Venezuela – Der abgeblasene Militärüberfall in Cúcuta und ein provozierter Flüchtlingsstrom als Kriegsvorwand
Venezuela – Der abgeblasene Militärüberfall in Cúcuta und ein provozierter Flüchtlingsstrom als Kriegsvorwand

Venezuela – Der abgeblasene Militärüberfall in Cúcuta und ein provozierter Flüchtlingsstrom als Kriegsvorwand

Frederico Füllgraf
Ein Artikel von Frederico Füllgraf | Verantwortlicher: Redaktion

Am vergangenen 23. Februar, als die Propaganda-Maschine Mike Pompeos, Marco Rubios, John Boltons und Elliott Abrams‘ für die Grenzüberschreitung ihrer sogenannten „humanitären Hilfe” von Kolumbien nach Venezuela auf Hochtouren lief, hielt die mediale Kulisse einen Hinterhalt verborgen, der mit einem Schlag die tatsächlichen Absichten der US-Falken in der Grenzstadt Cúcuta entlarvt hätte. Als einziges Medium des internationalen Mainstreams berichtete seltsamerweise die markt- und US-freundliche Agentur Bloomberg über den angeblich in letzter Minute vereitelten Coup. Von Frederico Füllgraf.

In einer Reportage vom 6. März 2019 behaupteten die Bloomberg-Reporter Ethan Bronner und David Wainer, dass schwerbewaffnete Soldaten bereit waren, den Weg für jene „humanitäre Hilfe” gewaltsam freizuschießen, jedoch sei der Plan vom gewaltsamen Überfall auf venezolanisches Territorium wegen dem Einspruch Kolumbiens aufgegeben worden. Als zweite Seltsamkeit fiel auf, dass die oppositionelle venezolanische Tageszeitung Tal Cual wiederum als einziges zitierfähiges spanischsprachiges Medium den Bloomberg-Bericht aufgriff. Danach herrschte nachdenklich stimmendes Schweigen über die Episode.

Die Fortsetzung der Kriegspropaganda hinter vorgehaltener Hand

Wie erfuhr Bloomberg von dem Plan und was sollte oder könnte seine Aufdeckung bezwecken?

Wie Bronner und Wainer eingangs erklärten, beruhte ihre Geschichte „auf Interviews mit US-amerikanischen und lateinamerikanischen Funktionären sowie mit venezolanischen Exilanten, von denen einige um die Wahrung ihrer Anonymität baten“. Als einzigen namentlich Genannten zitieren die Reporter den pensionierten und in Kolumbien exilierten venezolanischen General Cliver Alcalá Cordones. Er soll den Plan, die sogenannte „humanitäre Hilfe“ gewaltsam über die Grenze zu befördern, bestätigt haben.

Der Fall ist mehr als brisant, darum stellt sich jedem wachen Rechercheur sofort die Frage, was für ein Interesse könnten insbesondere US-amerikanische Funktionäre daran gehabt haben, die Hintergründe des geplanten Überfalls hinter vorgehaltener Hand auszuplaudern. Anzunehmen ist, dass die wahren Absichten der Whistleblower niemals von ihnen bestätigt werden. Doch liegt sprichwörtlich auch hier der Teufel im Detail, dann darf ebenso mit Marshall MacLuhan vermutet werden, dass das Medium die eigentliche Botschaft ist. Das Geflüster könnte angedeutet haben, der Plan wurde zwar vereitelt, doch nach wie vor „liegen alle Optionen auf dem Tisch“. Nämlich genauer: Wann immer uns danach ist, brechen wir einen bewaffneten Überfall auf Venezuela vom Zaun.

Insofern darf die Bloomberg-Reportage in zweierlei Hinsicht gedeutet werden. Zum einen als ernstzunehmender Hinweis auf die gewaltsame Bedrohung Venezuelas, zum anderen als Instrument des psychological warfare, wie unter anderem Kapitel 4 (Planning Considerations) des vertraulichen „Army Special Operations Forces Unconventional Warfare” (United States Army John F. Kennedy Special Warfare Center and School, Headquarters – Department of the Army – Washington, DC, 30 September 2008) zu entnehmen ist.

