Thomas Freitag: „Da haben meiner Meinung nach alle Dreck am Stecken“
Thomas Freitag: „Da haben meiner Meinung nach alle Dreck am Stecken“

Thomas Freitag: „Da haben meiner Meinung nach alle Dreck am Stecken“

Ein Artikel von: Redaktion

„Wie sollen da die aktuellen Standards in dieser Krise aufrechterhalten werden, wenn auf den Schultoiletten noch nicht einmal funktionierende Seifenspender vorhanden sind?“ Das sagt der Kabarettist Thomas Freitag im Interview mit den NachDenkSeiten. Freitag, der viele Jahrzehnte auf der Bühne stand und in der legendären TV-Show Scheibenwischer auftrat, hat gerade mit seinem Buch „Hinter uns die Zukunft“ eine beeindruckende Autobiographie vorgelegt. Im Interview erklärt Freitag, der auch für seine Parodien von Helmut Kohl bekannt ist, was es mit dem Titel seines Buches auf sich hat und bezieht Stellung zum Thema Coronavirus. „Ich empfinde die getroffenen Maßnahmen keineswegs als diktatorisch. Es ist eine Möglichkeit, die Krise zu bewältigen“, sagt Freitag. Wir teilen in der Redaktion der NachDenkSeiten nicht alle von Thomas Freitag hier vertretenen Positionen – wir veröffentlichen sie aber als interessanten Diskussionsbeitrag. Das Gespräch führte Marcus Klöckner.

Herr Freitag, „Hinter uns die Zukunft“ lautet der Titel Ihres Buches. Das klingt recht düster. Und dabei haben Sie Ihr Buch noch vor der Coronakrise verfasst. Liegt nun die Zukunft erst recht „hinter uns“?

Der Titel ist natürlich als Provokation gedacht. Das Buch beginnt mit einem Kapitel über meine Zivildienstzeit in einem ziemlich armen Altersheim. Als junger Mann erlebte ich die Endstation im Leben von Menschen, also meiner Mitmenschen. Auch wenn dieser Fakt mich in jungen Jahren nicht begreifbar berühren konnte, weil dieser Point of no return für mich damals außerhalb meiner Vorstellungswelt lag. Trotzdem hatte es etwas Niederschmetterndes. Niederschmetternd auch deshalb, weil meine Spezies diese Endzeit ihres Lebens ausblendet, obwohl wir doch alle gleichermaßen betroffen sein werden. Die Ignoranz ist aktuell politisch, und erst recht jetzt, während der Corona-Krise, fällt sie uns wieder auf die Füße, weil wir doch klarer erkennen, welchen Wert heutzutage Menschen darstellen, die sich um Kranke und Alte kümmern. Aber auch generell wollte ich mit diesem Titel zum Ausdruck bringen, dass die Visionen für eine bessere, geläuterte Zukunft – manifestiert im Grundgesetz von 1949 – nach der Katastrophe, in die uns das Hitlerregime gebracht hatte, sich nicht nur unzureichend erfüllt haben, sondern hochgradig gefährdet sind. Wer hätte noch vor ein paar Jahren geglaubt, dass Nazis wie selbstverständlich heute wieder erneut im ehemaligen Reichstag, dem heutigen Bundestag, sitzen.

Gerade die Arbeit der Altenpfleger und Altenpflegerinnen wurde sehr lange als Selbstverständlichkeit betrachtet ohne sonderliche Wertschätzung vonseiten der Politik. Seit Corona spricht man plötzlich bei der Kranken- und Altenpflege von systemrelevanten Berufen. Was müsste sich ändern, damit die Zustände, die sowohl in den Altenheimen, aber auch in den Krankenhäusern ja schon lange bekannt sind, zum Positiven verändert werden?

