Bernd Hontschik über das Gesundheitssystem: „Die Diagnosen folgen dem Geld“
Bernd Hontschik über das Gesundheitssystem: „Die Diagnosen folgen dem Geld“

Bernd Hontschik über das Gesundheitssystem: „Die Diagnosen folgen dem Geld“

Ein Artikel von: Redaktion

Fehlende Solidarität, Ärzte, die sich untereinander bekämpfen, Fokussierung auf den Gewinn: Der Frankfurter Arzt Bernd Hontschik kennt unser Gesundheitssystem von innen. Auf die Abgründe, die er beobachtet hat, geht er im NachDenkSeiten-Interview ein. Eigentlich, sagt Hontschik, seien in Deutschland die Voraussetzungen für ein „exzellentes Gesundheitssystem“ vorhanden. Doch dem schönen Modell stehe die Realität eines Systems gegenüber, in dem Betriebs- und Volkswirte und Juristen das Sagen haben. Seine These lautet deshalb: „Erkranken schadet ihrer Gesundheit“. Ein Interview über den Rückzug der Humanmedizin und was es bedeutet, wenn Medizin zur Ware wird. Von Marcus Klöckner.

Was ist davon zu halten, wenn eine Regierung das Gesundheitswesen aus dem Sozialministerium ausgliedert und in einem Wirtschaftsministerium aufgehen lässt?

Wenn eine Regierung einem Bereich des Sozialsystems, in diesem Fall dem Gesundheitswesen, kein eigenes Ministerium mehr zugesteht, wenn es noch nicht einmal in einem Sozialministerium, sondern im Wirtschaftsministerium aufgeht, dann ist das ein eindeutiger Ausdruck eines politischen Konzepts. Dieses Konzept heißt: Aus dem Sozialsystem will man einen Wirtschaftszweig machen.

Spiegelt sich in diesem Schritt ein grundlegendes Problem wider, wenn es um unser Gesundheitssystem geht?

Es geht nicht mehr länger darum, dass eine reiche Gesellschaft wie die unsere einen Teil ihres Reichtums ins Gesundheitswesen steckt, zum Wohle Aller, sondern es geht nach der Umwandlung in einen Wirtschaftszweig um das ökonomische Wohl Weniger, die Reichtum aus dem Gesundheitswesen herausschöpfen. Es geht also um das Wohl Weniger. Das ist das grundlegende Problem. Dass sich ausgerechnet das sozialdemokratisch geführte Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hier als Vorreiter hervorgetan hat, ist eine besondere Ironie dieses Umwälzungsprozesses.

Sie sind seit vielen Jahren Arzt. Wie ist es aus Ihrer Sicht um unser Gesundheitswesen bestellt?

Ich glaube eigentlich, dass in Deutschland sehr gute Voraussetzungen für ein exzellentes Gesundheitswesen vorhanden sind. Dazu gehören eine technisch und personell bestens ausgestattete Humanmedizin und die solidarische Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen, die – vom Konzept her gedacht – eine moderne Medizin für alle möglich macht, unabhängig von der individuellen ökonomischen Situation. Das ist aber leider nur das schöne Modell. In den vergangenen Jahren, extrem beschleunigt durch die Agenda 2010, ist die Medizin immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden, stattdessen haben die Betriebs- und Volkswirte, Hand in Hand mit Juristen, die Führung in den Krankenhäusern übernommen. Schwarze Zahlen müssen geschrieben werden. Was keinen Gewinn verspricht, wird nicht mehr gemacht. Mit Medizin hat das eigentlich nichts mehr zu tun.

Was bedeutet es, wenn Medizin zur Ware wird?

Wo der Gewinn das höchste Ziel ist, ist es um die Humanmedizin schlecht bestellt. Patientinnen und Patienten werden zu Kunden, Ärztinnen und Ärzte werden zu Leistungsanbietern, Diagnosen und Therapien werden digitalisiert und optimiert, kontrolliert durch ein Qualitätsmanagement. Es geht nur vordergründig darum, die Humanmedizin bzw. das Gesundheitswesen zu einer ökonomisch sinnvollen Verfahrensweise anzuhalten, sondern es geht darum, das Primat der Humanmedizin knallhart durch das Primat der Gewinne, der Shareholder zu ersetzen. Profit oder heilende, helfende Fürsorge stehen sich unvereinbar gegenüber. Man muss sich entscheiden – politisch. Und in unserem Land fallen die Würfel immer mehr in Richtung privatem Kapital und Profit, immer weniger Richtung Humanmedizin.

