„Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen“

Ein Artikel von Thomas Trares | Verantwortlicher:

Die „taz“-Redakteurin Ulrike Herrmann schreibt eine Wirtschaftsgeschichte zur Bundesrepublik von den Anfängen bis heute und kommt dabei komplett ohne Angela Merkel aus. Bundeskanzler scheint noch immer Ludwig Erhard zu sein. Eine Rezension von Thomas Trares.

Schon seit Jahren ist die „taz“-Redakteurin Ulrike Herrmann Stammgast in Talkrunden wie dem ARD-Presseclub, „Menschen bei Maischberger“ oder „Anne Will“. Ihr neues Buch „Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen“ war dem ARD-Kulturmagazin „ttt – titel, thesen, temperamente“ gar einen eigenen Filmbeitrag wert. Kurz nach Erscheinen erklomm das Buch dann Platz eins der Rangliste der meistverkauften deutschen Wirtschaftsbücher. So viel Aufmerksamkeit und Ehr´ wird kaum einem anderen linken Wirtschaftsjournalisten zuteil. Grund genug also, sich Herrmanns neues Buch einmal näher anzuschauen.

Die bundesdeutschen Wirtschaftsmythen

2019 gab es für die Deutschen gleich mehrere Jubiläen zu feiern: 70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre Fall der Mauer, 20 Jahre Euro. Die Historikerin Herrmann nahm dies zum Anlass, noch einmal auf die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik zurückzublicken und dabei mit all jenen Mythen aufzuräumen, die bis heute die bundesdeutsche Wirtschaftspolitik leiten – und oft auch „in die Irre“ leiten, wie sie meint. Dies wären zum Beispiel das Wirtschaftswunder, Ludwig Erhard, die soziale Marktwirtschaft, die D-Mark, die Bundesbank, die Exportweltmeisterschaft, die Agenda 2010, die Riester-Rente oder auch Deutschlands Rolle im Euroraum. „Den Legenden kann aber nur widersprechen, wer weiß, was wirklich geschah“, meint Herrmann. (S.9)

Und die Legendenbildung reicht weit zurück. So hält sich bis heute hartnäckig der Glaube, dass Ludwig Erhard die D-Mark eingeführt hat und auch für das Wirtschaftswunder verantwortlich war. „In diesem Heldennarrativ ist Erhard ein überragender Ökonom und Staatsmann, der Deutschland aus tiefster Not errettet hat“, schreibt Herrmann. (S.36) Doch nichts von dem ist wahr, meint sie. Erhard ist nicht der Architekt der D-Mark; vielmehr war es der junge US-Verbindungsoffizier Edward A. Tenenbaum, der am „Konklave von Rothwesten“ den Währungsplan der Amerikaner durchsetzte. Ähnlich sah es beim Wirtschaftswunder aus. „Der starke Aufschwung war nur durch den Marshallplan, die Europäische Zahlungsunion und den gemeinsamen Markt möglich“, schreibt Herrmann weiter. (S.102) „Mit Erhard hatte dieses ´Wunder´ nichts zu tun.“ (S.44)

Der Selbstdarsteller Ludwig Erhard

Schnell wird deutlich, Herrmann hat vor allem Ludwig Erhard im Visier. Dem ersten bundesdeutschen Wirtschaftsminister und späteren Bundeskanzler hat sie sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. „Ludwig Erhard: Ein talentierter Selbstdarsteller“, heißt es. Und Herrmanns Urteil fällt geradezu vernichtend aus. „Erhard war jedoch nicht nur ein Opportunist und Lügner, sondern auch ein überaus naiver Ökonom.“ (S.10) Das Interessante dabei; Herrmann setzt sich auch intensiv mit Erhards Rolle während der Nazi-Herrschaft auseinander. Demnach hat Erhard nicht nur vom NS-Regime profitiert, sondern sich nach dem Krieg auch noch eine Biografie als Widerstandskämpfer zugelegt – der er aber mitnichten war.