Man müsste diese Menschen in den Sozialberufen einfach nur besser bezahlen. Der Beruf muss attraktiv sein für einen Menschen, der sich für ihn entscheidet. Das hat etwas mit Wertschätzung zu tun, die man diesen Berufen wieder entgegenbringen müsste. Es läuft generell immer wieder darauf zurück, welche Prioritäten man an ein modernes Leben setzt. Leute, die sich nur über den neuesten SUV definieren, tun mir leid. Ich komme immer wieder auf das Lebensmodell in einem Gesellschaftssystem zurück, das ich für erstrebenswert halten würde. Die propagierte „Soziale Marktwirtschaft“ ist durch die Globalisierung sehr beschädigt worden. Wir müssen wieder zu der Erkenntnis gelangen, dass das Dasein von uns Menschen nicht in einen Überlebenskampf münden darf, sondern in der lebenswerten Daseinserfüllung auf einer Erde, in der jeder seinen Platz hat. Wenn alleine nur 10 Prozent der Menschen so viel besitzen wie 60 Prozent der Bevölkerung insgesamt, kann etwas nicht stimmen. Wir haben uns aber ein System geschaffen, das eben genau diesen Zustand befördert. Gott sei Dank ist das Glücksgefühl jener Erdenbürger, die im Geld zu ersaufen scheinen, relativ zu dem eines Menschen, der wenig hat. Es ist also eine Systemfrage. Und da beim Geld der Spaß aufhört, wie es heißt, wird der Kampf um die Besitzverhältnisse mit harten und zuweilen auch kriminellen Bandagen geführt. Würde man allein das gesamte Vermögen, dass in den Tresoren aller Schweizer Banken vor sich hinmodert, für die sich anbahnende Corona-Katastrophe in Afrika verwenden, wäre mit einem Schlag diesem Kontinent elementar geholfen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Eigentümer dieses Geldes dabei nicht verarmen würden. Es ist die mangelnde Demut vor dem Leben anderer, die diese Raffgier befördert.

In Ihrem Leben als Kabarettist, Autor, Schauspieler haben Sie einiges erlebt. In Ihrem Buch blicken Sie zurück und erzählen von Erlebnissen, Ereignissen und Beobachtungen aus der Vergangenheit und stellen dann Verknüpfungen zu heute her. Man kann den Eindruck gewinnen, das Vergangene soll als eine Art Kontrastmittel dienen, um so manchen Irrsinn und Irrweg von heute deutlicher hervorzuheben, oder?

So ist es. Ich glaube, dass unsere Demokratie nicht zwangsläufig von den Bürgern dieses Landes an die Wand gefahren wird, sondern eher von der Ignoranz der sie tragenden Parteien und auch der sie begleitenden Medien. Das permanente Outsourcen von Aufgaben, die eigentlich dem Staat, also unserem Gemeinwesen obliegen, an einen Markt, der von der Rationalität einer Wirtschaft getragen ist, die allein auf Gewinnmaximierung fixiert ist, entfernt die Bürger von ihrem Staat.

Was bedeutet es eigentlich in dieser „Corona-Zeit“, über „heute“ zu reden? Wenn wir von „heute“ reden, reden wir dann über die Globalisierung oder die „Re-Nationalisierung“? Reden wir von Demokratien oder reden wir über einen Begriff, der derzeit die Runde macht: von „Gesundheitsdiktaturen“?
Wie nehmen Sie diese Zeit wahr?

Ich empfinde die getroffenen Maßnahmen keineswegs als diktatorisch. Es ist eine Möglichkeit, die Krise zu bewältigen. Sie erfordert in ihrer Plausibilität ein Mitdenken und Mitmachen der Bürger. Einem Patienten, der mit einer normalen Lungenentzündung im Krankenhaus liegt, also krank ist, empfiehlt man ja auch, im Bett zu bleiben und nicht einfach durch die Gegend zu spazieren und somit den Verlauf seiner Krankheit negativ zu beeinflussen. Maßnahmen für ein ganzes Volk zu treffen, ist immer schwierig, und es werden dabei natürlich auch Fehler gemacht. Und es wird immer Uneinsichtige geben, die sich in ihrer Freiheit beeinträchtigt fühlen.

„Uneinsichtige“? Ist es bei den massiven Eingriffen in die Grundrechte nicht normal, dass Menschen sich widersetzen und Maßnahmen hinterfragen? Wenn man hier von „Uneinsichtigen“ spricht, heißt das, dass man selbst die eine, die einzig richtige Wahrheit kennt und alle anderen Ansichten falsch sind. Das wird der Komplexität der Gesamtlage dann doch nicht gerecht, oder?

Ja sicher. Da sind manche Anordnungen in ihrer Rationalität nicht nachzuvollziehen. Wenn Autohäuser wieder geöffnet werden können, aber keine Zoos oder Kitas. Hier scheint mir der Leitfaden bei vielen Politikern immer noch einem neoliberalen Wirtschaftsdenken geschuldet zu sein. Ebenso was die Schulen betrifft, viele übrigens mit katastrophalen hygienischen Bedingungen. Ein altes Thema. Wie sollen da die aktuellen Standards in dieser Krise aufrechterhalten werden, wenn auf den Schultoiletten noch nicht einmal funktionierende Seifenspender vorhanden sind? Abitur jetzt oder später. Verkürzung der Sommerferien. Dass die Bildungshoheit allein Ländersache ist, ist erst recht in solchen Krisenzeiten ein großes Hindernis und nicht nachzuvollziehen. Es ist kompliziert. Dennoch sollten wir der Politik, die sich ja auch permanent mit den medizinischen Fachleuten rückversichert, ein gewisses Vertrauen entgegenbringen. Aber hier von massiven Eingriffen in die Grundrechte zu sprechen, halte ich für etwas übertrieben, wenn man das Ziel der derzeitigen Anordnungen betrachtet.

