„Über den Einsatz von Uranmunition und die Folgen zu berichten, ist auch heute noch nicht einfach“
„Über den Einsatz von Uranmunition und die Folgen zu berichten, ist auch heute noch nicht einfach“

„Über den Einsatz von Uranmunition und die Folgen zu berichten, ist auch heute noch nicht einfach“

Ein Artikel von: Redaktion

Der Einsatz von Uranmunition ist ein Kriegsverbrechen. Und: Uranmunition wurde eingesetzt, ihre Wirkung ist verheerend. Dieser Auffassung ist der Autor und Dokumentarfilmer Frieder Wagner. Im NachDenkSeiten-Interview geht Wagner auf die Gefahren der Uranmunition ein und berichtet von seinen Erfahrungen mit deutschen Medien zu dem Thema. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Wagner, Sie zitieren in Ihrem Buch die Antwort eines Spiegel-Redakteurs aus dem Jahr 2001 auf Ihre Anfrage, warum nicht mehr über die Verwendung von Uranmunition im Irak berichtet werde. Sie zitieren ihn wie folgt: „Es gibt in der BRD seit einiger Zeit bestimmte Themen, die tabu sind. Und zu diesen Themen gehört auch das »Tabu-Thema Uranmunition« und Sie, Herr Wagner, werden heute auch mit ihrem Fachwissen in keiner der großen Tageszeitungen oder dem Fernsehen einen kritischen Hintergrundbericht über Uranmunition und die Folgen unterbringen.“ Die Aussage liegt lange zurück. Ist sie noch immer aktuell?

Über den Einsatz von Uranmunition und die Folgen zu berichten, ist auch heute noch nicht einfach. Ich möchte das mit einer Geschichte belegen, die eine junge ZDF-Redakteurin mir berichtet hat.

Gerne.

Ihre Eltern sind Kroaten. Die Redakteurin selbst ist in München geboren und sie ist darüber informiert gewesen, dass im Jugoslawienkrieg auch in Kroatien Uranmunition und -granaten eingesetzt worden sind. Sie hatte die Idee, über die Folgen, die heute besonders bei Kindern akut sind, einen Fernsehbeitrag zu realisieren. Dazu wollte sie mit mir zunächst ein reines Recherchegespräch führen, also ohne Kamera. Sie beantragte deshalb bei ihrem Vorgesetzten einen Reiseantrag zu mir. Als Ihr Vorgesetzter fragte, mit wem sie in Köln sprechen wollte, nannte sie natürlich meinen Namen. Der Vorgesetzte reagierte daraufhin so, dass er zu ihr sagte: Frieder Wagner? Moment mal, da war doch etwas? Kommen Sie doch morgen noch mal zu mir. Als sie am nächsten Tag wiederkam, erfuhr sie, dass ihr Reiseantrag abgelehnt worden war.

Wann war das?

Das war vor etwa drei Jahren.
Ich selbst hatte die Idee, zum 8. Dezember 2018 eine investigative Geschichte über die Folgen des Flugzeugabsturzes in Remscheid zu realisieren, der sich an diesem Tag zum 30. Mal gejährt hatte. Damals war ein amerikanischer A-10-Jagdbomber in die Stockder Straße von Remscheid gestürzt und hatte ein furchtbares Inferno ausgelöst. Denn die Maschine hatte nicht nur chemische Kampfstoffe an Bord, sondern war wahrscheinlich auch mit Uranmunition aufmunitioniert gewesen. Was bis heute allerdings geleugnet wird. Was aber mit Sicherheit Tatsache war, ist, dass in den Tragflügeln des Jagdbombers damals noch Ausgleichsgewichte von ca. 100 kg abgereichertem Uran verwendet worden waren, die in jedem Fall damals verbrannt sind, mit allen furchtbaren Folgen von Erkrankungen an Krebs und Leukämien bei den Bewohnern und Missbildungen bei damals Neugeborenen. Der Vorschlag, darüber ein investigatives Feature zu machen, wurde leider auch nach 30 Jahren abgelehnt.

Die NachDenkSeiten haben das Thema Uranmunition zwar schon öfter aufgegriffen, aber bitte, erklären Sie den Lesern, die noch nichts davon gehört haben, was damit gemeint ist.

