Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es um „hybride Anschlagsszenarien“ „fremder Mächte“ und die entsprechenden „Gegenmaßnahmen“. Von Leo Ensel.
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alternative Fakten
Gibt‘s zu Kriegs- und Vorkriegszeiten überall! (Etwa auch in Leipzig?)
auf allerhöchstem Niveau
Soll der Bundesnachrichtendienst jetzt „mitspielen“. Weitere frohe Botschaft der „Tagesschau“: vom 12. August: „Und der Verfassungsschutz – bislang als Inlandsnachrichtendienst beschrieben – soll zu einem ‚echten Geheimdienst‘ mit operativen Fähigkeiten ausgebaut werden.“ Der bekommt jetzt zum Beispiel „die ausdrückliche Befugnis, Wohnungen zu betreten – etwa um Spähsoftware für eine Online-Durchsuchung zu installieren oder um Waffen unschädlich zu machen.“ Das neue Motto: „Aktiv werden statt nur beobachten!“ (vgl. „ein bisschen James Bond wagen“. Oder sollte es nicht besser: „ein bisschen Stasi wagen“ heißen?)
Beteiligung fremder Mächte
Die natürlich nie auszuschließen ist: Neuer öffentlicher ominöser Geheimcode für „Der Russe war‘s!“ Vom berühmten Leipziger „Drohnenvorfall“ und „zahlreichen Drohnenüberflügen und Ausspähversuchen von Militärgeländen und Transportwegen in den vergangenen Monaten“ bis hin zu Brandsätzen in DHL-Paketen und geheimnisvollen Waffenfunden bei Berlin, von denen man noch nicht mal weiß, was da eigentlich gefunden wurde …
dafür bezahlen
„Deutschland schreckt ab: Die Bundesregierung erlegt Urhebern hybrider Angriffe einen Preis auf. Sie werden dafür bezahlen.“ Mysteriöse Kraftmeierformel unseres halbstarken Kanzlers – aus Schwäche (er würde sich niemals trauen, aus der Eskalationslogik nochmal auszusteigen, wofür wir alle noch bitter bezahlen werden) macht er einen auf starken Mann – so also Friedrich Merz im Zusammenhang mit dem „Leipziger Drohnenvorfall“. Kann alles bedeuten. Und davon auch noch das Gegenteil. Die berüchtigten „fremden Mächte“ werden vor Angst bibbern! (vgl. „endlich wehren“)
drei Dimensionen
„Es gibt drei Dimensionen in der Ermittlung, in denen wir uns hier diesem Vorfall genähert haben. In allen drei Dimensionen konnten wir sehr klar nachweisen, oder, ist sehr klar nachgewiesen worden, eine eindeutige Zuordnung zu Russland. Jede einzelne dieser Dimensionen hätte ausgereicht, um am Ende zu sagen, wir nehmen hier eine klare Attribuierung in Richtung Russland vor.“ Regierungssprecher Steffen Meyer meinte natürlich den „Leipziger Drohnenvorfall“. Schauen wir uns zusammen mit der Journalistin Maike Gosch die bemerkenswerten (wenn auch nebulösen), von Meyer immer wieder bemühten „drei Dimensionen“ etwas genauer an: Aus geheimdienstlichen Erkenntnissen werden „Attribuierungsverfahren“, aus Hinweisen „Feststellungen“ und aus staatlichen Zuschreibungen scheinbar gesicherte „Tatsachen“. – Alles klar?