Sie halten das wirklich für „etwas übertrieben“? Gerade erst hat das Bundesverfassungsgericht klargestellt, dass ein generelles Versammlungsverbot, das die Stadt Gießen angeordnet hat, rechtswidrig ist. Urteile wie dieses dürfte es in der nächsten Zeit noch viele geben. Aus Angst vor dem Virus scheinen so manche Bürger alle Maßnahmen zu akzeptieren. Ein Bewusstsein für die Gefahren, die sich aus einer beispiellosen Einschränkung der Grundrechte ergeben, scheint nicht ansatzweise vorhanden. Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger merkte erst in einem Interview an: „Grundrechte haben auch in Krisenzeiten keinen Ausschalter.“ Macht Sie das nicht nachdenklich?

Natürlich macht mich das nachdenklich. Aber die Klarstellung des Bundesverfassungsgerichts sowie die Auslassungen von Frau Leutheusser-Schnarrenberger machen doch überaus deutlich, dass unser Rechtsstaat funktioniert. Mich macht aber auch nachdenklich, dass Sie mir überhaupt diese Frage stellen, ob mich das nachdenklich macht. Dennoch darf man hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Es geht hier um Gesundheit. Beispiellose Einschränkungen der Grundrechte finden woanders statt und ich frage mich schon, wie so eine Debatte eigentlich auf jene wirkt, die seit Jahren jetzt schon aus politischen Gründen in türkischen Gefängnissen sitzen, in Guantanamo oder die aus politischen Gründen in Russland unter Hausarrest gestellt werden. Massive Eingriffe finden derzeit dort statt, wo man keine Corona-Krise braucht, um die Grundrechte der Menschen zu beeinträchtigen. Was würde eigentlich passieren, wenn man einmal für vier Wochen bei uns das Internet abschalten würde (natürlich nicht in diesen Corona-Zeiten mit Ausgangssperren, wo es eine große Hilfe darstellt, miteinander zu kommunizieren…) mit der Begründung, dass der Missbrauch desselben zu solchen Verwerfungen in der Gesellschaft führt, dass unsere demokratische Grundordnung dadurch eminent gefährdet wäre. Ginge man dann auf die Proteste jener ein, die sich in ihrer Freiheit eingegrenzt fühlen würden? Oder käme es nicht doch auch gleichzeitig erst einmal zu einer tieferen Besinnung auf das, was unser Gemeinwesen lebenswert macht? Es würden nämlich natürlich genau dann auch jene protestieren, die sich mit dem Abschalten des Internets ihrer Möglichkeit beraubt sehen, mit Ihren Hetztiraden und Attacken gegen die Spielregeln einer gesunden Demokratie weiterhin tätig zu sein. Diese Wühlarbeit betreiben sie natürlich feige, indem sie ihre Namen und Absender nicht preisgeben. Was richtet am Ende größeren Schaden an? Ich plädiere für Führung im positiven Sinne.

Was meinen Sie mit „Missbrauch“? Medien, ob nun das Internet oder so genannte Qualitätspublikationen waren schon immer auch Plattformen für Manipulation, Propaganda und Fake News. Die Brutkastenlüge haben reputierte Medien rund um die Welt verbreitet. Die Lüge von den Massenvernichtungsmitteln im Irak genauso. Die Hetze, die seit längerem gegen Russland zu erleben ist, findet sich in Leitmedien. Licht und Schatten gibt es in allen Medien. Oder halten Sie das Internet tatsächlich für problematischer als andere Medien?