Uranmunition und Uranbomben sind die wohl furchtbarsten Waffen, die heutzutage in Kriegen eingesetzt werden, weil sie die Menschheit unweigerlich in den Abgrund führen. Urangeschosse und -bomben werden aus einem Abfallprodukt der Atomindustrie hergestellt. Stellt man aus Natururan Brennstäbe für Kernkraftwerke im Gewicht von einer Tonne her, entstehen ca. acht Tonnen so genanntes abgereichertes Uran 238 als Abfallprodukt. Englisch heißt das „Depleted Uranium“ – kurz auch DU genannt. Weltweit gibt es davon inzwischen etwa 1,3 Millionen Tonnen und es werden täglich mehr. Und da dieses Abfallprodukt abgereichertes Uran als Alphastrahler auch radioaktiv und dazu als Schwermetall, wie Blei, hochgiftig ist und eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren hat, muss es entsprechend gelagert und bewacht werden und das kostet Geld – viel Geld.

Warum verwendet das Militär überhaupt diese Munition?

Nun, man stellte sich sehr bald die Frage: Wie wird man dieses radioaktive und hoch giftige Abfallprodukt wieder los? Da entdeckten die Waffenentwickler der Militärs vor etwa 4-5 Jahrzehnten, dass dieses Metall, das als Abfall sehr billig zu haben ist, für militärische Zwecke zwei ganz ausgezeichnete Eigenschaften besitzt: Formt man dieses Metall zu einem spitzen Stab und beschleunigt ihn entsprechend, dann durchdringt er aufgrund seines enormen Gewichtes Stahl und Stahlbeton wie heißes Eisen ein Stück Butter.

Was passiert, wenn so ein Geschoss auf einen Panzer trifft?

Wenn ein Urangeschoss in einen Panzer eindringt, entsteht an diesem abgereicherten Uranmetallstab ein Abrieb, der sich bei der enormen Reibungshitze von selbst entzündet. Das heißt, wenn sich ein solches Geschoss in Sekundenbruchteilen durch einen Panzer schweißt, entzündet sich das abgereicherte Uran explosionsartig von allein und die Soldaten in dem Panzer verglühen bei Temperaturen von bis zu 5000 Grad Celsius. Durch diese hohen Temperaturen explodiert dann nach kurzer Verzögerung die im Panzer befindliche Munition und der Panzer wird so völlig zerstört. Das heißt, wegen dieser beiden Eigenschaften: Stahl und Stahlbeton wie Butter zu durchdringen und die Fähigkeit, sich selbst explosionsartig zu entzünden und so wie ein Sprengstoff zu wirken, ist das Abfallprodukt „abgereichertes Uran“ bei den Militärs so beliebt.

Warum kommt es danach zu gesundheitlichen Gefahren und Risiken?

Bei den hohen Temperaturen von bis zu 5000 Grad Celsius verbrennt das Uran in diesen Geschossen zu keramisierten, wasserunlöslichen Nanopartikelchen, die 100 Mal kleiner sind als ein rotes Blutkörperchen. Das heißt, es entsteht praktisch ein Metallgas und dieses Metallgas ist weiterhin radioaktiv und hoch giftig. Auch amerikanischen Militärwissenschaftlern ist inzwischen die Tatsache bekannt, dass diese Nanopartikelchen eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen, im menschlichen oder tierischen Körper überall hinwandern können: in alle Organe, ins Gehirn, in die weiblichen Eizellen und in den männlichen Samen. Schon 1997 wurde bei fünf von 25 amerikanischen Veteranen, die seit dem Golfkrieg 1991 durch so genanntes „friendly fire“ Uranfragmente im Körper haben, abgereichertes Uran im Sperma festgestellt! Überall wo sich dieses Uran 238 im Körper ablagert, kann es, und das ist inzwischen wissenschaftlich eindeutig bewiesen, zu folgenden Krankheitsbildern kommen:

  • einem Zusammenbruch des Immunsystems wie bei Aids mit ansteigenden Infektionskrankheiten,
  • schweren Funktionsstörungen von Nieren und Leber,
  • hoch aggressiven Leukämien und anderen Krebserkrankungen,
  • Störungen im Knochenmark,

sowie genetischen Defekten und Missbildungen mit Aborten und Frühgeburten bei Schwangeren, wie wir das auch schon nach Tschernobyl gesehen haben und nun auch wieder nach der Fukushima-Katastrophe.

