Mathias Bröckers

Wenn Journalisten „gegen ein Volk oder bestimmte Volksgruppen hetzen oder zum Krieg treiben, muss das Strafgesetzbuch greifen“, sagt Autor Mathias Bröckers im Interview mit den NachDenkSeiten. „Die Art und Weise, wie Russland im Fall Skripal an den Pranger gestellt und beschuldigt wurde, ohne dass bis heute irgendein Beweis vorliegt, steht da meines Erachtens schon scharf an der Grenze zum Illegalen“, so Bröckers. Ein Interview unter anderem über die „Giftgaswochen bei McMedien“ und die zu befürchtende Berichterstattung zur Fussball-WM in Russland. Das Interview führte Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Bröckers, auf Ihrem Blog schreiben Sie gerade: Der Westen will Krieg. Auch die NachDenkSeiten verweisen immer wieder auf das Verhalten und die Manipulationen und Lügen in der aktuellen Politik. Sie beobachten die politischen Entwicklungen schon seit langem. Ist die Lage wirklich so schlimm?

Wenn man Trumps martialische Kriegserklärung auf Twitter – “Get ready, Russia” – liest und die Meldungen, dass amerikanische Flugzeugträger Richtung syrische Küste unterwegs sind, kann einem schon Angst und Bange werden, denn hier prallen zwei atomare Supermächte direkt aufeinander. Auch Großbritannien und Frankreich rasseln mit dem Säbel gegen Russland wie lange nicht mehr und Deutschland wollte sich, zumindest nach den ersten Aussagen seines neuen Außenministers, ebenfalls an möglichen militärischen Konfrontationen beteiligen. Da musste der Minister unseres Äußersten aber mittlerweile auf Anweisung seiner Chefin zurückrudern. Mir scheint die Lage sehr gefährlich. Denn die aktuelle Eskalation entwickelte sich ja nicht zufällig, sondern wurde mit der Giftgas-Affäre um den Agenten Skripal und seine Tochter und den angeblichen erneuten Gaseinsätzen in Syrien gezielt herbeigeführt.

Mittlerweile sprechen viele davon, dass die Lage noch schlimmer ist als zur Zeit des Kalten Krieges.

In der heißesten Phase des Kalten Kriegs, während der Kuba-Krise im Oktober 1962, saß mit John F. Kennedy ein besonnener Präsident im Weißen Haus, der hinter dem Rücken seiner Generäle und Geheimdienste über einen geheimen “Back Channel” mit dem Sowjet-Führer Chruschtschow korrespondierte und so die Bombardierung und Invasion Kubas – die seine sämtlichen “Joint Chiefs” und die CIA vorschlugen – verhinderte. Zum Glück für Amerika und die Menschheit, denn die Sowjets hatten – was die Amerikaner nicht wussten – ihre auf Kuba stationierten Raketen mit Nuklearsprengköpfen ausgerüstet. Ein einzige auf eine Metropole der Ostküste hätte gereicht, um ein Desaster und einen nuklearen Weltkrieg auszulösen. Heute regiert mit Trump das genaue Gegenteil eines besonnenen Staatsführers und es scheint eher so, als ob die Generäle ihren Präsidenten von Kurzschlusshandlungen abhalten müssen als umgekehrt. Insofern ist die Lage durchaus brisanter als damals.

Was halten Sie von der Berichterstattung hierzulande?
Friedensjournalismus oder Kriegstreiberei?

Journalisten müssen sich nicht für Abrüstung und Frieden einsetzen, ihr Job ist, so umfassend und objektiv zu berichten wie möglich. Wenn sie gegen ein Volk oder bestimmte Volksgruppen hetzen oder zum Krieg treiben, muss das Strafgesetzbuch greifen. Die Art und Weise, wie Russland im Fall Skripal an den Pranger gestellt und beschuldigt wurde, ohne dass bis heute irgendein Beweis vorliegt, steht da meines Erachtens schon scharf an der Grenze zum Illegalen. Das sieht im Übrigen auch der Merkel-Vertraute und promovierte Jurist Norbert Röttgen so, wenn er behauptet, es sei ” wirklich Unsinn”, die “Unschuldsvermutung auf die internationale Ebene zu übertragen”. Soviel Ignoranz gegenüber dem Völkerrecht und internationalem Rechtsverständnis muss man erst mal haben – aber solche Hemmungslosigkeit entspricht durchaus dem Tenor, in dem die Leitmedien in Sachen Giftgas berichteten. Wie die NachDenkSeiten und andere dokumentiert haben, wurden Fake News am laufenden Band produziert – wo “in dubio pro reo”, also im Zweifel für den Angeklagten, als Unsinn gilt, geht eben auch jede journalistische Sorgfaltspflicht über Bord.

Wie kommt es zu diesem Journalismus? Es ist ja nicht so, dass die Redaktionen nicht wüssten, wie man sauber arbeitet.

