Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute reisen wir in den Iran. (Und nächste Woche in die Ukraine.) Von Leo Ensel.
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47 Jahre lang
Haben, laut US-Kriegsminister Pete Hegseth, die Iraner Amerikaner getötet und – bitte halten Sie sich fest! – mit ihrer Atomwaffe erpresst. Womit jetzt, dank Donald Trump, ein für alle Male Schluss ist.
Absolut
Hat Präsident Trumps Angriff auf den Iran den Planeten sicherer gemacht. „Absolut!“ Offenbarte kürzlich NATO-Generalsekretär Marc – „Daddy“ – Rutte.
ausschalten
„Ich könnte den Iran an einem Tag ausschalten. Ich könnte ihre gesamte Energieversorgung lahmlegen – alles, jede einzelne Anlage, ihre Kraftwerke zur Stromerzeugung, was eine große Sache ist.“ Prahlte mit der ihm eigenen Bescheidenheit Donald Trump am 13. April auf Fox News. – Immerhin eine erheblich zivilere Drohung als seine Erpressung exakt fünf Tage zuvor: „An entire civilization will die tonight and never come back.“ (Selbst ein Donald Trump ist schließlich – bisweilen – lernfähig!)
bitter, aber nötig
Ist „dieser Krieg“. (Der gegen den Iran.) Schreibt Die Zeit. – Dazu lakonisch André Mielke in der Berliner Zeitung: „Bitter ist die neue Süße.“
dankbar (thankful)
Solle Papst Leo XIV. gefälligst US-Präsident Trump sein. Schrieb dieser kürzlich auf seiner Plattform Truth Social. Die spektakuläre Begründung: „Wenn ich nicht im Weißen Haus wäre, wäre Leo nicht im Vatikan.“ („If I wasn’t in the White House, Leo wouldn’t be in the Vatican.“) Stattdessen ist dieser undankbare Papst „WEAK on Crime, and terrible for Foreign Policy“. Des Papstes „Crime“: Er hatte parallel zu den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran beim Friedensgebet im Vatikan „Schluss mit dem Krieg! Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden!“ gefordert. Und dann auch noch, Gipfel der Respektlosigkeit, von „Allmachtsfantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden“ gesprochen. – Konsequenz des tiefgläubigen Trump: „I don’t want a Pope who thinks it’s OK for Iran to have a Nuclear Weapon. And I don’t want a Pope who criticizes the President of the United States.“ (Dumm nur, dass der Papst nicht vom US-Präsidenten inthronisiert, sondern immer noch vom Konklave gewählt wird!)
darum gebettelt
Beschossen zu werden, haben „die Menschen im Iran“. Versichert FDP-Hoffnungsträgerin Karoline Preisler. (vgl. „Himmelsgeschenke“)
engagieren
„Europa engagiert sich wirklich, ohne an der Militäraktion beteiligt zu sein. Es tut alles, was möglich ist, damit die USA und Israel [im Iran] tun können, was sie tun.“ Erklärte – in der ihm eigenen monumentalen Schlichtheit – NATO-Generalsekretär Marc Rutte der „Tagesschau“ am 2. März. (vgl. „wichtige unterstützende Beiträge“)
erhebliche völkerrechtliche Fragen
„Ähh, dass es hier erhebliche völkerrechtliche Fragen gibt, das liegt ja doch auf der Hand.“ So Außenminister Johann Wadephul am 2. März im DLF–Interview. – Und das sind so viele und so erhebliche, dass man die „komplexe“ Frage, ob der zwei Tage zuvor gestartete Überfall Israels und der USA auf den Iran völkerrechtswidrig ist, nun wirklich nicht beantworten kann. Jedenfalls ganz bestimmt nicht „schnellstmöglich“! (vgl. „besprechen, was uns das hilft“, „komplex“, „völkerrechtliches Dilemma“, „Völkerrechtspuristen“)
Es bleiben eine Million Soldaten der Iraner und viele Drohnen
„Gut. Es ist ja so, dass vorher ein Plan gemacht wird, ein Operationsplan, was man wie erreichen will. Und dann arbeitet man seine Ziele ab. Ein großer Zielkatalog und zwischendrin wird dann eben geschaut: Erreiche ich das, was ich will?“ So der frühere NATO-Offizier und Sicherheitsexperte, Oberst a. D. Ralph Thiele – heute Präsident der „Politisch-Militärischen Gesellschaft e.V.“, die „den Expertendialog in der Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik fördern will“ – am 7. März morgens im Deutschlandfunk auf die Frage von DLF-Redakteur Dirk Müller, wie gut die Amerikaner [in dieser Woche im Iran] „vorangekommen“ seien. „Das Wichtigste am Anfang waren sicherlich die Abschussrampen für die ballistischen Raketen der Iraner, weil die einfach auch die gefährlichsten Waffen darstellen. Da kommt man gut voran. Marine haben Sie erwähnt, übrigens auch das Weltraumkommando der Iraner – die haben ja auch eine Weltraumfähigkeit – ist dran. Hauptquartiere. Na ja, es bleiben eine Million Soldaten der Iraner und viele Drohnen.“ – Ziele, die offenbar noch nicht abgearbeitet sind.