Gibt es dokumentierte Fälle, die die gesundheitlichen Gefahren, die von DU ausgehen, beweisen?

Natürlich, da schauen wir uns einfach die Situation in Italien an: Von 3000 italienischen Soldaten, die im Irak und im Kosovo im Einsatz waren, sind bisher 109 an Krebs oder Leukämie gestorben, weil sie nachweislich durch den Einsatz von Uranmunition in diesen Ländern erkrankt sind. 16 Familien von den so Verstorbenen wagten es, gegen ihre Regierung bzw. das italienische Verteidigungsministerium auf Wiedergutmachung zu klagen. Und siehe da: Das italienische Verteidigungsministerium wurde in allen 16 Fällen verurteilt, Entschädigungen zu bezahlen. Die betroffenen Familien erhielten Beträge zwischen 200.000 und 1,4 Millionen Euro als Wiedergutmachung ausbezahlt. Und obwohl deutsche Soldaten im Kosovo direkt neben den italienischen stationiert sind, erklärt das Bundesverteidigungsministerium auf Anfrage immer wieder, dass es ähnliche Erkrankungen und Todesfälle bei den dort eingesetzten deutschen Soldaten nicht gibt.

Die Ärzte im Krankenhaus von Kosovska-Mitrovica im Norden des Kosovo haben eine klinische Untersuchung bei 30.000 Patienten durchgeführt, und zwar im Zeitraum von 1997 bis 2000. Also zwei Jahre vor dem Kosovokrieg bis ein Jahr danach. Während in der Vorkriegszeit die Zahl der malignen Erkrankungen mit 1,98 Prozent beziffert wird, stieg sie im ersten Jahr nach dem Kosovokrieg auf 5,45 Prozent an. Noch gravierender ist der Anstieg bei den Lungenkrebs-Erkrankungen. Hier verzeichnete man 1997 noch 2,6% Erkrankte, im Jahr 2000 dann aber einen Anstieg auf 22%, Tendenz steigend. Die am stärksten betroffene Bevölkerung ist dabei die der 30- bis 40-jährigen, die als Soldaten im Kosovokrieg in der Region Pec eingesetzt waren. Dort sind von den Alliierten ungefähr zehn Tonnen Uranmunition eingesetzt worden. In der Schlussfolgerung heißt es in der Studie: »Auf Grund dieser Erforschung haben wir den bedeutenden Anstieg maligner Erkrankungen durch den Krieg und den Einsatz der Uranwaffen bewiesen.«

Wo wurde Uranmunition noch eingesetzt und wie viel davon?

Die Uranmunition wurde meines Wissens zuerst im Irakkrieg 1991 eingesetzt und zwar etwa 320 Tonnen. Dann im Bosnienkrieg 1995 und im Kosovokrieg 1999, da geben die Alliierten 10 Tonnen zu, die Serben sprechen allerdings von mindestens 30 Tonnen. Im völkerrechtswidrigen Irakkrieg 2003 wurden dann schätzungsweise 2000 Tonnen verschossen. Im Afghanistankrieg 2001 wurden sogar Uranbomben eingesetzt, die aus ausgemusterten Brennstäben aus Kernkraftwerken hergestellt wurden, denn man hat in den Bodenproben dort auch das viel gefährlichere Uran 236 gefunden. Das kommt in der Natur gar nicht vor, sondern entsteht nur bei der Wiederaufbereitung von Atombrennstäben.
Da in diesen Brennstäben auch Reste von Plutonium enthalten sind, ist die Kontamination in Afghanistan zum Teil 400% höher als im südlichen Irak um Basra herum, wo die großen Panzergefechte stattgefunden haben. Und natürlich wurden die Uranwaffen auch in Somalia, im Libanon und auch in Libyen eingesetzt, womöglich auch in Gaza. Wieviel davon, das verraten die Alliierten bis heute nicht.

Wie ist denn der Stand der Wissenschaft zu dem Thema?

