Interview mit einer Unbekannten aus dem Donbass
Interview mit einer Unbekannten aus dem Donbass

Interview mit einer Unbekannten aus dem Donbass

Ein Artikel von: Redaktion

Es gibt Prominente aus der Ukraine und dem Donbass, über die man lesen kann bzw. die in Interviews zu Wort kommen. Politiker, Aktivisten, humanitäre Helfer auf beiden Seiten der Frontlinie findet man – zwar selten, aber doch immer wieder – in den Medien. Das sind Menschen, die eine aktive Rolle in dem herrschenden Konflikt spielen, und sei sie noch so klein. Aber wie geht es den einfachen Menschen, die in diesem Kriegsgebiet leben (müssen)? Die unpolitisch sind, die einfach nur überleben wollen – die „99%“ – die Opfer, die es in jedem Konflikt gibt. Andrea Drescher sprach für die NachDenkSeiten mit einem dieser Opfer: einer Frau aus dem Donbass, die ihre Identität nicht offenbart, weil sie Angst hat und anonym bleiben möchte [*].

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Warum hast du Angst?

Ich lebe in der DNR (Volksrepublik Donezk), meine Eltern sind tot. Ich fahre aber häufig in die Ukraine, weil meine Schwiegereltern dort leben. Sie wohnen gut 65 Kilometer von Donezk entfernt auf dem Territorium der Ukraine in einer Siedlung. Außerdem verreise ich gerne und möchte das auch in Zukunft tun. Da ich einen ukrainischen Pass habe, muss ich über die Ukraine ausreisen. Das Passieren der Grenze ist so schon schwer genug, da möchte ich keine zusätzlichen Probleme bekommen.

Was gibt es denn an der Grenze für Probleme?

Ich warte meist zwischen 3-4 Stunden am Blockposten, um die DNR zu verlassen, und dann nochmals gut 20 Minuten bei der Einreise in die Ukraine.

Bedeutet das, dass die Grenzposten der DNR das eigentliche Problem sind?

Leider ja. Man kann natürlich auch schneller über die Grenze kommen – das ist alles eine Frage des Geldes. Korruption gibt es auf beiden Seiten, besonders aber leider auf Seiten der DNR-Milizen.

Das heißt, du hast vor beiden Seiten Angst?

Ja. Ich stecke zwischen zwei Mühlsteinen. Ich lebe in der Republik und fahre immer wieder in die Ukraine. Man kann mir die Ein- und Ausreise verbieten. Ich kann von beiden Seiten verhaftet werden, und das, obwohl ich immer gesetzestreu lebe. Ich habe Angst, etwas zu sagen, was „ihnen“ nicht gefällt. Ich weiß nicht einmal, was ich sagen darf und was nicht. Sie machen, was sie wollen. Beide Seiten. Ich fühle mich nicht rechtlich abgesichert. Auch in Donezk nicht. So etwas mögen Sie vermutlich nicht hören, ist aber so.

Kannst du mir etwas zu deiner Person erzählen?

Ich bin Mitte Vierzig, verheiratet und habe zwei Kinder. Ich habe Lehramt studiert und arbeite als Lehrerin. Ich bin also in einer wirklich privilegierten Situation.

Inwiefern privilegiert?

Ich habe Arbeit und bin schon lange in der Schule tätig. Ich unterrichte mehr als die üblichen 18 Stunden in der Woche. Daher ist mein Gehalt nicht so niedrig wie bei vielen jungen Lehrern. Mit ca. 140 Euro im Monat ist es zwar knapp, aber da ich nebenbei noch Privatunterricht gebe und mein Mann neben seiner Pension auch noch arbeiten geht, haben wir ein halbwegs gutes Auskommen, so dass ich auch ab und zu reisen kann. Wer weiss, wie lange noch. Den meisten Menschen geht es viel, viel schlechter. Die Preise sind hoch, der Durchschnittslohn gering.

Wie schaut denn die Preissituation aus?

Die Preise für Miete, Heizung und Strom sind niedrig, niederiger noch als in der Ukraine, da sie von der Regierung gestützt werden. Auch hier stellt sich natürlich die Frage, wie lang noch, denn der Regierung fehlen ja auch die notwendigen finanziellen Mittel. Bei Lebensmitteln ist es unterschiedlich. Einfache Grundnahrungsmittel wie Brot sind bei uns auch günstiger als in der Ukraine, dafür ist die Qualität von vielen Produkten auch nicht besonders. Ca 5 Euro zahlt man für ein Kilo Schweinefleisch, 7 Euro für ein Kilo Rindfleisch. Gemüse oder Obst sind teilweise fast so teuer wie in Deutschland, qualitativ gute Waren sind überhaupt sehr, sehr teuer.