Drohnensafari
„Heute hat ein weiteres Video der ‚Drohnensafari‘, die die Russen gegen Zivilisten in Cherson führen, viele schockiert“, schrieb Wolodymyr Selenskyj in sozialen Medien. Die „Tagesschau“ erläuterte: „Auf dem Video ist zu sehen, wie sich eine Drohne einem Mann nähert, der an einem Transporter steht. Ein grüner Schirm ist aufgebaut, Pappkisten stehen auf dem Boden. Der Mann sucht nach einem Versteck, die Drohne verfolgt ihn und explodiert schließlich neben ihm. Nach Behördenangaben wurde er verletzt.“ – „Drohnensafari“ … (vgl. „lustig“)
endlich wehren
„Deutschland müsse sich ‚endlich wehren‘.“ So der beschlagene Sicherheitsexperte Nico Lange laut Berliner Zeitung. Wogegen? Gegen Aktionen wie das geheimnisvolle „hybride Anschlagsszenario fremder Mächte“ auf dem Leipziger Flughafen in der Nacht zum 5. August natürlich. „Hybride Angriffe dürften nicht folgenlos bleiben. Zwar fordert Lange keinen direkten militärischen Gegenschlag, seine Aussagen zielen jedoch auf eine deutlich klarere Abschreckungsstrategie.“ – Also, Leute: „Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückhybridet!“ (vgl. „dafür bezahlen“)
erweiterte nachrichtendienstliche Maßnahmen
Heißt auf Deutsch: BND und Verfassungsschutz dürfen bald mehr. Als da wären: Hackback, digitale Fälschungen, digitale Desinformationen und digitale Zugriffe auf andere Server. Gegenüber Staaten, die für eine Gefährdungslage verantwortlich gemacht werden, bedeutet das: Datenverkehr umleiten und/oder unterbrechen, gespeicherte Daten manipulieren, Fakes anlegen, Schadsoftware installieren, Software verändern, manipulieren und zerstören und gegen diese Staaten einzusetzen. (Und der BND darf bald sogar „kinetische Mittel“ einsetzen!) (vgl. „James Bond wagen“, „operative Anschlussmaßnahmen“)
Gefahrenqualität
Neue. Die machte Innenminister Dobrindt unmittelbar nach dem Leipziger „Drohnenvorfall“ aus. Bedeutet vermutlich sowas Ähnliches wie „hybrides Anschlagsszenario“!
Gegenmaßnahmen
„Politik müsse deshalb häufig nach Wahrscheinlichkeiten handeln. Deutschland dürfe ‚keine Schwäche kommunizieren‘. Russland müsse erkennen, dass Angriffe Konsequenzen hätten.“ Tönte am ‚day after‘ der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College, noch bevor die Bundesregierung in Rekordzeit mal wieder Russland als hybriden Täter des „Leipziger Anschlagsszenarios“ beschlossen hatte. Neumanns vorgeschlagene Konsequenzen: „Geheimdienstoperationen, eine verstärkte Unterstützung der Ukraine oder andere Gegenmaßnahmen, deren genaue Ausgestaltung bewusst offenbleiben solle.“ (Zweifellos angemessen gegenhybrid – vor allem Letzteres!) (vgl. „strategische Ambiguität“)
hart genug?
„Berlin schlägt zurück – aber hart genug?“, meldete Spiegel Online bereits am 1. September seine Zweifel an den läppischen deutschen „Gegenmaßnahmen“ infolge des „Leipziger Drohnenvorfalls“ an. Und nahm damit – avantgardistisch wie immer – das „verdruckste Kläffen“ des Deutschlandfunks um ganze anderthalb Tage vorweg! („keine Schwäche kommunizieren“)
hybrides Anschlagsszenario
Nicht zu verwechseln mit dem „hybriden Gesamttableau“! (Nein, gar nicht zu verwechseln.) (vgl. „neue Gefahrenqualität“)
kinetische Mittel
