Vor 100 Jahren, am 28. Juni, wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet. Darüber, über die Folgen und die Schuld am 1. Weltkrieg wird wieder heftig diskutiert.
Vor 100 Jahren, am 28. Juni, wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet. Darüber, über die Folgen und die Schuld am 1. Weltkrieg wird wieder heftig diskutiert.

Vor 100 Jahren, am 28. Juni, wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet. Darüber, über die Folgen und die Schuld am 1. Weltkrieg wird wieder heftig diskutiert.

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Persönlich halte ich nicht allzu viel davon, sich 100 Jahre später über die Kriegsschuldfrage die Köpfe heiß zu reden. Was ist die Konsequenz, wenn wir heute feststellen, dass anders als in Versailles vereinbart die Deutschen nicht oder nicht allein die Schuldigen am Ersten Weltkrieg sind? Hilft uns das irgendetwas bei der Bewältigung der heutigen Konflikte? Lernen wir daraus für den Umgang mit Russland? Und mit den USA? Und mit Großbritannien? Wie auch immer – im Folgenden finden Sie ein paar Links auf Teile der Debatte von heute und von früher. Und dann auch noch eine kleine Nachbetrachtung anlässlich eines Besuches auf dem Friedhof und Soldatenfriedhof der kleinen französischen Stadt Tréguier in der Bretagne und in Oradour. Albrecht Müller.

Die folgenden Hinweise und Links sind eine sehr begrenzte Auswahl – ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Diskussion wurde in den letzten Wochen immer wieder von Willy Wimmer, Wolfgang Bittner und Freunden angestoßen.

Willy Wimmer hat zusammen mit Alexander Sosnowski dazu ein Interview-Buch veröffentlicht: Alexander Sosnowski/Willy Wimmer, Und immer wieder Versailles – Ein Jahrhundert im Brennglas.

Wolfgang Bittner hat dieses Buch besprochen:

Willy Wimmer interviewt von Alexander Sosnowski

Eine Buchbesprechung von Wolfgang Bittner.

kenfm.de – Versailles – Ursache und Folgen/

Versailles – das ist heute unter Historikern nahezu einhellige Meinung – war schicksalhaft für Deutschland. Mit dem demütigenden und ruinösen Vertrag von Versailles, der Hitler zur Macht verhalf, begann der Untergang des Deutschen Reiches. Die Militärführung hatte, vertrauend auf den 14-Punkte-Plan des amerikanischen Präsidenten Wilson, der einen „gerechten Frieden“ versprach, nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 sämtliche Waffen an die Alliierten abgegeben und sich damit auf Gedeih und Verderb in die Hände der Siegermächte begeben. Der französische Marschall Ferdinand Foch triumphierte, jetzt sei Deutschland den Siegern auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Erpressung und Drohungen, in Deutschland einzumarschieren hatten zur Folge, dass den Vertretern des Deutschen Reichs nichts anderes übrig blieb, als am 28. Juni 1919 den Versailler Vertrag mit seinen übermäßig harten Bedingungen (unter Protest) zu unterschreiben und damit die Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg zu bestätigen.

Der Publizist Alexander Sosnowski und der Sicherheitsexperte und Staatssekretär a. D. Willy Wimmer haben jetzt einen Interview-Band mit dem Titel „Und immer wieder Versailles“ veröffentlicht, der Untertitel lautet: „Ein Jahrhundert im Brennglas.“ Schon in seinem Vorwort schreibt Wimmer, das Jahr 2019 lade zur Rückbesinnung ein: „Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg – alles Geschichte, oder was? Nein, denn Gras darüber wachsen zu lassen wäre nur angebracht, wenn uns die Entwicklung den Frieden beschert hätte. Doch die Konferenz von Versailles vor genau einhundert Jahren sollte diesem Zweck nicht dienen.“

Wolfgang Effenberger hat ebenfalls darüber geschrieben. Siehe hier:

Krieg und Frieden
Zur Diskussion gestellt
Das Diktat von Versailles: Krönung der antideutschen Strategie

Die andere Position wurde 1964 von Rudolf Augstein auf der Basis der Forschungen von Fritz Fischer, veröffentlicht in  Fritz Fischers historischem Wälzer (Rudolf Augstein) “Griff nach der Weltmacht”, formuliert:

11.03.1964

Lieber Spiegel-Leser!

Ich muß mal wieder das eigene Nest beschmutzen.

Kaum einer von uns, der nicht gelernt hätte, daß der Erste Weltkrieg, der den Europäern das Konzept verdarb, einer unglücklichen Verkettung von Umständen entsprungen sei. Die europäischen Nationen, mit dem Wort des englischen Premiers Lloyd George, seien “in den Krieg hineingeschlittert”. So steht es bis heute in den Schulbüchern, und so lehren uns die Senioren der Geschichtswissenschaft von Gerhard Ritter bis Hans Herzfeld.