Ironie des Schicksals war es dann, dass Erhard später als Bundeskanzler von einer Institution zu Fall gebracht wurde, die von Herrmann ebenfalls in die Mangel genommen wird: die Bundesbank. „Bis heute wird das Märchen erzählt, dass die Bundesbank für Stabilität gesorgt hätte. In Wahrheit haben die Frankfurter Notenbanker mehrfach schwere Wirtschaftskrisen ausgelöst, indem sie die Zinsen nach oben trieben und Kredite abstrus verteuerten.“ (S.11) Unter anderem hatte die Bundesbank Mitte der sechziger Jahre die Zinsen drastisch erhöht und damit die erste Rezession der Nachkriegszeit mit rund 500.000 Arbeitslosen erzeugt. Nicht aber die Bundesbank wurde dafür kritisiert, vielmehr machte man Erhard für die Krise verantwortlich. „Eben noch war er der verehrte ´Vater des Wirtschaftswunders´ gewesen, jetzt wurde er brutal von seinem Sockel gestoßen“, schreibt Herrmann. (S.139)

Das Ruhrgebiet versinkt in einem giftigen See

Die Aufarbeitung der historischen Ereignisse ist Herrmann gut gelungen, so etwa die Anfänge der Europäischen Union in den fünfziger Jahren oder auch der Zusammenbruch des Weltwährungssystems von Bretton Woods, in das die D-Mark bis Anfang der siebziger Jahre eingebunden war. Auch hat sie das Wegbrechen der Textilindustrie und die Krise des Bergbaus anschaulich beschrieben: „Irgendwann wird das Ruhrgebiet in einem giftigen See versinken.“ (S.129) Und nicht zuletzt gibt es ein Kapitel über die Planwirtschaft der DDR, in dem der SED-Funktionär Fritz Selbmann die Überzeugung äußern darf, den „Kapitalismus in der Produktion von Fleisch und Fett“ doch noch überholen zu können. (S.178)

Wer die deutsche Wirtschaftsgeschichte seit der Wiedervereinigung aufmerksam verfolgt hat, der wird in den hinteren Kapiteln zwar nicht viel Neues finden, gleichwohl aber ist auch deren Lektüre unterhaltsam. Denn der Leser bekommt hier noch einmal geballt die wirtschaftspolitischen Absurditäten der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte vor Augen geführt, etwa die Steuersenkungsorgie für Reiche unter Rot-Grün, die „Verarmungspolitik“ der Agenda 2010 oder auch die Riester-Rente. „Rot-Grün kümmerte sich also um ein Problem, das es eigentlich gar nicht gab und das zudem weit jenseits der eigenen Legislaturperiode stattfinden sollte“, schreibt Herrmann mit Blick auf die Riester-Rente. (S.214)

Das Kapitel ´soziale Marktwirtschaft´ steht auf tönernen Füßen

Der an sich positive Eindruck des Buchs wird allerdings durch einige größere und kleinere sachliche Fehler geschmälert. Besonders gravierend wirken sich diese im Kapitel zur sozialen Marktwirtschaft aus. Denn gleich zu Beginn liefert Herrmann hier eine falsche Begriffsdefinition. So schreibt sie:

„Die ´soziale Marktwirtschaft´ strebte nämlich mitnichten eine ausgebaute Sozialpolitik an, sondern behauptete im Gegenteil, dass der freie Markt an sich schon sozial sei. Man müsste nur für ungehinderten Wettbewerb sorgen und schon sei der ´Wohlstand für alle´ garantiert. Die Idee war: Der Markt hat immer Recht. Das Prinzip der Konkurrenz würde faire und niedrige Preise erzwingen, von denen auch der kleine Mann profitiert. Sozialpolitik wäre daher überflüssig und sogar schädlich, weil sie die postulierte Harmonie der Marktkräfte nur stören würde.“ (S. 104)

Das, was Herrmann hier beschreibt, ist keine soziale Marktwirtschaft, sondern eine libertäre Haltung, wie sie etwa die marktradikale Chicago School vertritt. Zwar glaubt die soziale Marktwirtschaft auch an die Segnungen des Marktes; von den Ordoliberalen um Walter Eucken übernahm sie etwa die Vorstellung, dass die „beste Sozialpolitik eine konsequente Wirtschaftsordnungspolitik ist“, in deren Zentrum ein starker Staat zu stehen hat, der Kartelle und Monopole konsequent bekämpft und damit verhindert, dass sich der Wettbewerb selbst zerstört. Insofern fällt im Leitbild der sozialen Marktwirtschaft der Wettbewerbsgesetzgebung eine zentrale Rolle zu.

