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Nachtrag: Lesermail zum Artikel „Bomben und Granaten aus abgereichertem Uran“.

Veröffentlicht in: Leserbriefe, Militäreinsätze/Kriege

Am 16. November veröffentlichten wir einen Artikel zum genannten Thema von Klaus-Dieter Kolenda: Was die „Guten“ bis heute verheimlichen: Sie haben Bomben und Granaten aus abgereichertem Uran eingesetzt. Dazu erreichten den Autor und die NachDenkSeiten-Redaktion eine E-Mail mit direktem Bezug zum in dieser Sache besonders engagierten Professor Günther. Da das Thema von den etablierten Medien unter der Decke gehalten wird und die Politik selbstverständlich davon nichts wissen will, veröffentlichen wir einen ersten Nachtrag von Klaus-Dieter Kolenda. Ein zweiter wird folgen. Albrecht Müller.

Nachtrag: Lesermail zu meinem am 16. 11. 2017 erschienenen Artikel „Bomben und Granaten aus abgereichertem Uran“.
Von Klaus-Dieter Kolenda

In diesem Artikel berichte ich über den verbrecherischen Einsatz dieser verheimlichten Massenvernichtungswaffen in den Kriegen des Westens 1991 und 2003 im Irak, aber auch 1995 in Bosnien und 1999 in Serbien und im Kosovo.

Ein wesentlicher Teil des Artikels ist eine posthume Würdigung von Prof. Siegwart-Horst Günther, einem deutschen Arzt, der schon 1991 Zusammenhänge zwischen der im Irakkrieg verwendeten Uranmunition von Seiten der USA und ihrer Alliierten und dem gehäuften Auftreten von Leukämien, Krebserkrankungen und Missbildungen bei Kindern vermutete und dann als Erster bewiesen hat, dass die zurückgebliebenen Geschosshülsen auf den Schlachtfeldern, mit denen die Kinder dort spielten, aus abgereichertem Uran bestanden und radioaktiv strahlten. Damit hatte er den Beweis erbracht, dass es sich bei den von ihm beobachteten gehäuften schweren Erkrankungen und Missbildungen bei den Kindern im Irak um strahlungsbedingte Schäden handeln könnte.

Darüber hat er anschließend die Öffentlichkeit in vielen Ländern in Vorträgen, Zeitungsartikeln, Rundfunk- und Fernsehinterviews unterrichtet. Er erhielt weltweite Anerkennung für dieses Engagement und wurde mit vielen Preisen und Ehrentiteln ausgezeichnet. So erhielt er 2007 in Salzburg den bedeutenden „Nuclear Free Future Award“ in der Kategorie „Aufklärung“. In Deutschland wird sein mutiges humanistisches Wirken aber bis heute von den Mainstream-Medien weitgehend totgeschwiegen.

Auf meinen Artikel erhielt ich eine Reihe Zuschriften, über die ich mich gefreut habe. Eine erscheint mir besonders interessant, weil sie ein authentisches Bild von Siegwart-Horst Günther aus der Sicht eines ehemaligen Nachbarn vermittelt, sodass ich sie in leicht gekürzter Form den Nachdenkseiten-Lesern bekannt machen möchte.

Hallo Herr Kolenda!

Ich las gestern Ihren Artikel in den Nachdenkseiten bezüglich der DU-Munition.

Sie schrieben sehr richtig: „Aus den mir zur Verfügung stehenden Informationen habe ich den Schluss gezogen, dass Prof. Günther ein selbstloser, mitfühlender und mutiger Mensch und ein vorbildlicher Arzt und Wissenschaftler gewesen ist, der sich um die Gesundheit der Menschen verdient gemacht hat.“

Wieso kann ich das bestätigen? Hierzu eine kleine ungewöhnliche Geschichte, die wir als Familie persönlich erlebt haben.

Im Jahr 1990 sind wir (meine Frau, meine beiden Kinder und ich) nach Hellersdorf gezogen. Wir haben dort eine 4-Zimmer-Wohnung bekommen. Bei der Abholung der Schlüssel stand ein alter Mann vor mir, bei dem ich dachte, dass er wohl eher dem armen Teil der Bevölkerung angehört. Leise, unauffällig und sehr bescheiden gekleidet.

Wir haben dann mitbekommen, dass er die Wohnung über uns hatte. Mit der Zeit merkten wir, dass er praktisch nie zu Hause und auch allein stehend war. Ab und zu stand sein alter beigefarbener Mercedes vor der Tür. Dass er alleine in einer 4-Zimmer-Wohnung wohnte, hat uns damals schon sehr gewundert!

Diese Zeit war in der DDR die Zeit des Erneuerns und Renovierens und das blieb auch für Hellersdorf nicht aus. Eines Tages hat der ältere Herr bei uns geklingelt, sich als Siegwart Günther vorgestellt und gefragt, ob wir die Betreuung seiner Wohnung übernehmen könnten, da er sehr viel unterwegs sei. Wir haben das natürlich gerne übernommen.

Wir lernten also zunächst einmal mehr die Wohnung als den Wohnungsinhaber kennen, in der wir während der Rekontruktionsmaßnahmen anwesend waren. Die Einrichtung der Wohnung passte zu unserem Eindruck, den wir von Herrn Günther hatten. Sehr, sehr spartanisch und bescheiden. Was uns allerdings auffiel, war, dass sehr viele kleinere orientalische Gegenstände, zum Beispiel viele Vasen, herumstanden. Wir vermuteten dann, dass er wohl viel in diesem Erdteil unterwegs gewesen ist, konnten aber mit seinem Namen nichts anfangen.