Das Thema „Uranwaffeneinsatz und die Folgen“ wird von der Wissenschaft leider immer noch sehr kontrovers angegangen und diskutiert. Aufgeklärte Wissenschaftler wie zum Beispiel die Amerikaner Dr. Leonard Dietz und Prof. Dr. Asaf Durakovic, der 12 Jahre lang für das Pentagon geforscht hat, aber auch die weltweit anerkannte Strahlenbiologin Dr. Rosallie Bertell und die deutschen Wissenschaftler Prof. Dr. Siegwart-Horst Günther
und der Chemiker Prof. Dr. Albrecht Schott, um nur einige wenige zu nennen, aber auch amerikanische Militärwissenschaftler haben durch massenspektroskopische Untersuchungen eindeutig bewiesen, wie schädlich diese Uranwaffen sind und dass sie sofort verboten und geächtet werden müssten. Das fordern auch die “Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.“(IPPNW) und die „Internationale Coalition to Ban Uranium Weapons“ (ICBUW) seit vielen Jahren – leider bisher ohne Erfolg.

Sie wurden mehrmals ins Auswärtige Amt eingeladen. Was ist dabei herausgekommen?

Prof. Albrecht Schott, der Völkerrechtler Prof. Manfred Mohr und ich waren am 1. Juni 2010 zum zweiten Mal ins Auswärtige Amt zu einem 2-Stunden-Gespräch über „Uranwaffen und die Folgen“ eingeladen worden. Und dort hat nach einem eindringlichen Gespräch sogar einer der großen Verharmloser der Uranwaffen, dder damalige Leiter des Instituts für Strahlenschutz in Neuherberg bei München, Prof. Dr. Herwig Paretzke, wegen der hohen Giftigkeit der Uranwaffen ein sofortiges Verbot gefordert. Doch der Moderator des AA fasste – sozusagen als Schlusswort – zusammen, dass unsere Argumente gegen diese Waffen in der Tat sehr beeindruckend gewesen seien, aber, fügte er dann hinzu, Zitat: „das seien doch alles nur humanitäre Argumente und mit humanitären Argumenten könnte man den USA nicht kommen“. Zitatende. Das zeigt, dass wir, was diese schrecklichen Waffen betrifft, leider Vasallen der USA sind.

Wie würden Sie Ihre Erfahrungen, die Sie mit politischer Seite gemacht haben, rückwirkend einordnen?

In Sachen Uranmunition jedenfalls das Folgende:
Die Gefahren der Uranmunition waren unserer Bundesregierung seit dem Golfkrieg von 1991 und dem Kosovokrieg 1999 öffentlich zugänglich und bekannt, auch unseren damaligen Politikern wie Kanzler Schröder und Außenminister Fischer. Wer darum 2003 wie zum Beispiel unsere heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel, die auch noch studierte Physikerin ist, für den letzten Golfkrieg gestimmt hat, stimmte nicht nur für einen völkerrechtswidrigen Krieg, er war damit auch wissentlich und willentlich für das Kriegsverbrechen Uranmunition. Viele hochrangige Persönlichkeiten und Politiker, die heute in Regierungsverantwortung stehen, haben sich in Deutschland 2003 für diesen Golfkrieg ausgesprochen. Sie können sich nun nicht darauf zurückziehen, von der zwangsläufigen Verwendung von Uranmunition und den Folgen in einer solchen kriegerischen Auseinandersetzung nichts gewusst zu haben. Und sie werden sich für die Folgen eines Tages verantworten müssen.
Der amerikanische Wissenschaftler John W. Gofman, der an der Entwicklung der Hiroshimabombe mitgearbeitet hat und der auch Arzt war, schrieb schon 1979 – nachdem er die verheerende Problematik der niedrigen Alpha-Strahlung erkannt hat, in einem Offenen Brief – 1979 wohlgemerkt – also lange bevor hier über abgereichertes Uran und dessen Folgen diskutiert wurde, schrieb Gofman, Zitat:

„Ich denke, dass mindestens 100 Wissenschaftler, die sich mit den biomedizinischen Aspekten der Niedrigstrahlung beschäftigt haben – mich, Gofman, eingeschlossen – Kandidaten für ein Nürnberg ähnliches Gericht sind, da sie und ich mit ihrer großen Nachlässigkeit und Verantwor-tungslosigkeit Verbrechen gegen die Menschheit begangen haben. Denn jetzt, wo die Gefahren niedriger Alpha-Strahlung bekannt sind, ist dies nicht mehr nur ein Experiment, das wir gemacht haben, sondern Mord.”

