Leserbriefe zu Gelbwesten-Appell: Französische Künstler lassen sich „nicht für dumm verkaufen“

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Zu dem Artikel “Gelbwesten-Appell: Französische Künstler lassen sich „nicht für dumm verkaufen“ – Die deutsche Kulturszene schweigt zum Sozialen” erreichten uns wieder zahlreiche Leserbriefe, die wir nun nachfolgend veröffentlichen. In einigen Leserbriefen klingt an, und es gibt auch die entsprechenden Links, dass es auch in Deutschland etliche Künstler gibt, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, und hoffentlich stoßen sie irgendwann auch mal auf eine größere Resonanz in der deutschen Bevölkerung. Zusammengestellt von Moritz Müller.

1. Leserbrief

Sehr geehrte nds,

ich kann ihnen den Hauptgrund für den nichtexistenten Widerstand der deutschen Kulturszene in einem Wort nennen: Kulturförderung!

Öffentliche Mittel für Theater, Musik, Literatur, Film… tralalla aus EU-, Bundes-, Landes- und kommunalen Fördertöpfen. So wie sich früher der Adel die Narren, Theater und Orchester zur Belustigung gehalten haben, hält sich die Politik die Gunst der Kulturschaffenden und die Hand die einen füttert beißt man nicht.

Ich kritisiere die USA ja gerne aber dort gibt es so einen Mist wie hier nicht und deswegen sind dort die Künstler auch wesentlich härter drauf. Nur damit das klar ist. Ich habe nichts gegen öffentliche Förderung von Kunst und Kultur. Das Problem ist, dass faktisch alles durch die Politik entschieden wird, wer, wann, wo, was und wieviel bekommt und nicht etwa bspw. durch Bürger oder andere VON DER POLITIK UNABHÄNGIGE Organe.

Solange das so ist wird von dort nichts kommen und nur die jenigen, die auf die Kulturförderung nicht angewiesen sind können es sich leisten oder glauben sie um es mal extrem auszudrücken eine Pamela Anderson würde ihren Mund aufmachen, wenn sie auf die Gage in einer deutschen Nachmittagssoap des ÖR angewiesen wäre?


2. Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

“Wer mutig ändert, was geändert werden muss, hat uns auf seiner Seite”, heißt es in dem Aufruf, der morgen in der “Süddeutschen Zeitung” veröffentlicht wird. Zu den Unterzeichnern gehören der Schriftsteller Günter Grass, Regisseur Jürgen Flimm, Maler Markus Lüpertz und Musiker Marius Müller-Westernhagen. Auch BDI-Chef Michael Rogowski, Architekt Prof. Albert Speer, Unternehmensberater Roland Berger und Manager wie Michael Frenzel (TUI) oder Wendelin Wiedeking (Porsche) unterschrieben.
Sie forderten den Kanzler zu Standfestigkeit bei der Durchsetzung der Reformen auf: “Nur Demagogen, die ihre Zukunft hinter sich haben, reden dem Volk nach dem Maul.” In dem Aufruf heißt es nach Angaben des Mitintiators Manfred Bissinger: “Wir, die Initiatoren dieser Anzeige, wählten und wählen ganz unterschiedliche Parteien. Wir arbeiten in diesem Land, wie bezahlen unsere Steuern in diesem Land, wir bekennen uns zu diesem Land. Wir haben das Jammern über Deutschland satt.” Unter dem Titel “Auch wir sind das Volk” bezeichneten sich die Unterzeichner als “Große Koalition der Vernunft”. Die Hartz-IV-Reformen seien “überlebensnotwendig für den Standort Deutschland”. “Der ist gepflastert mit den Grabsteinen verblichener Chancen. Totengräber sind in allen Parteien zu Hause. In der Vergangenheit haben alle Regierungen den Wählern versprochen, was nicht zu halten war.”
aus SPON vom 01.10.2004
 
Ich habe immer scherzhaft gesagt ” Gott bewahre uns vor der Revolution dieses Proletariats” … aber die Deutschen Intellektuellen sind da nicht besser dran.
Die Gelbwesten-Bewegung scheint für den “Deutschen Hansel + die Deutsche Gretel” etwas Unglaubliches zu sein.
Proteste gegen die Regierung und ihre verkorkste Politik.
Deutschland hat keine Demokratische Erfahrungen machen können, wie Frankreich oder England.
 
Und wenn etwas in diesem Land geändert werden soll, braucht der “Deutsche Michel” einen “Führer”.
Die Geschichte hat uns da zwei Herren beschert, die uns in Abgrund geführt haben.
 
Lenin schrieb so sinngemäß, “wenn der Zug der Revolution in den Bahnhof einfährt, löst der Deutsche Revolutionär erst einmal eine Bahnsteigkarte. Und wenn er dann die Treppe hoch zum Bahnsteig läuft, erkennt noch die Rückleuchten des Zugs der Revolution”.
 
