolenda und Peter Vonnahme.

Einführung

Ein schockierendes Anzeichen dafür ist, dass das Feindbild Russland in den letzten Jahren wieder auferstanden ist. Russlandfeindliche Beiträge treiben in der Presse, im Rundfunk und im TV immer neue Blüten. So ist über Jahre eine ausgeprägte Russophobie entstanden. Belege dafür sind Auftrittsverbote für russische Künstler und der Ausschluss russischer und belarussischer Sportlerteams von der Teilnahme an den gerade zu Ende gegangenen Olympischen Winterspielen, ohne dass das in Leitmedien kritisch hinterfragt wurde. Als Grund wird der Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 und der hieraus entstandene „Ukraine-Krieg“ angegeben, für den Russland, vor allem sein böser Präsident Wladimir Putin, nach Meinung westlicher Politiker und Medien die alleinige Schuld trägt. Diese einfache Sichtweise hat sich inzwischen in weiten Teilen der Gesellschaft durchgesetzt.

Aber stimmt das wirklich? Welche Vorgeschichte hat der Ukraine-Krieg und wer ist dafür verantwortlich? Diese Fragen werden hierzulande kaum noch diskutiert. Die schlichte Formel von der Alleinschuld Russlands ist die Antwort auf alle Fragen. In der öffentlichen Diskussion geht völlig unter, dass der größte Teil der Welt die Situation anders sieht. Auch in der westlichen Welt gibt es namhafte Stimmen, die die Lage sehr viel differenzierter beurteilen. Zu ihnen gehört der renommierte US-amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer. Er begreift, dass die NATO-Erweiterung von Russland als existentielle Bedrohung wahrgenommen wird[2] und benennt sie als Hauptursache für den Krieg in der Ukraine. Neben Mearsheimer gibt es eine Reihe weiterer herausragender westlicher Wissenschaftler, die das ebenso sehen und für die vor allem der Westen für die Katastrophe des Ukraine-Krieges verantwortlich ist[3].

Dessen ungeachtet wird von Politik und Medien die Russophobie weiter geschürt. Es wird die Angst verbreitet, Russland werde demnächst auch die NATO-Staaten angreifen. Mit dieser Begründung wird in Deutschland die Schuldenbremse im Grundgesetz aufgehoben und eine Politik der massiven Aufrüstung mit Hunderten von Milliarden Euro begründet. Damit verbunden wird die Forderung, dass Deutschland bis spätestens 2029 „kriegstüchtig“ sein muss und bereit sein soll für einen neuen Krieg gegen Russland.

In dieser bedrückenden Situation ergab sich über einen Briefwechsel ein Kontakt zwischen Klaus-Dieter Kolenda und Peter Vonnahme. Beide Autoren sind Mitglied der Organisation „International Physicians for the Prevention of Nuclear War“ (IPPNW). Diese Ärzteorganisation erhielt 1985 den Friedensnobelpreis für die Aufklärung über die verheerenden Folgen eines Atomkrieges. Sie leistete in Ost und West einen Beitrag zur Beendigung des Kalten Krieges. Heute bestehen in über 50 Ländern nationale Sektionen[4]. Die deutsche Sektion der IPPNW ist mit ca. 6.000 Mitgliedern die größte berufsbezogene Friedensorganisation und nennt sich „Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges und für soziale Verantwortung e.V.“[5].

Resolution
Abkehr vom Feindbild Russland – für eine neue Entspannungspolitik

Innerhalb der IPPNW gibt es einen Arbeitskreis Süd-Nord. Dieser hat Anfang 2025 eine Resolution unter dem Titel „Abkehr vom Feindbild Russland – für eine neue Entspannungspolitik“ verfasst. Die Resolution beschäftigt sich mit den Erfordernissen einer vernünftigen Friedenspolitik zur Beendigung des Ukrainekriegs. Sie ist beim Vorstand der IPPNW auf Widerstand gestoßen und fand in der Folge auch bei der Mitgliederversammlung 2025 keine Mehrheit. Da auch eine überarbeitete Fassung der Resolution beim Vorstand keine Zustimmung fand, veröffentlichte sie der Arbeitskreis im Dezember 2025 in einer Berliner Zeitung. Das wiederum war Anlass für eine vereinsinterne Debatte. Diese vertiefte sich durch den nachstehenden Beitrag von Peter Vonnahme auf der IPPNW-Plattform.