In der Tat, da die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg nicht wohl bestritten werden kann, wäre es höchst praktisch, Deutschland wenigstens für den Ersten Weltkrieg einen Freispruch zweiter Klasse einzuhandeln, in einer Reihe mit den anderen vier europäischen Großmächten, “wegen entschuldbaren Verbotsirrtums” gewissermaßen.

Unglücklicherweise zeigen die neuesten Forschungen, daß davon nicht die Rede sein kann. Auch der Erste Weltkrieg, wie der Zweite, ist entstanden, weil das Bismarck-Reich das ihm von seinem Gründer angemessene Korsett sprengen und eine Weltstellung mit Gewalt erobern wollte, wie sie die USA nur zwischen 1940 und 1955, und auch das nicht absichtsvoll, innehatten.

Die Ergebnisse der „neuesten Forschungen“, wie Rudolf Augstein das nennt, hatten keine unendliche Gültigkeit. Es gab Widerstand. Davon handelt der Artikel in der Wochenzeitung die Zeit aus dem Jahr 2014. Hier geht es um den Disput von Clark gegen Fischer:

Nun schlittern sie wieder

Mit Clark gegen Fischer: Deutschlands Konservative sehen Kaiser und Reich in der Kriegsschuldfrage endlich rehabilitiert

Eine Analyse von Volker Ullrich.

Bringt uns die Klärung der Kriegsschuldfrage weiter? Kommen wir weiter, wenn wir zum morgigen 100-Jährigen des Versailler Vertrages feststellen können, dass dieser für Deutschland knebelhafte und unwürdige Vertrag mitverantwortlich ist für den Zweiten Weltkrieg und für die Machteroberung der Nationalsozialisten?

Nach meinem Eindruck führt diese Debatte nicht wirklich weiter. Stattdessen sollten wir lieber überlegen und nachforschen, wie es dazu kommen konnte, dass wir 74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einer neuen Konfrontation zwischen West und Ost, zwischen dem Westen und Russland stecken, und auch der Konflikt, ein kriegerischer Konflikt zwischen dem Westen und China nicht auszuschließen ist. Und wir sollten Abhilfe schaffen. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen:

Bundespräsident Steinmeier hat am 16. Juni 2019, also vor wenigen Tagen, in Finnland eine Rede gehalten. Siehe hier.

Hier wird sichtbar, dass der oberste Repräsentant unseres Volkes am Konfliktaufbau mitarbeitet. Kräftig mitarbeitet. Ich werde diesen Text in den nächsten Tagen kommentieren und in einen weiteren Kontext stellen. Heute wollte ich schon darauf hinweisen, weil es wirklich lohnt, diesen Text in sich aufzunehmen. Ich bin gespannt, wie Sie diese Rede sehen.

Da ich vom späten Aufrechnen von Kriegsschuld nicht viel halte und mehr davon, dass man sich über das Grauen und das Leid von Kriegen verständigt, war ich in den letzten Tagen zusammen mit französischen Freunden in Oradour und vorher auf einem Soldatenfriedhof in Tréguier.

In Oradour sind am 10. Juni 1944, also vor 75 Jahren und 17 Tagen, 624 Bewohner dieses Dorfes erschossen und verbrannt worden. Das Morden erledigte eine SS-Einheit. Ihr Chef Heinz Lammerding lebte nach dem Krieg als Bauunternehmer in Düsseldorf und starb als Rentner im schönen oberbayerischen Bad Tölz.

Ich glaube nicht daran, dass das Mordkommando tätig wurde, weil Deutschland – auch von den Franzosen – durch den Versailler Vertrag gedemütigt wurde.

Auf den Tafeln in Oradour, auf denen das Geschehen skizziert und beschrieben wurde, wird gelegentlich auch auf die Massaker in der damaligen Sowjetunion hingewiesen. Das weitet den Blick und macht das Geschehen vom 10. Juni 1944 auf eine besondere Weise aktuell. Gegenüber dem Osten, gegenüber Russland, wird heute der Feindbildaufbau geübt und praktiziert.

Auf Gedenktafeln im Eingangsbereich des Friedhofes des Städtchens Tréguier in der Bretagne sind die Zahlen der Opfer des Ersten Weltkrieges festgehalten worden – über 9 Millionen Tote, über 23 Millionen Verletzte, Durchschnittsalter 21 Jahre.

750.000 Tote alleine in der Schlacht von Verdun:

Im Krankenhaus der Stadt wurden im Ersten Weltkrieg französische und deutsche Verwundete gepflegt. Die Toten wurden dort begraben. Das ist der an den Friedhof der Stadt angefügte Soldatenfriedhof mit lauter deutschen Namen:

So viel dazu und zur Relevanz der Kriegsschuldfrage.

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