Für meine Familie ist das alles noch handhabbar, aber eine Veteranin muss sich von 30 Euro Rente im Monat nicht nur Lebensmittel, sondern auch noch ihre Medikamente kaufen. Brutal gesagt: Manche müssen entscheiden, ob sie an mangelnder medizinischer Versorgung oder an Hunger sterben wollen. Es gibt sehr viele, die mit 50 Euro Lohn im Monat auskommen oder keine Arbeit mehr haben.

Wie überleben die Menschen denn mit so wenig Geld?

Es bedeutet sehr viel Stress, fast alle müssen enorm viel tun, um zu leben, zu überleben. Ob es überhaupt genug Arbeit gibt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall gibt es kaum gut bezahlte Tätigkeiten mehr, oft wird die Arbeit sehr schlecht entlohnt. Welcher Familienvater kann seine Familie mit 50 Euro im Monat durchbringen? Immer mehr Menschen gehen nach Russland, Polen oder Tschechien, um dort zu arbeiten. Drei Monate kann man ja fast überall hin, aber das zerreißt die Familien. Man kommt ja oft nur noch alle drei Monate für ein paar Tage zusammen. Die Kinder einer Nachbarin von mir sehen ihren Vater kaum noch. Sie bleibt jetzt wegen ihrer Kinder zuhause. Die meisten werden immer ärmer. Unsere Mittelschicht ist fast komplett verschwunden. Einige wenige leben heute deutlich besser als früher, die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind aber viel krasser geworden.

Viele kommen nur dank ihres eigenen Gartens über die Runden. Fast jeder, der ein Grundstück besitzt, baut Kartoffeln und Gemüse an. In der Stadt haben wir diese Möglichkeit natürlich nicht – da ist auch das Wasser zu teuer, das man benötigt, um Pflanzen zu bewässern.

Gibt es Unterstützung aus Russland?

Ohne die Hilfe Russlands könnte die DNR nicht überleben. So werden Altersheime oder Kliniken mit Hilfsgütern versorgt. Russland stellt Lebensmittel und auch Medikamente zur Verfügung, die ich aber, wenn ich ins Krankenhaus gehe, teuer bezahlen muss. Auch fast jede Operation muss ich selbst finanzieren, während sie für Ukrainer im Krankenhaus von Donezk kostenlos ist.

Wie bitte – kostenlose Operationen für Ukrainer?

Ja. Es gibt ein Programm „Wiederkehr des Volkes“, mit dem man die Bevölkerung wieder zusammenführen will. Da es bei uns in Donezk sehr gute Ärzte gibt, kommen viele Menschen von der anderen Seite der Frontlinie zu uns ins Krankenhaus.

Sind du und deine Familie direkt vom Krieg betroffen?

Ich lebe in einer Wohnung gut 5 Kilometer vom Flughafen und ziemlich weit vom Stadtrand entfernt. Trotzdem gab es zweimal massiven Beschuss, den wir aber ohne Schäden überstanden haben. Direkten Beschuss erleben wir jetzt keinen mehr – aber drei Mal pro Woche knallt es sicher bei uns in der Nähe. Besonders schlimm ist es meist abends, in der Nacht bis etwa morgens um fünf Uhr.

Wie schaut denn die Lage der alten Menschen aus?

Es ist eine Katastrophe. Um ihre Rente von der Ukraine zu bekommen, müssen sie einmal alle 60 Tage in die Ukraine ausreisen und sich dort ihr Geld holen. Tun sie das einmal nicht, entfällt ihr Rentenanspruch. Sie müssen sich erneut bei den Ämtern registrieren und die Rente wieder beantragen. Für viele kranke alte Menschen eine unmögliche Prozedur. Die Gerüchte besagen, dass pro Woche drei Rentner beim Warten an der Grenze umkommen. Ich habe es selbst schon erlebt, dass Menschen dort gestorben sind, während wir auf die Einreise warteten. Die Rente der DNR reicht bei weitem nicht aus, schon gar nicht, wenn man die Kinder noch unterstützen muss.

Verstehst du dich als Ukrainerin, Russin oder DNR-lerin?