Der Beitrag wurde geringfügig gekürzt und durch Zwischenüberschriften ergänzt. Einige Abschnitte wurden textlich hervorgehoben, außerdem wurden Fußnoten eingefügt.

Beitrag Vonnahme vom 30.01.2026

Deutschland braucht keine neuen US-Raketen, sondern Frieden mit Russland

„Ich bin Richter im (Un-)Ruhestand und seit ein paar Jahren Fördermitglied der IPPNW. Ich beobachte die Vorgänge innerhalb der deutschen Sektion der IPPNW gewissermaßen vom Spielfeldrand. Meine Begeisterung für das Ziel der Organisation – Frieden – ist ungebrochen. Beim Blick auf die Praxis des Vereins, insbesondere auf die Arbeit der Leitungsebene und auf die erkennbare Mehrheitsmeinung im Verein, ist meine anfängliche Zuversicht einer Ernüchterung gewichen.

Meine Nachdenklichkeit begann mit einer für mich befremdlichen Zurückhaltung des Vorstands, eine von mir an den Verein herangetragene Friedensinitiative der russischen Botschaft in Deutschland zu unterstützen.

Abkehr vom Feindbild Russland – für eine neue Entspannungspolitik!“

Meine Zweifel wuchsen im Frühsommer 2025, als der vom Arbeitskreis Süd/Nord erarbeitete Resolutionstext „Abkehr vom Feindbild Russland – für eine neue Entspannungspolitik!“ in der Mitgliederversammlung der Ablehnung durch die Mehrheit der Abstimmenden verfiel.

Das Scheitern empfand ich als bedrückend, weil in der vertanen Zeit auf beiden Seiten der Kriegsfront Abertausende ihr Leben eingebüßt haben. Andere Menschen haben ihre Wohnung verloren oder sind aus ihrer Heimat geflohen. Den eingetretenen Zeitverlust empfand ich auch deshalb als bedrückend, weil die Resolution nach meinem damaligen Verständnis dazu hätte beitragen können, einen besseren Weg in die Zukunft zu finden.

Dieser Optimismus ist inzwischen einer Ernüchterung gewichen. Denn die Erfahrung zeigt, dass auch sorgfältig erarbeitete Texte von den politischen Entscheidungsträgern nicht ernsthaft bedacht, sondern ungelesen in den Papierkorb entsorgt werden. Das legt nahe, dass auch eine Annahme der Resolution durch Mitgliedschaft oder Vorstand am Verlauf der Dinge nichts verändert hätte.

Nach meinem Verständnis ist es für die IPPNW unerlässlich, sich der reichen Gedankenwelt der Resolution zu öffnen. Diese fordert zentral, dass Sicherheit neu gedacht werden müsse. Sicherheit sei unteilbar; die Sicherheit des eigenen Staates sei untrennbar mit der Sicherheit der anderen Staaten verbunden. Konkret bedeute das eine „Respektierung nicht nur der ukrainischen, sondern auch der russischen Sicherheitsinteressen“. Frieden verlange „Kompromisse auf beiden Seiten“, eine „Rückkehr zum Völkerrecht“ und eine „Abkehr vom Kurs der Kriegstüchtigkeit“. Wirkliche Sicherheit lasse sich in einer von Atomwaffen bedrohten Welt nicht durch militärische Dominanz, sondern nur durch neues Denken, durch Kommunikation und Vertrauensbildung herstellen. Nach Auffassung der Verfasser [der Resolution] liegt der historische Fehler nicht in der „alten Entspannungs- und Verständigungspolitik“, sondern „im westlichen Expansionsstreben“ wie etwa in der NATO-Osterweiterung.

Aktuell folgt aus dieser Lageeinschätzung, dass die im Jahr 2026 vorgesehene Stationierung von US-Marschflugkörpern und Hyperschallraketen in Deutschland nicht vertretbar ist. Die Raketenaufstellung dient – entgegen politischer Propaganda – nicht der eigenen Sicherheit. Im Gegenteil, die Dislozierung superschneller und punktgenauer Raketen auf deutschem Boden erhöht das Risiko, zum Ziel von alles vernichtenden Enthauptungsschlägen der Gegenseite zu werden.