Da haben meiner Meinung nach alle Dreck am Stecken. Die digitale Revolution hat die herkömmlichen Printmedien enorm unter Zugzwang gebracht. Sie sind Getriebene geworden. Das Internet hat die Lüge erleichtert. Ohne das Internet hätte sich der Oberlügner Trump mit seiner Standardbehauptung „alles fake“ meiner Meinung nach nicht in diese Position bringen können, in der er jetzt ist. Natürlich hat das Internet auch positive Auswirkungen, wenn es Kräfte bündelt, die sich gegen verordnete Repressionen stellen. Nehmen Sie die Demonstrationen in Hongkong oder die Fridays-for-future-Bewegung. Oder die außerparlamentarische Opposition in Russland, Amerika oder sonstwo auf der Welt. Mit der Errungenschaft des Internets ist es wie mit allen positiven neuen Errungenschaften. Geht eine Grenze auf, kommen meist erst irgendwelche Lumpen, machen zwielichtige Geschäfte und versauen so den Ruf derer, die später mit lauteren Absichten über die Grenze kommen. Die Erfindung der Kernkraft zur Energiegewinnung wurde missbraucht zum Bau der Atombombe. Nach der Öffnung der Mauer kamen zuallererst die Geschäftemacher, Versicherungsvertreter, Teppichhändler und andere windige Typen in den Osten und haben so den ahnungslosen Ostkunden manchen Mist angedreht, den sie überhaupt nicht brauchten. Hamsterkäufer leeren in der Corona-Krise egoistisch die Klopapierregale in den Supermärkten, um es dann anderweitig teuer zu verkaufen. Finanzspritzen des Staates für Menschen in der Corona-Krise werden von Gangstern unter Vortäuschung falscher Fakten missbraucht und und und.

Das Internet hat aber auch die sogenannten Whistleblower wie Edward Snowden oder Julian Assange hervorgebracht. Für mich sind das die neuen Helden, die Robin Hoods des digitalen Zeitalters. Es ist schwerer geworden, politische Verwerfungen unter der Decke zu halten. Dennoch beziehe ich meine Informationen nur bedingt aus den „Meinungsseiten“ des Internets. Zu viele der dort aufgeführten „Aufklärungsartikel“ haben in ihrer apodiktischen Festlegung für mich immer den Beigeschmack einer Rechthaberei, die auf einen Pauschalverdacht gegenüber einer sogenannten „Lügenpresse“ abzielen. Ein Begriff, der sehr inflationär von den Anhängern der AfD benutzt wird. Ich wusste und weiß aber auch ohne diese Plattformen, dass das Vorgehen der Amerikaner, angefangen vom Vietnam-Krieg, über den Sturz Mossadeghs in Persien, den Schah, Allende in Chile, die Hintergründe des Irak-Krieges und das Vordringen der Nato bis ins Baltikum usw. mehr oder weniger auf Lügen aufgebaut war. Ich weiß aber auch, dass der Geheimdienstmann Wladimir Putin mit Hilfe von ein paar dutzend Oligarchen, die sich dieses Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter den Nagel gerissen haben – sich mit mehr als fragwürdigen Mitteln – nun schon seit Jahrzehnten an der Macht hält, nicht zwingend in dem Bestreben, in Russland eine Demokratie aufzubauen, sondern seinen Minderwertigkeitskomplex doch eher militärisch kompensiert. Auch er hat seine Trolle, die weltweit mit Unwahrheiten agieren und dazu dienen, die westlichen Demokratien zu beschädigen. Das Internet ist sicher eine Bereicherung für kontroverse Meinungen. Gleichwohl mir dieses Stammtischniveau der gegenseitigen Schuldzuweisungen – dieses Schwarz-weiß-Denken – bisweilen eher suspekt erscheint.

Propaganda betreiben alle Seiten. Laut Medienberichten arbeiten alleine für das Pentagon etwa 27.000 Personen daran, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.
Und: Wenn wir von Minderwertigkeitskomplexen im Zusammenhang mit dem militärischen Expansionsdrang sprechen, sollten wir nicht unerwähnt lassen, wie groß die Zahl der US-Stützpunkte im Vergleich zu denen Russlands doch ist.

Da gebe ich Ihnen Recht.

Als Kabarettist haben Sie sich immer wieder mit Politikern und den politischen Entscheidungen auseinandergesetzt. Heute hat man den Eindruck, viele Bürger, aber auch Medienvertreter sind so gebannt vom Blick auf das Virus, dass kritische politische Analysen, Betrachtungen eher die Seltenheit sind. Wie ist das bei Ihnen? Behalten Sie einen kühlen Kopf und schauen dorthin, wo Sie es über so viele Jahre als Kabarettist getan haben: auf die Weichensteller in unserer Gesellschaft?