Geschichte geschrieben
Hat Donald Trump im Iran. Überlassen wir dessen Kriegsminister Hegseth die umwerfende Bilanz: „Von dem Moment an, als er Qasem Soleimani umgebracht hat, seit er das Abkommen von Obama gekündigt hat, seit dem Angriff im Juli 2025 mit ‚Midnight Hammer‘ und jetzt mit dem Angriff von ‚Epic Fury‘. Kein anderer Präsident hatte jemals die Kühnheit, das zu tun, und Präsident Trump hat diesen Moment gestaltet. Die Iraner bettelten um einen Waffenstillstand und der Präsident hat heute Morgen auf Truth Social gesagt: ‚Ein großer Tag für den Frieden der Welt.‘ Und die Iraner wollten das so, denn sie hatten genug davon.“ – „Du hast es doch auch gewollt!“ Der männliche Klassiker. (vgl. „darum gebettelt“)
Himmelsgeschenke
„Wessen Herz hüpft nicht mit angesichts der Bilder von tanzenden iranischen Jugendlichen, während im Hintergrund amerikanische und israelische Bomben wie Himmelsgeschenke auf die Erde fallen?“ – Das Wort „Himmelsgeschenke“ hat Hannes Stein vermutlich von Wolf Biermann abgeschrieben. (vgl. „bitter, aber nötig“, „darum gebettelt“)
historischer und überwältigender Sieg
Über den Iran. Auf dem Gefechtsfeld. Den verkündete schon mal am 8. April 2026 US-Propagandaminister Pete Hegseth. (Um mit einem tugendhaften „Gott ist gut!“ seine Rede zu beenden.)
ich will alles!
Teheran werde auch nach dem vorläufigen Scheitern der Verhandlungen letztlich zurückkommen und „alles geben müssen, was wir wollen“, gab Donald Trump am 13. April zuversichtlich kund. Und das seien nicht etwa 90 oder 95 Prozent: „Ich habe ihnen gesagt, ich will alles!“ – Wie lautete nochmal der altehrwürdige Spontispruch? „Wir wollen alles, und zwar sofort!“
Jungs
„Wenn wir unsere Jungs in den Kampf schicken – und es sollten Jungs sein –, müssen wir sie entfesseln, damit sie gewinnen“, schrieb 2024 Pete Hegseth in seinem Buch „The War on Warriors“. „Sie müssen die Rücksichtslosesten sein. Die Kompromisslosesten. So überwältigend tödlich wie möglich.“ So der keine Gebetsstunde im Pentagon versäumende Fundamentalchrist. (Subkutanes Motto: „Töte deinen Nächsten, aber nicht dich selbst!“)
kümmern
„Unser Focus liegt derzeit auf dem Iran, aber danach werde ich mich um Kuba kümmern.“ Versprach Mitte März US-Präsident Donald Trump.
militärische Auseinandersetzung
„Das heißt, es ist ein Riesenfehler von den USA und von Israel, überhaupt in diese militärische Auseinandersetzung reingegangen zu sein?“ Fragte am 13. März DLF-Redakteur Dirk-Oliver Heckmann Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. – Wetten, dass er im Falle Russlands und der Ukraine eine andere Wortwahl favorisiert hätte?