Das Cúcuta-Fiasko und neue Aussichten auf eine „militärische Option”

Nach Darstellung der Reporter Bronner und Wainer verlief der Versuch, jenen sogenannten „Hilfstransport“ über die kolumbianisch-venezolanische Grenze zu zwingen, folgendermaßen:

„Als US-Beamte am vergangenen 23. Februar sich dem venezolanischen Oppositionsführer Juan Guaidó in der Nähe einer Brücke in Kolumbien anschlossen, um die humanitäre Hilfe an die venezolanischen Massen (sic!) zu schicken und damit die Herrschaft Nicolás Maduros herauszufordern, überprüften rund 200 exilierte Soldaten ihre Waffen und planten, den Weg für den Konvoi notfalls mit Waffengewalt freizuschießen“.

Im Hintergrund operierte Exil-General Cliver Alcalá.

„Angeführt von dem in Kolumbien lebenden pensionierten General Cliver Alcalá wollten sie die venezolanischen (National-)Gardisten zurückdrängen, die auf der anderen Seite die Hilfe blockierten.“

Der Plan sei jedoch von der kolumbianischen Regierung gestoppt worden, die angeblich „spät davon erfahren hatte“ und gewalttätige Auseinandersetzungen während eines mit viel Öffentlichkeit umrankten Ereignisses befürchtete, dessen friedlichen Charakter sie sich versprochen hatte, heißt es im weiterführenden Bloomberg-Bericht: „Es wurden an jenem Tag fast keine Vorkehrungen getroffen und die Hoffnung, dass die venezolanischen Militärkommandanten Maduro ihre Treue aufkündigen würden, wurde bisher zerstört. Auch wenn Guaidó wieder in Caracas zurück ist und von 50 Nationen als legitimer Führer Venezuelas anerkannt wird, zeige der ´spontane´ Waffenaufstand, dass der von den USA als unvermeidlich bezeichnete Drang, Maduro zu stürzen, zunehmend chaotischer und riskanter wird“.

Wie kommt es, dass die kolumbianische Regierung „spät davon erfahren hatte“? Und die US-Regierung, die mindestens 5 militärische Stützpunkte in Kolumbien betreibt und deren „Funktionäre“ Cúcuta in jenen Tagen überfluteten, wollen nichts davon gewusst haben? Das erfährt der Leser nicht im Bloomberg-Bericht. Umso mehr wird er darüber belehrt, dass „der Drang, nach einer Art militärischer Lösung zu suchen, nur noch zunehmen wird, während die Auseinandersetzung anhält“. Genauer: Juan Guaidó wiederhole Donald Trumps Andeutungen, „dass alle Optionen auf dem Tisch bleiben“.

Auch Bloomberg bestätigt, dass Guaidó der große Verlierer des Cúcuta-Fiaskos war. Weder gelang ihm die Mobilisierung der „venezolanischen Massen“ noch die Spaltung der venezolanischen Streitkräfte. Die demagogischen Versprechen brachten dem selbsternannten „Interimspräsidenten“ schwere Schelten des US-Vize Mike Pence und Vertrauensverluste Mike Pompeos, John Boltons, Elliott Abrams‘, des Kuba-amerikanischen „Hitzkopfs“ Marco Rubio und nicht zuletzt des kolumbianischen Präsidenten Iván Duque ein.

Zusammen müssen sie sich wohl der seit Wochen vom Chavismo ausgegebenen Warnung ergeben haben, dass, genauer gesehen, Guaidó kaum mehr als eine „Null“ und jederzeit ersetzbar ist. Diese Erkenntnis könnte die Suche nach Alternativen beschleunigen, und zwar insbesondere im Halbdunkel exilierter Militärs aus Venezuela.