Ihre These lautet: Erkranken schadet der Gesundheit. Können Sie das bitte an einem Beispiel erläutern?

Das ist natürlich als Provokation gedacht, aber hier ein paar Beispiele: Beim Kaiserschnitt lag früher das Verhältnis zwischen Notfall-Sectio und geplanter Routine-Sectio bei 40 zu 60. Die Bezahlung war gleich. Dann änderte sich die Gebührenordnung und es gab für den Notfall-Kaiserschnitt deutlich mehr Geld. Und flugs war das Verhältnis andersrum: Auf einmal gab es 60 Prozent Notfall-Kaiserschnitte und 40 Prozent geplante Eingriffe. Mit Medizin hat das nichts zu tun. Oder: Die Zahl der Rückenoperationen ist bundesweit von 2007 bis 2012 von 452.000 auf 772.000 angestiegen. Mit Medizin hat das nichts zu tun, sondern mit dem Geld. Auch hier gab es eine höhere Vergütung. Und dann ist es ist auch kein Mysterium mehr, warum es bundesweit nirgendwo mehr Bandscheibenoperationen gibt als im Raum Fulda. Bundesweit haben wir jährlich 199 Bandscheiben-Operationen pro 100.000 Einwohner, in Fulda aber über 500. Da haben sich im Raum Fulda wohl einige Orthopäden und Neurochirurgen niedergelassen, die vom Operieren von Bandscheiben leben. Mit Medizin hat das nichts zu tun.

In Ihrem Buch führen Sie auch Eingriffe am Kniegelenk an. Was läuft da schief?

Für eine Arthroskopie des Kniegelenkes berechnet ein Krankenhaus nach dem Fallpauschalensystem etwa 2.300 Euro. Bei 400.000 Eingriffen geht es also um eine knappe Milliarde Euro im Jahr. Freiwillig wollen weder Krankenhäuser noch Ärzte auf so viel Geld verzichten, auch wenn längst erwiesen ist, dass die Arthroskopie bei Arthrosen nicht wirklich hilft. Der Streit um die Kniegelenksarthroskopie dauerte viele Jahre, bis der zuständige Bundesausschuss endlich die Arthroskopie bei Arthrose (wohlgemerkt: nicht bei Verletzungen) wegen Wirkungslosigkeit aus dem Katalog der Kassenleistungen verbannte.

Leider war das Problem damit aber nicht gelöst. Jetzt müsste ja statt der teuren, aber wirkungslosen Operationen eigentlich die Physiotherapie, die Krankengymnastik zum Einsatz kommen. Kommt sie aber nicht. Für eine 20-minütige krankengymnastische Behandlung bezahlen die Krankenkassen etwa 18 Euro. Für die Kosten einer einzigen Arthroskopie könnte man also mehr als 130 krankengymnastische Behandlungen durchführen. Da die Medizin in unserem Land aber medikamenten-, operations- und technikzentriert ist, führt die Krankengymnastik ein Schattendasein. Physiotherapeuten mussten bislang nicht nur ihre gesamte Ausbildung selbst finanzieren, sondern sie werden danach auch noch hundsmiserabel bezahlt. Wo kein Profit winkt, verkümmert die Medizin. Ich sage voraus, dass nicht weniger Arthroskopien durchgeführt, sondern weniger Arthrosen diagnostiziert werden. Die Zahl der verletzungsbedingten Arthroskopien wird wahrscheinlich auf wundersame Weise ansteigen: Die Diagnosen folgen dem Geld. So einfach ist das.

Wie bewerten Sie denn den Zustand unserer Krankenhäuser?