Es mag sein, dass die Akzeptanz dieser Hypothese für Leute schwierig ist, die tief im westlichen Denken der letzten Jahrzehnte verwurzelt sind. Der Gedanke fordert nämlich nichts weniger als den Abschied von einem über Jahrzehnte eingeübten Bedrohungs- und Hochrüstungsdenken zugunsten einer Politik, die Entspannung, Verständigung und Ausgleich mit Russland anstrebt.

Es ist tragisch, dass die Führungsebene einer Organisation, die sich historisch und programmatisch dem Weltfrieden verschworen hat und dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden ist, heute zögert, sich einem Neuen Denken zu öffnen.

Meine Zweifel haben sich verstärkt, als die Berliner Zeitung (BZ) infolge eines Redaktionsversehens die genannte Resolution dem Verein IPPNW und nicht dem Arbeitskreis Süd-Nord zugeordnet hat und sich binnen kurzer Zeit in Teilen der Mitgliedschaft helle Aufregung breitmachte[6]. Von „Affront“, „alternativen Wahrheiten“, „Ärger“, „ernsthafter Krach“, war die Rede. Sogar die Gefahr einer „offiziellen Gegendarstellung vom Vorstand“ wurde erwogen.

Der Ruf nach einer Richtigstellung wäre dann verständlich, wenn die Resolution entweder einen vereinsschädigenden Inhalt hätte oder die fehlerhafte Publikation [unrichtige Angabe des Urhebers] bewusst vom Arbeitskreis veranlasst worden wäre. Beides ist nicht der Fall. Nach meiner Einschätzung interessierte die falsche Zuordnung außerhalb der IPPNW niemanden. Prägend für die öffentliche Wahrnehmung war allein die Botschaft, dass sich eine Ärztevereinigung mit der Resolution „Abkehr vom Feindbild Russland – für eine neue Entspannungspolitik!“ für den Frieden einsetzt[7].

Abgesehen davon: Worin läge der Schaden, wenn in der Leserschaft der BZ der Eindruck entstanden wäre, dass sich die „Ärzte gegen den Atomkrieg“ für eine Abkehr vom Feindbild Russland einsetzen? Das ist nicht rufschädigend, sondern vernünftig.

Dagegen können nur diejenigen sein, die der Meinung sind, dass Konflikte nicht friedlich, sondern durch Kriege gelöst werden müssen und dass die Feindschaft zu Russland unbedingt aufrechterhalten werden müsse. Für die IPPNW wäre es verheerend gewesen, wenn sich der Vereinsvorstand diese Hysterie zu eigen gemacht hätte und sich in der Zeitung von der Resolution distanziert hätte. Glücklicherweise hat er besonnen reagiert.

Der Verlauf der Diskussion erweckt den Eindruck, als gäbe es in der IPPNW einen beachtlichen Zielkonflikt zwischen Mitgliedern, Vorstand und einem engagierten Arbeitskreis.

Grundsätzliche Klärung der friedenspolitischen Ausrichtung überfällig

Deshalb ist eine grundsätzliche Klärung der friedenpolitischen Ausrichtung überfällig. Es wäre verwunderlich, wenn sich in einer rasch verändernden Welt, in der die Gewissheiten von gestern auf dem Prüfstand stehen, innerhalb einer Friedensorganisation wie der IPPNW kein Diskussionsbedarf ergäbe.

Russland war lang genug das große Thema. Jetzt geht es zentral um die künftige Rolle der USA, vor allem um das Verhältnis zum Völkerrecht. Ist der ultimative Anspruch „America first“ mit ihm vereinbar? Und wie gestaltet sich die künftige US-Politik zu Europa, Russland, China, Indien, Grönland, Kanada, Mexiko, Venezuela, Iran usw.? All diese Fragen sind untrennbar mit der Friedensfrage verknüpft. Eine offene Diskussion hierüber ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Lebendigkeit und Weitsicht.

Putin-Versteher?