Wenn sich unsere Regierung heute als Freund der amerikanischen Regierung bezeichnet, dann sollte sie, gerade als Freund, den Mut haben, einem verbündeten Freund zu sagen, dass er mit dem Einsatz solcher Uranwaffen nicht nur einen irreparablen Fehler begeht an Mensch und Umwelt, sondern ein Kriegsverbrechen und ein solches Kriegsverbrechen muss entsprechend geahndet werden, auch und gerade von unserer Regierung und unseren Politikern.

Sie sagen, dass es sich bei dem Einsatz von Uranmunition um ein Kriegsverbrechen handelt?

Wenn Sie verinnerlicht haben, was wir bisher besprochen haben und wenn die Wissenschaft immer weiter mehr Beweise liefert, dass die Anwendung von Uranmunition zu furchtbaren Erkrankungen und Tod führen kann – zu Erkrankungen und Tod nicht nur der kämpfenden Truppen, sondern auch von Zivilisten, Frauen und Kindern und das auch noch Jahrhunderte, Jahrtausende nach dem Einsatz dieser Waffen, dann muss man nach allen Konventionen, ob Haager oder Genfer Konvention, Nürnberger Dekrete und der UN-Charta von einem Kriegsverbrechen sprechen.
Die Rechte dieser Konventionen und Dekrete müssen der Macht den Weg weisen und ihr den Respekt vor den Grundwerten lehren. Auf Armut und Unterdrückung, Krieg und Bomben, verstümmelten, missgebildeten und getöteten Frauen und Kindern lässt sich kein Frieden bauen – nicht im Irak, nicht in Afghanistan, nicht in Somalia, nicht in Gaza und auch nicht in Libyen und Syrien – nirgendwo. In dieser Hinsicht hat sich auch unter US-Präsident Obama leider nichts geändert. Denn der hat ja offensichtlich gelogen, als er bei seiner Friedensnobelpreis-Verleihung sagte, dass er Amerikas Verpflichtung bestätigt, sich an die Genfer Konventionen zu halten. Die USA haben allein in den letzten sieben Jahrzehnten die Genfer Konventionen immer wieder und immer wieder gebrochen und mit Füßen getreten – besonders in den letzten Jahren in Sachen Uranwaffen.
In der Urteilsbegründung des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals von 1946 heißt es darum zu Recht: “Die Entfesselung eines Angriffskrieges ist das größte internationale Verbrechen, das sich von anderen Kriegsverbrechen dadurch unterscheidet, dass es in sich alle Schrecken eines Krieges vereint und anhäuft”. Und jetzt führen die Nato und unsere Verbündeten solche Angriffskriege – müssten wir da nicht sofort sagen: Raus aus der Nato?

Was sagt eigentlich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu der Problematik?

Als das so genannte Balkan-Syndrom im Januar 2001 Schlagzeilen machte, begnügte sich die WHO damit, eine vier Seiten lange Ausarbeitung (Fact Sheet Nr. 257) zu veröffentlichen, die angeblich alles Wesentliche zu diesem Thema zusammenfasst. Aber dieser Text sollte vor allem die Öffentlichkeit beruhigen, denn er enthält nur sehr allgemeine Informationen, und wo er genauer wird, ergeben sich Widersprüche zum aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Es heißt dort, die Strahlung, sofern sie überhaupt auftrete, überschreite nicht die zulässigen Grenzwerte: “Aus wissenschaftlicher Sicht erscheint es darum wenig wahrscheinlich, dass unter dem Militärpersonal im Kosovo und der Zivilbevölkerung eine erhöhte Leukämieanfälligkeit durch Kontakt mit Uranwaffen nachzuweisen ist.”

Wie kann die WHO so etwas schreiben?