Mit der Zeit lernten wir Herrn Günther aber dann näher kennen und er erzählte unter anderem von seiner Tätigkeit als Arzt im Irak. Wir halfen ihm zum Beispiel anfangs beim Sammeln von Stofftieren für die Kinder im Krankenhaus in Bagdad und gelegentlich brachte ich ihn dann zum Bahnhof Zoo und half beim Tragen.

Er führte uns dann langsam an das Thema DU-Munition heran, indem er uns seine ersten Fotos aus dem Irak zeigte. So viel Elend haben wir bis dahin nicht gesehen. Bis heute bekomme ich das Bild nicht aus dem Kopf von einer Frau mit Kind auf dem Arm, welches sich in einem mehrere Etagen tiefen Bunker in die Wand gebrannt hatte. Da war nichts mehr als diese „Kohlezeichnung“! Er erzählte, wenn er im Krankenhaus Visite machte und einmal die Runde rum war, war wieder ein Kind gestorben! Für uns als DDR-Bürger tat sich hier eine unfassbare Welt auf!

Jedenfalls lernten wir ihn besser kennen, ohne jedoch wirklich zu erfahren, wer da vor uns saß. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen und unsere Infos blieben nur die aus seinen Erzählungen. Die allerdings haben uns mächtig zum Staunen gebracht. Da war das Schmuggeln der Munition im Diplomatengepäck, seine Verhaftung in der Uni, als er die Munition untersuchen lassen wollte, der Staufenberg-Fall, der Anschlag auf ihn selbst mit einem Auto in St. Peter-Ording und vieles Weitere.

Wir wurden von ihm auch mit Scripten seiner Schriften versorgt. Leider muss ich heute mit starkem Bedauern sagen, dass wir davon nichts mehr erhalten haben.
Wir haben ganz einfach nicht seine Bedeutung erkannt und alle Unterlagen von ihm nicht mit der nötigen Gewissenhaftigkeit behandelt. Damals erzählte er uns auch vom „Gelben Kreuz“, dessen Gründer er war und seiner Funktion. Das kannten wir bis dahin auch nicht.

Für uns, als nicht gerade reiseerfahrene DDR-Bürger, hinterließen seine Erzählungen natürlich einen bleibenden Eindruck. Auch die Stationen aus seinem Leben, die er uns ganz langsam unterbreitete, haben uns schwer beeindruckt.

Was für uns sehr auffällig bei ihm war, war seine Menschlichkeit und Kinderliebe. Wenn er bei uns klingelte, hat er sich als erstes nach dem Befinden unserer Kinder erkundigt. Mitunter hat er ihnen kleine Mitbringsel von seinen Reisen mitgebracht.

Besonders bei mir blieben seine Berichte in Erinnerung, wie er in den Irak kam, da es damals keine direkten Möglichkeiten für Zivilisten (zum Beispiel Flüge) gab. Er fuhr dann teilweise 24 Stunden mit dem Taxi bis zum Flughafen im Nachbarland. Da hat mich sehr beeindruckt, da er ja nicht mehr der Jüngste war.

Er lud uns ein, ihn in seinem Wohnort an der Nordsee zu besuchen. Wir waren dann zwischen Weihnachten und Silvester bei ihm. Diesmal war der Eindruck noch tiefer, da das Haus mit Gegenständen aus dem Orient voll war. Total „von den Socken“ waren wir aber, als er uns die Glasvitrine im Flur zeigte, wo er seine ganzen Ehrungen aufbewahrte. Hier sahen wir zum ersten Mal auch Fotos von ihm und Albert Schweizer. Ich glaube auch, mich an ein Bild mit ihm und der Queen erinnern zu können. Er hat also nicht geprahlt, sondern wir bekamen nur tröpfchenweise mit, was für ein (berühmter) Mensch er war. Auch die nicht mehr genutzte Praxis seiner Frau im Haus zeigte er uns, wobei er nur sagte, dass seine Familie mittlerweile woanders wohnt. Mehr haben wir aus dieser Seite seines Lebens nicht erfahren.

Ich kann ihn wirklich noch vor meinem geistigen Auge in mitten seiner Reisemitbringsel in seinem Wohnzimmer sitzen sehen. Wie er uns sehr ruhig und gefasst aus seinem Leben erzählte. Und wie sehr er die Kriege verabscheute und die Menschen mochte. Und wie er nicht fassen konnte, wieso man Menschen, und speziell Kindern in anderen Ländern, so etwas antun kann (erst den Krieg und dann das Streichen der Medizinlieferungen)!

Heute aber kann ich sagen, dass ich doch in gewisser Weise stolz darauf bin, ihn gekannt zu haben. Und das nicht nur aus Schriften oder dem Internet, sondern ganz privat. Würde es überwiegend Menschen wie ihn geben, wäre das Thema Krieg längs aus der Welt.

Wir, seine ehemaligen Nachbarn aus Hellersdorf, werden ihn jedenfalls sicher nie mehr vergessen!!!

Das Foto der folgenden Website der „Hippokratischen Gesellschaft Schweiz“ stammt sehr wahrscheinlich aus dem Wohnzimmer in seinem Wohnort an der Nordsee. So sehe ich ihn auch heute noch vor mir!

Es grüßt sie herzlich
Unterschrift

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