Wer sich nach meinen offenen Plädoyers für Russland fragt, ob das Gedanken eines naiven „Putin-Verstehers“ oder eines senilen Richters sind, dem möchte ich zu bedenken geben: Ich kann verstehen, dass meine Sichtweise für viele befremdend ist, weil sie in wesentlichen Punkten vom Credo des deutschen Mainstreams abweicht. Doch es sind zwei tiefe Einsichten, die meinen Blick auf Russland geprägt haben.

Zwei tiefe Einsichten

Erstens: Russland ist unser geografischer Nachbar. Das war im Zarenreich so, während der Sowjetzeit und auch in der Zeit von und nach Michail Gorbatschow. Russland wird immer unser Nachbar bleiben, ob wir es wollen oder nicht. Es ist eine Binsenweisheit, dass es sinnvoll ist, mit einem Nachbarn ein gutes Verhältnis zu pflegen.

Das gilt erst recht, wenn der Nachbar das mit Abstand größte Land der Erde ist (48-mal größer als Deutschland) und über Ressourcen verfügt, die wir für unsere Zukunft dringend brauchen. Es wäre töricht, mit einem solchen Nachbarn auf Dauer in Unfrieden zu leben. Das gilt vor allem dann, wenn dieser mächtige Nachbar uns nie bedroht oder überfallen hat.

Es waren immer westliche Staaten, die Russland angegriffen haben (Napoleon 1812, Krimkrieg 1853, deutsche Kriegserklärung 1914 und Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ 1941). Russland hat sich immer verteidigt.

Trotzdem hat das im 2. Weltkrieg siegreiche Russland dem Aggressor Deutschland 1990 die Hand zum Frieden gereicht – trotz 27 Millionen toter Sowjetmenschen in diesem Krieg. Russland hat sogar sein Militär freiwillig, begleitet von heiterer Marschmusik, aus der DDR abgezogen. Das alles spricht für Russland. Es gibt auch keine konkreten Anzeichen dafür, dass die Russen – wie eifrige Kriegsertüchtiger unken – demnächst vor dem Brandenburger Tor stehen werden. Selbst US-Geheimdienste sehen Russland nicht als unmittelbaren Angreifer gegen NATO-Mitglieder (Annual Threat Assessment 2025).

Zweitens: Welchen Profit hätte das riesige Russland von einer Eroberung des Zwergs Deutschland, der keine nennenswerten Bodenschätze hat? Überdies: Putin hat es in vier verlustreichen Kriegsjahren nicht geschafft, die schwache Ukraine niederzuringen. Und dieser Putin soll demnächst den starken NATO-Staat Deutschland angreifen? Mich überzeugen die lautstarken Kriegspropheten Boris, Roderich, Annalena und Marie-Agnes jedenfalls nicht. Vielleicht sollten sie mal gemeinsam in ein Exerzitien-Kloster gehen und bei Schweigen, Gebet und Wasser und Brot über ihr Kriegsgetöse nachdenken.

Noch eine persönliche Bemerkung

Zum Schluss noch eine sehr persönliche Bemerkung: Ich bin mitten im 2. Weltkrieg geboren. Die bewegendste Reise meines Lebens führte mich 1992 in den kleinen russischen Ort Uljanowo, unweit der Grenze zur Ukraine, heute wieder Kampfgebiet. Dort fand ich nach vielen Umwegen und Mühen das Grab meines wenige Wochen nach meiner Geburt im Krieg gefallenen Vaters.

Auf dieser Reise war mir ein tiefer Blick in die russische Seele vergönnt. Die Russen, mit denen ich es auf dieser Reise zu tun hatte, haben mich immer wieder erstaunt. Eigentlich hatte ich, der Sohn eines deutschen Soldaten, der ihr Land überfallen hat, Distanz und Ablehnung erwartet. Was ich fand, war Anteilnahme, Sympathie und große Hilfsbereitschaft – verbunden mit einem Glas Wodka. Für die Russen war ich nicht der Sohn eines Aggressors, sondern ein Deutscher, der seinen Vater sucht. Diese Haltung war nobel.

