Albrecht Müller
Albrecht Müller

Am 26. Juni 2015 erschien auf den NachDenkSeiten ein Artikel mit der oben wiederholten Frage: wie kann man sich vor Manipulation schützen? Das ist ein zentrales Anliegen der NachDenkSeiten. Die Kenntnis von Methoden der Manipulation zum Beispiel und von Fällen der Manipulation soll Ihnen helfen, von sich aus und rechtzeitig zu durchschauen, wie wir unentwegt manipuliert werden. Den damaligen Beitrag wiederholen wir im Anhang. Wir werden demnächst eine geordnete Sammlung der vielfältigen Methoden der Manipulation präsentieren. Heute folgt zunächst einmal aus aktuellem Anlass hier die Information zu zwei zurzeit unentwegt gebrauchten Methoden der Manipulation. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Erstens: Der unentwegte Gebrauch von Worten, die mit einer Wertung, meist mit einer Abwertung versehen sind, jedenfalls Urteile transportieren sollen.

Bestes Beispiel ist der Gebrauch des Wortes „Populist“. In den Sendungen des ZDF und der ARD über die Regierungsbildung in Italien wurde in den letzten Tagen dieser Begriff unentwegt gebraucht. Ohne Gänsefüßchen, ohne Hinterfragung. Durch die Wiederholung wird dieser wertende Gebrauch dann zur Selbstverständlichkeit und zugleich quasi mit einem Verbot kritischer Einwände und Hinterfragungen belegt.

Nur zwei Beispiele:

Die Manipulationen sind gang und gäbe. Man muss sich fragen, ob sich die Journalisten, die dafür mit Namen und Gesicht Pate stehen, nicht schämen. Kenner der NachDenkSeiten werden sich nicht wundern, wenn ich an dieser Stelle anmerke, dass der Gebrauch des Wortes Gleichschaltung keine Übertreibung ist.

Zweitens: In der Addition von Viertel-Wahrheiten und Unwahrheiten werden diese zu einer „wahren“ Botschaft.

Die gezielt geplante und transportierte Botschaft lautet: die Russen sind böse, sie sind expansiv, ihnen ist alles zuzutrauen. Dazu werden unentwegt und vermischt eine Reihe von Geschichten erzählt: die Russen haben MH 17 abgeschossen, die Russen haben die Krim annektiert und damit den neuen Ost-West-Konflikt vom Zaun gebrochen; ihre Freunde haben auf dem Maidan Freiheitskämpfer erschossen; die Russen haben mit dem Krieg in Syrien begonnen; die Russen haben in Großbritannien ihren Landsmann und Doppelagenten plus Tochter vergiften wollen; die Russen haben einen Gegner Putins und Journalisten in Kiew umgebracht; Trump, Putin, Erdogan, der gleiche Typ von schlimmen Politikern; die Russen dopen usw. usw. – Indem diese einzelnen Elemente – alle in der Regel unsicher, unbewiesen oder falsch – gebündelt vorgetragen werden, erscheinen sie in der Summe als Wahrheit.

Bitte prüfen Sie diese Methoden und merken Sie sich diese Methoden, dann werden Sie sehr viel früher als andere Menschen in Ihrem Umfeld erkennen, was gespielt wird.

Wie oben erwähnt, wir werden die verschiedenen Methoden der Manipulation demnächst gebündelt präsentieren und auch auf der Frontseite unserer NachDenkSeiten verankern. Damit sie immer schnell Zugriff haben.

Wie kann man sich vor Manipulation und Meinungsmache schützen?

Meinungsmache

Viele Menschen spüren: die Welt ist voller Meinungsmache. Wichtige politische Konstellationen sowie mögliche gravierende Entscheidungen wie etwa die Lösung der Krise in Griechenland oder der neue Konflikt zwischen West und Ost werden von Propaganda bestimmt. Wenn man seinen Kopf freihalten will von der Fremdbestimmung, dann muss man lernen, Manipulationen zu durchschauen. Mindestens zwei Möglichkeiten gibt es: Erstens, eindeutige Fälle der Meinungsmache zu verfolgen und zu analysieren, um dabei den kritischen Verstand zu üben. Zweitens, die Methoden der Manipulation kennen zu lernen, um so zu durchschauen, was gespielt wird. In meinem Buch „Meinungsmache“ habe ich die Methoden beschrieben und belegt. Inzwischen gibt es zum einen dafür aktuellere Belege und mir sind zum anderen neue Methoden aufgefallen, eine davon gestern in den „Tagesthemen“ beim Interview mit dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Schulz. Beides animiert dazu, künftig kurze Beiträge zur Aktualisierung der Analysen der verschiedenen Methoden zu schreiben. Mit der Beschreibung der neu aufgefallenen Methode und dem Beispiel Schulz fange ich an. Von Albrecht Müller

Die Methode: Die Botschaft der Kampagne wird in Nebenbemerkungen gepackt. Damit erscheint sie besonders glaubwürdig.