Darüber hinaus erkennt sie aber durchaus noch weiteren sozialpolitischen Handlungsbedarf an. Der geistige Vater der sozialen Marktwirtschaft, der Kölner Nationalökonom Alfred Müller-Armack, etwa sprach davon, „das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden“. Die Formulierung ist zwar etwas nebulös, heute gelten aber die Ideen der Sozialpartnerschaft sowie die soziale Absicherung gegen Lebensrisiken wie Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit als elementare Bestandteile der sozialen Marktwirtschaft. Von alldem ist bei Herrmann jedoch keine Rede. Insofern steht das ganze Kapitel 5 auf tönernen Füßen. Behauptungen wie „Erhards ´soziale Marktwirtschaft´ war nicht sozial und auch keine Marktwirtschaft“ kommen vielleicht besonders schmissig rüber, sind aber schlichtweg falsch.

Die Bundeskanzler in der Kritik

Bemerkenswert ist zudem, dass Herrmann mehr oder weniger alle Bundeskanzler einer kritischen Würdigung unterzieht. Gerhard Schröder bezichtigte sie etwa „des Verrats am eigenen Parteiprogramm“, natürlich wegen der Agenda 2010. Willy Brandt habe hingegen nichts von Ökonomie verstanden. Hier plappert Herrmann leider nur nach, was zahlreiche andere Journalisten vorgeplappert haben. Albrecht Müller hatte sich mit diesem konkreten Fall der Meinungsmache in seinem gleichnamigen Buch bereits auseinandergesetzt. Relativ gut kommt hingegen Konrad Adenauer weg. „Der erste Bundeskanzler hat die westdeutsche Wirtschaftsordnung bleibend geprägt: Er forcierte die Europäische Integration und setzte die Rentenreform von 1957 durch. Adenauer war der wohl wichtigste Wirtschaftspolitiker, den Deutschland je hatte.“ Und selbst Helmut Kohl wird wohlwollend erwähnt, weil er den Rat der Bundesbank ignorierte, als er die deutsche Währungsunion vorantrieb.

Die scharfe Kritik an Ludwig Erhard, die sich im Grunde durch das gesamte Buch zieht, ist zwar durchaus berechtigt, (auch Erhard-Biograph Volker Hentschel beschreibt den früheren Wirtschaftsminister als allenfalls mittelmäßigen Ökonomen mit Hang zur Selbstdarstellung), am Ende aber wirken Herrmanns ständige Angriffe dann doch etwas übersteigert. Im Schlusswort etwa schreibt sie: „Erhard wird heute zitiert, als sei er ein harmloses Maskottchen, das jedem Parteiprogramm Glück bringt. Auch Linke und Grüne haben den angeblichen ´Vater der sozialen Marktwirtschaft´ für sich entdeckt. Es wird verkannt, wie gefährlich seine Konzepte sind.“ Und weiter heißt es: „Erhards Konzepte waren immer falsch, aber in den nächsten Jahren könnten sie die Zukunft kosten.“ (S. 251)

Alle Bundeskanzler in der Kritik?

Das sind dramatische Worte, und sie klingen gerade so, als sei Erhard heute noch an der Macht… dabei… Moment mal! Wer ist denn heute eigentlich an der Macht?! Ach ja, richtig, das ist ja Angela Merkel!!! Angela Merkel kommt in dem ganzen Buch aber gar nicht vor, und dies obwohl die letzten beiden Kapitel zur Finanz- und Eurokrise in ihre Amtszeit fallen. Dort tritt sie aber nur an einer einzigen Stelle auf, nämlich als sie 2008 verkündet, dass die Einlagen der Sparer sicher sind. Selbst Kurt Georg Kiesinger, der die große Koalition von 1966 bis 1969 anführte, wird öfter in dem Buch erwähnt. Einen Beitrag Angela Merkels zur bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte hat es, zumindest wenn man Herrmanns Buch hernimmt, nicht gegeben.

An dieser Stelle hätte man dann doch gerne einmal gewusst, wieso die Frau, die seit 14 Jahren Bundeskanzlerin ist, in der Euro- und Griechenlandkrise eine maßgebliche Rolle gespielt hat und außerdem für Austerität („schwäbische Hausfrau“) und exorbitante Exportüberschüsse steht, hier von einer kritischen Würdigung komplett verschont bleibt.