1980 gab es in Deutschland 3.783 Krankenhäuser mit 879.605 Betten, im Jahr 2010 waren es noch 2.064 mit 502.749 Betten. Die Liegezeit hat sich im gleichen Zeitraum von ca. zwei Wochen auf eine Woche halbiert, über 50.000 Stellen im Pflegebereich wurden gestrichen. Sogenannte Krankenhausexperten gehen davon aus, dass demnächst ein weiteres Fünftel der Krankenhäuser geschlossen wird. Sie behaupten auch, das habe keine Auswirkung auf die gesundheitliche Versorgung. Ich halte das für Unfug. Die Länder sind eigentlich für die Instandhaltung der Krankenhäuser zuständig, haben das aber sträflich und ohne bestraft zu werden seit vielen Jahren vernachlässigt. So wurden Krankenhäuser in die Insolvenz getrieben und für einen Euro, wie in Offenbach geschehen, an einen privaten Klinikkonzern verkauft. Die Schulden hat aber die Stadt behalten.

Mit der Universitätsklinik Marburg/Gießen geschah das gleiche. Die gegenwärtige Diskussion um die Schließung von mehr als der Hälfte der Krankenhäuser ist ein bitteres Armutszeugnis für eine neoliberale Politik, die nur ablenkt von den eigentlich wichtigen Problemen, zum Beispiel der absurden Trennung zwischen stationärer und ambulanter Behandlung. Man hätte beispielsweise die Polikliniken der DDR als Vorbild nehmen können. Stattdessen hat man sie eingestampft und kann sich heute kaum noch daran erinnern, wie gut ein solches System funktioniert hat.

Was müsste unternommen werden, um zu einem menschlicheren Gesundheitswesen zu kommen?

Es geht nicht darum, zu einem menschlicheren Gesundheitswesen zu kommen. Es muss ein solidarisches Gesundheitswesen werden, das heißt zum Beispiel zuerst, dass die Privatversicherungen abgeschafft werden müssen, in denen sich die Wohlhabenden aus der Solidargemeinschaft verabschieden können. Nein, es geht darum, die Humanmedizin vor dem Zugriff des Kapitals zu retten. Das ganze Schiff Gesundheitswesen steuert in die falsche Richtung. Es ist höchste Zeit, den neoliberalen Kurswechsel zu stoppen. Das Schiff müsste dann nicht rückwärts fahren, sondern vorwärts in Richtung auf ein modernes Sozialwesen, das der Gesundheit Aller dient und nicht dem Gewinnstreben Weniger.

Welche Möglichkeiten hat der einzelne Arzt, sei es in der Praxis oder im Krankenhaus?

Noch hat man als Ärztin oder Arzt genug Möglichkeiten, eine patientengerechte Humanmedizin zu praktizieren. Diese Bereiche werden aber immer weniger, bald gibt es nur noch Nischen. Der Aufstand dagegen müsste daher eigentlich von den Ärztinnen und Ärzten kommen, aber sie sind sehr zerstritten und verfolgen eher die eigenen Partikularinteressen als das Beste für das große Ganze – Allgemeinärzte gegen Fachärzte, niedergelassene Ärzte gegen Krankenhausärzte, Chefärzte gegen Assistenzärzte, Unfallchirurgen gegen Orthopäden, beide zusammen gegen Physiotherapeuten, Gynäkologen gegen Hebammen usw. Ich setze da mehr Hoffnung in den zunehmenden Widerstand des Pflegepersonals, deren Arbeitsbedingungen durch die beschriebenen Entwicklungen auch immer schlechter und schwieriger geworden sind.

Haben Sie einen Rat an die Patienten?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Rat Nummer Eins: Suchen Sie solange, bis Sie das Gefühl haben, dass Sie einen guten Hausarzt, eine gute Hausärztin gefunden haben. Man spürt das, wenn man gut aufgehoben ist. Rat Nummer Zwei: Versichern Sie sich, dass Sie Medizin nicht aus pekuniären Interessen erhalten, ggf. durch Einholen einer zweiten Meinung. Und drittens: Gehen Sie nur zum Arzt, wenn Sie krank sind.

Titelbild: VILevi/shutterstock.com

Lesetipp: Hontschik, Bernd: Erkranken schadet Ihrer Gesundheit. Westend Verlag. 2. Juli 2019. 160 Seiten. 16 Euro.

Anmerkung: Leser, die mit Bernd Hontschik in Kontakt treten möchten, können dies gerne über die folgende Mailadresse tun: chirurg(at)hontschik.de.

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