Gegen die Kriegsmaschine
Gegen die Kriegsmaschine

Gegen die Kriegsmaschine

Ein Artikel von: Redaktion

„Wenn Sie nicht empört sind, haben Sie nicht aufgepasst“ – unter diesem Motto möchten Friedensaktivisten eine Wiederbelebung der erlahmten Friedensbewegung in den USA anstoßen: Sie rufen am Freitag, 11. Oktober, zu Protesten gegen die US-Kriegsmaschine auf. Warum der Frieden auch im Mutterland des Krieges keine starke Lobby hat, eruiert der folgende Bericht von Mnar Muhawesh, ddie die langjährige Friedensaktivistin Cindy Sheehan interviewt hat. Übersetzung von Susanne Hofmann.

Rund 2,7 Milliarden US-Dollar am Tag. So viel wird die US-Regierung im kommenden Jahr ausgeben, um das Militär und die mehr als 800 Militärstützpunkte, die sie in über 70 Ländern unterhält, zu unterstützen. All dies im Namen der nationalen Sicherheit. Und trotz dieser irrwitzigen Zahl hat die Mehrheit der Amerikaner nicht das Gefühl, dass die Kriege im Irak und in Afghanistan den Kampf überhaupt wert waren, ganz gewiss haben sie Amerika nicht sicherer gemacht.

Mit dem Geld könnte man locker jedem Studenten hierzulande vier Jahre lang das College bezahlen, man könnte Lebensmittelkarten sowie andere soziale Sicherheitsnetze finanzieren, die den Verletzlichsten unserer Gesellschaft hülfen, und Programme auflegen, die die Emissionen fossiler Brennstoffe bis zum Jahr 2035 um 40 Prozent drosselten.

Und trotzdem scheitern sowohl die Medien als auch die Graswurzel-Aktivisten kläglich dabei, die wachsende Verschwendung und Gier des militärisch-industriellen Komplexes zu bekämpfen.

Schätzungsweise vier Millionen Menschen haben an weltweiten Klimastreiks teilgenommen, welche das Thema des Klimazusammenbruchs in den Medien nach vorne gespielt haben. Was jedoch in der medialen Debatte fehlt, ist eine Analyse der Rolle, die der Militarismus und das Imperium dabei spielen, das Chaos zu befeuern. Das US-Militär ist der größte Umweltverschmutzer der Welt und emittiert mehr CO2 als hundert Länder zusammen.

Wie Sie sehen, hat Amerika kein Finanzierungsproblem. Vielmehr hat es ein Prioritäten-Problem; ehe wir von unserer Führungsriege nicht einfordern, dass sie unsere Bedürfnisse über die von Konzernen und denjenigen stellt, die vom Krieg profitieren, werden unsere Politiker weiterhin Abermilliarden von Steuergeldern stehlen, um Dauerkriege zu finanzieren, die den Aufbau des größten Imperiums vorantreiben, das es in der Geschichte je gegeben hat.

Heute ist Donald Trump das hässliche Gesicht des amerikanischen Imperiums. Kürzlich erklärte er das Land für „geladen und entsichert“ und bereit für eine Konfrontation mit der Islamischen Republik Iran. Und angesichts der anhaltenden Konflikte im Irak, in Afghanistan und in Syrien – um nur einige zu nennen – hat man das Gefühl, der Kriegszyklus kommt womöglich niemals zu einem Ende.

Die Friedensbewegung in den Vereinigten Staaten, die unter George W. Bushs Präsidentschaft so stark war, wurde von seinem Nachfolger erfolgreich entwaffnet. Barack Obama verlieh dem US-Imperialismus ein freundliches Gesicht und schaffte es, mit der Hilfe von Hillary Clinton als seiner Außenministerin, sogar viele sogenannte Liberale und Progressive davon zu überzeugen, die verheerenden Regime-Change-Operationen in Libyen, Syrien und in der Ukraine aus humanitären Gründen zu unterstützen. Diese Interventionen haben Al-Qaida und den IS im Mittleren Osten und eine Neonazi-Herrschaft an Russlands Grenzen entfesselt. Obama weitete Amerikas Kriege aus und warf mehr als 25.000 Bomben auf sieben Länder ab: Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen, Jemen, Somalia und Pakistan. Er weitete die Drohnenkriege aus und verdiente sich so den Spitznamen „Drohnenkönig“, und unter dem Deckmantel des Antiterrorkrieges etablierte er neue US-Basen in Afrika.