Es ist Rudelverhalten. Wenn ein paar Leitwölfe losheulen, kläfft die Meute einfach mit. Es sind ja nur noch eine Handvoll internationaler Konzerne, unter denen die großen Nachrichtenagenturen, Sender und Zeitungen operieren und die geben den Kammerton vor. Was da dann aus dem Ticker kommt, gilt grundsätzlich als “seriös” und wird nachgebetet, selbst wenn es sich dabei – wie in dem geleakten Papier, mit dem die britische Regierung im Fall Skripal die EU-Außenminister von einer Diplomaten-Ausweisung überzeugten – überhaupt nicht um solide Informationen handelt, sondern um eine lupenreine Verschwörungstheorie. Eine Kette aus Indizien, Vermutungen, Behauptungen und Verdächtigungen, aber nicht die Spur eines Beweises für die Herkunft der Tatwaffe und gar die des Täters. Dass ein solches nur aus Behauptungen bestehendes Sündenregister für einen Urteilsspruch ausreicht und eine große diplomatische Krise heraufbeschwören kann, ist erschreckend.

Um zu zeigen, wie “Fake News” und “Verschwörungstheorien” funktionieren, wenn sie von höchster Stelle verlautbart und von den McMedien-Outlets konzertiert verbreitet werden, bieten die sechs geleakten Power-Point-Folien samt ihrer politischen Folgen einen hervorragenden Anschauungsunterricht. Und wer nicht glauben will, dass mit dreisten Unterstellungen so einfach Politik gemacht wird, der konnte sich von der “Zeit” belehren lassen: “Es braucht keine eindeutigen Beweise!”

Erstaunlich in einem einst für den liberalen Rechtsstaat stehenden Blatt, aber wenn’s gegen den Richtigen geht, sind rechtsstaatliche Normen offenbar zweitrangig.

Was bedeutet das denn für die Mediennutzer?

Nichts Gutes. Und mit Räuberpistolen wie der Skripal-Nummer, bei der letztlich zwei Meerschweinchen und ein verendeter Kater als einzige Toten zu beklagen sind, verspielen Medien und Politik das ohnehin schon stark angeknackste Vertrauen immer weiter. Nicht weil soziale Medien oder russische Trolle dazwischen funken, sondern weil von oben systematisch desinformiert und gelogen wird. Da sich die Muster dabei aber wiederholen, merken das immer mehr Leute. Die “Giftgaswochen bei McMedien” wie ich die an “Los Wochos” bei McDoof erinnernde Kampagne genannt habe, sind da einmal mehr eine deutliche Lektion. Nachdem in England aus der Skripal-Geschichte keine Funken mehr zu schlagen waren, wird termingerecht ein angeblicher Giftgaseinsatz in Syrien gemeldet.

Und von den britischen “White Helmets” mit Kinderbildern untermalt und der syrischen Armee in die Schuhe geschoben – was einmal mehr die Verlautbarung von allgemeinem Entsetzen über das “Animal Assad” (Trump) und dann weitere Bombenangriffe ermöglicht. Ob und von wem Gas eingesetzt wurde, ist ungeklärt, auch hier reichen Behauptungen, Vermutungen, Beschuldigungen – Fake News. Wie beim “Hufeisenplan” vor dem Angriff auf Jugoslawien, wie bei dem Angriff auf den Irak, auf Libyen. Nach den jüngsten Bombardements hat Russland nun Konsequenzen angekündigt und man kann nur hoffen, dass die Russen vernünftig bleiben und nicht etwa auf die Idee kommen, ein US-Kriegsschiff im Mittelmeer zu versenken.

Stichwort Fußballweltmeisterschaft in Russland und Medienberichterstattung. Was sind Ihre Erwartungen oder: Befürchtungen?

Rein sportlich sollte das deutsche Team mindestens ins Halbfinale kommen. Wenn ein paar Politiker einen Besuch der WM betont auffällig boykottieren wollen, stört das weder die Spieler noch die Fans, im Gegenteil. Selbst wenn der Trump-Verschnitt im britischen Außenamt, Boris Johnson, der die WM mit der Olympiade 1936 verglichen hat, seine Kicker zum Boykott zwingen könnte, wäre das kein großer Schaden, denn England hat außer dem Titel durch ein Fake-Tor 1966 bei einer WM noch nie was gerissen. Dann könnten Italien oder Holland nachrücken, die für mich als Fan bei so einem Turnier eigentlich dazugehören.

Zu befürchten ist nun, dass man sich auf Nervengift in mindestens jeder zweiten Reportage einstellen muss. Denn natürlich sollen die Zuschauer von unseren öffentlich-rechtlichen Kanälen bei all dem schönen Fußball ja auch über die “Hintergründe” im Gastgeberland informiert werden – und da eignen sich die 20 Millionen Russen, die von Hitlers Armeen im 2. Weltkrieg ermordet wurden, natürlich weniger als ein pensionierter Doppel-Agent, der “wahrscheinlich”, “ganz bestimmt”, “ziemlich sicher” von Adolfs aktuellem Nachfolger ganz persönlich um die Ecke gebracht werden sollte.

Beim Confed-Cup im letzten Jahr war das Russen-Bashing einiger Reporter und Kommentatoren manchmal schon sehr penetrant, da scheint nach den aktuellen Zuspitzungen noch heiße Luft nach oben. Dass sich die Spieler danach in einem offenen Brief bei ihren Gastgebern und dem russischen Publikum für den herzlichen Empfang und die perfekte Organisation bedankten, zeigt, dass es auch anders geht. Und gäbe es statt transatlantischer Scharfmacherei in Deutschland noch eine friedensfördernde Ostpolitik, könnten solche Sportereignisse auch diplomatisch genutzt werden. Doch Bundeswehr und Nato wollen aufrüsten, da ist ein Großfeind einfach unverzichtbar.

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