Psychologische Kriegsführung: „5 Millionen Flüchtlinge“…

Dass Präsident Nicolás Maduro einen Schritt unternimmt, der aggressivere US-Maßnahmen rechtfertigen könnte, ist seit der straflosen Rückkehr und den geduldeten öffentlichen Auftritten Juan Guaidós eine bitter begrabene Hoffnung der US-Regierung. Auch dass Brasilien oder Kolumbien sich vorläufig auf kein militärisches Abenteuer gegen die gut ausgerüsteten bolivarischen Streitkräfte mit ihren mehr als 350.000 Soldaten – ganz zu schweigen von einer Million mobilisierungsfähigen Milizen – mit der Entsendung zehntausender von Truppen zum Preis von Milliarden von Dollar einlassen wollen, gehört zur enttäuschenden Erkenntnis des Oval Office, des Pentagon, des CIA und des State Department.

Ihre neue Taktik spekuliert daher mit einer Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Krise Venezuelas und der Flucht Hunderter von Soldaten nach Kolumbien, mit denen sodann gezielte militärische Operationen hinter den Kulissen fortgesetzt werden könnten. US-Vertreter, so berichtete Bloomberg, „machen sich Sorgen, dass Kolumbien, ein lebenswichtiger Verbündeter, der nach wie vor unter den Folgen des jahrzehntelangen Guerillakriegs zu leiden hat, besonders anfällig für die anhaltende Venezuela-Krise sei.“ Sodann zitiert der Bericht Zahlen, die sich wie gezielte Fake News lesen. Demnach „könnte die Zahl der venezolanischen Flüchtlinge, die vor Engpässen, Hyperinflation und Hunger flüchten, […] von derzeit 3,4 Millionen auf über 5 Millionen ansteigen, wenn Maduro am Ende des Jahres noch im Amt ist. Viele werden in Kolumbien landen“.

Ergänzend rückt als Vorwand auch der Drogenhandel ins taktische Spiel. Die Narco-Szene in Kolumbien, so behaupten die USA, werde „teilweise von hochrangigen venezolanischen Beamten beherrscht … (und) könnte Kolumbiens Bemühungen, den Koka-Anbau zu stoppen, weiter schaden. Zusammen würden die Auswirkungen des Drogenhandels und des Flüchtlingsstroms auch Brasilien schaden, das versucht, seine eigene Wirtschafts- und Korruptionskrise zu überwinden.“

Kann einer Regierung im Ernst daran gelegen sein, mit den Mitteln psychologischer Kriegsführung die wirtschaftliche und soziale Krise Venezuelas zum Preis millionenfacher Opfer gezielt zuzuspitzen, anstatt bei ihrer Überwindung zu helfen, wie es Russland und China bisher mit zig Milliarden Dollar Krediten getan haben? Die Antwort lautet leider: „Ja“, es gibt solche Wetten. Denn wie Ethan Bronner und David Wainer von einem lateinamerikanischen Diplomaten erfahren haben – „der mit Washington in Kontakt stand“ – „scheint die US-Strategie darin zu bestehen, in Venezuela weiterhin Destabilisierung zu provozieren“.

In den Medien hat die Kampagne bereits begonnen. In einem Beitrag für El País (Venezuela, entre Bosnia y Kosovo – 02. März 2019) maßte sich Hector Schamis – ein für seine pro-Israel-Militanz bekannter argentinischer Gastdozent an der US-amerikanischen Georgetown University und Berater des Generalsekretärs der Organisation Amerikanischer Staaten (Spanisch: OEA) Luis Almagro – ein sonderbares Plädoyer an. Unter Berufung auf die von den Vereinten Nationen nicht genehmigte militärische Intervention der NATO zur „Lösung“ der humanitären Krise im Bosnien und den Kosovo-Krieg der 1990-er Jahre schärfte Schamis seine Feder für einen internationalen militärischen Überfall auf Venezuela.