Dabei haben die Gelbwesten gezeigt, wie man auch auf der Straße seine Interessen vertreten kann.
Das Krawalle angeblich das “Erste Ziel der Bewegung” sei, ist ein natürlicher Reflex der Regierenden.
Frei nach Plutarch: “Erst einmal ordentlich verleumden, etwas wird schon hängen bleiben.”
 
Auch in diesen Tagen zeigen die Deutschen Kulturschaffenden keine Sympathie für Protestbewegung in Frankreich.
Sie sind mit sich selbst stark beschäftigt, es müssen so viele Preise abgeholt werden.
Da ist “sich selbst zu feiern” wichtiger als z. B. eine Unterstützung oder Grußadresse für die berechtigten Proteste der Gelbwesten-Bewegung.
 
MfG 
B. Schroeder


3. Leserbrief

Hallo NDS,

welche Kulturszene? schießt es mir da spontan durch den Kopf.

Kultur/Die Künste brauchen neben gedanklicher und seelischer Unabhängigkeit ja auch Publikum – wenn es wenig Menschen gibt, die eine Lehre von gedanklicher und seelischer Unabhängigkeit begreifen und akzeptieren möchten, dann sieht es schlecht aus für den Kulturbetrieb, für seine ureigene Bedeutung – angeblich war die Riefenstahl ja auch für Konst und Koltor zuständig, nicht wahr.

Sie schrieben vor einiger Zeit etwas über das Verbot des Wortes “Neger” im Skript eines Theaterstückes. Damit ist eigentlich schon alles gesagt.

Wenn (deutsche) Kulturschaffende in weiten Teilen auf so eine Weise an den Urgrund ihres Strebens – Wahrhaftigkeit – herangehen und sich nicht gegen Instrumentalisierung und Fremdbestimmung wehren, dann verdienen sie ohnehin die Ablösung durch eine ideologisierte Pseudo-Kultur (also Kitsch, im besten Fall), gestaltet durch weniger intelligentes und dafür umso mehr gedrilltes Personal. Das ist dann eben politisch korrekt, behauptet ohne Unterlaß, seine Plumpheit sei gesellschaftskritische Satire, und läßt sich nicht dazu hinreißen eine Position wie die der Gelbwesten zu beleuchten. Gesellschaftskritik: ja – aber bitte mit Stempel.

Nehmen Sie zum Beispiel die seit einigen Jahren gängige Praxis in vielen europäischen Städten, von Straßenkünstlern eine Gebühr für ihren “Standplatz” zu verlangen – schon ganz unten geht die ideologisierte (- marktkonforme, es setzt sich schließlich immer der Massentauglichste finanziell durch -) Kontrolle des Kulturbetriebes los, und ich habe bis jetzt keinen Protest darüber mitbekommen. Elitäres Kulturpersonal beschäftigt sich mit solchen “sozialen” Dingen eben nicht mehr, selbst wenn es ihr Metier betrifft.

Deutschland als Propagandaziel Nr. 1 in der westlichen Welt ist auch im kulturellen Betrieb massiven Angriffen; Manipulationen und Kontrollen ausgesetzt – ich möchte sogar behaupten, daß eine relevante, wirkmächtige Kulturszene bis heute erfolgreich verhindert worden ist, teils von staatlicher Seite und den “Diensten” (siehe zum Beispiel Agee’s Berichte über die Anbiederung des CIA an sogenannte “linke Künstler”), teils von der ängstlichen Borniertheit der Bevölkerung.

Denn: nicht auszudenken, was in den Hirnen und Herzen der Leute entstehen könnte, wenn die Macht der Herrschafts-Frames und die Wirksamkeit der Entmündigung durch das Heranführen an die eigene innere Stärke geschwächt werden würde.

Wie soll ein Volkshaufen, der – wenn er überhaupt davon Wind bekommen durfte – die Provokationen eines Meese für bare Münze nimmt, Aktionen des “Zentrums für politische Schönheit” als wegweisende aufklärerische Arbeit versteht und den Zenit der audiovisuellen Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte bei “Schindlers Liste” vermutet, denn einen lebendigen und intelligenten Kulturbetrieb am Leben erhalten, der dann auch für statt gegen seine eigenen Interessen handelt?

Mit freundlichen Grüßen
Johannes Bichler


4. Leserbrief

Sehr geehrte NDS,

Gerade letztens stieß ich auf folgende(n) Künstler(in).

Da gibt es sogar einen Song mit dem Titel “Yellow Is My Vest”.

Es gibt auch einen humorvollen, philosophischen kleinen Video-Clip.

Es scheint sie vereinzelt zu geben, die Künstler und KomponistInnen ohne Budgets, die sich nicht unterordnen und trotzdem Schönes, Inhaltsvolles und Originelles hinbekommen..