Neues klinisch reines Wort für „Licence to kill“! „Kinetische Mittel“ darf der Bundesnachrichtendienst – laut einer (ausnahmsweise) hörenswerten Sendung im Deutschlandfunk („Die Humanoiden kommen / KI-Proteste in SF / Hackback vom BND und BfV“) – bald einsetzen. Gemeint ist: „Unmittelbare Einwirkung physischer Gewalt, z.B. durch Waffengewalt“ – natürlich nur im Verteidigungsfall! (Und dafür gibt‘s für den BND gleich mal einen ‚finanziellen Nachschlag‘ von deutlich über 40 Millionen Euro, bevor dann nochmal 35 Millionen zusätzlich geliefert werden.) Leider ist der BND trotz dieser opulenten finanziellen Zusatzmittel immer noch etwas unter-be‚mittelt‘: Der Verfassungsschutz (BfV) bekommt nämlich für die Umstellung auf die neuen Befugnisse im digitalen Bereich sofort knapp 100 Millionen plus 300 Millionen für den Ausbau der Cyberfähigkeit! (Aber dafür darf der BND wenigstens bald „kinetische Mittel“ einsetzen …) (vgl. „auf allerhöchstem Niveau“, „erweiterte nachrichtendienstliche Maßnahmen“, „James Bond wagen“)
klare Kante
(vgl. „verdruckstes Kläffen“)
Putins Außenposten
War natürlich laut Spiegel Online das Russische Haus in Berlin. Mit „verdächtig hohen Stromkosten“ und einer „suspekten Kandidatin für die Leitung“… Kurz: „Mitten in Berlin sitzt der Feind der Freiheit – und wir schauen zu!“ (Wenigstens Spiegel Online und Roderich Kiesewetter – „diese Diktatur- und Terrorfiliale im Herzen Berlins“ – ließen sich das nicht bieten.) Im Zuge des „Leipziger Drohnenvorfalls“ wurde „Putins Außenposten“ – unter billigender Inkaufnahme der Schließung der Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Novosibirsk – endlich das Spionagehandwerk gelegt!
veränderte Gefährdungslage (die)
Totschlagformel, der sich im zeitengewendeten Deutschland mittlerweile auch die – einst aufmüpfige – taz brav bedient. Dass zum Beispiel der Rahmenplan „Zivile Verteidigung Krankenhäuser“ des Berliner Senats nicht zuletzt für den „NATO-Bündnisfall“ sechs Szenarien zeichnet – von einem (warum wohl?) erhöhten Patientenaufkommen bei funktionierender Infrastruktur bis hin zur vollständigen Evakuierung der Stadt –, ist angesichts der (bestimmter Artikel!) „veränderten Gefährdungslage“ dem altehrwürdigen Alternativblatt keinen kritischen Einwurf wert. Oder hat es ihm angesichts dessen etwa die Sprache verschlagen? (vgl. „die neue Bedrohungslage“)
verdruckstes Kläffen
„War das jetzt die klare Kante oder doch eher ein verdruckstes Kläffen in Richtung Russland? Nachdem die Bundesregierung Putins Regime für den vereitelten Drohnenangriff am Leipziger Flughafen verantwortlich gemacht hat und Strafmaßnahmen verhängt hat, wird diskutiert, ob das reicht: Mehr Druck auf Russlands Schattenflotte, dazu die Schließung des Russischen Hauses in Berlin und des Generalkonsulats in Bonn.“ Anmoderierte am 3. September im DLF-Morgenmagazin Philipp May ein Interview mit Vladimir Balzer im Hauptstadtstudio. – Nein, das Entern von Schiffen der russischen Schattenflotte irgendwo auf den Weltmeeren durch die tollkühne Deutsche Marine reicht natürlich nicht. Alles keine „klare Kante“ – nur ein „verdruckstes Kläffen“! (vgl. „hart genug?“)
Vorboten
Cyberangriffe, gezielte Desinformation, hybride Angriffe auf Häfen, Pipelines und Netze – „das sind Vorboten“, raunte ominös Augur Boris Pistorius bereits am 7. November 2025 auf der Bundeswehrtagung zu Berlin. – Suggeriert: Das, was es mit allen Kräften zu verhindern gilt, wird ohnehin eintreffen. Im Klartext: „Findet euch damit ab und stellt euch darauf ein! Es knallt sowieso – eher früher als später!“
zurückschlagen
Darf der Bundesnachrichtendienst (BND) ab jetzt im Zweifel auch „operativ“. Und zwar endlich auch mit „kinetischen Mitteln“! (Frage: Ist das „hart genug“?)
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Titelbild: Mo Photography Berlin / shutterstock.com