Mein Eltern sind Ukrainer, mein Bruder lebt in Russland, hat aber in der ukrainischen Armee gedient. Ich bin Ukrainerin und möchte das auch bleiben. Es gibt ja auch vieles, mit dem ich in der DNR nicht einverstanden bin. Viele gute Ideen, viele Hoffnungen, die wir am Anfang hatten, sind inzwischen zerstört. Die Lage ist heute wirklich nicht gut.

Was denkst du über die neuen russischen Pässe?

Das ist in meinen Augen ein zweischneidiges Schwert. Für Menschen, die von der Ukraine keinen Pass bekommen, deren Pass ausgelaufen ist oder die beispielsweise in der Armee sind oder waren, ist es sicher ein unverzichtbares Dokument. Da ich selbst über einen biometrischen Pass der Ukraine verfüge, ist ein russischer Pass für mich aber keine Option. Man bekommt ihn nur in Rostov am Don. Das bedeutet Reisekosten, dann die Übersetzungskosten für die Geburtsurkunde und die Kosten für den Pass selbst – da kommen schnell 200 Euro zusammen. Außerdem muss ich dann für Reisen nach Europa ein Visum beantragen, das mir mit Wohnsitz Donezk auch verweigert werden kann. Mit dem Pass der Ukraine kann ich jederzeit in die EU einreisen.

Bist du selbst politisch aktiv?

Nein. Ich war und bin nicht organisiert, in keiner Partei. Ich habe kein Vertrauen zu politischen Organisationen. Bei den Festen zum 1. Mai oder zum 9. Mai bin ich gerne dabei, aber schon wenn von der Schuldirektion angeordnet wird, dass zum Tag der Republik 20 Lehrer zu erscheinen haben, habe ich keine große Lust, dabei zu sein. Ich habe auch genug zu tun, mein eigenes Leben und das meiner Familie zu organisieren.

Wie beurteilst du die Lage in der DNR allgemein?

Für mich war der Krieg von Anfang an ein Wahnsinn, der nur zu menschlichem Leiden führen konnte. Wie bereits erwähnt, es gab in der DNR anfänglich gute Ideen, die aber dann von machtorientierten Menschen missbraucht wurden. Der Tod von Präsident Alexander Zakharchenko war für fast alle Menschen in der DNR eine große Tragödie. Er war sehr menschlich und problemorientiert, wollte den Menschen helfen.

Die neue Regierung der DNR ist … immer noch neu. Neue Besen kehren gut. Es wird aber wieder privatisiert – auch das, was erst durch die frühere Regierung ins Volkseigentum übertragen wurde. Man sieht zunehmend mehr Oligarchen. Die sind zwar noch nicht ganz so reich wie in der Ukraine, die Mechanismen dahinter sind aber leider die gleichen. Kriegsgewinnler sieht man überall, teure Autos, teure Wohnungen, purer Luxus, während die Mehrheit der Bevölkerung immer ärmer wird.

Das Bewusstsein, dass letzten Endes die normale Bevölkerung nur leidet, während einige wenige sich bereichern, wird auf beiden Seiten der Frontlinie immer stärker! Während ich in der Anfangszeit oft mit meinen ukrainischen Freunden und Bekannten gestritten habe, merken sie es jetzt immer deutlicher, dass auch sie zu den Verlierern gehören. Arbeitsplätze gehen verloren, die Wirtschaft wird immer schwächer, vieles wurde privatisiert. In Notfällen fehlt jegliche soziale Absicherung. Auch wenn die Menschen in der Ukraine nicht unter Beschuss leiden müssen, ihre Lage hat sich in den letzten 5 Jahren erheblich verschlechtert.

Besonders schlimm ist die Situation für junge Menschen, Kinder und insbesondere die Jugendlichen. Sie fühlen sich teilweise isoliert, im Stich gelassen, eingesperrt. Sie sehen keine Zukunft für sich, haben jetzt 5 Jahre Leid hinter sich. Das belastet mich natürlich als Lehrerin, da ist nicht sehr viel Freude auf die Zukunft zu spüren, was in diesem Alter eigentlich normal wäre.

Hast du denn Hoffnung für die Zukunft?

Ich hoffe sehr, dass dieser Krieg, dieser Wahnsinn irgendwann endet. Das Leid kann nicht endlos so weitergehen. Ohne Hoffnung geht es nicht.


[«*] Den NachDenkSeiten ist die Identität der Gesprächspartnerin bekannt.


Titelbild: IgorGolovniov / shutterstock.com

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