Seitdem schlägt mein Herz für die Russen und das Land, in dessen Erde mein Vater ruht. Der sich heute in Deutschland neu entfaltende Russenhass – geschürt durch eine kurzsichtige Politik – zermürbt meine Hoffnung auf Verständigung mit dem russischen Volk. Das ist schmerzlich. Ich denke, wir alle tun gut daran, Feindbilder hinter uns zu lassen. Das gilt auch für die nach Orientierung suchenden Mitglieder und Funktionäre der Friedensorganisation IPPNW.“

Dieser Brief hat viel Resonanz ausgelöst. Fast alle Zuschriften waren zustimmend. Die Äußerung von Klaus-Dieter Kolenda wird hier stellvertretend für alle dokumentiert. Es gelten dieselben redaktionellen Hinweise wie oben.

Beitrag Kolenda vom 04.02.2026

„Ich bin seit 1985 Mitglied der IPPNW und möchte mich bei Ihnen, lieber Herr Vonnahme, für Ihren offenen Brief mit der Überschrift „Deutschland braucht keine neuen US-Raketen, sondern Frieden mit Russland“ vom 30.01.2026 bedanken, weil der Brief mir aus dem Herzen spricht.

In diesem Brief weisen Sie auf einen Resolutionstext mit dem Titel „Abkehr vom Feindbild Russland – für eine neue Entspannungspolitik“ hin[7].

In dieser Resolution heißt es an zentraler Stelle: „In Wahrnehmung der historischen Mission der IPPNW, der Verhütung eines Atomkriegs, … fordern wir daher: Der Ukrainekrieg kann und muss jetzt beendet werden – durch Respektierung nicht nur der ukrainischen, sondern auch der russischen Sicherheitsinteressen. Denn die weitere Eskalation dieses Krieges kann rasch in einen offenen Krieg der NATO mit Russland münden, und damit in einen Welt- und Atomkrieg.“

Erst durch Ihren offenen Brief vom 30.01.2026 habe ich erfahren, dass dieser auch aus meiner Sicht sehr gut begründete Resolutionstext offenbar innerhalb der IPPNW-Mitgliedschaft umstritten war und mehrere Anläufe von Seiten der Resolutionsautoren, ihn so zu entschärfen, dass er auch für den Vereinsvorstand akzeptabel ist, nicht zum Erfolg geführt haben.

Ein Ergebnis dieser bevormundenden Politik des Vorstands ist, dass die meisten Mitglieder der IPPNW, die nicht zufällig die „Berliner Zeitung“ vom 08.12.2025 mit dem Artikel gelesen haben[6], nichts von der verdienstvollen Resolution wissen, an der die Resolutionsautoren des Arbeitskreises Süd-Nord seit Frühjahr 2025 gearbeitet haben. Zu diesen [unwissenden] IPPNW-Mitgliedern habe auch ich bis zur Lektüre Ihres offenen Briefes gehört. Deshalb danke noch einmal für diese wichtige Aufklärung.

Lieber Herr Vonnahme, wie Sie bin ich der Auffassung, dass es höchste Zeit ist, dass die deutsche Regierung eine Kehrtwendung vollzieht, sich vom Feindbild Russland abwendet und diplomatische Schritte im Sinne der Resolution unternimmt, damit der Ukrainekrieg beendet wird.

Anliegend schicke ich Ihnen noch einen in den „Nachdenkseiten“ und in der Schweizer Plattform „Globalbridge – Politblog für gegenseitiges Verstehen“ veröffentlichten Reisebericht über eine kürzlich durchgeführte bewegende Reise nach Belarus, mit der mein Koautor und ich uns darum bemühen, vielleicht auch ein wenig zum Abbau der zurzeit die Politik in unserem Lande beherrschenden gefährlichen Russophobie beitragen zu können[8][9].“

Antwort Vonnahme vom 15.02.2026

„Da ich Sie bisher nicht persönlich kenne, habe ich bei einer Netzrecherche festgestellt, dass wir fast gleich alt sind und auf einen langen Erfahrungshorizont zurückblicken können. Das könnte der Grund sein, warum wir trotz unseres sehr unterschiedlichen beruflichen Werdegangs manches ähnlich beurteilen.