Die Erklärung ist einfach: die WHO musste schon 1959 auf Druck der USA mit der Internationalen Atomenergiekommission (IAEO, engl. IAEA) ein Abkommen schließen, das ihr die Befassung mit Fragen von Strahlung und Gesundheit nur mit Zustimmung der IAEO gestattet. In dem Abkommen mit der IAEO heißt es, Zitat: “Wenn eine der beiden Parteien eine Aktivität oder ein Programm in einem Bereich beginnen will, der für die andere Partei von Interesse ist oder sein könnte, wird sie die andere Partei konsultieren, um die betreffende Frage einvernehmlich zu regeln.” Zitatende. Genau diese Verpflichtung auf eine “einvernehmliche Regelung” erlaubt es der IAEO seither, fast alle Bemühungen der WHO zu unterbinden, mögliche Zusammenhänge von Strahlung und Erkrankungen in der Bevölkerung zu untersuchen.
Dass so genannte unabhängige Untersuchungen der WHO nicht unabhängig sind, wurde 2004 durch eine Pressekonferenz des pensionierten Strahlenexperten der WHO, Dr. Keith Baverstock, deutlich: In einer Ausarbeitung der WHO machten Baverstock und seine Co-Autoren schon 2001 darauf aufmerksam, dass Luftstäube, die Uran-Aerosole enthalten, wie sie im Südirak und in Afghanistan, aber auch in Serbien und im Kosovo an bestimmten Stellen zu finden sind, sowohl radioaktiv schädlich und chemisch hoch toxisch wirken. Die damals unterdrückte WHO-Studie, die im Herbst 2001 beendet wurde, hätte laut Baverstock “Druck auf die USA und Großbritannien ausüben und den Einsatz von Uranwaffen sicher eindämmen können”. Baverstock wörtlich: „DU ist ein Alpha-Strahler und verfügt gleichzeitig über eine hohe chemische Toxizität. Beide Effekte in ihrer Wechselwirkung können einen „Cocktail-Effekt“ erzeugen, der für die Erhöhung des Krebs-Risikos verantwortlich ist.“
Keith Baverstock hat am 04.12.2008 in einer Sendung des Bayerischen Rundfunks (BR 2) sehr deutlich gesagt, dass es inzwischen in der WHO 16 ausgezeichnete Arbeiten darüber gibt, wie gefährlich die Anwendung von Urangeschossen ist, aber alle diese Studien sind im “Giftschrank” der Weltgesundheitsbehörde verschwunden – es ist unfassbar.

Was müsste unternommen werden, um den Einsatz von Uranmunition zu verbieten?

Die neuere und insbesondere die unabhängige Forschung hat bis heute hinreichend Beweise erbracht, dass Menschen, die durch Uranaerosole abgereichertes Uran in ihren Körper aufgenommen haben, seien es Soldaten oder Zivilbevölkerung, aber vor allem Kinder und Jugendliche, einer schweren Gefährdung ihrer Gesundheit und ihres Lebens ausgesetzt sind, besonders im Irak, in Afghanistan, im Kosovo, in Serbien und in Somalia, aber auch im Libanon, in Gaza und Libyen.
Das alles reicht aus, um von den Regierungen der Welt, den Vereinten Nationen und dem UN-Sicherheitsrat, aber natürlich auch von unserem Parlament ein Verbot des Einsatzes von Uranwaffen zu fordern. Denn keine Macht dieser Welt hat das Recht, auf ihren selbstherrlich gewählten Kriegsschauplätzen ganze Regionen unbewohnbar zu machen und die Menschen noch lange nach Beendigung der Kriegshandlungen zu vergiften und zu töten. Denn so vernichten wir den Lebensraum unserer Kinder und Kindeskinder und die werden uns dafür zu Recht eines Tages verfluchen.
Darum müssen wir in Deutschland unseren Bundestagsabgeordneten durch entsprechende Ansprache, Briefe, E-Mails klar machen, welche Verantwortung sie tragen, wenn sie weiter Soldaten in irgendwelche kriegerische Einsätze schicken. Wir müssen ihnen klar machen, dass sie die Verantwortung tragen, wenn diese Soldaten tot, verletzt, traumatisiert oder durch Uranwaffen kontaminiert nach Hause kommen.
Wir müssen ihnen klar machen, dass wir solche Politiker zur Verantwortung ziehen werden, wenn diese Soldaten eines Tages wegen dieser Munition krank oder durch sie missgebildete Kinder geboren werden. Wir müssen ihnen klar machen, dass es um die Zukunft unserer Kinder und dieser Erde geht. Wir müssen ihnen klar machen, dass wir mit Zynikern der Macht und ihren Kriegen nichts zu tun haben wollen.

Lesetipp: Wagner, Frieder: Todesstaub – Made in USA: Uranmunition verseucht die Welt. Promedia. 232 Seiten. 22 Euro.

Titelbild: Przemek Tokar/shutterstock.com