Es schmerzt, daß so etwas, abgesehen von einer handvoll Klicks, ansonsten unbemerkt untergeht. Nachdem ich Ihren interessanten Artikel über den Aufruf französischer KünstlerInnen las, und die duckmäuserischen Zustände hierzulande, wollte ich Sie zumindest auf kleine Hoffnungsschimmer aufmerksam machen..

Mit respektvollen, freundlichsten Grüßen aus dem Rheingau,
Katja Buttbolt


5. Leserbrief

Sehr geehrte NachDenkSeiten-Redaktion, sehr geehrter Herr Tobias Riegel,

mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel vom 10. Mai d. J. gelesen.

Es ist wirklich beeindruckend, wie sich die vielen französischen Künstler und Kulturarbeiter in die öffentliche Debatte mit Ihrem engagierten Appell einmischen und sich mit den “Gelbwesten”solidarisieren.

Der Aufruf ist wirklich begrüßenswert.

Ich möchte Sie darauf hinweisen, das in diesem Zusammenhang aber jetzt auch die deutsche Kunst- und Kulturszene mobil macht.

Es existiert aktuell ein Entwurf für ein “Manifest für Gegenkultur”, welcher von der linken Kulturzeitschrift “Melodie & Rhythmus” (m&r) initiiert ist, die diesen zur Zeit von internationalen Künstlern und Intellektuellen kommentieren läßt und deren Anmerkungen, Ergänzungen und Kritik im Rahmen einer öffentlichen Konferenz am Pfingstsamstag, den 08. Juni 2019, ganztägig in Berlin diskutieren.

Daran nehmen z. B. Konstantin Wecker (Liedermacher), Volker Lösch (Regisseur), Rolf Becker (Schauspieler), Gisela Steineckert (Schriftstellerin), Ekkehard Sieker (Redakteur »Die Anstalt«), Esther Bejarano (Sängerin), Moshe Zuckermann (Kunsttheoretiker), Stefan Huth (Chefredakteur junge Welt), Wieland Hoban (Komponist), Mesut Bayraktar (Schriftsteller),  Diego Castro (Musiker, Maler), Dieter Süverkrüp (Maler, Liedermacher, Kabarettist) [angefragt], Dieter Krauss (Redaktion »Die Anstalt« und »heute-Show«), Erich Hackl (Schriftsteller), Maria Kniesburges (Chefredakteurin ver.di Publik, angefragt), Ekinsu Devrim Danış (Redakteurin Evrensel Kültür)  u.v. a. teil. 

Diskutiert wird über das “Manifest für Gegenkultur“, zu den Themenbereichen: Rechtsentwicklung in der Kultur, »Das Schweigen der Musen unter den Medien« − im Bann von Manipulationsästhetik und (digitalisierter) Meinungsmache, Zu den Möglichkeiten und Grenzen widerständiger Kunst und Kultur in der Warengesellschaft, Widerstand und Poesie, »Utopie von der Freiheit des Menschen« − revolutionäre Kunst und Kultur heute, linke Agitationskultur, »Im Vergangenen den Funken der Hoffnung anfachen«,  Internationale Front gegen rechts.

Es ist also in Deutschland, so ist zu hoffen, Licht am Horizont. Und ich denke und hoffe, die NachDenkSeiten werden auch hier am Ball bleiben!

Kartenbestellungen sind beim Veranstalter hier möglich.

Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Ackermann


6. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Riegel,
natürlich lässt sich berechtigt die Frage stellen, warum deutsche Künstler die Geldwestenbewegung so wenig unterstützen. Aber eine Antwort geben sie in der Überschrift ja selbst, wenn sie einfach aus dem Bauch heraus behaupten: “Die deutsche Kulturszene schweigt zum Sozialen”. Für mich ein völlig unsachlicher Angriff auf die Kulturschaffende hier, die sich gerade sozial engagieren – nur vielleicht anders, wie von Ihnen gewünscht. Es gab übrigens auch schon vor “Aufstehen” Menschen die aufstanden. Ich würde es zumindest begrüßen, wenn die Auseinandersetzung mehr sachlich geführt wird, statt durch Angriffe auf Kulturschaffende, weil sie eine andere Sichtweise haben als Sie oder auch Herr Stegemann (der für mich übrigens schon deshalb sehr kurios ist, weil er sich zwar vehement gegen jede Art Moralisierung wendet, selbst aber über eine Moralisierung typisch kapitalistischer Erscheinungen nicht hinauskommt). Mit solchem Umgang mit Andersdenken schrecken Sie eher ab, als die Kräfte für eine soziale Gesellschaft zu stärken.
In diesem Sinne Ihr wenig hoffnungsvoller
Armin Kammrad


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