Krieg als Metapher

Wenn heute über Krieg geredet wird, dann zeigt sich immer öfter, dass die Redner mit diesem Begriff keine persönlichen Erfahrungen verbinden können, sondern das Wort Krieg als rhetorischen Baustein in politischen Abwägungsprozessen benutzen. Überspitzt ausgedrückt: Krieg ist zur Metapher verkommen. Kriegsängste dienen als argumentative Pfeilspitze gegen vermeintliche Feinde. Auf faktenarme Bedrohungsanalysen werden abenteuerliche Aufrüstungsprogramme mit gigantischem Finanzaufwand gestützt.

Meinungsbildungsprozesse auch in der IPPNW eingegrenzt

Technokratisches und bündnisaffines Denken grenzen Meinungsbildungsprozesse ein. Das gilt auch für eine verdienstvolle Organisation wie die IPPNW, die bestimmungsgemäß der Abschaffung von Atomwaffen, also dem Weltfrieden, verpflichtet ist.

Nach meinem Eindruck von außen wird die deutsche Führungsebene ihrer zentralen Aufgabe nur noch eingeschränkt gerecht. Beispielhaft hierfür ist die Diskussion über den Resolutionstext. Ich empfinde es als befremdlich, dass dieser von Friedenssuche geprägte Aufruf Opfer eines internen Machtkampfes geworden ist.

Umso mehr freut es mich, dass Sie, lieber Herr Kolenda, mein Plädoyer für eine vernünftige Partnerschaft mit Russland teilen.

Die von wichtigen Teilen der Politik, der Medien und der Zivilgesellschaft befeuerte Feindschaft gegen Russland und anderen Staaten (G.W. Bush: „Achse des Bösen“) ist ungerecht, weil sie von einer beklemmenden Doppelmoral getragen wird. Sie ist außerdem blind und unhistorisch. Denn sie verkennt die Tatsache, dass die vertrauten Denkmuster der westlichen Welt der Gegenwart nicht mehr gerecht werden.

Nach meiner Überzeugung sind wir Zeugen eines Epochenbruchs. Die von Olaf Scholz 2022 diagnostizierte „Zeitenwende“ vermittelte ein unzureichendes Bild, weil sie nur eine westliche Weltsicht, aber nicht die ganze Welt im Blick hatte. Wir müssen begreifen, dass sich die Welt derzeit völlig neu ordnet, ob wir es wollen oder nicht.

Die südliche Hemisphäre ist aufgewacht, sie wird sich ihrer politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Macht bewusst, sie schüttelt die Spätfolgen des Kolonialismus ab und sucht nach neuen Wegen (BRICS, SCO, Belt and Road Initiative). Die Weltmacht USA stößt – ungeachtet ihrer militärischen Dominanz – an die Grenzen ihrer Macht. Die wütenden Rundumschläge des US-Präsidenten sind jenseits allen Wortgeklingels („Make America great again“) Anzeichen einer tiefen Verunsicherung.

Gewissheiten von gestern schmelzen wie ein Schneemann in den ersten warmen Frühlingstagen (transatlantische Partnerschaft, Beistandsversprechen der NATO, vertraute Lieferketten, Rolle Europas). Parallel dazu meldet die VR China behutsam und leise ihren auf Wirtschaft und Wissenschaft gestützten Führungsanspruch an. Indien befindet sich in einer Lauerstellung.

Deutschland soll „kriegstüchtig“ werden

Und Deutschland? Es hat sich mit der Rolle als Vasall der USA abgefunden, fügsam und ideenlos, jedoch neuerdings geleitet von dem Wunsch, in Europa eine Führungsrolle zu übernehmen. Dieses Land denkt – verführt von Dampfplauderern wie Scholz, Merz und Pistorius – nur in eine Richtung.

Es will mit Hunderten von Milliarden „kriegstüchtig“ werden. Der intelligentere, billigere und sicherere Weg in die Zukunft wäre, „friedenstüchtig“ zu werden[10]. Das wäre ein ernsthafter Versuch, aus dem „Feind Russland“ perspektivisch einen Partner zu machen. Wer jedoch solches vorschlägt, wird reflexartig als naiver „Putin-Versteher“ diffamiert.

Vergessen wird, dass die Geschichte des letzten Dreivierteljahrhunderts Gegenteiliges lehrt. Zwei Staatsmänner vom Format eines Charles de Gaulle und eines Konrad Adenauer haben es vermocht, aus dem „Erzfeind Frankreich“ den engsten Verbündeten zu machen.