nachrangig
„Der CDU-Außenpolitiker Hardt sieht die völkerrechtliche Bewertung der Angriffe Israels und der USA auf den Iran als nachrangig an. Solle man tatsächlich zulassen, dass der Iran und die Mullahs, die Israel und das Judentum weltweit zerstören wollten, die Atombombe in die Hand bekämen, ‚um das wahr zu machen, von dem Hitler geträumt hat?‘, fragte er im SWR. Er wisse nicht, ob das Völkerrecht allein hier die richtigen Antworten gebe. Zwar müsste die völkerrechtliche Begründung der USA überprüft werden. Die Angriffe seien aber erfolgt, um den Iran am Bau einer Atombombe zu hindern.“ So der Deutschlandfunk am 2. März. – Merke: Entscheidend ist nicht, ob das Völkerrecht gilt, sondern ob es die richtigen Antworten gibt! (vgl. „nicht der Zeitpunkt, um die Partner zu belehren“, „Völkerrechtspuristen“)
nie ein fairer Kampf
„Dies sollte nie ein fairer Kampf sein, und es ist auch kein fairer Kampf. Wir schlagen auf sie ein, während sie am Boden liegen, und genau so sollte es auch sein. Russland gewinnt entscheidend, vernichtend und gnadenlos.“ Drohte Präsident Putin unmissverständlich in seiner Rede zum vierten Jahrestag des Beginns der „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine. – Sorry, diese Meldung wurde vom Faktenchecker CORRECTIV als Fake News identifiziert! Die Sätze sollen (leicht variiert) angeblich vom US-amerikanischen Kriegsminister Pete Hegseth stammen.
nützlich
Die NATO sei nützlich für die USA, weil sie es dem Land ermögliche, Soldaten und militärische Ausrüstung an anderen Orten zu stationieren. Plauderte in dankenswerter Offenheit im Zusammenhang mit dem Krieg gegen den Iran am 31. März US-Außenminister Marco Rubio aus dem Nähkästchen.
tot
„Mehr als drei Jahrzehnte lenkte Ajatollah Ali Chamenei die Geschicke Irans: Nun ist der Staatsführer tot.“ Meldete „ZDF heute“ am 1. März. – Genauer wäre gewesen: Er wurde getötet. Noch genauer: Er wurde ermordet. Durch US-israelische Luftangriffe auf sein Wohnhaus. (So lügt man mit Wahrheiten!)
verloren gegangen
„Zum Teil zumindest.“ Ist dem Iran – dank Donald Trump – die Spitze seiner politischen Führung. Verklarte uns am 7. April in den „Tagesthemen“ Christian Mölling, Direktor der Denkfabrik EDINA. (Unbestätigten Angaben zufolge sollen die Menschen im Iran immer noch auf der Suche nach der – zum Teil zumindest – verloren gegangenen Spitze ihrer politischen Führung sein. Offenbar hat die sich irgendwo gut versteckt!)
Völkerrechtspuristen
„Völkerrechtspuristen gegen Realpolitiker“, titelte am 5. April die Berliner Zeitung. – Sublime Moral: Das Völkerrecht ist nur noch etwas für weltfremde Schöngeister im Elfenbeinturm!
vorbeischauen
„Vielleicht werden wir in Kuba vorbeischauen, wenn wir hiermit fertig sind.“ So Trump kürzlich mit Blick auf den Krieg im Iran. – Einen Monat zuvor wollte er sich um diesen „gescheiterten Staat“ noch „kümmern“. Er hätte auch noch „befreien“, „in irgendeiner Form übernehmen“ oder „einfach nehmen“ im Angebot gehabt. (Am besten wäre allerdings „alles damit machen, was ich will“ gewesen!)
Wir verhandeln mit Bomben!
Erklärte am 24. März 2026 – im eleganten dunkelblauen Anzug mit einem amerikanischen Flaggen-Einstecktuch, das Haar nach hinten gegelt – Pete Hegseth. (Mit Bomben? Nicht mit Iranern?) Es gehe darum, „den Feind so brutal wie möglich zu vernichten“. Und dann, vor Stolz fast platzend: „Noch nie ist ein modernes Militär so schnell und so vollständig vernichtet und besiegt worden!“ Verkündete er ins Mikrofon, während sein Chef – nicht Jesus, Trump!! – hinter ihm stand. (vgl. „historischer und überwältigender Sieg“)
zweiter Hitler
Ist ein gewisser US-Präsident – „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben und nie wieder zurückkehren.“ – merkwürdigerweise nicht! (Ganz im Gegensatz zu so bewährten Kandidaten wie Slobodan Milošević, Saddam Hussein und Wladimir Putin.)
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Ab sofort über den Promedia Verlag (Wien) oder jede gute Buchhandlung erhältlich:
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Titelbild: © Tina Ovalle