Mit Verlaub: ich kann diese derzeitige Krise nicht alleine lösen. Ich bin auf das politische Personal angewiesen, das mir zur Verfügung steht. Da passiert natürlich dem einen oder anderen ein Patzer. Die Zeiten, wo ich mich an den Altvorderen wie Strauß, Brandt und Wehner gerieben habe, sind vorbei. Damals ging es um Richtungskämpfe in der jungen Bundesrepublik und die standen in engem Zusammenhang mit den genannten Protagonisten. Heute ist es eine Systemfrage, die die politische Klasse zu verantworten hat. Da wird es für den Satiriker schon schwieriger. Die großen Koalitionen der letzten Jahre beweisen anschaulich die Austauschbarkeit bestimmter Parteien und Politiker. Das Soziale in der freien Marktwirtschaft zu betonen, ist ein mühseliges Geschäft geworden. Das macht es so langweilig und anstrengend für mich als Kabarettisten. Das hat Roger Willemsen in seinem Buch „Das Hohe Haus“ eindrücklich beschrieben. Ich bewahre mir den kühlen Kopf durch die Draufsicht. Da kann ich Sie auch gerne mit der These verschrecken, dass ich mir Friedrich Merz durchaus als künftigen Kanzler dieses Landes vorstellen könnte. Nicht weil ich ihn mag oder er mich großartig überzeugt. Sondern weil es dadurch vielleicht wieder möglich wäre, dass man sich in den anderen politischen Lagern wieder darauf besinnt, was man ursprünglich einmal politisch gewollt hat. Das wäre die Voraussetzung für eine Neuorientierung des Wählers. Die politische Alternative wieder in Anspruch nehmen zu können. Sicher eine gewagte These. Solange das Verhalten unliebsamer Politiker durch das System gedeckt wird, ist es mühselig, sich ständig an ihnen zu reiben.

Bei Betrachtung der Verhältnisse: Ist da die Frage nicht längst beantwortet? Denken wir nur an die Privatisierung unserer Krankenhäuser.

So ist es. Ich habe zum Beispiel bei der Wiedervereinigung 1990 viel über die Möglichkeiten nachgedacht, einen neuen Anfang dahingehend zu wagen, der von der Frage getragen sein würde: Was wollen wir eigentlich jetzt mit diesem geeinten neuen Deutschland leben? Also der Debatte über eine neue Verfassung. Mit welchen Visionen holen wir die Menschen in Deutschland ab? Es wäre eine große Chance zum Besseren gewesen. Stattdessen hat man den sogenannten „neuen Bundesländern“ ein altbekanntes wohlgefälliges System übergestülpt, mit den Konsequenzen, die wir heute alle zu spüren bekommen. Das finde ich äußerst bedauerlich, weil es von wenig Weitblick der politischen Klasse zeugt. Zurück bleibt ein fahles Unterordnen gegenüber den Zwängen einer globalisierten Wirtschaftsordnung, bei der man sehr wohl die Frage stellen darf: Was dient hier wem? Die Wirtschaft dem Menschen oder umgekehrt.

Hat Humor auch in einer ernsten Zeit ihren Platz?

Natürlich. Immer dann, wenn der Mensch in seiner Anmaßung – alles regeln zu können – die absurdesten Verrenkungen macht und scheitert. Dann entbehrt es nicht einer gewissen Komik.

Wie könnte eine kleine kabarettistische Einlage aussehen?

Es heißt: Deutsche Hamsteridioten kaufen Unmengen von Klopapier und Dosen mit Fertigbohnen. Hat eine gewisse Logik, wenn ich mir das Motto von Helmut Kohl zu eigen mache: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Ich habe im Tagesspiegel-Check gelesen: Die amerikanische Hamsteridioten dagegen kaufen Glühbirnen aus Angst vor Stromausfall. Daran kann man mal wieder sehen, wie überlegen uns das Volk von Donald Trump ist.

Um zum Abschluss unseres Interviews nochmal an den Anfang anzuknüpfen: Wenn hinter uns die Zukunft liegt und Sie nun nach vorne blicken, was sehen Sie dann?

Vielleicht gibt es ein Umdenken. Aber wenn erst einmal das Gegenmittel gegen Corona gefunden ist, wird es bald kein Halten mehr geben. Denn wie uns die Geschichte lehrt, lernt der Mensch nicht aus seinen Fehlern. Ich sehe also nach wie vor viel kabarettistische Arbeit vor uns wider den Schwachsinn. Oder um mit Dieter Hildebrandt zu sprechen: Was bleibt mir übrig.

Lesetipp: Freitag, Thomas: Hinter uns die Zukunft. Mehr als eine Autobiographie. Westend Verlag. 304 Seiten. Hardcover. 24 Euro.

Foto: Pepijn Vlasman