Die wirkliche Bedrohung für unsere Existenz

Der ohnehin düstere globale Befund wird überwölbt durch atomare Proliferation und die unabsehbaren Risiken der sog. KI. Selbst wenn man diese Gefahren prinzipiell für beherrschbar hält, bleibt ein existenzielles Risiko – die sich verschärfende globale Klimakrise. Versäumnisse von heute mindern die Überlebenschancen von morgen. Die wirkliche Bedrohung für unsere Existenz sind nicht Russland, Putin und der völkerrechtswidrige Krieg in der Ukraine, sondern das Phänomen einer sich beschleunigenden Erderwärmung, verbunden mit dem rapiden Abschmelzen der Polkappen, verheerenden Wirbelstürmen und Sintfluten sowie dem klimabedingten Exodus von unzähligen Menschen, deren Lebensräume zerstört worden sind.

Vor diesem beklemmenden Hintergrund leugnet der mächtigste Mann der Welt die Gefahren eines Klimawandels und gibt Vollgas für die gewinnbringende Nutzung der fossilen Brennstoffe. Hierfür gibt es nur ein Wort: Irrsinn.

Es ist höchste Zeit, sinnlose Feindschaften zu beenden, gemeinsame Interessen zu erkennen und in einer planetarischen Anstrengung globale Rettungsstrategien auszuarbeiten. Das sollte auch die deutsche Sektion der IPPNW bedenken – auch wenn es nur die Meinung eines Fördermitglieds ist.

Ihnen, lieber Herr Kolenda, vielen Dank für Ihren Denkanstoß. Ihren Reisebericht über Belarus habe ich mit großem Gewinn gelesen[8][9].“

Schlussgedanken Kolenda

Wir sind beide von der großen Sorge erfüllt, dass sich der laufende Stellvertreterkrieg in der Ukraine zwischen Russland und den NATO-Staaten zu einer noch größeren militärischen Auseinandersetzung in Europa ausweitet, wenn es nicht bald zu einem Friedensschluss kommt.

Trotz der Tatsache, dass der Krieg in der Ukraine mit viel Blutvergießen, Leid und Zerstörungen auf beiden Seiten der Front schon länger als vier Jahre andauert, gibt es von Seiten der Bundesregierung bis heute keine ernsthaften diplomatischen Anstrengungen, den Krieg zu beenden. Kürzlich hat eine deutsche Expertengruppe einen neuen detaillierten Friedensplan entworfen[11]. In ihm finden sich auch Gedanken der Resolution des IPPNW-Arbeitskreises Süd-Nord wieder (vgl. die sachkundige Analyse in einem aktuellen Beitrag in Globalbridge[12]).

Abschließend möchten wir noch einmal auf die reiche Gedankenwelt dieser Resolution hinweisen[7]. Die dort formulierten Gedanken könnten ein Wegbereiter sein für den Beginn eines diplomatischen Friedensprozesses im Ukraine-Krieg.

Uns liegt daran, diesen Beitrag über den Mitgliederkreis der IPPNW hinaus zur allgemeinen Diskussion zu stellen. Wir hoffen, dass er auch jenseits der Ärzteschaft und der Juristen viele Interessierte erreicht.

Zu den Autoren:

Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kolenda, Jahrgang 1941, ist Facharzt für Innere Medizin/Gastroenterologie und Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin. Er war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik und ab 1978 medizinischer Sachverständiger bei der Sozialgerichtsbarkeit in Schleswig-Holstein. Er ist seit Mitte der 1980er Jahre IPPNW-Mitglied und arbeitet in der Kieler Gruppe der IPPNW mit.
E-Mail: [email protected]

Peter Vonnahme, Jahrgang 1942, ist Jurist und war ein Vierteljahrhundert als Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof tätig. Er ist Mitglied der International Association of Lawyers against Nuclear Arms (IALANA), einer weltweiten Juristenvereinigung gegen Atomwaffen, und außerdem seit 2022 Fördermitglied der IPPNW. Von 1995 bis 2001 war er Mitglied des Bundesvorstands der Neuen Richtervereinigung (NRV).
E-Mail: [email protected]

Titelbild: rawf8 / Shutterstock


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