Im konkreten Fall des Tagesthemen-Interviews mit EU-Parlamentspräsident (Quelle: Tagesthemen) sollte wieder einmal das übliche Bündel von Botschaften vermittelt werden: die Einigung scheiterte bisher an der Sturheit und am Taktieren der griechischen Regierung; „wir und die“; wir, die guten und vernünftigen sind hier, und dort sind die Ideologen und die Unvernunft. Diese Botschaften hat Schulz (und mit einer Bemerkung auch der Interviewer Thomas Roth) in abfällige Nebenbemerkungen gepackt. Und obwohl das Interview ansonsten ein paar Einsichten auf der Seite des Interviewers und des Interviewten enthält (zum Beispiel: Austeritätspolitik hat nichts gebracht, Griechenland braucht ein Beschäftigungsprogramm), wird die Hauptbotschaft gegen Griechenland und die jetzige griechische Regierung clever in Nebenbemerkungen untergebracht. Das Interview ist nicht sehr lang. Prüfen Sie selbst. Hier sind die für diese Methode der Meinungsmache typischen Äußerungen:

  • Schulz meint, dass es in der Politik Vernunft gäbe, „selbst auf Seite der griechischen Regierung“.
  • „Wir fühlen uns genervt“
  • „Wir verstehen auch manche Reaktion nicht mehr“
  • „Warum diese Leute (gemeint ist die griechische Regierung, der Verfasser) das nicht akzeptieren, verstehe ich nicht, aber vielleicht lernen wir es noch.“
  • „Deshalb bin ich so etwas ein bisschen erstaunt, dass der Herr Tsipras die Angebote nicht annehmen will, aber vielleicht kehrt die Vernunft ja noch bei ihm ein.“
  • Thomas Roth: „Was er da treibt“
  • Und noch einmal Schulz: „Da muss diese Regierung endlich begreifen, dass so viele Menschen ihr helfen wollen“.

Interessant ist die Mischung von solchen abfälligen Äußerungen mit durchaus vernünftigen Äußerungen im Interview. Das macht aber nach meinem Eindruck die Botschaft, hier seien wir, die Vernünftigen, und dort die unvernünftig Widerspenstigen, noch glaubhafter.

Andere Methoden der Meinungsmache werden in der nächsten Zeit in einer Serie aktuell belegt.

Hier eine vorläufige Liste, die ich dem Kapitel 10 von „Meinungsmache“ entnommen habe:

  1. Die gängigste Methode ist die Wiederholung
  2. Wenn die gleiche Botschaft aus verschiedenen (politischen, ideologischen) Ecken kommt, ist sie besonders glaubhaft.
  3. Meinung wird mithilfe von Sprache gemacht. Mit Sprache sind Urteile und Wertungen verbunden. Bestes Beispiel: Reformen.
  4. Affirmatives Auftreten des Meinungsmachers
  5. Pars pro toto – was für einen Teil gilt, auf die Gesamtheit als gültig übertragen
  6. Übertreibung
  7. Man sagt B, um die Botschaft A zu transportieren.
  8. Konflikte sind ein hervorragendes Instrument der Meinungsbeeinflussung.
  9. Verschweigen

Wenn Ihnen besonders markante Belege auffallen, schicken Sie uns das bitte an die [email protected]. Bitte aber nur markante Belege für die verschiedenen Methoden schicken, weil wir, wie Sie sicher verstehen, sonst im E-Mail Verkehr ersticken.

Das Wissen und die Verbreitung des Wissens um die Methoden der Meinungsmache sind wichtig. Wir müssen nämlich heute feststellen, dass sehr viele Menschen Opfer der Propaganda werden.

Wir – und damit meine ich alle beim Aufbau von Gegenöffentlichkeit beteiligten Menschen – sind bisher nämlich nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Ich will dafür ein paar Beispiele nennen:

  • Die oben als Beispiel beschriebene, abfällige Bewertung Griechenlands
  • Die neuerliche Spaltung Europas in West und Ost, wir sind die Guten, Putin und die Russen sind der Böse. Ich hätte nie geglaubt, dass ich so viele Menschen treffe, die ich für immun gehalten hätte, sie dieses aber nicht sind.
  • Die Bereitschaft, militärische Lösungen für Lösungen zu halten.
  • Die eingetretene Spaltung unserer Gesellschaft in oben und unten und die erstaunlich breite Identifizierung mit den Werten und Interessen von Oben.

Also, es gibt wirklich viel zu tun.

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