„Ich behaupte, dass die Welt zu lange auf Bosnien und den Kosovo gewartet hat. […] Es ist wichtig, dass sich die lateinamerikanischen Regierungen hier engagieren. Wir befinden uns jenseits (sic!) des Kalten Krieges und der Kanonenboot-Diplomatie. Dies ist die größte Flüchtlingskrise in der lateinamerikanischen Geschichte. Wir müssen alle Optionen ohne Vorurteile diskutieren“, erklärte der Argentinier mit der Einschränkung, dass seine Kommentare nicht die Positionen der OEA oder ihres Generalsekretärs widerspiegeln – im Übrigen eine überflüssige Einschränkung, ist Almagros Rolle als Scharfmacher einer bewaffneten Konfrontation in Venezuela längst bekannt.

Cliver Alcalá: ein Beispiel der verlogenen “Drogenpolitik” der USA

Clíver Alcalá Cordones ist ein ehemaliger, langjähriger Vertrauter des verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez und Generalmajor des venezolanischen Heeres im Ruhestand. Im März 2018 setzte Alcalá Cordones der Regierung Nicolás Maduro ein Ultimatum wegen der damals verschärften Verfolgung von dienstleistenden und pensionierten Militärs der Nationalen Bolivarischen Streitkräfte (FANB). In einem in den sozialen Netzwerken verbreiteten Offenen Brief beschuldigte der Generalmajor die Regierung des „Unwohlempfindens“ in den Reihen der Militärs und drohte Nicolás Maduro mit Aufständen (Un militar retirado chavista desafía a Nicolás Maduro, El País, 19. März 2018).

Die Drohung Alcalá Cordones‘ war eine Reaktion auf die Festnahme von insgesamt 33 unehrenhaft entlassener Militärs. „Bisher ist die Reichweite des Einflusses dieses pensionierten Generalmajors nicht genauer zu umschreiben“, kommentierte El País, mit nochmaligem Verweis auf Alcalá Cordones‘ Rolle als ehemaligem Vertrauten von Hugo Chávez. FANB-Quellen zufolge stand der hohe Offizier längst auf der Liste ehemaliger Kommandanten, denen der militärische Geheimdienst konspirative Umtriebe unterstellt.

Während der Regierungszeit von Hugo Chávez hatte der pensionierte Generalmajor sich wegen gewalttätiger Niederschlagung von Indianer-Gemeinden schuldig gemacht. Im April 2012 wurde der pensionierte Offizier vom nach Panama geflüchteten Richter Aponte der mehrfachen Beteiligung an Umtrieben der Narco-Szene beschuldigt. Vier Jahre später wurde er im Dezember 2016 von der Staatsanwaltschaft wegen aktiver Teilnahme am berüchtigten Massaker von Barlovento angeklagt, focht jedoch die Anklage an und verschwand. Seitdem gilt Alcalá Cordones als “nicht auffindbar” beziehungsweise justizflüchtig.

Im März 2018 wurde der Generalmajor erneut des Drogenhandels beschuldigt; diesmal von dem in den USA ebenfalls wegen Drogenhandels angeklagten venezolanischen Unternehmer Walid Makled, der Alcalá Cordones ferner die Teilnahme an einer kriminellen Erpresser-Bande und terroristische Umtriebe anlastete. In einem umfassenden dreiteiligen Interview für die kolumbianische Zeitung Reportero 24 (Narcomilitares: Conozca a Clíver Alcalá – 25.Juli 2014) hatte Makled allerdings erklärt, dass ihm die – oft vom CIA durchsetzte – US-amerikanische Drogenbekämpfungsbehörde DEA in einer Kronzeugen-Regelung eine beachtliche Strafmilderung im Austausch für den Verrat von Mittätern angeboten habe. An der Spitze der Liste stand der Name Clíver Alcalá Cordones.

Wenn also nach Angaben der Trump-Regierung die Narco-Szene in Kolumbien „teilweise von hochrangigen venezolanischen Beamten beherrscht“ wird, was macht der exilierte venezolanische Narco-General auf freiem Fuß? Beziehungsweise, sind Maduro-Gegner die „guten Narcos“, wenn sie zu den Waffen greifen?

Titelbild: danielo/shutterstock.com

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