Während die Demokratische Partei und das linke Establishment darüber trauerten, dass Obama das Weiße Haus verlassen hat und vor einer neuen Ära des Faschismus unter Präsident Trump warnten, gingen Hunderttausende empörte Amerikaner auf die Straße, um gegen den Rassismus, die Frauenfeindlichkeit und den Fremdenhass des neuen republikanischen Präsidenten zu protestieren. Aus dieser Empörung entwickelte sich die Frauenprotestbewegung ‚Women’s March‘. Doch als diese Proteste mehr und mehr Zulauf bekamen, fragte man sich schon, weshalb es während der vorangegangenen acht Jahre von Obamas Präsidentschaft keine annähernd so große Mobilisierung gegeben hatte?

Diese Frage kam auch Cindy Sheehan, einer langjährigen Friedensaktivistin mit dem Spitznamen „Peace Mom“. Sie kontaktierte die Organisatorinnen des ‘Women’s March’ – da es ja eines der erklärten Ziele der Bewegung war, der Gewalt gegen Frauen ein Ende zu setzen – und bat sie, den Frieden zu einem zentralen Anliegen der Demonstration zu machen.

Doch die Antwort einer der Hauptorganisatorinnen des Protestzuges zeigte, wie unwichtig Krieg und Frieden für das liberale Establishment sind: „Ich weiß, dass Krieg Ihr Thema ist, Cindy, aber der Frauenmarsch wird das Kriegsthema niemals aufgreifen, so lange Frauen nicht frei sind.“

Sheehan wies die Vorstellung zurück, Frauen könnten „frei“ sein, ohne den Krieg und das Imperium anzusprechen. Sie konterte den abschätzigen Kommentar der Demo-Organisatorin, indem sie darlegte, dass man „die Stimmen von [Millionen] von Frauen weltweit ignorierte, die bombardiert und von der US-Militärbesatzung unterdrückt werden“, wenn man das Engagement für den Frieden von Frauenfragen trennte.

Es lag auf der Hand, dass die Friedensbewegung wiedergeboren werden musste, und wer könnte ihr besser zu einem Neubeginn verhelfen als Sheehan selbst?

Cindy wuchs in Kalifornien auf, dort arbeitete ihr Vater für den Lockheed-Konzern. Ihr Leben erreichte im April 2004 einen Wendepunkt, als ihr Sohn Casey getötet wurde, während er als Soldat des US-Militärs im Irak im Einsatz war. Durch einen großangelegten Protest vor George W. Bushs Farm in Crawford, Texas, wo sie ihn zu sprechen verlangte, erreichte sie landesweit Aufmerksamkeit.

Seitdem engagiert sie sich unermüdlich gegen Krieg und Gewalt in anderen Ländern und wird als „Rosa Parks der Friedensbewegung“ bezeichnet. Bei ihrem Engagement nimmt sie eine unabhängige Haltung ein und sagt den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht. Sie nannte George W. Bush den größten Terroristen der Welt, reiste aber auch nach Norwegen, um dagegen zu protestieren, dass Barack Obama den Friedensnobelpreis bekam. Im Jahr 2012 war sie die Vizepräsidentschafts-Kandidatin der Friedens- und Freiheitspartei.

Heute ist Cindy die Hauptorganisatorin der „Rage Against the War Machine“-Proteste in Washington, die am 11. Oktober stattfinden.

Hier zum Originalbeitrag samt Interview mit Cindy Sheehan.

Zur Autorin Mnar Muhawesh: Sie ist Gründerin, Geschäftsführerin und Chefredakteurin von MintPress News und hält regelmäßig Vorträge über verantwortungsvollen Journalismus, Sexismus, Neokonservativismus in den Medien und Journalismus-Start-ups.

Titelbild: Rawpixel.com/shutterstock.com